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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Haus der Spiele
Eingestellt am 30. 03. 2006 20:48


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Fugalee Page
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2006

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Nikolas Stokes steuerte den Wagen entlang der Landstraße und verfluchte das defekte HeizgeblĂ€se. Statt des wĂ€rmenden Luftstroms drang nur ein SĂ€useln aus den vorderen LuftauslĂ€ssen der Heizung. Die geometrischen Lichtkegel des Fahrzeugs nahmen der nahenden DĂ€mmerung die Mystik, und wĂŒrden sich bald noch deutlicher in der regnerischen Herbstnacht abzeichnen.
Nikolas setzte den Blinker und ĂŒberholte einen LKW mit französischem Kennzeichen. Was suchst du mit deiner Scheißkarre hier abseits der Schnellstraßen, fluchte er den ahnungslosen Fahrer an. Nikolas schaltete einen Gang zurĂŒck und quĂ€lte seinen alten Japaner an dem schwerfĂ€lligen Monstrum vorbei. In seiner Fantasie ließ er einen zusĂ€tzlichen Raketenantrieb ausfahren, der ihn im Bruchteil einer Sekunde an dem Brummi vorbeikatapultierte. Ach – die Welt der Comics, seine Welt. In dieser war alles so einfach. Man konnte sich Helden erschaffen, Schurken zur Strecke bringen oder Probleme erst gar nicht entstehen lassen, da man die Handlung ja selbst bestimmen konnte. Leider ließ sich mit seinem Talent nicht viel Geld verdienen. Jedenfalls hatten ihm dies seine Eltern sorgsam eingetrichtert. So hatte er sich fĂŒr den konservativen Weg entschlossen, war dem Rat der Eltern gefolgt, und hatte etwas »AnstĂ€ndiges« gelernt. HĂ€tte ihm diese Entscheidung wenigstens zu einem properen Bankkonto verholfen, vielleicht wĂ€re dann alles anders gekommen. Doch nicht nur, dass er trotzdem jeden Penny zweimal umdrehen musste, bevor er ihn ausgab, zudem ging er somit einem Broterwerb nach, der ihm nicht die geringste Freude bereitete. So blieb ihm lediglich die knappe Freizeit, um seinem Hobby nachzugehen. Berge von Zeichnungen, die feinsĂ€uberlich in Schubladen sortiert, ein trostloses Dasein fristeten.
Irgendwann hatte Nikolas dann beschlossen, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Dummerweise hatte ihn dieser Befreiungsschlag unweigerlich mit dem Gesetz in Konflikt gebracht; und wie es denn Anschein hatte, mit noch etwas anderem.

Nikolas drĂŒckte die Zigarette aus, blies den Rauch gegen die Windschutzscheibe und ekelte sich vor dem bitteren Geschmack im Mund. In den letzten Stunden zu viele Zigaretten und starker Kaffee. Seit zwei Tagen nichts Richtiges mehr gegessen – wie auch, unter diesen UmstĂ€nden. Nikolas warf einen Blick auf den Beifahrersitz.
Neben ihm lag die seltsamste Postsendung seines Lebens. Noch nie hatte ein Unbekannter solche Macht ĂŒber ihn besessen. Irgendjemand zwang Nikolas im TheaterstĂŒck des eigenen Lebens, statt der gewohnten Hauptrolle, den Platz eines Statisten einzunehmen.
Als Nikolas das PĂ€ckchen geöffnet hatte, entpuppte sich der Inhalt als eine Art aufwendig gestaltete Kladde. Der dicke Einband hielt eine Anzahl gebundener BlĂ€tter in Form und Position. Als er auf dem ersten Blatt seinen Namen gelesen hatte, erzeugte dies in ihm sogleich ein unbehagliches GefĂŒhl. Fast wirkte es so, als wolle der Einband nicht nur die BlĂ€tter des Inhalts, sondern auch die betreffende Person zusammenpressen, geradeso, wie dies Kinder gern mit Herbstlaub machten, um es spĂ€ter zum Basteln zu verwenden.
Der Einband erinnerte an das Mosaik eines Kirchenfensters. Erst beim zweiten Hinsehen realisierte der Betrachter die kunstvoll handgefertigte Imitation. Statt kleiner Mosaiksteinchen bestand das Werk nur aus einer speziell geprĂ€gten Holzplatte. Drei geschwungene Lettern, mit Blattgold vergoldet und poliert, glĂ€nzten Nikolas entgegen. Es waren dies die Buchstaben: R, V und K. Das kunstvoll geschwungene »R« verleitete Nikolas zur Assoziation des Begriffs »Royal«. Doch dieser Gedanke war natĂŒrlich völlig absurd.
Auf den nĂ€chsten Seiten ordneten sich Zeilen zu einem stichpunktartigen Lebenslauf. Anfangs eher oberflĂ€chlich, wurde sein spĂ€teres Leben dann umso ausfĂŒhrlicher gelistet. Doch wirklich beunruhigend erschienen ihm erst die Details, die letzten Wochen seines Lebens betreffend.
War der Lebenslauf eher nĂŒchtern und sachlich gefasst, glĂ€nzte das beiliegende Schreiben durch eine ĂŒbertrieben höfliche Note. Handschriftlich, mit Feder, hatte sich hier ein offensichtlich Sprach- und Wortverliebter fast schon kalligraphisch MĂŒhe gegeben. Die Worte sĂ€uselten und krĂ€uselten sich, lullten einen förmlich ein; ja, ĂŒbten schon fast eine hypnotische Wirkung auf den Leser aus.
Nikolas hatte den Text zweimal lesen mĂŒssen, um den Unterschied zwischen einer wohlgemeinten Einladung und der unmissverstĂ€ndlichen Aufforderung zu erkennen. Er sollte sich an einem bestimmten Tag, zur festgesetzten Stunde, an einem genau beschriebenen Ort einfinden, und wĂŒrde damit dem Gastgeber eine »außergewöhnliche Freude« bereiten.
Die ĂŒbertriebene Höflichkeit als auch der schwĂŒlstige Stil, tĂ€uschten ein wenig darĂŒber hinweg, dass es sich bei dem Schreiben letztendlich um nichts anderes als eine perfide Erpressung handelte. In dem Schreiben wurde sein Verbrechen zwar nie explizit erwĂ€hnt, doch geschickt eingewobene Hinweise ließen erkennen, dass der Verfasser des Textes bestens informiert war. In falsche HĂ€nde geraten, hĂ€tte der Inhalt des Umschlags somit keinen Schaden anrichten können; doch beim richtigen Adressaten angelangt, verfehlte das Schreiben seine Wirkung nicht.
Allerdings rĂ€tselte Nikolas, wie ĂŒberhaupt jemand Kenntnis von der Tat besitzen konnte. Es hatte den Anschein gehabt, als sei alles nach Plan verlaufen. Bis zum Eintreffen der Sendung hatte er so nicht den geringsten Verdacht gehegt, ĂŒberhaupt von jemandem entdeckt worden zu sein. Wenn es sich lediglich um eine Erpressung handelte, weshalb machte sich der Unbekannte dann solche MĂŒhe? Warum sagte er nicht kurz und knapp, was – oder besser gesagt wie viel – er von ihm wollte? Ja, wieso legte der Unbekannte sogar Wert auf eine persönliche Kontaktaufnahme? War ein Erpresser nicht gut beraten, wenn er um seine AnonymitĂ€t besorgt blieb? Dies alles ergab einfach keinen Sinn.
Nur eines ging aus dem Text deutlich hervor. Durch den Charakter des Schreibens stand eindeutig fest, dass der Unbekannte nicht vorhatte, ihn anzuzeigen. Jedenfalls nicht zum jetzigen Zeitpunkt.
Nikolas griff mit einer Hand nach der Wegbeschreibung und kontrollierte, ob er sich noch auf der richtigen Straße befand. Die skizzierte Karte war ebenfalls Teil des PĂ€ckchens gewesen, das ihn seit gestern nicht mehr zur Ruhe kommen ließ.
Vielleicht noch eine halbe Stunde zu fahren, schÀtzte Nikolas die Zeit bis zum Zielpunkt. Genug Zeit, sich immer wieder die gleichen Fragen zu stellen: Woher hatte der Unbekannte seine Informationen bekommen? Wie war er ihm auf die Schliche gekommen, und, was Nikolas die meisten Kopfzerbrechen bereitete, was hatte der Verfasser des Schreibens mit ihm vor?


Porzia trat aus der Dusche, formte das Handtuch zu einem Turban und bĂ€ndigte so die nasse HaarmĂ€hne. Einzelne schwarze StrĂ€hnen, die sich erfolgreich gegen die schwungvolle Aktion zur Wehr setzten, bildeten einen interessanten Kontrast zu dem weißen Frottee der orientalisch anmutenden Kopfbedeckung. Mit einem Badetuch tupfte Porzia ihre gepflegte Haut ab und betrachtete sich dabei im Spiegel. Sex schien noch immer das beste Schönheitsrezept einer Frau zu sein. Ohne Zuhilfenahme der ĂŒblichen Schminkaccessoires blickte ihr dort aus dem Spiegel ein verfĂŒhrerisches Gesicht mit strahlendem Teint und leuchtenden Augen entgegen. Als Porzia sich die BrĂŒste mit einer Lotion eincremte, stellte sie fest, dass diese nach der eingehenden Behandlung von Riddick fast ein wenig schmerzten. Doch war ihr dieser Effekt keineswegs unangenehm, im Gegenteil. Ein schönes GefĂŒhl, von einem Mann dermaßen begehrt zu werden. Einen Mann bis aufs Blut zu reizen, fast ein wenig zu quĂ€len, um ihn schließlich ganz um den Verstand zu bringen. Als eine hinreißend attraktive Frau, Anfang vierzig, hatte sie Jahre des mĂŒhevollen Studiums akrobatischer TurnĂŒbungen und missglĂŒckter Höhepunkte lĂ€ngst hinter sich gelassen. Jetzt konzentrierte sie sich aufs Wesentliche – auf sich selbst. Mit natĂŒrlicher SelbstverstĂ€ndlichkeit nahm sie sich nun das, wonach ihr der Sinn stand. Auf diese eher dominante Weise konnte sie das von ihr choreographierte Liebesspiel bis zum befriedigenden Abschluss genießen.
Die TĂŒr zum Bad stand einen Spalt geöffnet, und Porzia nahm sichtlich amĂŒsiert zur Kenntnis, dass Riddick gefallen an ihren Dessous gefunden hatte. Riddick lag entspannt auf dem Hotelbett und blies nach jedem Atemzug den inhalierten Duft wieder durch den edlen Stoff hindurch.
Der Anblick dieser Szene ließ neue Lust in Porzia aufsteigen. Sie schlĂŒpfte in einen Bademantel, nahm das Handtuch vom Kopf, schĂŒttelte ihre wilde MĂ€hne und trat mit verfĂŒhrerischem Blick hinaus zu Riddick.
»Darling, von deiner Vorliebe fĂŒr Dessous wusste ich ja noch gar nichts.«
Ein breites Grinsen von Riddick war die einzige Reaktion auf Porzias Bemerkung, wenn man einmal von der sich anbahnenden Erektion absah.
»Gegen eine kleine Zugabe ist vielleicht nichts einzuwenden. Ohne uns kann der Alte schließlich schlecht anfangen, oder?«
Porzia erwartete nicht wirklich eine Antwort von Riddick. Das Denken musste ihm momentan noch schwerer fallen als ohnehin schon, da er etwas von stattlicher GrĂ¶ĂŸe mit Blut zu versorgen hatte.
»Haben wir denn noch Zeit dafĂŒr?«
Porzia unterbrach fĂŒr einen Moment ihre Behandlung und ließ von der Massage ab, mit der sie Riddicks muskulöse Brust verwöhnt hatte.
»Ich denke, du fĂ€hrst â€șdanachâ€č einfach ein bisschen schneller, und wir holen die Zeit wieder auf.«
Durch die Betonung des Wortes »danach« wollte Porzia Riddick eindeutig signalisieren, dass auch sie noch Behandlungsbedarf verspĂŒrte. Doch sie musste zum wiederholten Mal feststellen, dass Riddick, wenngleich ein geniales Objekt zur Lustbefriedigung, hinsichtlich seiner Auffassungsgabe erhebliche Defizite aufwies.
»Na, du weißt doch wie der Alte reagiert, wenn nicht alles nach seiner Pfeife tanzt. Wir könnten doch spĂ€ter wieder herkommen.«
Porzia hatte Riddick auf den Nacken gekĂŒsst und hauchte ihm ins Ohr: »Sei nicht so verkrampft, Darling. Entspann dich einfach.«
Riddicks Widerstand begann sich in Wohlgefallen aufzulösen.
»Vielleicht hast du Recht. Im Übrigen hoffe ich, dass nicht WIR am Ende gegeneinander antreten mĂŒssen.« Ein erstes Stöhnen begleitete seine Worte.
»Mach dir da mal keine Sorgen, Darling. Halte dich einfach an das, was wir besprochen haben. Wir sollten nur Stiggler ein wenig im Auge behalten.«
Porzia strich mit den FingernĂ€geln an der Innenseite von Riddicks Oberschenkel entlang. Das schwere Atmen des HĂŒnen signalisierte Porzia, dass sie bereits die Regie ĂŒbernommen hatte. Der Film wĂŒrde nach ihren Vorstellungen abgedreht werden.
»Was 
 was denkst du, wer 
 das Spiel gewinnen wird?«
»Ich wĂŒrde sagen, dass DU momentan ein Gewinner bist«, hauchte Porzia noch, wĂ€hrend sie bereits zur OuvertĂŒre ĂŒbergegangen war. Riddick genoss den Blick des Voyeurs am eigenen Körper. Er sah, wie Porzia mit der Zunge seinen Bauchnabel umspielte, wobei sich ihr noch feuchtes Haar schlangengleich um seine Bauchmuskeln legte. Wieder einmal hatte Porzia ihren Willen durchgesetzt, und bediente sich ganz ungeniert.
»Du Hexe!«, dachte Riddick, als er sah wie Porzia noch ein StĂŒck tiefer rutschte.


Als Nikolas eintraf, war er bitter enttÀuscht. Wegen des pompösen Schreibens hatte er einen prachtvollen Bau erwartet. Was er nun vorfand, glich eher einer Bauruine, als einem herrschaftlichen Landsitz.
Seit er das Hinweisschild passiert hatte, war er nun schon ein gutes StĂŒck gefahren. Wenn der Besitzer all diesen Grund und Boden sein eigen nennen durfte, musste er doch ĂŒber die nötigen Mittel verfĂŒgen, die fĂŒr eine Renovierung nötig waren. Denn frĂŒher, so wirkte es auf Nikolas, hatte dieser Bau durchaus einen gewissen Glanz besessen.
Nikolas stellte seinen Wagen neben zwei anderen geparkten Fahrzeugen ab. Ein Sportwagen und ein Àlterer Volvo leisteten seiner klapprigen Kiste Gesellschaft. Nikolas stieg mit der Kladde aus und stellte fest, dass es sich bei dem Sportwagen um einen Porsche Oldtimer handelte.
Na, die beiden Kisten könnten unterschiedlicher nicht sein, dachte sich Nikolas. Entweder besitzt der Hausherr einen sonderbaren Geschmack, oder er verfĂŒgt ĂŒber eine bunte GĂ€steliste. Nikolas betrachtete sich das Anwesen genauer. Alles an dem Haus war alt. Putz, Fenster, ja sogar die Herbstluft schmeckte irgendwie alt und moderig. War es nur seiner lebhaften Fantasie zuzuschreiben, oder wandte sich die Vegetation tatsĂ€chlich ab von diesem maroden Bauwerk? Nein, wirklich; die StrĂ€ucher und die Hecke an der einen Seite des Hauses, wie auch die BĂ€ume auf der SĂŒdseite. Alles schien sich von dem Mauerwerk abzuwenden. Auf den Betrachter wirkte es beinahe so, als schĂ€mte sich die Landschaft fĂŒr das verkommene Haus. Nikolas hoffte, dass der Charakter des Gastgebers nicht ebenso verkommen war. Jemand, der sich in so einem Domizil wohlfĂŒhlte, musste ĂŒber ein dĂŒsteres GemĂŒt verfĂŒgen, und womöglich ĂŒber eine schwarze Seele.
Als er vor der EingangstĂŒr stand, ĂŒberlegte er fĂŒr einen Moment, ob er nicht einfach wieder in den Wagen steigen sollte. Einfach das Geld nehmen und irgendwo ein neues Leben beginnen. Doch die Bedenken waren grĂ¶ĂŸer. Jemand, der sich so viel MĂŒhe gegeben hatte, Dinge aus seinem Leben ausfindig zu machen, wĂŒrde ihn nicht so einfach gehen lassen. Vielleicht hatte er ja irrtĂŒmlich irgend einen Mafia-Paten bestohlen, oder jemand noch Schlimmeren.
Nikolas klopfte mit dem massiven TĂŒrring an und vernahm nach einer Weile, wie sich jemand an der schweren TĂŒr zu schaffen machte. Offensichtlich mit Erfolg, denn mit dem metallenen Quietschen der Scharniere öffnete sich die Visitenkarte des Hauses.
»Sir«, erklang die Stimme des Butlers.
Nikolas erschrak. Er hatte nicht erwartet, der traurigsten Gestalt des Planeten zu begegnen. HÀtte er Zeichenblock und Stift zur Hand gehabt, wÀre diese fleischgewordene Traurigkeit als karikierter TrÀnensack in seine Comicsammlung eingegangen.
»Ich bin Nikolas Stokes.« Mehr fiel ihm im Moment nicht zu der Sache ein. Schließlich konnte er ja schlecht sagen, ich komme in Sachen Erpressung.
»Mr. Stokes, Sie werden schon erwartet. Bitte treten Sie ein.« Der Butler sprach langsam und in bedÀchtigem Tonfall. Seine hagere Gestalt und die fahle Haut passten zum verloschenen Glanz des ehemals schönen GebÀudes. Nikolas trat ein und stellte fest, dass er sich den modrigen Geruch nicht eingebildet hatte.
»Das nehme ich wohl besser«, sagte der Butler und griff nach der Kladde. Dabei entdeckte Nikolas, dass dem Butler ein Finger der rechten Hand fehlte. Auch wollte er die Kladde nicht aus den HÀnden geben.
»Das ist schon in Ordnung, Sir«, sagte der Butler.
»Nein, ist es nicht!«, bekrÀftigte Nikolas seine Meinung, und hielt die Kladde weiter fest in HÀnden.
»Aber ich habe meine Anweisungen.« Das Gesicht des Butlers verzog sich zu einem solchen QuĂ€len, dass Nikolas, hĂ€tte er den Kopf fĂŒr andere Dinge frei gehabt, fast ein wenig Mitleid mit der Gestalt gehabt hĂ€tte.
»Sir, ich bitte Sie«, wagte der Butler einen neuen Versuch. Doch Nikolas reichte ihm lediglich den Mantel.
»Los, bringen Sie mich zum Hausherrn«, forderte er den Butler auf.
Dieser akzeptierte zÀhneknirschend die momentane Situation, und gab Nikolas Zeichen, ihm zu folgen.
Das Haus wirkte von innen noch gedrungener als von außen. Der Butler fĂŒhrte ihn vorbei an der Treppe in Richtung Kaminzimmer. Das massive, verschnörkelte HolzgelĂ€nder tĂ€uschte nicht ĂŒber die abgewetzten Stufen hinweg, die vermutlich durch das jahrelange Auf und Ab des Dieners im selben jĂ€mmerlichen Zustand waren, wie der dienstbare Geist selbst.
Als Nikolas das Kaminzimmer betrat, sah er dort bereits zwei Personen in eine Unterhaltung vertieft. Ein rundlicher Mann mit Brille unterhielt sich mit einem dandyhaft wirkenden. Nikolas musste nicht lange ĂŒberlegen, welcher der draußen geparkten Wagen zu wem passte. Der Dicke drehte sich zu Nikolas herum und tat einen erstaunten Ausruf.
»Oh, sehen Sie nur, Lancey, da kommt ja unser neuer Gast!« Mit diesen Worten tapste der Dicke auch schon auf Nikolas zu und streckte ihm die Hand zur BegrĂŒĂŸung entgegen.
»Ich kann mir denken, wie furchtbar durcheinander Sie sein mĂŒssen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie von uns nicht das Geringste zu befĂŒrchten haben. Sie können im Übrigen Harold Ihr Dossier ruhig aushĂ€ndigen; es ist dies hier so ĂŒblich. Der Gute hat unsere auch schon eingesammelt.«
Harold, der Butler, stand noch immer an der TĂŒr und machte den Eindruck, als wĂŒrde die Welt um ihn herum versinken, falls er dazu genötigt sei, ohne das Objekt seiner Begierde wieder abzuziehen.
Der Hinweis des Dicken war Nikolas nicht entgangen. Erst hatte er ja vermutet, dass die Beiden fĂŒr sein Erscheinen verantwortlich waren. Doch nach dieser Bemerkung stand eindeutig fest, dass sich die hier Anwesenden in einer Ă€hnlichen Situation befanden. Demnach existierten neben seinem, auch noch Dossiers vom Dicken und dem Mann, den der Dicke Lancey genannt hatte. Dieser Umstand und die Tatsache, dass er nun nicht mehr »alleine« war, ĂŒbten eine beruhigende Wirkung auf Nikolas aus. Schließlich kam einem die Last erheblich leichter vor, wenn man sie auf mehrere Schultern verteilen konnte.
»Sie werden demnach auch  « Doch das Wort â€șerpresstâ€č wollte Nikolas dann doch nicht so leicht ĂŒber die Lippen kommen. Ihm fiel plötzlich ein, dass es in den LebenslĂ€ufen der anderen ja weit weniger dramatisch zugehen konnte.
»Aber lassen Sie mich uns erst einmal bekannt machen«, unterbrach ihn der Dicke.
»Mein Name ist Adam Stiggler, ich unterrichte an der hiesigen UniversitĂ€t, und dieser Gentleman zu meiner Linken ist  «
»Mein Name ist Lancey Howard«, kam der Angesprochene dem Professor zuvor. Über die Art seines Broterwerbs schwieg er sich jedoch aus. Wohl aus gutem Grund, dachte sich Nikolas.
Im Gegensatz zu Stiggler, der eher einen vĂ€terlichen Eindruck auf Nikolas machte, und dem man nichts Schlimmes zutraute, wirkte dieser Lancey listig und verschlagen. Sein Anzug saß viel zu eng, und auch sein Haar, mit zuviel Gel nach hinten gekĂ€mmt, wirkte Ă€ußerst unĂ€sthetisch. Die Haut des Gamblers schien schon lĂ€nger kein Sonnenlicht mehr gesehen zu haben. Ein schmales OberlippenbĂ€rtchen, das aus einem dieser alten Mantel-und-Degenfilme hĂ€tte stammen können, rundeten das platte Bild des Lebemanns und Zockers vollends ab. Den listigen Gesichtsausdruck verdankte er den kleinen Knopfaugen, welche einen unaufhörlich anfunkelten. Beim Sprechen stieß er leicht mit der Zunge an. Nicht sehr, nur gerade soviel, dass man es wahrnahm. Zusammen mit seiner hohen Fistelstimme klang dies eher nach einem Zischen als einem Lispeln. So lag in seiner Natur etwas Schlangenhaftes, und man befĂŒrchtete stĂ€ndig, dass Lancey einem, einer Speikobra gleich, in einem unerwarteten Augenblick, sein Gift direkt ins Auge spritzen wĂŒrde.
Nikolas beschloss weiterhin wachsam zu sein, doch befolgte er den Rat Stigglers und erlöste zunĂ€chst den Diener. So gab er schließlich seine Kladde an Harold ab.
Der Butler quittierte dies mit einem dankbaren Seufzer und griff sich das begehrte StĂŒck. WĂ€re seine Gestalt nicht durch und durch von Melancholie durchzogen gewesen, hĂ€tte Nikolas die Ziselierung um die Mundwinkel des dienstbaren Geistes fast als LĂ€cheln gedeutet. So hatte es eher den Anschein, als wĂ€re dem Butler nur ein klein wenig mehr Leid erspart geblieben; was nicht bedeutete, dass nicht weit GrĂ¶ĂŸeres auf seiner Seele lastete. Als Harold aus dem Raum geschlĂŒrft war, da wirkte es fast so, als vermochte es das Licht der Gaslampen, das Kaminzimmer nun ein klein wenig heller erstrahlen zu lassen.
Nikolas wandte sich wieder den beiden MĂ€nnern zu.
»Wollen Sie mir jetzt endlich verraten, was das alles zu bedeuten hat?«
»Ich denke, wir sollten unseren jungen Freund einweihen, meinen Sie nicht auch Lancey?«
»Ja, sagen Sie es ihm«, zischte die Schlange.
»Lieber Nikolas, oh 
 ich darf Sie doch Nikolas nennen?«
»Wenn Sie mir dann endlich sagen, was das hier alles soll!«
»Sicher, sicher. Sagt Ihnen der Name Rudyaard van Kampelen etwas?«
»Nein, noch nie gehört.«
»Nun, das hÀtte mich auch gewundert. Doch ist dies der Name unseres Gastgebers.«
»Unseres Gastgebers?«
»Ein ganz besonderer Gastgeber«, zischte Lancey im Hintergrund.
Nikolas ĂŒberlegte kurz. Da kamen ihm die drei Buchstaben auf dem Einband der Kladde wieder in den Sinn. R, V und K. Nun ergab es auch einen Sinn, dass das »v« etwas kleiner ausgefallen war. Nikolas sah Lancey zu, wie er ein StĂŒck Holz ins Kaminfeuer legte. Kein Wunder, dachte er sich, schließlich sind Schlangen KaltblĂŒtler. Stiggler hatte sich mit einer fĂŒrsorglichen Geste bei Nikolas untergehakt und zusammen nĂ€herte man sich dem Feuer. »Ich erwĂ€hnte es ja bereits, junger Mann, Sie sind nicht der Erste, der eine solch ungewöhnliche Post erhalten hat.«
»Und sicher auch nicht der Letzte«, zischte Lancey dazwischen, wĂ€hrend es sich das geschmeidige Reptil auf dem schweren Eichenstuhl gemĂŒtlich machte.
»Es ist jetzt fast auf den Tag genau ein Jahr her«, erklÀrte Stiggler, »dass ich das gleiche, sorgsam gearbeitete Kunsthandwerk erhielt wie Sie, wohlgemerkt, mit einem Inhalt meine Person betreffend. Eine vortreffliche Arbeit, finden Sie nicht auch?«
»Langweilen Sie unseren Gast nicht, Professorchen«, zischte Lancey dazwischen. Doch Stiggler war in Redelaune.
»Ich habe van Kampelen einmal gefragt, wie der Einband gearbeitet wird. Im Übrigen eine Arbeit, die ebenfalls der Diener verrichtet. ZunĂ€chst muss die Grundlage geschliffen werden. Dann wird die Holzplatte in Hautleim getrĂ€nkt.«
»In was 
?«, hakte Nikolas nach.
»Hautleim, ein Leim aus TierhÀuten und Knochen.«
»Haut und Knochen«, kam das Echo von Lancey.
Nikolas nahm erstaunt zur Kenntnis, dass Lancey ohne jeden Skrupel ein Fixerbesteck ausgebreitet hatte und dabei war, sich einen Schuss zu setzen.
»Als nĂ€chstes wird Steingrund aufgetragen«, plapperte Stiggler munter drauf los, »eine Mischung aus besagtem Leim und Steinkreide. Dann folgt eine Schicht Graviergrund und weitere Kreiden. Bis zu zehnmal muss die Platte abgeschliffen werden, bis endlich das Motiv graviert werden kann. Bemerkenswert, diese MĂŒhe, nicht?«
Nikolas atmete tief durch. Der Dicke schwatzte wirres Zeug, das ihn nicht die Bohne interessierte. Doch bevor ihm der Kragen platzte, war es Lancey, der ihm unerwartet Beistand leistete.
»Professorchen, sehen Sie denn nicht, was Sie anrichten. Ich denke nicht, dass der Alte begeistert sein wird, wenn Sie unseren neuen Gast zu Tode langweilen. Kommen Sie endlich zur Sache!«
Der Einwand des Aalglatten zeigte Wirkung.
»Ach ja, die Jugend. Immer so ungestĂŒm, und keine Zeit mehr fĂŒrs Detail. Aber Sie haben wahrscheinlich Recht, Lancey. Sagen Sie Nikolas, spielen Sie gerne?«
Die Frage kam so unerwartet, dass Nikolas erst noch einmal nachfragen musste.
»Ob ich gerne spiele? Wie meinen Sie das? Sind Sie jetzt völlig durchgedreht?« In Nikolas kam der Verdacht auf, dass die beiden nicht mehr alle Tassen im Schrank hatten. Das dÀmliche Grinsen, das Stiggler jetzt aufgesetzt hatte, verstÀrkte diesen Eindruck noch.
»Oh, ich sehe, Sie sind erstaunt. Ich wollte mit dieser Frage nur andeuten, dass Ihnen ein gewisser Spieltrieb in unserer Gesellschaft sehr von Nutzen sein kann. Denn sehen Sie, wir befinden uns hier im â€șHaus der Spieleâ€č.«
Nikolas war sich nun ziemlich sicher, dass er mit seiner Theorie bezĂŒglich der fehlenden Tassen richtig lag.
»Wissen Sie, dieser van Kampelen ist ein sehr einsamer Mensch. Er hat weder Familie noch Freunde. So greift er, um Gesellschaft zu bekommen, zu ganz ungewöhnlichen Mitteln.«
»Wollen Sie damit sagen, er erpresst Menschen, damit sie ihm Gesellschaft leisten?«
»Erpressung ist so ein niedertrĂ€chtiges Wort. Sagen wir einmal so, jeder Mensch hat doch kleine Geheimnisse, die er gerne fĂŒr sich behalten möchte. Auf irgendeine Art und Weise scheint van Kampelen ĂŒber außergewöhnliche Informationsquellen zu verfĂŒgen. So sieht und versteht er sich gleichermaßen als Sammler wie Lagerist kleiner menschlichen SchwĂ€chen. Als Gegenleistung fĂŒr eine diskrete â€șEinlagerungâ€č verlangt er nur nach etwas Gesellschaft.«
Nikolas wusste im ersten Moment nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Die ganze Aufregung der letzten Tage wegen ein paar VerrĂŒckten. Der EigentĂŒmer des Hauses, wie auch seine beiden GĂ€ste, stellten offenbar keine allzu große Bedrohung fĂŒr ihn dar.
Es ging bei dieser »Erpressung« demnach um keine Geldforderung, sondern um die Marotten des schrulligen EigentĂŒmers. Nikolas nahm sich vor, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Weile mitzuspielen, um herauszubekommen, wer noch alles von seinem kleinen Geheimnis wusste. SpĂ€ter konnte er dann entscheiden, wie er weiter vorgehen wĂŒrde.
»Ah ja, und was wird denn hier so gespielt? Wenn ich mir den guten Lancey so ansehe, dann vermutlich mit gezinkten Karten, oder?«
Lanceys ließ die Anspielung mĂŒhelos an seinem schuppigen Körper abgleiten, so als verfĂŒge er statt eines Hörorgans ĂŒber einen weitaus geschmackvolleren Sinn.
»Ach, es freut mich, dass Sie die Sache jetzt mit mehr Gelassenheit sehen«, antwortete Stiggler. »Eine gehörige Portion Humor kann Ihnen bei uns durchaus hilfreich sein. Denn sehen Sie, lieber Nikolas, unsere Spiele haben manchmal einen etwas eigenwilligen Charakter.«
»Ach so, na dann klĂ€ren Sie mich mal auf, Meister.« Dem Tonfall von Nikolas war zu vernehmen, dass er der Sache nun deutlich entspannter gegenĂŒberstand, ja, sich bei ihm sogar gute Laune einstellte.
»Nun, Nikolas, wir treffen uns einmal im Monat, hier in diesem alten Haus. Wir diskutieren so ĂŒber dies und das und leisten dem Hausherrn Gesellschaft. Ich darf behaupten, dass sich van Kampelen in der Vergangenheit immer als sehr guter Gastgeber erwies. Seine exquisite Bewirtung, die Speisen und GetrĂ€nke, wirklich allerbeste QualitĂ€t. SelbstverstĂ€ndlich spielen wir auch das ein oder andere Gesellschaftsspiel. Ich denke, ich muss nicht extra erwĂ€hnen, dass hierbei unser lieber Lancey ein geradezu magisches HĂ€ndchen fĂŒr gute Karten zu besitzen scheint?«
Nikolas sah, dass der Angesprochene wie aus dem Nichts ein BĂŒndel Spielkarten hervorgezaubert hatte. Als sei er alleine im Zimmer und ganz in seine Fertigkeiten vertieft, vollfĂŒhrte Lancey mit spielerischer Leichtigkeit ein paar Kartentricks, die so schnell waren, dass Nikolas sich ernsthaft fragte, ob ein Spiel mit ihm ĂŒberhaupt einen Sinn ergab.
»Am Ende des Abends jedoch«, sprach Stiggler weiter, »gibt uns van Kampelen ein Spiel mit auf den Weg. Uns bleibt dann bis zum nĂ€chsten Treffen Zeit, es zu spielen. Der beste Spieler erhĂ€lt daraufhin die Höchstpunkzahl, die anderen entsprechend weniger; wenn van Kampelen dann grĂŒnes Licht gibt, wird abgerechnet.«
»Bedeutet das etwa, ich soll ab jetzt jeden Monat hier antanzen um RommĂ© oder Poker zu spielen? Wieso hat dieser van Kampelen dann gerade mich ausgesucht? Seine Informationsquellen scheinen doch nicht so perfekt zu sein. Sonst wĂ€re ihm sicher nicht entgangen, dass ich ein ganz lausiger Kartenspieler bin. Und was sind das fĂŒr Spiele, die er als â€șHausaufgabenâ€č verteilt. Das klingt doch alles mehr als lĂ€cherlich.«
Da kam plötzlich Leben in Lancey.
»Ein Spiel ist niemals lĂ€cherlich, Stokes, wenn man es mit dem gebĂŒhrenden Respekt spielt. Denn der Reiz eines Spiels, liegt immer auch in seinem Einsatz.«
Bei jedem Laut mit dem die Schlange mit der Zunge anstieß, war es Nikolas, als versetzte es ihm einen leichten elektrischen Schlag. So abstoßend empfand er das Organ des Gamblers.
»Wie meint er das?«, wandte sich Nikolas deshalb mit seiner Frage an Stiggler.
»Nun, junger Freund, es liegt einzig und alleine bei Ihnen, wie lange Sie Gast in diesem Haus bleiben.«
»An mir. Demnach kann ich gehen, wann ich will, oder wie?«
»Nein, Sie verstehen noch nicht. Die Dauer Ihres, na, sagen wir mal Gastspiels, liegt an Ihrem beherzten Einsatz fĂŒr die Sache.«
»Wie zum Teufel meinen Sie das?«
»Desto besser Sie spielen und je höher Ihr Einsatz, desto mehr Punkte gibt es. Kommt dann ein neuer Gast hinzu, kann sich der Spieler mit der bis dahin höchsten Punktzahl verabschieden. Und heute, da Sie nun gekommen sind, lieber Nikolas, darf einer von uns gehen.«
Nikolas‘ fragender Gesichtsausdruck sprach BĂ€nde.
»Na, es ist doch nun wirklich nicht so schwer zu verstehen, junger Mann. Sie, als neuer Gast, ermöglichen es einem von uns, die Runde zu verlassen. Diese Person hat dann in Zukunft mit van Kampelen nichts mehr zu schaffen. Außerdem werden alle Daten ĂŒber die betreffende Person ausgelagert und vernichtet.«
»Sie wollen damit sagen, dass einer von Ihnen beiden heute das Haus verlassen kann und ich jeden Monat fĂŒr ihn hier antanzen muss?«
»Nicht ganz, Nikolas. Ich vergaß zu erwĂ€hnen, dass wir noch nicht komplett sind. Zwei GĂ€ste fehlen noch. Doch was ihre zweite Feststellung betrifft, hier liegen Sie durchaus richtig. Ab heute sind Sie und dieses Haus in gewisser Weise miteinander verbunden. Wie lange dieser Zustand andauert, hĂ€ngt ganz alleine von Ihnen ab, und der MĂŒhe, die Sie sich geben.«
»Was sind das fĂŒr Aufgaben, die zwischen den Treffen zu bewĂ€ltigen sind?«
»Dies darf ich Ihnen leider nicht verraten. Auch ich weiß nur von den Spielen, bei denen ich selbst beteiligt war. Was vor meiner Zeit passierte, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. Nur soviel, Sie werden Ihren Humor noch brauchen. Van Kampelen ist wirklich ein besonderer Gastgeber.«
»Ein ganz besonderer Gastgeber«, zischte die Schlange namens Lancey.
Plötzlich hatte Nikolas wieder diesen schlechten Geschmack im Mund und auch sein Magen meldete sich erneut. Die gute Laune war ihm irgendwie wieder abhanden gekommen.
»Na, jetzt schauen Sie doch nicht so belÀmmert aus der WÀsche, Nikolas. Sie erinnern mich an den guten Perkins.«
»Perkins?«
»Ja, er verließ unsere kleine Gesellschaft erst vor kurzem. War eine durchaus amĂŒsante Erscheinung.«
»Vor allem seine Glubschaugen; der wirkte doch wie ‘ne Kröte«, verhöhnte Lancey den Abwesenden.
Na, Kröten mĂŒsstest du doch eigentlich mögen, dachte sich Nikolas. In seiner Fantasie sah er, wie sich das Lancey-Reptil an einer solchen zu schaffen machte, allerdings wĂŒnschte er sich, es möge sich dabei um eine giftige Aga-Kröte handeln.
»Mir war Perkins jedenfalls eindeutig lieber als dieser schwerfÀllige Grobian, der daraufhin seinen Platz einnahm.« Stiggler verzog angewidert das Gesicht.
Nikolas wollte gerade fragen, ob es ĂŒblich fĂŒr den Gastgeber sei, einen so lange warten zu lassen, als der Butler ein weiteres PĂ€rchen ins Kaminzimmer geleitete. Eine attraktive, dunkelhaarige Frau in Begleitung eines hĂŒnenhaften Mannes betrat den Raum. Neben der anmutig dahinschwebenden Schönheit wirkte der Mann wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Beide kamen auf die Wartenden zu und Stiggler ĂŒbernahm es wieder, sich gegenseitig bekannt zu machen.
»Gerade sprachen wir von Ihnen«, begrĂŒĂŸte er die neu Hinzugekommenen.
»Nikolas, darf ich Ihnen die reizende Mrs. Porzia Scofield und ihren  «, hier machte Stiggler eine kleine Pause, so als mĂŒsse er erst eine ertrĂ€gliche Bezeichnung finden, »  Begleiter Riddick Bow vorstellen.«
Vom ersten Moment an war Nikolas von der Frau fasziniert. Sie verströmte einen Duft, der einen Mann auf unaufdringliche Weise betörte. Manche Frauen begingen ja den Fehler, stets zuviel ParfĂŒm aufzutragen, da sich das eigene NĂ€schen bereits daran gewöhnt hatte. Nicht so bei Porzia. Ihr Duft entfaltete sich um einen Bewunderer ihrer Schönheit langsam und in Milde. Fast schien es, als wolle der Duft einem Zeit lassen, auch die anderen Nuancen ihrer erotischen Ausstrahlung zu erfassen; bis man schließlich der ganzen Person verfallen war. Nikolas war sich sicher, dass Porzia der Sorte femme fatale angehörte, einer Spezies, die einen Mann dazu bringen konnte, Frau und Kinder, Haus und Hof und am Ende sich selbst zu opfern.
»Wir dachten schon, wir kĂ€men zu spĂ€t. Wir hatten eine Autopanne und gaben uns alle MĂŒhe, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Zum GlĂŒck konnte Mr. Bow den Schaden reparieren«.
Dies alles hauchte Porzia mit einem dermaßen Unschuldsblick in die Runde, als hĂ€tte sich ein Engel den FlĂŒgel verstaucht, und sei deshalb in Zeitnot geraten.
»Machen Sie sich da mal keine Sorgen, meine Liebe. Unser neuer Gast ist auch eben erst eingetroffen«, zerstreute Stiggler ihre Bedenken.
Man stand so eine Zeitlang nahe des Kaminfeuers und beschnupperte sich gegenseitig, als plötzlich 


»Oh, wie ich sehe, haben sich die Herrschaften schon miteinander bekannt gemacht?«
Wie aus dem Nichts stand van Kampelen plötzlich mitten im Raum, und ĂŒberraschte seine GĂ€ste mit der PrĂ€senz des lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lligen Gastgebers. Ihm zur Seite, sein getreuer Diener.
Nikolas war froh, dass van Kampelen ihm nicht die Hand reichte. Dieser hob nur kurz die Hand mit dem Gehstock etwas an; so als erwarte er, dass Nikolas sich niederknien und ihm den Siegelring kĂŒssen möge, der dem Alten am knochigen Finger steckte. Nikolas erinnerte sich gehört zu haben, dass, hatte einem der Tod erst einmal seine Hand auf die Schulter gelegt, der Betroffene einen absonderlichen Geruch verströmte. Endlich meinte er, in van Kampelen die Quelle jenes Moders entdeckt zu haben, der ihn seit dem Betreten des Hauses zu verfolgen schien.
Der SchĂ€del des Methusalems war kahl, was nur soviel bedeutete, als sich wenige, spinnwebenartige HaarstrĂ€hnen ĂŒber das leicht fettige Haupt zogen. Seine Haltung war leicht gekrĂŒmmt, gestĂŒtzt durch einen Gehstock, der eher an einen knorrigen Ast, als an eine Gehhilfe erinnerte. Stand man nahe genug, entging einem nicht die pergamentartige Haut mit Altersflecken, die sich wie kleine Inselgruppen auf seiner Haut abzeichneten. Die Kleidung indes wirkte gepflegt, um nicht zu sagen Ă€ußerst vornehm. Lediglich in der GrĂ¶ĂŸe hatte sich der KĂ€ufer leicht verschĂ€tzt. Eine Nummer kleiner hĂ€tte dem TrĂ€ger dieses nostalgischen Hausrocks sicher besser gestanden. Es kam einem so vor, als sei van Kampelen mit den Jahren des Alterns in seine Kleidung hineingeschrumpft.
»Ich hoffe, Sie verzeihen einem alten Mann die UnpĂŒnktlichkeit«, entschuldigte er sich bei den Anwesenden.
»Eine Krankheit raubt mir nachts den Schlaf, so bin ich froh, wenigstens am Tage etwas Ruhe zu finden. Mein Diener hat strengste Anweisung, mich nicht zu stören. Und ich schÀtze es gar nicht, wenn meine Anweisungen nicht befolgt werden.«
Nikolas sah, wie sich der Diener mit leidendem Gesichtsausdruck den Fingerstumpf rieb. Was mochte der Grund sein, dass dieser Mann seine Dienste in diesem Hause anbot? Was hatte van Kampelen ĂŒber diese bemitleidenswerte Kreatur in der Hand?
»Aber bitte, nehmen Sie doch Platz!« Van Kampelen zeigte mit dem Gehstock in Richtung des schweren Eichentisches.
»Wir wollen uns wie gewohnt erst etwas stÀrken. Mein Diener wird sogleich auftragen.«
Die kleine Gruppe befolgte die Anweisung des Gastgebers und ging zu Tisch. Nikolas fĂŒhlte sich ein wenig ĂŒberrumpelt, denn die anderen GĂ€ste hatten schnell die ĂŒbliche Sitzordnung eingenommen. An den LĂ€ngsseiten saßen sich Adam Stiggler und Lancey Howard, sowie Porzia Scofield und Riddick Bow gegenĂŒber. So blieb Nikolas nichts anderes ĂŒbrig, als sich vis-a-vis von van Kampelen zu setzten, der als Gastgeber an der Stirnseite des Tisches residierte.

Als Harold aufgetragen hatte, wĂŒnschte van Kampelen seinen GĂ€sten einen guten Appetit und wies den Diener an, spĂ€ter noch Wein und GlĂ€ser zu bringen.
»Ausgezeichnet, wirklich ausgezeichnet«, stellte Stiggler kurz darauf fest.
Auch Nikolas tat das Essen gut. Zwar litt er immer noch an Appetitlosigkeit, doch er musste etwas zu sich nehmen. Mit leerem Magen ließ sich schlecht denken, hatte schon seine Großmutter immer gesagt. Und in der augenblicklichen Situation konnte es nicht schaden, wenn die grauen Zellen funktionierten.
»Nikolas, ich hoffe, Ihnen schmeckt es auch?«
»Ja, schon. Lob an die KĂŒche. Etwa auch der Diener?«
»Gewiss, Harold ist wirklich ein Naturtalent. Sicher hat Ihnen Stiggler schon von seinen anderen handwerklichen FÀhigkeiten erzÀhlt.«
»Ja 
 ausfĂŒhrlich«, stellte Nikolas lakonisch fest.
»Sie mĂŒssen ĂŒbrigens verzeihen, dass ich den Wein erst spĂ€ter auftragen lasse und Sie sich vorerst mit der Wasserkaraffe begnĂŒgen mĂŒssen. Aber der Wein ist ebenso edel wie das Essen selbst; und eines wĂŒrde das andere nur verfĂ€lschen. Diesen Tipp gab mir einmal ein außergewöhnlicher Restaurantbesitzer.«
»Sie essen nichts?«, stellte Nikolas dann fragend fest, nachdem ihm aufgefallen war, dass van Kampelen Teller und Besteck fehlte.
»Oh, leider nein«, erklĂ€rte der Alte mit tiefem Bedauern in der Stimme. »Glauben Sie mir, dass ich gute KĂŒche durchaus zu schĂ€tzen weiß, doch reagiert mein Magen leider allzu heftig. Sie glauben nicht, wie oft ich diesen Umstand schon verflucht habe. Doch die Zufriedenheit meiner GĂ€ste entschĂ€digt mich fĂŒr den entgangenen Genuss, und gibt mir wenigstens das befriedigende GefĂŒhl, ein guter Gastgeber gewesen zu sein.«
»Ein ganz besonderer Gastgeber«, zischte Lancey.

In der nĂ€chsten Zeit herrschte Stille in der kleinen Gruppe, da der Genuss des Lamms die Sinne der Anwesenden nicht nur beflĂŒgelte, sondern auch aufs Vollste beanspruchte.
Als die GĂ€ste gegessen hatten, kam van Kampelen dann auf die Sache zu sprechen.
»Jeder von Ihnen trĂ€gt ein Geheimnis mit sich, und hat ein berechtigtes Interesse daran, dass dies auch so bleibt. Sie sind alle auf irgend eine Art und Weise dem Spiel verfallen, wenngleich sich dieser Trieb ganz individuell Ă€ußern mag. Die gute Porzia Scofield liebt es, mit den MĂ€nnern zu spielen. Ach, ĂŒbrigens  «, van Kampelen wandte sich direkt an die Schöne, » 
 ich hörte, dass es Ihrem Mann wieder schlechter geht. Nun, in seinem Alter mĂŒssen Sie sicher auf alles gefasst sein. Ich weiß schließlich, wovon ich rede.«
Dann wieder an alle gerichtet. »Sie mĂŒssen wissen, dass die gute Porzia in der Vergangenheit schon hĂ€ufiger Pech mit ihren EhemĂ€nnern hatte. Zum GlĂŒck waren die Verblichenen alle gut betucht und ließen die momentane Mrs. Scofield nicht in Armut zurĂŒck.«
Nikolas nahm war, wie Porzia kleine Giftpfeile in van Kampelens Richtung schleuderte.
»Ihren Begleiter, Riddick Bow, reizt der hohe Einsatz bei einer guten Wette. Leider ist er kein sehr guter Verlierer. Sein 
 Temperament zwingt ihm dann oft Taten auf, die man gerne wieder ungeschehen machen wĂŒrde, nicht?«
Auch Riddick Bow signalisierte durch ein unverstĂ€ndliches Gebrummel und das Ballen der FĂ€uste, dass er den Alten an einen Ort wĂŒnschte, wo die Seele eines Menschen nichts zu suchen hatte. Doch van Kampelen schien dies nicht weiter zu beeindrucken.
Porzia hatte indessen einen Griff in ihre HandtĂ€schchen getan. Das elegante Feuerzeug passte zur sonstigen Erscheinung. Nikolas hatte noch nie jemanden so grazil eine ordinĂ€re Zigarette rauchen sehen. Er war fasziniert von ihr, hatte er doch bislang nur Frauen in seinem Alter »gehabt«. Eine Frau mit dieser Erfahrung konnte einem sicher ganz erstaunliche 

»Schon Ă€ußerst verfĂŒhrerisch unsere liebe Porzia, nicht?«, riss ihn van Kampelen aus seiner Fantasie.
»HĂ€tte Porzia das Übel des Geldverdienens nötig, wĂŒrde Sie ein glĂ€nzendes Fotomodel abgeben, finden Sie nicht auch?«, stellte van Kampelen mit dem Tonfall der Bewunderung fest.
»Ach, wussten Sie eigentlich, Nikolas, dass auch unser geschĂ€tzter Professor Stiggler auf Fotos eine gute Figur macht? Vor allem, wenn es sich bei den Bildern um lustige SchnappschĂŒsse mit Kindern handelt. Es mag die unterschiedlichsten GrĂŒnde geben, das schöne Thailand zu bereisen, unser liebes Professorchen hat dort jedenfalls seine Crux gefunden.«
Nikolas sah, wie der Professor errötete und verschÀmt den Kopf senkte. In Nikolas stieg Ekel auf, da er sich ausmalen konnte, auf was van Kampelen anspielte, und plötzlich erschien ihm der bieder wirkende Stiggler in ganz anderem Licht.
Dann nahm der Alte das Reptil ins Visier. »Lancey Howard, ein Zocker. Dieser Name klingt doch eher nach einem Pseudonym als nach wirklicher IdentitĂ€t. Und tatsĂ€chlich, Nikolas, wĂŒrden Sie sich auf Spurensuche begeben, mĂŒssten Sie feststellen, dass Sie keine Daten ĂŒber unseren Freund fĂ€nden, die Ă€lter als zwei Jahre sind. Was könnte wohl so schlimm sein, dass es einen Mann dazu zwingt, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und noch einmal von vorne anzufangen?«
Lancey sagte keinen Ton. Er strich sich nur mit der Zunge ĂŒber die Lippen. Nikolas wusste, dass er sich dies nur eingebildet hatte, doch fĂŒr einen Moment hĂ€tte er schwören können, dass Lanceys Zunge tatsĂ€chlich gespalten war.
»Und schließlich Sie selbst, mein lieber Nikolas«, fuhr van Kampelen fort. »Sie scheinen mir von allen noch der Harmloseste zu sein. Doch sind Sie ja noch jung, und werden durch unsere Spiele noch reifen.«
Van Kampelen verzog das Gesicht zu einem hÀmischen Grinsen, und zeigte eine Reihe gelblicher ZÀhne, die offenbar schon lange keine Pflege mehr erhalten hatten.
»Sehen Sie, Nikolas, hier muss keiner befĂŒrchten durch mich Probleme mit dem Gesetz zu bekommen, denn auch ich bin einem Spiel verfallen. Ja, wĂŒrde ich mich doch selbst jeglichen VergnĂŒgens berauben, verriete ich einen von Ihnen. Mögen Sie alle auch in irgendeiner Weise mit anderen spielen; ich, fĂŒr meinen Teil, spiele mit – IHNEN.«
Nikolas saß stocksteif dem Alten gegenĂŒber, und ließ die Worte van Kampelens auf sich wirken. Wie dumm zu glauben, dass ihm hier ein alter seniler Mann gegenĂŒbersaß, der lediglich eine Reihe harmloser Dummköpfe um sich geschart hatte. Dies alles waren kleine Teufel in Menschengestalt. Eine Ansammlung von widerwĂ€rtigen, menschenverachtenden Individuen. Und van Kampelen gefiel sich in der Rolle des Dirigenten, der mit dem Taktstock des Bösen die Noten einer kranken Partitur interpretierte. Nikolas fĂŒhlte, dass hier etwas unglaublich Schreckliches auf ihn zusteuerte. Er musste höllisch aufpassen, wollte er aus dieser Sache mit heiler Haut herauskommen.

Der Diener servierte nun den Wein nebst den noblen Weinkelchen und dekantierte den edlen Tropfen. Dann ließ er van Kampelen sein Hausrecht wahrnehmen und diesen den ersten Schluck verkosten.
»Ausgezeichnet!«, gab van Kampelen seine Expertise zum Besten. »Ich denke, meine lieben GÀste werden auch mit dem Wein mehr als zufrieden sein.«
Harold fĂŒllte nun auch die GlĂ€ser der anderen und entschwand hernach mit der gleichen SchwermĂŒtigkeit, mit der er gekommen war.
»Lassen Sie mich nun auf eine Besonderheit des heutigen Abends zu sprechen kommen.« Mit einem Mal wirkte der Alte sehr nachdenklich.
»Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich unsere geselligen ZusammenkĂŒnfte dem Ende nĂ€hern.«
Die GĂ€ste blickten sich gegenseitig erstaunt an.
»Die Krankheit, welche mich schon lÀngere Zeit quÀlt, scheint sich ihrem Höhepunkt zu nÀhern. So werde ich nicht mehr lange unter Ihnen weilen. Nur zu gut kann ich mir vorstellen, wie Sie alle diese Tatsache bedauern werden.«
Der Sarkasmus des Alten wurde nur noch von dessen bösartiger Ausstrahlung ĂŒbertroffen.
»Doch war ich mir durchaus der Verantwortung und der Pflicht bewusst, Ihnen allen noch ein letztes großes VergnĂŒgen bereiten zu mĂŒssen. Krampfhaft suchte ich nach einem letzten Spiel, einem finale grandioso, welches mir einen wĂŒrdigen Abgang, und Ihnen den gewĂŒnschten Nervenkitzel verschaffen sollte. Ich freue mich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass mir dieser Geniestreich gelungen ist.«
Nikolas‘ Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt und auch andere GĂ€ste schien die Ungeduld zu plagen.
»Na, dann legen Sie mal los. Spannen Sie uns nicht lĂ€nger auf die Folter, worum geht’s diesmal«, verschaffte Stiggler sich Luft.
»Oh, das Spiel hat bereits begonnen«, verblĂŒffte van Kampelen nicht nur den Professor.
»Einen kleinen Hinweis sollte Ihnen die verzehrte Mahlzeit geben. Denn sie hatte heute eine geradezu rituelle Bedeutung.«
Jetzt! Mit einem Mal fiel es Nikolas wie Schuppen von den Augen. Die ganze Zeit hatte er schon gerĂ€tselt, an was ihn diese groteske Truppe erinnert hatte. Es waren biblische Zutaten, die van Kampelen fĂŒr sein letztes Abendmahl zusammengemixt hatte. Da war der Weise Stiggler, der zwar nicht aus dem Morgenland stammte, doch dieses dafĂŒr umso perverser bereiste; da war dieses seltsame PĂ€rchen, Riddick und Porzia, letztere entsprach geradezu dem Bild der fleischgewordenen SĂŒnde. Da war Lancey, die Schlange, welche sich stĂ€ndig zwischen den GĂ€sten herumschlĂ€ngelte und die Zunge als Waffe benutzte. Und dann war da das Lamm selbst, Symbol fĂŒr ein spezielles Ritual, dessen Art und Weise dies zu begehen »Etwas« forderte. Etwas ganz Bestimmtes, das Nikolas die Angst in jede Faser des Körpers trieb – ein Opfer!
»Wir werden heute die Spielregeln Àndern«, riss ihn van Kampelen aus seinen Gedanken.
»Was? Sie wollen die Spielregeln Ă€ndern!«, empörte sich Stiggler. »Wie Sie sicher wissen, habe ich einen gehörigen Punktevorsprung gegenĂŒber den anderen. Ich hoffe ihre RegelĂ€nderung verschafft mir keinen Nachteil.«
Van Kampelen ging mit keiner Silbe auf den Einwand des Professors ein, sondern fuhr ungerĂŒhrt fort.
»Ein neuer Gast kommt, ein bisheriges Mitglied unserer erlesenen Gruppe darf uns verlassen. Nicht nur das ZahlenverhÀltnis soll sich heute Àndern, sondern auch die Art und Weise, wie dieses zustande kommt. Bisher war ihr Einsatz relativ bescheiden. Sie alle wussten, dass Ihre kleinen Geheimnisse bei mir in sicherer Verwahrung sind. Zum einen hÀtte ich durch deren Bekanntgabe mich selbst unangenehmen Fragen ausgesetzt; Sie hÀtten ja sicher unsere makaberen Spielchen zur Sprache gebracht; zum anderen hÀtte ich mich durch einen Behördengang Ihrer ehrenwerten Gesellschaft beraubt gesehen. So wollen wir heute Abend den Einsatz entsprechend erhöhen. Einer von Ihnen wird es allen anderen ermöglichen, die Gruppe zu verlassen. Diese Person wird etwas einsetzten, das einem letzten Spiel angemessen erscheint: Sein Leben!«
Nikolas hatte vor Schreck fast sein Glas umgestoßen. Der Alte war wirklich wahnsinnig geworden. Wieder war es Stiggler, der zuerst protestierte.
»Wohl völlig verrĂŒckt geworden, was? Glauben doch nicht im Ernst, dass ich bei so einem Spiel mitmache, bei so einem Einsatz. Hier, sehen Sie das?« Stiggler tippte sich mit dem Zeigefinger an den Kopf und verzog das Gesicht zur Grimasse.
»Diese Reaktion habe ich von Ihnen erwartet. Es ist schon ein erheblicher Unterschied, ob man mit dem Leben anderer oder seinem eigenen spielt, nicht wahr, Professorchen?«
Nun meldete sich auch der HĂŒne zu Wort.
»Ich bin zwar kein Hasenfuß wie Stiggler, aber diesmal gehen Sie eindeutig zu weit, und gegen unseren Willen  «, Riddick streifte einen Ärmel seines Jacketts nach oben, »  wird da wohl nichts laufen.«
Porzia nahm Riddicks raubeinige Art amĂŒsiert zur Kenntnis, strich sich mit einer Geste durchs Haar und gab ebenfalls Kontra.
»Hören Sie, van Kampelen, wenn dies Ihr einziger Vorschlag sein sollte, wie wir den heutigen Abend verbringen, verschwenden wir nur unsere Zeit. Ich ĂŒberlege, ob Mr. Bow und ich nicht wieder fahren sollten. Zuhause wartet immerhin ein kranker Mann auf mich.«
Nikolas hatte bis jetzt geschwiegen. Anfangs war er einfach nur geschockt gewesen. Gerade erst neu in die Spielrunde aufgenommen, erlebte er hier offenbar schon die Finalrunde mit. Wieso hatte ihn van Kampelen dann ĂŒberhaupt eingeladen, sich die ganze Arbeit gemacht, wenn er schon heute das Zeitliche segnen sollte?
»Wieso dann die ganze MĂŒhe, wenn Sie mir eh ans Leder wollen. Da geh ich doch lieber fĂŒr ein paar Jahre in den Knast, als freiwillig mein Leben zu riskieren«, brĂŒllte er deshalb sein GegenĂŒber an.
»Wer sagt, dass Sie eine Wahl haben?«, antwortete ihm van Kampelen mit einer dermaßen plausiblen Gelassenheit, dass es den neuen Gast bis ins Mark erschauderte.
»Hört, hört  «, zischte Lancey und zwirbelte sich mit den Fingern das OberlippenbĂ€rtchen. »Ich fĂŒrchte, unser Gastgeber hat uns noch nicht alles gesagt.«
»Nicht schlecht, Lancey! Man merkt doch gleich, dass Sie ein Mann sind, der das Wesen des Spiel in seiner Gesamtheit verinnerlicht hat. Wie ich bereits sagte, habe ich nicht mehr lange zu leben. Ich werde jedoch nicht zusehen, wie ich bei lebendigem Leibe verfaule. So habe ich beschlossen, den Zeitpunkt meines Ablebens selbst zu bestimmen. Ich habe soeben eine Substanz zu mir genommen, die mir die Sache wesentlich erleichtern wird; doch wird es noch eine ganze Weile dauern, bis diese wirkt.«
Nikolas verspĂŒrte zuerst eine gewisse Erleichterung. Wenn sich der Alte selbst opfern wollte, sollte ihm dies recht sein. Diesem alten Teufel wĂŒrde bestimmt niemand nachtrauern, und schon gar keine zwangsverpflichtete GĂ€steschar. Doch erkannte er seinen Denkfehler viel zu schnell, als dass er so etwas wie Freude empfunden hĂ€tte. Der Reiz des Spiels konnte nicht darin bestehen, dass sich der Alte alleine aus dem Staub machte. Schließlich sollten ja ALLE auf ihre Kosten kommen.
»Das Essen schien Ihnen allen vorzĂŒglich geschmeckt zu haben, doch hĂ€tten Sie vielleicht dem Wein etwas mehr Beachtung schenken sollen«, lĂ€chelte van Kampelen mit gelben Zahnreihen in die GĂ€sterunde.
»Ein Gift im Wein!«, zischte das einzige Reptil am Tisch.
»Richtig, Lancey! Ein Glas war vergiftet! Einer von Ihnen hat die gleiche Substanz zu sich genommen, wie ich.«
Nun kam aber Leben in die Truppe. Riddick war aufgesprungen, der Professor hatte einen Schrei ausgestoßen und Porzia ihre Verachtung mit einem »Bastard« zum Ausdruck gebracht. Nikolas schließlich hatte den soeben genommenen Schluck neben sich aufs Parkett gespukt. Doch bevor die Lage eskalieren konnte, hob van Kampelen beschwichtigend die Arme.
»Aber, aber, 
 ich bitte Sie. Beruhigen Sie sich wieder. Wir wollen doch an unserem letzten gemeinsamen Abend nicht die Fassung verlieren und uns wie Gentleman benehmen. Vor allem da eine Dame am Tisch sitzt.«
Lancey hatte offenbar als einziger sein Pokerface nicht verloren. Vermutlich war er hohe EinsÀtze gewohnt.
»Und was kommt da noch, Sie alter Haudegen. Sieht Ihnen nicht Àhnlich, einfach jemandem das Licht auszublasen; wo bleibt da die Chance? Wo wÀre da der Reiz des Spiels?«
»Lancey, Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack«, grinste van Kampelen.
»Ich habe Ihnen die Finessen des Spiels noch nicht erlĂ€utert. Wie ich bereits erwĂ€hnte, benötigt das Gift eine gewisse Zeit, bis es wirkt. Ich, fĂŒr meinen Teil, werde mich jetzt nach oben in mein Schlafgemach zurĂŒckziehen. Doch ich möchte nicht gehen, ohne Sie darĂŒber in Kenntnis zu setzen, dass es ein Gegenmittel gibt. Hier im Haus versteckt.«
»Dann her mit dem Zeug,« brĂŒllte Riddick den Alten an, »sonst  «
Wieder war es Porzia, die ihn zurĂŒckhielt – vorerst. Erst galt es herauszufinden, was der Alte genau vorhatte.
»Sie sollten auf ihre Freundin hören, Mr. Bow. Glauben Sie mir, ich bin mittlerweile in so einer fragilen Verfassung, dass schon die kleinste Form von Gewalt meinen Tod bedeuten könnte. In diesem Fall wĂŒrde ich das Geheimnis mit ins Grab nehmen. Nein, ich habe Ihnen einen anderen Vorschlag zu machen. Ich werde oben auf – einen – von Ihnen warten.«
»Auf einen von uns warten?«, fragte Nikolas.
»Ja, Mr. Stokes. Wenn die Wirkung des Giftes einsetzt, bleibt noch genĂŒgend Zeit um mir oben einen kleinen Besuch abzustatten. Das Gegenmittel wirkt im Gegensatz zum Gift sehr schnell. Die Glieder werden zwar noch einige Zeit schmerzen und der Kopf wird sich anfĂŒhlen, als hĂ€tten Sie drei Tage und drei NĂ€chte durchgefeiert, doch Sie werden sich wieder erholen, meine lieben GĂ€ste. Alles in allem ein recht amĂŒsantes Mittelchen, das noch aus meiner Zeit in Indien stammt. Es gilt jedoch einen entscheidenden Punkt zu beachten. Nur der ersten Person, die oben durch meine TĂŒr kommt, werde ich den Aufenthaltsort des Serums verraten, und auch nur dann, wenn es sich tatsĂ€chlich um die Person handelt, die vergiftet wurde. Denn, ich bin der Einzige, der weiß, wer von Ihnen das Gift zu sich genommen hat.«
»Also, wer soll jetzt wann wohin kommen, verdammt noch mal!«, tönte es erwartungsgemĂ€ĂŸ aus Riddick heraus.
»Du 
 Teufel!«, schrie Porzia den Alten an.
»Ja, meine Teuerste, Sie scheinen den speziellen Reiz des Spiels bereits erkannt zu haben. Ein weiterer Beweis ihrer schnellen Auffassungsgabe und der Tatsache, dass sich Schönheit und Klugheit nicht hinderlich im Weg stehen mĂŒssen. Ich werden Ihnen am heutigen Abend ein ganz besonderes Geschenk machen. Ich werde Sie in Ihre ganz persönliche Hölle schicken. Sie werden die ganze Kraft der menschlichen Suggestion erfahren. Ich werde Sie die wunderbaren Qualen der menschlichen Einbildungskraft durchleben lassen. Denn die ersten Anzeichen des Giftes entsprechen in der Tat jenen, wie sie auch bei Panikattacken auftreten. Sie werden sich also die bange Frage stellen mĂŒssen, ob es das Gift ist, das Ihnen den Angstschweiß aus den Poren treibt, oder lediglich die Angst, da ihr klĂ€gliches Leben bedroht wird.
Sollte jemand irrtĂŒmlich nach oben kommen, da seine Nerven nicht mehr mitspielen, nehme ich mein Geheimnis mit ins Grab. Wartet die vergiftete Person jedoch zu lange, ist ihr Leben gleich zweifach gefĂ€hrdet. Einmal durch das Gift im eigenen Körper, zum anderen könnte ich, wegen meines geschwĂ€chten Körpers, bei zu langem Zögern, bereits tot sein.
Auch möchte ich noch erwĂ€hnen, dass ich als Einziger das Versteck des Gegenmittels kenne. So macht es auch keinen Sinn, den Butler zu quĂ€len. Sie könnten allenfalls versuchen mich zu foltern. Doch sollten Sie mich kennen und wissen, dass ich eher meine Zunge verschlucken wĂŒrde, als Sie um das VergnĂŒgen dieses wirklich einmaligen Spiels zu bringen. In jedem Fall möchte ich mich hiermit verabschieden, denn ich bin mir ganz sicher, außer einer Person, werde ich keinen von Ihnen mehr wiedersehen, außer in der Hölle natĂŒrlich.«
Ein letztes Mal schenkte van Kampelen den versammelten GĂ€sten sein totes LĂ€cheln; dann stand er auf, nahm den knorrigen Gehstock zur Hand und verließ den Raum durch jene perfekt in die Umgebung integrierte TĂŒr, die er schon fĂŒr seinen fulminanten Auftritt benutzt hatte.


Die erste Zeit passierte gar nichts. Die GĂ€ste hatte eine Art kollektive Starre ergriffen. Nachdem van Kampelen Tisch und Raum verlassen hatte, sah sich die kleine Gruppe auf sich alleine gestellt. Jeder beobachtete den anderen. Jeder wartete, lauerte und rechnete sich Chancen aus.
Das Herz schlug Nikolas bis zum Hals und so erfuhr er bereits hier die teuflische Hinterlist des Spiels, da er sich fragten musste, ob dies nun erste Anzeigen des Gifts oder seiner Angst waren. Dann entschied er, dass es fĂŒr das Gift einfach noch zu frĂŒh war. Obwohl er van Kampelen erst heute kennen gelernt hatte, wusste er, dass dieser Mann selbst vor dem Tod keinen Respekt hatte, da er auch diesen zwangsverpflichtete. Und da van Kampelen gerne spielte, wĂŒrde es ein lĂ€ngeres Spiel werden. Die Frage, weshalb ausgerechnet er, Nikolas, in diese Situation geraten war, hatte er lĂ€ngst aufgegeben.
Die Minuten verstrichen. Nikolas hatte nicht den blassesten Schimmer von Giftstoffen. Wann hatte er den ersten Schluck getrunken? Wie viel Zeit war seitdem vergangen? Vorausgesetzt er wĂ€re derjenige, welcher 
 wie wĂŒrde er die ersten Symptome wahrnehmen? Besonders wohl hatte er sich ja den ganzen Abend nicht gefĂŒhlt. Versuch ruhig zu bleiben. Du hast die beste Konstitution, den jĂŒngsten Körper.
Immer noch belauerten und begutachteten sich die Anwesenden gegenseitig. Ob bei einem selbst, oder weit vorteilhafter, bei dem anderen Anzeichen auftraten, die auf eine Substanz im Körper schließen ließ, die da einfach nicht hingehörte.
Lancey setzte seinen hypnotischen Blick auf Stiggler an. Dieser entzog sich ihm, indem er Porzia anstierte. Die Schöne versuchte ihrerseits die Fassung und wĂŒrdevolle Haltung zu bewahren. Sie hatte wieder in ihr TĂ€schchen gegriffen und zog sich mit einem Lippenstift die Konturen nach. Einem aufmerksamen Beobachter entging jedoch nicht das Zittern ihrer Hand, als sie dieses Prozedere, das ihr sonst wohl mit aller weiblichen Perfektion gelang, vollzog.
Es war wieder einmal Stiggler, der sich zu Wort meldete, da er das Schweigen nicht lÀnger ertragen konnte.
»Er muss vollkommen den Verstand verloren haben. Er darf nicht so einfach die Regeln Ă€ndern, das kann er doch nicht. Er kann doch nicht so einfach die Regeln Ă€ndern. Und dann dieser makabere Spieleinsatz. Das 
 das geht so nicht!« Mit einem Taschentuch tupfte sich der Professor den Schweiß von der Stirn.
»Ach Stiggler, halten Sie doch die Klappe. Falls ich heute ins Gras beißen sollte, dann will ich mir nicht auch noch ihr widerliches Gejammer anhören.«
Porzia drohte nun doch an Contenance zu verlieren; was angesichts der Tatsache, dass sie in wenigen Augenblicken vielleicht gezwungen war, sich mit letzter Kraft die Treppen hinaufzuschleppen, durchaus verstÀndlich war.
Andere hingegen schien das Spiel zum Nachdenken anzuregen. Trotz der angespannten Lage, bahnte sich ein Geistesblitz seinen Weg aus dem Körper des HĂŒnen.
»Vielleicht hĂ€lt uns der Alte ja bloß zum Narren«, tat Riddick das Ergebnis seiner Überlegungen kund. »Er hat doch behauptet, nur einer von uns sei vergiftet worden; wo wir doch alle vom selben Wein getrunken haben.« Riddick gefiel sich offenbar in seiner neuen Rolle des Gehirnakrobaten. Allerdings nahm ihm Porzia sogleich die Illusion, dass hier ein neues Genie entstehen könnte. Die Schöne warf Riddick einen mitleidigen Blick zu.
»Das Gift befand sich am Glas, nicht im Wein, du Schwachkopf!«
Noch bevor Riddick reagieren konnte, meldete sich Stiggler erneut zu Wort. Er hatte sich den Hemdkragen geöffnet und massierte sich den fleischigen Hals.
»Ich glaube, ich spĂŒre was.« Das Taschentuch des Professors musste inzwischen klitschnass sein. »Mir ist heiß. Ist Ihnen denn auch so heiß?«
»Einbildung, Professorchen, alles nur Einbildung«, sÀuselte das Lancey-Reptil. Durch die lockere Art des Gamblers gewann man den Eindruck, dass der Zocker vermutlich eh gegen jede Form von Gift immun war, da er es ja stÀndig selbst verspritzte.
Die kleine Truppe saß bei Tisch und belauerte sich. Minute um Minute, die jedem einzelnen wie Stunden vorkamen. Stiggler war einmal aufgesprungen und hatte gebrĂŒllt, er mĂŒsse hinauf zu van Kampelen, da er jetzt ganz deutlich spĂŒre, wie ihm die Zeit davonliefe. Doch die mĂ€chtige Hand seines Tischnachbarn, ausgelöst durch einen Wink von Porzia, hatte ihn wieder auf seinen Stuhl verfrachtet, und ihn damit zur Tatenlosigkeit verdammt.
Nikolas versuchte ruhig zu bleiben. Du schaffst das. Selbst wenn es dich getroffen hat, der Alte wird sicher nicht vor dir abkratzen. Schon weil dies van Kampelen um das VergnĂŒgen gebracht hĂ€tte, den Betroffenen in Todesangst zu erleben, nachdem sich dieser die Treppe hochgequĂ€lt und ihn um Hilfe angefleht hĂ€tte. Es ist Stiggler. Es ist sicher Stiggler. Das Schwein hĂ€tte ein jĂ€mmerliches Ende verdient. Nikolas hielt noch immer innere Zwiesprache und schöpfte Zuversicht – als er die ersten Anzeichen verspĂŒrte.
Zuerst nur ein trockener Mund, der mit einem leichten Kratzen im Hals einherging. Alles nur Einbildung, dachte er. Du machst dir was vor, bleib ruhig! Du kommst heil aus dieser Sache raus. Das Herz schlug ihm wie verrĂŒckt. Einbildung, alles nur Einbildung. Du bist es nicht. Bleib ruhig! Wenn der Alte abgekratzt ist, dann hast du’s ĂŒberstanden, kannst das viele Geld genießen.
»Nikolas, was ist mit Ihnen?«, fragte Porzia plötzlich mit aufgesetzter Besorgnis.
»Junge, du hast wirklich schon besser ausgesehen«, erklÀrte auch Riddick.
»Recht blass, das BĂŒrschchen«, diagnostizierte eine Äskulap-Natter.
Nikolas musste es ĂŒber sich ergehen lassen, von der kleinen Truppe ausgiebigst begutachtet zu werden.
Ihr Teufel, als ob es euch etwas ausmachen wĂŒrde, wenn ich vor euren Augen krepierte. HĂ€ttest es dir denken können, klang es in Nikolas‘ SchĂ€del. Hast doch noch nie GlĂŒck gehabt. Wahrscheinlich hat es der Alte auf dich abgesehen, weil er neidisch auf deinen jungen, gesunden Körper ist. Los hoch zu ihm. Hol dir von dem Teufel das Mittelchen. Und wenn er es dir nicht geben will, dann reiß ihm mit einer Zange die FingernĂ€gel aus. Oder besorg dir ein paar Zahnstocher und benutze seine AugĂ€pfel als Cocktailkirschen.
»Nein, ich vermute immer noch, dass ich es bin«, meldete sich der Professor zu Wort.
»Sie sterben höchstens an ihrer eigenen gottverdammten Angst«, verhöhnte ihn Porzia.
»Ich protestiere trotzdem«, entgegnete Stiggler trotzig. »Wenn der Junge hochgeht und sich dies als Irrtum herausstellt, dann werde ich hier unten jÀmmerlich krepieren.«
Nikolas hĂ€tte dem Asienspezialisten liebend gerne selber die Meinung gegeigt, doch irgend etwas schnĂŒrte ihm die Kehle zu. Es kam ihm so vor, als mĂŒsse er die Luft durch einen dicken Schal hindurch ziehen, wie im Winter, wenn er sich so vor der eisigen Luft schĂŒtzte. Mit einem Mal war er sich der Situation bewusst und sich seiner eindeutig sicher.
»Ich bin es. Ich weiß es. Ich muss hoch.«
Es war Porzia, die ein Machtwort sprach. »Ja, gehen Sie rauf.« Ein Blick zu Riddick ließ diesen zustimmend nicken. »Sehen wirklich ĂŒbel aus.«
Auch Lancey, der KaltblĂŒtigste der Runde, gab sein OK-Zeichen. Nur Stiggler wollte erneut protestieren, doch versetzte ihm Riddick einen, seiner Meinung nach, leichten Schlag in die Seite, der den Professor augenblicklich ruhig stellte.

Nikolas stand auf, von den mitleidigen Blicken der anderen GĂ€ste begleitet und ging durch die gleich TĂŒr, durch die auch van Kampelen entschwunden war. Auch auf dieser Seite des Hauses, fĂŒhrte eine Treppe nach oben. Es schien, als hĂ€tte der Architekt das Haus ums Kaminzimmer herum gebaut.
Verlier jetzt nicht die Nerven. Du schaffst das, versuchte sich Nikolas erneut Mut zuzusprechen. Sich erst am massiven Handlauf abstĂŒtzend, zog er sich dann nach oben. Nun war es kein Schal mehr, der das Atmen erschwerte. Es kam ihm so vor, als mĂŒsse er die Luft durch einen Strohhalm hindurch ziehen. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, liefen in salziger Schneckenspur direkt ins Auge.
Noch ein Schritt, und noch ein Schritt. Als Nikolas die letzte Stufe erreicht hatte, musste er erst einen Moment innehalten. Sollte ihn das Brennen in der Lunge schon aufs Fegefeuer einstimmen? Nein, so leicht kriegt dich der Alte nicht. Zeig’s ihm! Los, weiter jetzt! Nikolas hatte sich wieder leicht erholt, als er die erste TĂŒr aufstieß.
Obwohl Nikolas sogleich erkannte, dass es sich bei diesem Zimmer nicht um das Schlafgemach des Alten handelte, konnte er sich nicht so ohne weiteres abwenden. Der ganze Raum war mit schwarzem Samt verkleidet und lediglich mit schwachem Gaslicht beleuchtet. In der Mitte des Zimmers ĂŒbte ein Tisch eine Art Altarfunktion aus. Verschiedenste Reliquien vermittelten einem Betrachter jedenfalls diesen Eindruck. Doch das wirklich Seltsame waren die GemĂ€lde an den WĂ€nden. Je sechs GemĂ€lde zu beiden Seiten des Raumes in blutrotem Passepartout gefasst, der Rahmen schwarz mit Blattgold verziert. Dort prangten elf Konterfeis verschiedener Personen. Lediglich elf, erkannte Nikolas. Der letzte Rahmen war noch ohne Bildnis. Erst glaubte Nikolas, es handle sich um eine Art Ahnengalerie, doch hierzu hĂ€tten sich die dargestellten Personen nicht nur modisch unterscheiden mĂŒssen. Nein, es schien sich um PortrĂ€ts von Menschen zu handeln, die alle einer gegenwĂ€rtigen Zeit entstammten. Obwohl Nikolas keine Zeit hatte, verharrte er doch einige Sekunden an der Schwelle. Irgendetwas stimmte mit diesen PortrĂ€ts nicht. Und weshalb gerade zwölf GemĂ€lde? Wie schon bei Tisch, gedachte Nikolas an ein biblisches Szenario. Dann riss er sich los von diesen geheimnisvollen GemĂ€lden und stĂŒrzte zur nĂ€chsten TĂŒr.
Dann endlich, als er mit der Kraft der Verzweiflung die nĂ€chste TĂŒr aufriss, sah er – ihn. Van Kampelen lag auf einem alten Bett, und stöhnte vor Schmerzen. Neben ihm, auf einem Stuhl kauernd, wartete der Diener auf seine Erlösung.
»Hier bin ich«, keuchte Nikolas und ballte die FÀuste. »Ich bin das Opferlamm, nicht? Los geben Sie mir schon das Gegenmittel oder soll ich gar ihr letzter Apostel werden.«
»Oh, Nikolas, Sie sind weit mehr als das«, stöhnte van Kampelen.
Der Diener gab keinen Mucks von sich. Er wirkte wie ein StĂŒck totes Fleisch, das zu lange in feuchter Erde gelegen hatte.
»Los!«, keuchte Nikolas. »Halten Sie Ihr Versprechen. Geben Sie mir das Gegenmittel!«
Van Kampelen hob leicht den Kopf an. »Werfen Sie einen Blick in die KĂŒche.« Dann sank er wieder kraftlos aufs Kissen zurĂŒck, gab ein Röcheln von sich und schwieg.
Nikolas hörte die Worte, wie durch eine unsichtbare Wand. Der KĂŒhlschrank! Sicher, der passende Platz um ein Serum aufzubewahren. Die Hoffnung ließ die Luft erneut etwas leichter in seine Lungen strömen. Wenn er jetzt die Nerven behielt, könnte alles noch im Guten enden. Nikolas machte auf dem Absatz kehrt und hechelte nach unten, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. Schnell jetzt. WĂ€hrend er lief, ĂŒberschlugen sich seine Gedanken. Verdammt, wenn er das Serum hatte, wie das Zeug schnell in den Körper bekommen. Egal, zuerst die KĂŒche. Erst das Zeug finden, dann wird’s schon irgendwie weitergehen. Vielleicht kann der Diener oder einer der GĂ€ste ihm 
 Halt, da gab es ja noch Lancey. Zur Not musste sein Fixerbesteck herhalten.
Da – Nikolas hatte die KĂŒche gefunden. Sie war nicht besonders groß, doch sauber und aufgerĂ€umt. Nichts mehr war zu sehen von den Spuren des opulenten Mahls. Vielleicht wirkte deshalb die Waffe so deplaziert, die vor ihm auf dem Tisch lag. Die MĂŒndung zeigte in seine Richtung. Nikolas wusste nichts von der Bedeutung dieses Symbols. Eine schwere Waffe war es, wie er sie aus Actionfilmen her kannte.
Egal jetzt! Nur schnell. Nikolas stĂŒrzte auf den KĂŒhlschrank zu. Er riss die TĂŒr auf – und 
 erstarrte.
Von einem Serum war nichts zu sehen, da war keine Ampulle, die ihm wieder neue Hoffnung geschenkt hÀtte. Etwas anderes blickte ihm von dort aus entgegen. Es waren die Reste des Lamms; sein Kopf. Und da waren diese Glubschaugen, die ihn treuherzig anstierten.
Das zwölfte GemĂ€lde, stellte Nikolas mit einem Ausdruck kapitulierender Leere fest. Dann ĂŒbergab er sich und fĂŒhlte etwas in sich zerbrechen, das nicht mehr repariert werden konnte.
Nachdem er den WĂŒrgereiz endlich unterdrĂŒcken konnte, stellte er fest, dass alle Angst von ihm gewichen war. Als er sich mit den Ärmeln den verschmierten Mund abwischte, war da nur diese vollkommene Leere, die sein Innerstes auszufĂŒllen schien. Er griff sich das Gewehr, und schritt wie eine Marionette in Richtung Kaminzimmer.


Draußen tobte ein mĂ€chtiger Sturm. Das Donnergrollen und das Licht der Blitze, welches durch die alten Fenster hindurch auf die Wartenden fiel, ließ deren Schatten sonderbare Formen annehmen.
»Sie hĂ€tten nicht so fest zuschlagen mĂŒssen«, empörte sich Stiggler. »Sehen Sie mal, Sie Grobian, das wird sicher einen riesigen blauen Fleck geben.«
Als wollte er die Versammelten mit seiner Striptease-Einlage unterhalten, zog sich der Professor das Hemd aus der Hose und wies auf die betroffene Stelle.
»Ach Stiggler, nun haben Sie sich mal nicht so, Sie Weichei. Wenn ich richtig zugeschlagen hĂ€tte, wĂŒrde Ihnen jetzt die Puste zum Jammern fehlen.«
Diese Aussage von Riddick bezweifelte allerdings niemand.
»Sie sind doch nur neidisch, weil ich als nÀchstes die Gruppe verlassen werde«, erwiderte Stiggler.
»Das ist noch nicht raus!«, stellte der HĂŒne mit Entschlossenheit fest.
»Na, wer denn sonst? Auch Sie werden zugeben mĂŒssen, dass mein heutiges Schauspiel meinen Punktevorsprung uneinholbar vergrĂ¶ĂŸert hat. Und glauben Sie mir, ich werde keinen von Ihnen auch nur im Geringsten vermissen.«
»Ach, hört schon auf euch zu streiten«, mischte sich Porzia in die hitzige Diskussion ein. »Ihr wisst, dass der Alte immer fĂŒr eine Überraschung gut ist. WĂ€re ich an Ihrer Stelle, Stiggler, wĂŒrde ich erst jubeln, wenn ich dieses Haus als deklarierter Sieger verlassen hĂ€tte.«
»Das, meine Liebe, ist wohl nur noch reine Formsache. Was meinen Sie, Lancey?«
Offensichtlich legte der Professor Wert auf das Urteil eines Reptils.
»Ich fand es köstlich, wie der junge Narr so verzweifelt nach oben gestĂŒrmt ist«, sprach‘s und zwirbelte sich dabei am BĂ€rtchen. »Da hat sich der Alte wirklich was Tolles einfallen lassen. Gift! So ein Schwachsinn. Das harmlose Mittelchen hat dem jungen Tölpel ganz schön den Angstschweiß aus den Poren getrieben. Wirklich teuflisch, der alte Bastard. Dieses kleine Spielchen wird Mr. Stokes perfekt auf unsere anderen ScharmĂŒtzel einstimmen. Übrigens, was Ihr Schauspiel betrifft, Stiggler. Ich denke, auch ich wĂŒrde jederzeit ein Engagement an einem Theater bekommen.«
Mit diesen Worten warf der Gambler das Fixerbesteck mit einem Ausdruck des Abscheus ins Feuer. Die einzige Dame in der Runde Ă€ußerte indessen immer noch Skepsis.
»Ich fand, dass der Alte heute noch ein StĂŒck durchtriebener wirkte als sonst. Da war so ein ganz besonders teuflischer Unterton in seiner Stimme. Ich weiß nicht  «
»Oh nein, Teuerste, Sie werden mir die Siegerlaune bestimmt nicht verderben«, grinste Stiggler ĂŒber alle vier Backen. »Sobald mich van Kampelen  «
Weiter kam der Professor nicht, da in diesem Moment die TĂŒr aufflog und Nikolas ins Zimmer gestĂŒrmt kam.
Die wartende Truppe erkannte sofort, dass hier etwas verteufelt schief lief. Nikolas sah furchtbar aus. Zu seinem totenblassen Gesicht kam nun noch der Ausdruck in seinen Augen. Dies war nicht mehr der Blick eines gesunden, bei Geiste wachen Menschen.
»Mein Gott, woher hat er das Gewehr?«, schrie Stiggler.
»Keine Ahnung! Wo ist der Alte? Hat er ihm denn nichts gesagt?«, erwiderte Porzia
»Doch, Ihr kranken Schweine«, schrie Nikolas die Truppe an. »Er hat mich in die KĂŒche geschickt.«
»In die KĂŒche, weshalb in die KĂŒche?«, blickte Stiggler ratlos in die Runde.
»Ach, halten Sie die Klappe«, raunzte ihn Porzia an. »Sehen Sie denn nicht, dass hier etwas nicht stimmt?«
Nikolas hob die Waffe und zielte wahllos in die Gruppe, als ĂŒberlegte er, wer es verdient hĂ€tte, als erstes zu sterben.
»Na, nun mal langsam. Sie werden doch einen kleinen Scherz nicht ĂŒberbewerten«, zĂŒngelte Lancey, sichtlich nervöser als sonst.
»Scherz? So etwas wie in der KĂŒche nennt ihr Scherz, ihr Monster in Menschengestalt«, brĂŒllte Nikolas seine Verzweiflung aus sich heraus.
»Was meint der Kerl nur?«, verlieh nun auch Riddick seiner Überraschung Ausdruck.
»Keine Ahnung! Der Alte scheint uns irgendwie reingelegt zu haben«, suchte seine Geliebte nach einer ErklÀrung.
»Nun mal ganz sachte, Junge. Nimm erst mal das Ding runter«, versuchte Riddick Nikolas zu beruhigen und schritt langsam auf ihn zu. »Ich werd dir was zeigen.«
Riddick griff in die Innentasche seines Jacketts. Etwas zu schnell fĂŒr Nikolas‘ Begriffe.
Die gewaltige Feuersalve riss Riddick nach hinten weg, und schleuderte seinen Körper ĂŒber den Tisch. Durch den RĂŒckschlag hatte sich Nikolas den Finger gebrochen, doch dieser Schmerz ging genauso im Wirbel des Orkans unter, wie seine Freude am Leben. Lancey und Stiggler stĂŒrzten in Panik auf Nikolas zu. Der zweite Schuss traf Stiggler in den Unterleib. Das Schicksal hatte die Kugel das richtige Ziel finden lassen. Schreiend und blutend wĂ€lzte sich der Professor am Boden. Die HĂ€nde fest auf die Stelle gepresst, mit der er zahllose Kinderseelen in einen dunklen Abgrund gestoßen hatte. Lancey hatte Nikolas erreicht, und wollte ihm das Gewehr entreißen. Doch die durch Wahn gesteigerte Kraft ließ auch Lancey keine Chance. Zwar ging der dritte Schuss noch effektlos in Richtung Decke, doch bereits der nĂ€chste riss Lancey den halben SchĂ€del vom Körper. Auch Porzia, die durch den Schock, ausgelöst durch Riddicks Tod, erst wie versteinert dagestanden hatte, stĂŒrmte nun mit dem Feuerhaken bewaffnet auf Nikolas los. Doch auch ihr zarter Körper wurde von einer Salve erfasst, und, wie ein welkes Blatt im Herbstwind, durch den Raum gewirbelt.
All dies hatte nicht lĂ€nger gedauert, als es brauchte, einen Mann vom Rand der Verzweiflung in die bodenlose Tiefe des Wahnsinn zu treiben. Als das Blut in seinen SchlĂ€fen nicht mehr im Stakkato eines Trommelwirbels pochte, spĂŒrte Nikolas, wie sich wieder erste klare Gedanken formten.
Er hatte soeben vier Menschen getötet. Nein – er hatte sie gerichtet!
Er dachte wieder an die Szene in der KĂŒche und jenes Bild, das sich tief in seine Seele gebrannt hatte. Ein Brandzeichen, das er nun den Rest seines Lebens wĂŒrde tragen mĂŒssen. Erneut musste er alle Kraft aufwenden um den Brechreiz zu unterdrĂŒcken.
Dann fiel sein Blick auf Adam Stiggler, den Asienexperten. Ein letztes Wimmern drang aus ihm heraus, bevor er verendete. Auch wĂŒrde die MĂ€nnerwelt in Zukunft ohne Porzia auskommen mĂŒssen. Dies dĂŒrfte gerade der Gesundheit von Ă€lteren, vermögenden Vertretern dieser Gattung Mensch sehr zum Vorteil gereichen.
Da – neben ihr lag Lancey. Selbst die hinterlistigste Schlange war weit weniger gefĂ€hrlich, wenn Kopf und Körper an getrennten PlĂ€tzen lagerten.
Und da war Riddick Bow, der kurios verdreht neben dem Tisch lag, und immer noch eine Hand im Jackett hielt.
Obwohl um ihn herum das Chaos herrschte, war sein Geist fĂŒr einen Moment völlig klar und definiert. So erkannte Nikolas, dass hier irgend etwas nicht stimmte. Wie einen Film, den er im Geiste noch einmal zurĂŒckspulte, versuchte er den Fehler zu finden. Dann wusste er es plötzlich. Die Gruppe hatte eindeutig falsch reagiert.

Als er aus der KĂŒche gekommen war, und die anderen ihn gesehen hatten, waren sie – erstaunt – gewesen. Das passte einfach nicht zusammen. Wenn sie nicht wussten, was es mit dem Lamm auf sich hatte, dann waren auch sie von van Kampelen hereingelegt worden. Ja, hatte nicht auch Porzia etwas in der Art behauptet? Und was war mit Riddick? Bevor Nikolas ihn gerichtet hatte, wollte der HĂŒne ihm etwas zeigen.
Nikolas trat nĂ€her an den Riddick heran. Langsam beugte er sich zu ihm hinunter und zog den blutverschmierten Arm aus dem Jackett des Toten. In seiner Hand trat unter all dem Rot etwas Weißes hervor. Es war ein StĂŒck gefaltetes Papier. Nikolas nahm es an sich und faltete es auf. Zuerst begriff er nicht; konnte keinen Sinn in den Worten erkennen. Dann begriff er.
Das vor ihm auf dem Zettel waren Stichpunkte. Dort auf dem Papier stand in etwa der Verlauf des heutigen Abends nachzulesen. Nikolas versuchte sich zu konzentrieren. Riddick schien nicht besonders helle zu sein. Was wĂŒrdest du an seiner Stelle tun, fragte sich Nikolas, wenn es darum ging Theater zu spielen. In einem Schauspielhaus gab es den Souffleur, der einem den vergessenen Text zurief. Einen Texteinsager gab es im wirklichen Leben nicht. So hatte sich Riddick Bow fĂŒr das Naheliegendste entschieden – einen kleinen Spickzettel!
Erst ein furchtbarer Verdacht, dann immer mehr Gewissheit. Mit einem Mal stellte Nikolas fest, dass er das Gift vollkommen vergessen hatte. Wieso war er nicht schon lÀngst tot?
Sein Herz schlug erneut wie wild in seiner Brust und auch der Angstschweiß fand wieder den Weg aus den Poren. Nein, das konnte nicht sein, durfte nicht sein. War dies alles nur ein abgekartetes Spiel gewesen – eine Posse?
Die anderen GĂ€ste waren demnach von van Kampelen sorgsam prĂ€pariert worden. Nur ein pikantes Detail hatte er ihnen verschwiegen. Nur ihm, Nikolas, hatte van Kampelen die Besonderheit des Lammes anvertraut. Van Kampelen hatte geahnt, dass solch eine Erkenntnis einen Menschen in den Wahnsinn treiben musste. Alles war eigens fĂŒr Nikolas arrangiert worden. Es hatte nie ein Gift gegeben. Nachdem die Galerie des Schreckens mit Meister Glubschauge nun komplettiert werden konnte, wollte van Kampelen mit einem Paukenschlag aus dem Leben scheiden. Und er, Nikolas, hatte als Werkzeug herhalten mĂŒssen. Nun erkannte er auch die Besonderheit, die ihm beim Betrachten der Portraits aufgefallen war. Das waren tote Augen gewesen, die ihn da von der Wand aus angeblickt hatten. Vermutlich war der Diener nicht nur ein vorzĂŒglicher Handwerker, sondern auch ein begnadeter Maler und wohl noch mit der Fertigstellung des letzten GemĂ€ldes beschĂ€ftigt.
Jeder der siegreichen GĂ€ste, die van Kampelen verlassen hatten, war doch nur bis in die KĂŒche gekommen. War zuvor noch als Bildnis post mortem auf Leinwand gebannt und fortan auf ewig mit dem Haus verbunden.
Dieses »Haus der Spiele«, diese modrige Ruine des Schreckens; seine pervertierten GĂ€ste; böse, durchtrieben, selbstsĂŒchtig und schließlich van Kampelen selbst; ein DĂ€mon, das FĂ€ulnisprodukt seiner GĂ€ste, vor dessen bösartiger Ausstrahlung selbst die Vegetation zurĂŒckwich. Dies alles musste fĂŒr den menschlichen Geist einfach zuviel sein.
Wie von Sinnen stĂŒrmte Nikolas hinauf zu van Kampelen. Die Bestie musste ihm helfen. Sie konnte bezeugen, dass er nur das Werkzeug eines perfiden Planes gewesen war.
Wie der Wind war Nikolas wieder oben vor jener schicksalhaften TĂŒr und riss sie fast aus den Angeln, als er sich Einlass verschaffte. Doch kam er nicht weit, da er einsah, vergebens gehofft zu haben.
Van Kampelen war doch Sieger auf ganzer Linie geblieben. Ein solch fulminanter Abgang schien seiner Person wĂŒrdig gewesen. Nikolas rĂ€tselte, ob dies alles noch Zufall sein konnte, oder ob nicht das Böse selbst das Drehbuch fĂŒr dieses StĂŒck geschrieben hatte. Der dritte Schuss, welcher sich im Gerangel mit Lancey gelöst hatte, war doch nicht ohne Folgen geblieben. Er war nicht nur durch die marode Decke gedrungen, sondern hatte auch das Herz des DĂ€mons durchschlagen.
Nikolas stand kraftlos im Zimmer, und dachte an van Kampelens Worte. Er sei von allen noch der Harmloseste, hatte der Alte gesagt. Doch er wĂŒrde in dieser geselligen Runde sicher noch reifen. Ja – der Alte sollte Recht behalten. Nun hatte das personifizierte Böse einen vierfachen Mörder aus ihm gemacht, und noch etwas viel WiderwĂ€rtigeres, »Etwas«, das er nicht einmal auszusprechen wagte.
Draußen tobte noch immer der Sturm. Das Heulen des Windes drang durch die maroden WĂ€nde und Nischen des Hauses. Die verfluchten Seelen der GĂ€ste klagten die Überlebenden an.
Nikolas stand noch immer wie angewurzelt im Zimmer. In Gedanken bei den Zutaten des letzten Abendmahls, formte sein gepeinigter Verstand versöhnende Bilder. Er sah sich selbst als Lamm, das friedlich graste, wĂ€hrend der Wind sanft ĂŒber die Wiesen und Felder strich. Das Paradies, es hĂ€tte nicht schöner sein können, hĂ€tte sich da nicht irgendetwas am Boden bewegt. Es schlĂ€ngelte und kringelte sich, stets nur vorwĂ€rts, kam immer nĂ€her, hatte ihn fast erreicht. Und als Nikolas sich den Lauf der Waffe in den Mund schob, schlĂ€ngelte sich das Getier an ihm hoch. Die Schlange bekam ein Gesicht. Er kannte es. Ein letzter Moment noch, ein letztes Zögern. Dann, als ihm eine markante Fistelstimme ins Ohr zischte, war der Entschluss gefasst: »Ein ganz besonderer Gastgeber.«




*************************************************************************

Nach dem großen Regen, im Morgengrauen des nĂ€chsten Tages, sah man auf der Landstraße einen hageren Mann. Ihm stand die Erlösung ins Gesicht geschrieben. In HĂ€nden trug der Mann seine Koffer mit den Habseligkeiten. An seiner rechten Hand fehlte ein Finger.

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Fugalee Page
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Hallo jon,

gerade eben erst entdeckt. Vielen Dank fĂŒrs Lesen und deine Bewertung. Freut mich, dass dich die GeschichtenlĂ€nge nicht abgeschreckt hat, und ich dich unterhalten konnte.

GrĂŒĂŸe von F. P.

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Amadis
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hallo f.p.,

klasse story an der grenze zum horror-genre! du verstehst es sehr gut, diese stockfinstere atmosphÀre zu erzeugen, auch wenn die charaktere recht klischeehaft daher kommen, was aber nicht stört. zwei der namen erschienen mir doch recht bekannt. so wÀre der gute nick stokes doch besser beim csi geblieben und riddick bow hat wohl offenbar wÀhrend seiner box-karriere etwas gelitten ;-).
insgesamt bis auf einige kleinere holperer beim lesen und den einen oder anderen winzigen fehler eine sehr gute story.
gruß
amadis
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Fugalee Page
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Hallo Amadis,

sorry fĂŒr die spĂ€te Antwort. Auch dir erst einmal ein Kompliment fĂŒrs „Durchhalten“. Gerade so lange Geschichten am PC gelesen grenzen ja fast schon an Folter. :-)
Die Zeit deines Postings verrÀt mir, dass du dir die Geschichte zur Geisterstunde vorgenommen hast. Freut mich, dass ich dich wach halten und ein bisschen unterhalten konnte.
Was die Namen angeht: HĂ€, hĂ€, hĂ€ 
War mir schon klar, dass diese in der Rubrik der Hobbykriminalisten nicht lange im Verborgenen bleiben wĂŒrden.
Den CSI-Mann und den Ex-Boxer hast du ja gleich entlarvt. Im Fall der Tatortermittler, Hut ab. Bei den ganzen CSI-Pilzen, die aus dem TV-Boden sprießen, ist es mitunter ja gar nicht so einfach, den Durchblick zu behalten. ;-)
Der Dritte im Bunde wĂ€re ĂŒbrigens „Lancey Howard“ gewesen. Kennst du den Film Cincinnati Kid mit Steve McQueen und Edward G. Robinson? Da in meiner Story dem Element Spiel ja eine entscheidende Bedeutung zukommt, hab ich mir von dort den Namen des Pokerkönigs ausgeliehen.
Ich hoffe, die kleinen Gags stören nicht allzu sehr. Ich lass hier aber durchaus mit mir handeln.

@Filmproduktion
Hallooo! Sollte diese Zeilen einmal ein berĂŒhmter Produzent lesen, der das Material von einem noch berĂŒhmteren Regisseur verfilmen lassen möchte, so könnte ich gegen Zahlung eines horrenden Betrages, die Sache auch in Deutschland spielen lassen, und aus Riddick Bow Eugen Steinbrecher bzw. aus Nikolas Stokes Mattias Palmwedel machen. Also, Herr Eichinger, nachdem das ParfĂŒm-Projekt nun abgeschlossen ist, melden Sie sich einfach. Ich lasse Ihnen dann ein entsprechendes Skript und meine Kontoverbindung zukommen.
FĂŒr eine angemessene Gage, könnte ich mir auch vorstellen, die Rolle des Riddick Bow zu ĂŒbernehmen. Die paar SĂ€tze des Riddick sollte ich hinbekommen. Und was meinen Sexappeal-Faktor (Knackarsch) angeht. So bin ich jetzt schon in der Lage, mittels meiner Po-Muskulatur eine rohe Kartoffel zu zerquetschen.
(Na gut, ich geb’s ja zu. Die Kartoffeln mĂŒssen vorher gekocht sein und aus der entsprechenden Richtung kommen)

@Alle
Und hier, last but not least: Das SonntagsrÀtsel
Aus welchem Film stammt die berĂŒhmte Szene, in der eine Person zur Demonstration seiner StĂ€rke eine rohe Kartoffel zerquetscht?
aus
a) dem Horrorstreifen „Kartoffel zerquetscht! – Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast.“
b) dem Melodram „
 denn sie wissen nicht was sie tun: Kartoffeln zerquetschen?“
c) dem Dokumentarfilm „Wege der Knolle: Vom Erdapfel zum Pferdeapfel.“
oder d) keines von den dreien, sondern aus 
 (Name einsetzen)

Wer die Frage als erstes richtig beantwortet, erhĂ€lt eine Option fĂŒr zwei mögliche Kino-Freikarten vom „Haus der Spiele“. :-)

viel Erfolg und restsonntĂ€gliche GrĂŒĂŸe von F. P.

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Amadis
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:-))

ich wĂŒrde eher sagen, aus der london-verfilmung "der seewolf" mit muskelprotz raimund harmstorf (hoffe, ich schreibe den namen richtig, ansonsten verzeihung).

cincinatti kid ist mir zwar ein begriff, aber das ist schon soooo lange her, dass ich mich an namen nicht mehr erinnern kann.

gruß
amadis
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Fugalee Page
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Hallo Amadis,

Oha! Eine Expressantwort und vollkommen richtig. Der Kandidat darf sich an zwei imaginĂ€ren Kinokarten erfreuen. Allerdings bringst du mich in eine heikle Situation. Jetzt muss ich es also irgendwie schaffen, Herrn Eichinger von diesem Filmprojekt zu ĂŒberzeugen.
Ich werde jetzt einfach mal abwarten, bis die ersten positiven Einspielergebnisse des „ParfĂŒms“ vorliegen, und sich Herr Produzent in einer euphorischen Stimmung befindet. Dann werde ich ihn rotzfrech mit seinem neuesten Projekt konfrontieren. :-)
Was die Anspielungen in der Geschichte angeht. Ja, hiermit oute ich mich als kleiner Nostalgie-Fan. Ab und zu ein oller Klassiker: Heh! 
 das muss einfach sein. ErklĂ€ren kann ich das auch nicht. Ich will nicht sagen, dass unsere Filme heute schlechter sind, aber irgendetwas muss frĂŒher anders gelaufen sein. Wenn ich mir einen alten Hitchcock reinzieh oder einen Film noir, da zĂŒndets anders. Und auch die Frauen wirken irgendwie (noch) geheimnisvoller. Was vermutlich daran liegt, dass frĂŒher das Publikum eine Frau zur Diva erhob. Heute kann ich mit dem passenden Marketing und den nötigen Beziehungen jede Frau zu Sexbombe hochstilisieren. Und wenn’s optisch nicht ganz passt. Wozu gibt’s Silikon Valley? Yes, Titten so groß wie Arschbacken!
Aber es geht noch schlimmer. Ich kann nur hoffen, dass sich die FrauenjeansgrĂ¶ĂŸe: 0 nicht durchsetzt. Ich bin nĂ€mlich alles andere als pĂ€dophil veranlagt und eine Frau auf Kinderkörper getrimmt, das sieht nicht nur unheimlich bescheuert aus sondern ist dazu noch verdammt peinlich.
Uupps 
 jetzt bin ich doch wieder ein wenig abgeschweift. Dieser moralische Outbreak, das muss am Papstbesuch liegen.
Ă„Ă€h 
 also bis dann. Ich meld mich wieder, wenn ich Eichinger weichgekocht habe. :-)

Gruß von F. P.

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