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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hausgeburt
Eingestellt am 02. 08. 2008 16:43


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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Etwa drei Jahrzehnte meines Lebens habe ich in SaarbrĂŒcken verbracht. SaarbrĂŒcken ist die Hauptstadt eines lustigen kleinen Landes, in dem lustige Menschen wohnen, die eine lustige Sprache sprechen. Einer dieser Menschen hieß Elfriede Dienhardt.

Frau Dienhardt hatte gut und gerne ihre vierzig Dienstjahre als freiberufliche Hebamme auf dem Buckel und sollte an diesem 14. Oktober des Jahres 1983 ihr letztes Kind auf die Welt holen: meine Tochter. Ich hatte sie erst drei Tage zuvor kennen gelernt, denn von Vertrauen aufbauen, sanftem HinfĂŒhren, Geburtsvorbereitung und all dem Kram hielt Frau Dienhardt nicht viel. Meine diesbezĂŒglichen vorsichtigen Fragen wiegelte sie ab mit den Worten: Sie hann doch schunn enns. Diesmo werd's aa net annerschd.

Um fĂŒnf Uhr frĂŒh wurde ich durch ein leises Ziehen im unteren RĂŒcken und das Schnarchen des Kindsvaters geweckt und stand auf. Ich kochte einen Tee (wahrscheinlich Roibusch), legte eine Platte auf (höchstwahrscheinlich Vollenweider), bestĂŒckte die KĂŒche mit einer Großpackung Teelichter und verfasste einen Brief an mein Ungeborenes. So hatte ich das gelesen, und so machte man das eben Anfang der achtziger Jahre. Den Brief habe ich ĂŒbrigens etwa ein Jahr spĂ€ter verbrannt, damit das arme Kind ihn auch ganz sicher nie in die HĂ€nde bekommen und womöglich ein Leben lang unter der metaphorischen Inkontinenz seiner Mutter zu leiden haben wĂŒrde.

Etwa drei Stunden spĂ€ter wurde es dann Zeit, meine Freundin Carmen anzurufen, die zugesagt hatte, als Chauffeurin zu fungieren; denn - das vergaß ich zu erwĂ€hnen - Frau Dienhardt hatte keinen FĂŒhrerschein. Carmen machte sich also auf den Weg zur etwa dreißig Kilometer entfernten Wohnung von Frau Dienhardt. In der Zwischenzeit durfte ich erfahren, dass es diesmal doch ein bisschen "annerschd" ablief als beim ersten Mal. Im Krankenhaus hatte man mich nĂ€mlich zu gegebener Zeit mit Medikamenten versorgt. DafĂŒr darf ich heute mit Fug und Recht von mir behaupten, genau zu wissen, wie es sich wirklich anfĂŒhlt, ein Kind zu bekommen.

Es vergingen weitere anderthalb Stunden, Frau Dienhardt hatte nur noch rasch das FrĂŒhstĂŒcksgeschirr spĂŒlen und die WĂ€sche aufhĂ€ngen mĂŒssen, bis Carmen endlich mit meiner Hebamme eintraf. Ich weiß bis heute nicht, was es war; vielleicht Lampenfieber. Vielleicht hatte das Kind aber auch beim Klang von Frau Dienhardts Stimme beschlossen, lieber noch ein paar Wochen in seiner sicheren Höhle zu bleiben. Jedenfalls waren mit dem Eintreffen der beiden die Wehen verschwunden. Und nur mein dicker Bauch erinnerte mich noch daran, dass ich jemals schwanger geworden war. Ich versuchte ein paar halbherzige Stöhner, aber Frau Dienhardt konnte ich nichts vormachen. Sie sah mir zuerst in die Augen, dann auf die Uhr und sagte: Das do dauert noch. Außerdemm hann isch jetz Hunger.

Mein Mann wollte sie zu einem zweiten FrĂŒhstĂŒck in unserer KĂŒche ĂŒberreden, aber das lehnte sie ab: NÀÀ nÀÀ nÀÀ, isch hann gischder HackflÀÀsch kaaf; das muss fort. - Daraufhin erhob sie sich mit den Worten: Wann's schlimm weh duud, raache Se enn! Das helft. - Und warf mir eine halb volle Zigarettenpackung auf den Tisch.

Aber Frau Dienhardt, ich rauche doch jetzt seit zwei Jahren nicht mehr. - Wisse Se was, das is alles KÀÀs, was die junge Leid heit so verzĂ€hle. Gugge Se misch aan. Isch hann drei Buuwe, alles sooo Kerle, unn isch hann mei Lebbdaa geraacht wie ein Schlot. - Sprach's und verließ mit der hilflos dreinblickenden Carmen die Wohnung.

Die nĂ€chsten Stunden verschwinden leider in meiner Erinnerung. Jeder, der einmal das VergnĂŒgen hatte, eine GebĂ€rende begleiten zu dĂŒrfen, weiß um die HandlungsablĂ€ufe. Die Wehen kamen nun wirklich sehr regelmĂ€ĂŸig; aber wir wussten ja, dass es noch keinen Sinn hatte, Frau Dienhardt, die nach dem Essen gerne ein Nickerchen machte, anzurufen. Es war zwar durchaus von Vorteil, dass der Kindsvater zu jener Zeit in der gynĂ€kologischen Abteilung des Kreiskrankenhauses arbeitete; doch kann man sich vielleicht vorstellen, dass es weniger belastend ist, hundert fremden Kindern auf die Welt zu helfen als einem eigenen. Also entschlossen wir uns irgendwann doch, Carmen wieder auf den Weg zu schicken.

Die preschte, wie sie mir spĂ€ter erzĂ€hlt hat, mit hundertzwanzig durch verschiedene Dörfer und an verschreckt zur Seite springenden Bauarbeitern vorbei, mit herunter gekurbelter Scheibe und dem Ruf: Sorry! Meine Freundin bekommt ein Kind! Und genau so preschte sie wieder zurĂŒck, mit Frau Dienhardt auf dem Beifahrersitz, die unablĂ€ssig vor sich hin flĂŒsterte: Ach du liewer Gott. Das do iwwerleb isch net. Liewer Gott. Isch geh aa am Sonndaa in die Kersch. Isch verspresch ders. Liewer Gott. Das do iwwerleb isch net...

In der Zwischenzeit hatte mein Mann sich die HĂ€nde gewaschen und sich in sein Schicksal ergeben. Er saß an meinem Bett und suchte gerade nach ein paar beruhigenden Worten, als es abermals an der TĂŒr lĂ€utete. Frau Dienhardt, hoch erhitzt, mit Kittel ĂŒber dem Arm und der Hebammentasche in der Hand, wurde gerade von Carmen unsanft in die Wohnung geschoben, als sie durch meinen langgezogenen Schrei aufgeschreckt wurde. Alle drei stĂŒrzten auf mich zu, und alle drei fingen das kleine Wesen auf, das soeben beschlossen hatte, nicht mehr lĂ€nger warten zu wollen. Mein MĂ€dchen war auf der Welt.

Es fĂ€llt mir nicht ganz leicht und liegt mir fern, den Leser mit gynĂ€kologischen Details zu langweilen; doch der VollstĂ€ndigkeit ist es geschuldet, noch folgendes zu berichten: Wahrscheinlich ist es den meisten Erwachsenen bekannt, dass der Kopf eines Neugeborenen oftmals nicht im rechten VerhĂ€ltnis zur ... sagen wir ... Austrittsöffnung steht. Und so kann es schon einmal vorkommen, dass eben diese Öffnung nicht ganz unbeschadet bleibt ... das kann in manchen FĂ€llen dazu fĂŒhren, dass etwas einreißt und wieder repariert werden muss ... Kurz: Es lĂ€utete ein drittes Mal.

Auftritt Johannes, Kollege des Kindsvaters, in voller Motorradmontur, mit einem Sturzhelm unterm Arm. Johannes begrĂŒĂŸte mich mit einem knappen Kopfnicken und ließ sich dann im Schneidersitz am Fußende meines Bettes nieder, um mich mit Nadel und Faden wieder in meinen Urzustand zu versetzen. Direkt hinter ihm saß Frau Dienhardt, völlig erschöpft, mit hoch roten Wangen und dem zweiten Glas RotkĂ€ppchen-Sekt in der Hand und wiederholte stĂ€ndig die inzwischen Legende gewordenen Worte: Ach du liewer Gott. Jetz bin isch jo gar nemmeh in de Kiddel komm!

Johannes hatte seine Arbeit beendet und wollte rasch wieder zu seiner Harley zurĂŒck, die im absoluten Halteverbot stand. Dies nahm Frau Dienhardt zum Anlass, sich nun ihrerseits von uns zu verabschieden. Auf meine erschrockene Frage, was ich denn jetzt machen solle, so ganz ohne sie, allein mit dem Kind... antwortete sie nur: Ei, fer was brauche Sie misch dann jetz noch? Sie hanns warm, sie hann genuch Winnele, unn was das Bobbelsche esse muss, das hann Sie doch alles bei sisch. Außerdemm hann isch jetz Hunger.



















__________________
Am jĂŒngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unnĂŒtz uns entfallen. - J.W. Goethe -

Version vom 02. 08. 2008 16:43
Version vom 03. 08. 2008 09:03
Version vom 04. 08. 2008 07:38

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Thys
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Silvia,

nette Geschichte. GefÀllt mir soweit. Nur hier

...als sie durch meinen langgezogenen
Schrei aufgeschreckt wurde. Alle drei stĂŒrzten auf mich zu,
und alle drei fingen das kleine Wesen auf...

hab ich plötzlich etwas verdutzt gestutzt und gedacht: "Upss,
das ging aber jetzt flott. So eine richtige Blitzgeburt."
Langer Schrei und schwupps ist es da. NatĂŒrlich denke ich, dass
es da schon ein mehr oder weniger lÀngeres anstrengendes
"Vorspiel" gab... aber gelesen habe ich hier nur die Blitzgeburt.

Vielleicht geht es mir ja auch nur alleine so.

Gruß

Thys

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