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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hayat heißt Leben
Eingestellt am 03. 11. 2013 20:21


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Monika Seyhan
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2013

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Hayat – das Leben
Sie sah nicht türkisch aus, jedenfalls nicht so wie eine aus dem Süden. Ihre Haut war hell, die Haare mittelblond und die Augen in einem grau-grünen Ton. Hayat war sehr groß und schlank. Sie lebte an der Schwarzmeerküste, der Gegend mit vielen Wäldern und großen Haselnussplantagen.
Die Mutter arbeitete in einer Kleinstadt als Krankenschwester. Sie versorgte die drei Kinder alleine, da ihr Mann in Deutschland als Mechaniker in einer großen Firma arbeitete. Hayat, die Älteste der Geschwister, musste neben der Schule noch andere Dinge lernen. Mit zwölf Jahren konnte sie kochen und nähen. Sie hatte den Überblick über das, was in einem Haushalt zu tun war. Die beiden jüngeren Brüder machten ihr das Leben nicht leicht.
Auf keinen Fall empfand sie Spaß und Freude an dieser Arbeit. Mehr schlecht als recht erledigte sie die ihr aufgetragenen Aufgaben.
Viel lieber traf sie sich mit gleichaltrigen Freundinnen, kaufte sich Zeitungsmagazine mit Fotos der Lieblingsschauspieler oder stolzierte in schönen Kleidern und hochhackigen Schuhen der Mutter durch die Wohnung.
Kam der Vater aus Deutschland die Familie besuchen, erlebte sie einen gut gelaunten Mann, der freundlich zu ihr war und viel zu erzählen hatte. Sie hörte Geschichten über Mädchen ihres Alters, die noch Kinder waren, die mit Rollschuhen über Straßen fuhren und gemeinsam mit Jungen ins Kino gingen. Sie hatten das große Glück, Kinder sein zu dürfen. Der Vater bewunderte Deutschland, er war voll des Lobes über dieses freizügige Land. Er liebte die Ordnung und Disziplin, sprach von Pünktlichkeit und klugen Menschen. Hayat hörte gerne zu. Die überschwängliche und aufgeregte Stimme des Vaters liebte sie, doch das unbekannte Land erweckte trotz der vielen Freiheiten, die es dort geben mochte, einen kühlen und unbehaglichen Eindruck.
Dass es dort kalt war, viel regnete und die Sonne selten schien, fand sie auf keinen Fall angenehm.
Der Vater zeigte Fotos von gepflegten Häusern und schwarzen Dachziegeln, Gärten mit gerade geschnittenen Hecken und Blumen. Vieles wirkte starr und leblos. Was Hayat gefiel, waren die gut gekleideten, großen blonden Frauen und die schicken Autos.
War der Vater in der Türkei, verwöhnte er seine Kinder. Er führte sie großzügig in Restaurants und ins Kino. Sie fuhren nur mit dem Taxi durch die Stadt und sahen, wie das Geld leicht aus der Hand des Vaters glitt. Die Mutter kam nach wie vor müde und abgespannt von der Arbeit im Krankenhaus zurück.
Hayats Zuneigung galt während dieser Zeit nur dem Vater, sie bewunderte sein Leben und wäre am liebsten mit ihm in das fremde Land gefahren.
Die Eltern hatten sich nicht viel zu sagen. Es dauerte keine zwei Jahre mehr und der Vater hatte sich so an Deutschland gewöhnt, dass er nicht mehr in die Türkei zurückkehrte.
Hayat konnte ihn verstehen. Das ärmliche Leben, eine ständig müde Frau und Kinder, die er einmal im Jahr erlebte, waren nicht die Erfüllung.
Wütend war sie lediglich darüber, dass er die Trennung so radikal vollzog, die Familie einfach im Stich ließ. Den Kommentar der Mutter, dass Männer nun einmal so wären, wollte sie nicht gelten lassen.
Hayat war jetzt 14 Jahre alt, die Schule hatte sie beendet, der größte Wunsch war es, den Vater in Deutschland zu finden und das Leben dort kennen zu lernen. Der Wunsch war ein Traum und diesen träumte sie während der Erledigung ihrer häuslichen Pflichten, die ihr von Tag zu Tag immer weniger gefielen.
Der Besuch einer Tante der Mutter brachte etwas Abwechslung in den Alltag und die Fotos des Sohnes, der in Deutschland lebte, interessierten sie. Als sie erfuhr, dass Osman heiraten wollte, betrachtete sie die Bilder genau und konnte sich als Frau an seiner Seite vorstellen.
Osman lebte schon seit fünf Jahren in Deutschland. Er war 25 Jahre, trug keinen Schnurrbart und zeigte eine Reihe blitzender Zähne in einem freundlich lächelnden Gesicht. Als Mechaniker in einer großen Stadt hatte er es schon zu etwas gebracht, eine eingerichtete Wohnung und sogar ein Auto konnte er bieten.
Hayat, nicht abgeneigt, willigte ein, dass der Kontakt hergestellt wurde. Tante und Mutter hatten von jetzt an alle Hände voll zu tun. Briefe gingen hin und her, Fotos wurden herumgereicht. Hayat fühlte sich erwachsen und wichtig. Erst an dem Tag, als Osman mit ihr telefonierte, geriet ihre Selbstsicherheit ins Schwanken, schüchtern und verunsichert hörte sie seine Stimme.
Osman erzählte, wie groß seine Freude sei, wie gut sie ihm gefalle und dass er keine Geduld mehr hätte, lange zu warten. Ein „Ja“ würde genügen, alles in die Wege zu leiten, die Dokumente müssten eingereicht und die Ausreise vorbereitet werden. Die Sehnsucht nach ihr wäre so groß, dass keine Zeit zu vergeuden sei.
Hayat fühlte sich geschmeichelt. Diese Worte galten ihr, ein junger Mann begehrte sie und war bereit, ihre Wünsche zu erfüllen. Durch das Telefon vernahm sie auch leise geflüsterte Schmeicheleien, die sie zum ersten Mal hörte und die ihre Wangen zum Glühen brachten.
Natürlich sagte sie „Ja“ und die Veränderung in ihrem Leben ging rasend schnell. Mutter und Tante waren mit der Beschaffung der Aussteuer beschäftigt. Sie stickten, nähten, strickten und erteilten so nebenbei Verhaltensregeln, die gegenüber Männern einzuhalten wären.
Hayat sog alles in sich auf, sammelte in Zeitschriften, was sie über Deutschland finden konnte und betrachtete das Bild Osmans, das sie auf dem kleinen Holzbalken über dem Bett befestigt hatte. Schaute sie nach getaner Arbeit und den Aufregungen des Tages in das vertraut werdende Gesicht, wurde sie zufrieden. Die Vorstellung, nach einigen Wochen das Bett mit diesem Mann zu teilen, verdrängte sie.
Es war Oktober, im Dezember sollte die Hochzeit sein, im kleinen Rahmen. Osman würde in die Türkei kommen, doch die üblichen großen Feiern lehnte er ab. Er hatte die Familie davon überzeugt, dass es sinnvoller sei, sein mühselig verdientes Geld zur Gründung der eigenen Familie zu nutzen. Die engsten Freunde, einige Verwandte genügten für eine kleine Feier, so schnell wie möglich wolle er mit Hayat nach Deutschland zurückfliegen.
Auch Hayat gefiel diese Vorstellung, sie ging mit der Mutter zum Standesamt, der Termin wurde auf den 20. Dezember gelegt. Hayat hätte den Vater gerne zu ihrer Hochzeit gesehen. Die Mutter versprach, nach der Adresse zu suchen, doch außer dem Namen der Stadt Hamburg konnte sie nichts ermitteln. Hayat nahm sich vor, den Vater in Deutschland ausfindig zu machen . Das Land war klein und türkische Namen in der Stadt Hamburg nicht so geläufig.
Die Organisation durch die Frauen verlief planmäßig, sie hatten sämtliche Vorbereitungen getroffen und erwarteten jetzt die Ankunft Osmans.
Einige Tage vor der Hochzeit wurden sie durch eine Nachbarin ans Telefon gerufen. Osmans Stimme klang aufgeregt und verlegen. Der Versuch, Hayat über die Regeln des deutschen Arbeitslebens zu informieren, schlug fehl. Hayat wollte nicht verstehen, warum es Osman nicht möglich war, zu der eigenen Hochzeit zu kommen. Termine galt es einzuhalten, Verpflichtungen mussten erfüllt werden – unverständliche Worte, die Hayat nicht trösten konnten.
Deutschland, mit den vielen Vorschriften und Auflagen, machte keinen Spaß mehr. Es hatte schon genügt, dass sie unter der Bezeugung zweier Nachbarn für zwei Jahre älter erklärt worden war. Das Mindestalter für eine Heirat und Einreise war 16.
Da Hayat erst 14 war, war diese Aussage notwendig.
Osman würde auf keinen Fall zu seiner Hochzeit kommen. Der älteste Bruder wurde bevollmächtigt, an seiner Stelle die Heiratsurkunde zu unterschreiben.
Yusuf erschien und Hayat stand mit der Stellvertretung ihres unbekannten Ehemannes am Standesamt. Als verheiratete Frau flog sie einen Tag später nach Deutschland. Der Himmel blau, ein lichtdurchfluteter Tag. Hayat, aus den Umarmungen gelöst, atmete tief durch. Der letzte Blick durch das kleine Fenster des Flugzeugs auf die bekannten und vertrauten Farben der Heimat und dann das Gefühl einer großen Einsamkeit. Sie fühlte sich ausgeliefert, ausgeliefert dieser Maschine und dem Unbekannten, was auf sie zukommen würde.
Die Farbe der Wolken änderte sich, der Himmel wurde grau und je näher sie ans Ziel kam, verdunkelte er sich. Unfreundlich, kalt und beängstigend begrüßte er die Erfüllung ihrer Träume.
Hayat klammerte sich an die Lehne des Sitzes und ließ sich ein auf die Landung, den Sturz in eine Tiefe, die sie gnadenlos entgegennahm.
Die üppige Beleuchtung des Flughafens nahm sie erst nicht wahr, alles schien ihr eingehüllt in Dunkelheit. Die Passagiere schoben sie voran, in die Reihe der Wartenden. Beamte lächelten über den frisch ausgestellten Pass und wünschten viel Glück. Eine türkische Frau hielt ihren Arm, zog sie zur Seite mit den Worten: „Lächle, lächle, es ist alles halb so schlimm.“ Sie wischte Hayats Tränen ab, schob ihr das Kinn in die Höhe und führte sie mit festen Schritten geradewegs in die Arme Osmans. Mit einem Strauß stacheligem Grün, eigenartigen roten Blüten und goldenen Bändchen verziert, begrüßte er sie. Schüchtern und verlegen erkundigte er sich nach Flug und Koffer, wortlos brachte er sie zum Auto.
Im Wagen saßen ein Kollege und eine deutsche Frau, sie hielten auf ihrem Schoß einen herzförmigen Luftballon und gratulierten zur Hochzeit. „Hos geldiniz“ und „tebrik ederiz“ bemühte sich die Deutsche zu sagen. Hayat lächelte.
Wohlwollende Blicke, die Hayat trafen, und die Fahrt durch hell erleuchtete Straßen nahmen ein wenig ihre Angst. Verstohlen schaute sie auf Osmans Hand, gepflegt und sicher ruhten sie auf dem Lenkrad. Sie sah sein Profil, bemerkte den frischen Haarschnitt, die gerade schmale Nase und dunkle nervöse Augen. Osman drehte sich zu ihr, schaute sie energisch an und sagte: „Beruhige dich, heute feiern wir mit meinen Freunden. Im Sommer fliegen wir in die Türkei und holen unsere Hochzeit nach.
Zu einer Hochzeit gehören unsere Landsleute, die Sonne und das richtige Essen. Hier ist nicht der richtige Ort, es ist viel zu kalt in diesem Land. Hier genügt es, dass wir uns wärmen.“
Er lachte und schlug sich kurz auf das Knie.
Das Auto hielt vor einem Mehrfamilienhaus. Es war dunkelgrau verputzt, besaß einen kleinen Vorgarten mit Eisenstäben als Umzäunung. Die deutsche Frau führte Hayat in das zweite Stockwerk, auf halber Treppe zeigte sie auf die Tür zur Toilette. Die Männer schleppten Koffer. Vor der Türe lachten sie, sprachen Deutsch miteinander und ehe Hayat sich versah, hob Osman sie auf seine Arme und trug sie über die Schwelle. Erschrocken befreite sie sich und lachte mit, als sie von dieser deutschen Sitte erfuhr. Hayat schaute in die Wohnräume, ihr neues Zuhause. Schlicht und einfach die Polstermöbel, zwei Sofas, zwei Sessel, in hellen freundlichen Farben. Der große Tisch mit der handgearbeiteten Decke und sechs Stühlen erinnerte sie an die Türkei. In einer großen Schrankwand befand sich ein Fernsehgerät. Im Schlafzimmer wartete ein sehr breites Bett. Es war ausgestattet mit vielen bestickten seidigen Kissen.
Die Küche, eingerichtet mit allem Notwendigen, erwartete die kleine Gesellschaft mit Sektgläsern, Süßigkeiten und Salzstangen. Der erste getrunkene Alkohol ihres Lebens genügte, um Hayat völlig aus der Fassung zu bringen. Die Freunde verabschiedeten sich schnell und Osman begann mit Hayat ein Eheleben in Deutschland.
„Mit 14 ist man noch biegsam“, so drückte Osman es aus und übernahm die Führung in sämtlichen Bereichen. Hayat fügte sich, Osman war der Mann, der Überlegene. Außerdem hatte sie keine Chance, sich zu wehren.
Osman war zufrieden, alles lief so, wie er es sich gedacht hatte. Eine willige Frau, die sich geschickt anstellte und schnell das Neue begriff. Besonders interessiert war Hayat daran, die Sprache zu lernen. Jeden Abend erteilte Osman ihr Unterricht. Hayat gewöhnte sich an dunkles Brot, Schnee und Stiefel. Sie gewöhnte sich daran, eheliche Pflichten zu erfüllen und die Tränen bis zu der Zeit, wenn Osman aus dem Hause war, zu unterdrücken. Es gab Begegnungen mit türkischen Familien und vertrauten Klängen. Das Schönste jedoch war die Hoffnung auf eine Hochzeitsfeier im Sommer.
Bei Telefongesprächen mit der Mutter überkam sie das Heimweh so stark, dass die Mutter in strengem Ton an die Pflichten erinnerte und darauf aufmerksam machte, wie glücklich und zufrieden sie mit einem Mann wie Osman sein müsse. Er würde nicht trinken, ein angenehmes Leben bieten, nicht die Hand erheben und seine Frau sowie ihre Familie respektieren.
Hayat spürte die Schwere der Last, die ihr auferlegt wurde.
Der Frühling war der erste Lichtblick, das dunkle Land erhielt allmählich ein leichtes helles Gewand. Die Bäume wurden grün, der Himmel klar und die Tage wärmer. Hayat ging ins Freie, nahm Kontakt zu türkischen Familien auf und fühlte sich langsam dazugehörig. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit stillte sie aus Beschreibungen in Romanen. Die Umarmungen Osmans befriedigten ihn und hinterließen bei Hayat Angst vor einer Schwangerschaft.
Sie war noch nicht bereit und sah die Mädchen ihres Alters auf der Straße mit Rollschuhen fahren. Sie sah die Mädchen an der Ecke mit Gleichaltrigen stehen oder mit Jungen ins Kino gehen. Der Vater fiel ihr ein, gerne würde sie ihn wiedersehen. Sie teilte diesen Wunsch Osman mit. „Warte ab bis zum Sommer. Zu unserer Hochzeit in der Türkei wird er doch kommen, dann kannst du ihn fragen, wo er hier lebt. Hamburg ist groß.“
Im Mai wusste Hayat, dass sie ein Kind erwartete. Osmans Freude war groß, schon jetzt war er stolz auf seinen Löwen, Aslan sollte der Sohn heißen. Hayat spürte, wie sich die nächste Last auf sie legte. Sehnsüchtig schaute sie den rollschuhfahrenden Mädchen hinterher. Im Sommer wollte sie mit dem Vater darüber sprechen.
Osman kaufte Milch und Honig, er war besorgt um den Gesundheitszustand seiner Frau, schließlich war sie erst 14 Jahre und ihr Körper zart und schmächtig. Die Reise in die Türkei wurde verschoben, es wäre zu heiß und zu anstrengend in Hayats Zustand. Nach der Geburt wäre es viel schöner, in der Heimat den kleinen Sohn zu präsentieren. Hayat erblasste, sie wollte diese Worte nicht hören und schrie ihre Sehnsucht und das Heimweh in sein Gesicht. Ihr Körper bebte, das Schluchzen fand kein Ende.
Osman, fassungslos, hatte diese Reaktion nicht erwartet. Was war los mit der sonst so folgsamen Person? Was war in sie gefahren? Zornig fasste er Hayat am Arm und verbat sich mit harter Stimme derartige Ausbrüche. Heftig ließ er sie los, sodass sie zu Boden stürzte. Ein letzter Blick und Osman schlug die Haustüre hinter sich zu. Die Abende, die er außer Haus verbrachte, nahmen an diesem Tag ihren Anfang.
Als das Kind im Winter geboren wurde, spürte Hayat eine Veränderung, die sie weich und stark zugleich machte. Dieses kleine Wesen gehörte ihr alleine, sanft und zärtlich liebte sie das Kind. Die Enttäuschung, die Osman nach der Geburt des Mädchens empfand, machte sie stark. Hayat wusste, dass sie ihre Tochter schützen und behüten würde. So glücklich war sie noch nie.
Die kleine Leyla verstand es, mit ihrem Lächeln den Vater für sich zu gewinnen. Ein braves Kind, das selten schrie und ihn, wenn er mit dunklen Augen in die Wiege sah, anlachte. Die Familie wuchs ein Stück zusammen, sodass Hayat nach einiger Zeit den Wunsch äußerte, ihren Eltern das Kind vorzustellen. Die Reise in die Türkei stand noch aus.
Osman vertröstete sie wie gewohnt. Ohne einen Sohn könne er nicht in die Türkei, er hatte so viel davon geredet, dass es ihm jetzt peinlich sei, mit einer Tochter zu erscheinen. Er war aber bereit, die beiden Großmütter nach Deutschland einzuladen. Hayat bemerkte wieder dieses erniedrigende Gefühl. Sie spürte gleichzeitig Wut und bezeichnete Osman als Schwätzer und Lügner. Osmans Hand hinterließ lange Zeit ihre Spur in Hayats Gesicht.
Nach einem weiteren Jahr kam Aslan, der Löwe, zur Welt. Ein veränderter Osman gab dem Leben eine Wende, die sich Hayat niemals erträumt hatte. Die Reise in die Türkei, die Suche nach dem Vater, alle Wünsche erfüllten sich gleichzeitig und Hayat hatte das Gefühl, dass sie jetzt, mit 16 Jahren, den rollschuhfahrenden Mädchen nicht mehr hinterher zu schauen brauchte.
In der Türkei zeigte sich Osman von seiner besten Seite. Er war großzügig, lobte eine Frau und die gut erzogenen Kinder. Stolz trug er einen Anzug und ließ sich gerne im großen Auto auf der Straße bewundern.
In Deutschland machten sie den Vater ausfindig. Hayat bewunderte und verehrte ihn wie zu der Zeit ihrer Kindheit. Fragen stellen konnte sie nicht. Die deutsche Frau an seiner Seite und die gemeinsamen Kinder ließen dies nicht zu.
Aslan war nicht das ruhige Kind wie seine Schwester. Vom Vater zu allen erdenklichen Zeiten hochgehoben und vorgeführt, entwickelte er sich zu einem verwöhnten Bengel. Die Wohnung wurde zu eng, die Arbeit zu viel und als das dritte Kind, wieder ein Mädchen, geboren wurde, erlitt Hayat einen Zusammenbruch. Angewiesen auf die Hilfe türkischer Nachbarn, erholte sie sich langsam. Im Kreise ihrer Freunde wagte sie es, Osman um eine größere Wohnung mit eigener Toilette zu bitten. Sie wünschte auch einen Kinderwagen, Taschengeld und ärztliche Hilfe, damit es zu keiner weiteren Schwangerschaft kommen könne.
Osman musste reagieren, konnte nicht anders. Er bemühte sich, alles in Einklang zu bringen. Der Druck der Landsleute war groß.
Die nächste Zeit wurde einfacher für die Familie, sie fanden einen Weg, friedlich miteinander auszukommen. Hayat lernte begierig die deutsche Sprache und half in einem Kiosk beim Verkauf. Sie verdiente eigenes Geld und als Osman ihr in einer guten Stunde erlaubte, den Führerschein zu machen, war sie ihm dankbar. Für Hayat öffneten sich viele Tore, sie lernte neue Menschen und sah Perspektiven, die sie für sich in Anspruch nehmen wollte. Ihre Sprachkenntnisse verbesserten sich so, dass sie im Kindergarten zur Sprecherin der Eltern gewählt wurde. Die Arbeit am Kiosk ging gut von der Hand. Die jungen Männer, die bei ihr länger als nötig stehen blieben, mit den Augen flirteten, gefielen ihr. Sehr viel Zeit verbrachte sie außer Haus und fühlte sich dabei frei und glücklich. Die ungeliebte Hausarbeit schob sie von einem Tag auf den anderen, die Kinder vernachlässigte sie. Anfangs schaffte sie es gerade, das Abendessen für Osman bereit zu haben. Begeistert erzählte sie von den Erlebnissen des Tages und den Aufgaben, die sie mit Freude und Leichtfertigkeit erledigen würde.
Mit deutschen Freundinnen trank sie Kaffee und ging ins Kino. Die türkischen Frauen bevorzugten Cay und spielten Domino. Die Tage wurden zu kurz, die Arbeiten im Haus wuchsen über den Kopf. Hayat genoss die Freiheit, holte nach, was ihr bis jetzt verwehrt geblieben war. Die Träume von Liebe und Glück erfüllten sich in den begehrenden Blicken der jungen Männer, die ihr nachschauten.

Osman fand die Kinder oft alleine in der Wohnung. Er stellte Hayat zur Rede, doch deren Lebenslust war noch nicht gestillt. Sie lachte und verführte mit den Waffen einer Frau den verdutzten Osman. Diese Seite war ihm neu. Er genoss die gelöste, nicht mehr verklemmte Hayat, eine weitere Zeit blieb er blind gegenüber der Verwahrlosung im Haus.
Es dauerte nicht lange, bis Hayat das nächste Kind erwartete. Das passte nicht mehr in den Plan. Sie fühlte sich schwerfällig und lustlos. Die schlechte Laune übertrug sich auf Osman und die Kinder. Er schob dies auf die Schwangerschaft und hoffte auf eine strahlende Hayat nach der Geburt.
Das nächste Mädchen wurde geboren und eine überforderte Hayat brachte Elend in die Familie. Die gutgemeinten Ratschläge der türkischen Nachbarn halfen nicht mehr.
Die strengen Worte Osmans zeigten keine Wirkung, er resignierte.
Er fühlte sich ohnmächtig und kraftlos. Die täglichen Auseinandersetzungen, die ungepflegte Wohnung, die weinenden Kinder und ein leerer Magen zermürbten ihn und trieben ihn in die Arme einer deutschen Freundin.
In diesem Chaos schaffte es wieder ein türkischer Nachbar, Hayat wachzurütteln. Süleyman, ein Mann, der ihr Vater hätte sein können, schaltete die Ordnungsbehörde ein. Die Autoritätshörigkeit war das einzige Mittel, der Familie zu helfen. Als ihre Kinder sofort in ein Krankenhaus gebracht wurden, erkannte Hayat den Ernst der Lage. Sie schrie, jammerte und schwor, sich zu ändern. Was hatte sie getan, wie konnte dieses Unglück passieren? Mit einem Mal wurde ihr bewusst, welche Fehler sie begangen hatte. Zu jedem Opfer war sie bereit, ihre Kinder musste sie zurückbekommen.
Osman beschwor die Beamten mit eindringlicher Stimme, doch gnädig zu sein. Er übernahm die gesamte Verantwortung. Hayat und die Kinder würde er in die Türkei schicken, das wäre das Beste und die Garantie dafür, ein normales Familienleben wiederherzustellen. Hayat spürte den Boden unter den Füßen hinweg gleiten, ihr Herz verkrampfte sich. Apathisch und erschöpft ließ sie alles über sich ergehen.
Die Aussage Osmans erwies sich als richtig. Hayat blieb lange Zeit in der Türkei. Mit Hilfe der beiden Großmütter stabilisierte sich der Zustand.
Hayat entwickelte sich zu einer liebevollen Mutter, die Kinder wurden zum Mittelpunkt ihres Lebens.
Sie war zu einem neuen Leben mit Osman an der Seite bereit. Den Kindern konnte sie den Vater nicht vorenthalten, sie erinnerte sich an die schönen Zeiten mit Osman und musste sich eingestehen, dass es diese gegeben hatte.
Mit guten Vorsätzen und klopfendem Herzen wagte sie den Schritt der Annäherung. Den Kindern erzählte sie von der Sehnsucht des Vaters nach ihnen, die Anrufe zu Osman wurden bittend. Mit schmeichelnder Stimme teilte sie ihm ihre Pläne für die Rückkehr nach Deutschland mit. Osmann reagierte erst zögernd, zunächst wollte er in die Türkei fahren und sich persönlich ein Bild von der Veränderung seiner Frau machen. Diese Absicht schob er allerdings von Monat zu Monat auf. Es war schließlich seine Mutter, die ihn energisch auf seine Vaterpflichten hinwies und darauf bestand, Hayat und die Kinder nach Deutschland zu schicken.
Osman schickte die Flugkarten.
Mit den Kindern und klopfendem Herzen machte sich Hayat auf den Weg. Wie würde das Wiedersehen mit Osman verlaufen? Waren ihre Empfindungen ehrlich, war sie stark genug für einen Neuanfang? Am Flughafen in Deutschland suchte sie nach Vertrautem und bemerkte schnell, dass ihre Erinnerungen nicht verblasst waren. Hayat war froh, sich nicht als Fremde zu fühlen, und doch verlief der Tag ihrer Ankunft anders als erwartet. Pünktlich landeten sie. Wie vereinbart warteten sie auf den Mann und Vater. Am Flughafen keine Spur von Osman.
Hayat wurde nervös, ihre Unruhe stieg, hoffentlich war ihre Entscheidung richtig. Die Kinder wurden ungeduldig. Mit einem Blick auf sie, beruhigte sie sich. Es waren Osmans Kinder und sie wusste, wie glücklich und stolz er mit ihnen war. Sicher hatte es für die Verspätung einen Grund.
Als die Zeit des Wartens zu lang wurde, rief sie kurzerhand ein Taxi, das sie zur Wohnung brachte. Sie klingelte und klopfte heftig.
Ein verstörter und verschlafener Osman öffnete die Tür. Wie konnte das möglich sein? Die Termine waren genau bekannt, Hayat spürte den Boden unter den Füßen schwanken, ihre Hoffnung schwand. Gleichzeitig bäumte sich etwas in ihr auf, sie fühlte, dass sie genügend Kraft hatte, mit dieser Situation fertig zu werden.
Osman war nicht alleine. Zielbewusst ging Hayat ins Schlafzimmer und beförderte die leicht bekleidete Dame, die sich dort befand, aus dem Haus.
Osman, willensschwach und müde, überließ sein Leben der starken Frau, die Hayat geworden war.
Die Erziehung der Kinder wurde ihre gemeinsame Aufgabe. Ein guter Schulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung war das Ziel dieser Bemühungen.
Ansprüche an das eigene Leben setzten sie hintenan, der Plan funktionierte.
Aslan beendete ein Studium zum Informatiker, Leyla studierte Sprachen, Aylin wurde Lehrerin und Lale machte sich auf den Weg nach Amerika, als Au-pair-Mädchen für ein Jahr.
Osman und Hayat fanden Zeit für die Scheidung. Osman trennte sich von der deutschen Freundin und begab sich auf die Suche nach einer neuen Frau in der Türkei.
Hayat erlernte den Beruf der Altenpflegerin und versuchte das Glück in einer neuen Ehe. Erol entpuppte sich als Spieler und Trinker, sodass der Versuch vor dem Scheidungsrichter ein rasches Ende fand.
Hayat ließ sich nicht entmutigen, sie lebte ihr Leben unabhängig von irgendwelchen Fremdeinflüssen. Es war Kismet, Schicksal, dass die Mutter für sie den Namen Hayat, das heißt „Leben“, ausgesucht hatte. Sie machte dem Namen alle Ehre und erfüllte ihr Leben mit Dingen, die ihr gut taten.

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