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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Heimatkonstruktionen
Eingestellt am 05. 11. 2010 13:15


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Lakritze
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2010

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Niemand kann ohne Emotionen ĂŒber Heimat sprechen. FĂŒr die einen ist sie die ideale Geborgenheit, ein Sehnsuchtsort, nie wieder ganz erreichbar; ĂŒber andere bricht Stickigkeit herein, das schunkelnde Spießertum ihrer AlptrĂ€ume, wenn sie das Wort nur denken.

Heimat war einmal der Geburtsort. Scholle, Besitz, Heim und Herd waren und verblieben dort, meist ein Leben lang, und das hieß: im gleichen Bett, in den gleichen Mauern sterben, in denen man zur Welt gekommen war. So war das eben.

Heute ist Heimat nichts Einfaches mehr. Sie wird vergöttert oder verteufelt und frĂŒher oder spĂ€ter verlassen. Oft ist sie gar kein Ort, sondern Schrankgeruch, Sonnenflecken auf Teppichboden, eine sanfte Hand, kleine Geheimnisse, aufgeschĂŒrfte Knie. Sie formt uns, ehe wir es wissen, wie ein körpernahes KleidungsstĂŒck.

SpĂ€ter, aus ihr herausgewachsen, suchen wir neue Welten – und in jeder immer wieder eine Heimat. Notfalls mit der Seele. Heimatlosigkeit macht frei und traurig, traurig und frei.

Ich und du, wir wĂ€hlen unsere Heimat aus. Da wo es schön ist, wo es Arbeit gibt, wo es uns gutgeht, wo man uns versteht: Da setzen wir uns, verwurzeln uns so weit wie möglich und schaffen uns die nötige Geborgenheit. Wenn es sein muß, mehrmals; nacheinander oder gleichzeitig.

Aber die eine, alte Heimat hat uns, bis in unsere TrĂ€ume. Sie trĂ€gt oder fesselt uns, manchmal beides zugleich, und macht sich zum Maßstab fĂŒr alle Welt. Ob wir wollen oder nicht: Ein einziges Klappen einer TĂŒr, ein Geschmack, ein Wort trĂ€gt uns Jahre zurĂŒck, und wir sind wieder klein und können noch alles oder ĂŒberhaupt noch nichts.

Niemand kann ohne Emotionen ĂŒber diese alte Heimat sprechen. Vor ihrem Hintergrund spielt unser Leben; als Teil von uns bestimmt sie, wie fest wir stehen, wie hoch wir fliegen, was wir loslassen und was wir halten.

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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

Werke: 149
Kommentare: 1964
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Konstruktionen...

Ja, ein sehr schöner, fast schon "altersweiser" Text, der trotzdem keine Spur von VerklÀrung oder Idealisierung zeigt. Das Gegenteil ist der Fall, und das wird in diesen SÀtzen sehr prÀzise auf den Punkt gebracht:

Ich denke, Heimat besteht aus Erinnerungen. Und jedes (selbstgeschaffene) Zuhause orientiert sich in irgendeiner Form, als Rekonstruktion oder Gegenentwurf, an der Heimat, in die man ungefragt hineingestellt wurde. Insofern sind beide, Heimat wie Zuhause, Konstruktionen.

Heimat wird vor allem, denke ich, aus den guten Erinnerungen "synthetisiert", zum einen.

Zum anderen wird wohl fast jeder festgestellt haben, dass man sich in schwwierigen Lebenslagen zwar nach "Heimat" oder einem "Zuhause" sehnt, dass diese/dieses jedoch, je nach situativ bedingtem Kontext und den damit zusammenhĂ€ngenden Assoziationen, die unterschiedlichsten Formen annehmen kann: Haben wir im Beruf Stress, kann eine bestimmte frĂŒhere Anstellung plötzlich als das Ideal beruflicher ErfĂŒllung erscheinen, uns also als "Heimat" durch den Kopf spuken. Haben wir Probleme mit dem Partner, erinnern wir uns vielleicht an gute Zeiten mit einem lang "verflossenen" Menschen. Trifft unsere Zunge ein bestimmter Geschmack, werden UmstĂ€nde reproduziert, unter denen dieser Geschmack von angenehmen UmstĂ€nden begleitet war usw. Die "Negativelemente" werden von der gesunden Psyche in der Regel aus dem Erinnerungspuzzle ausgeblendet oder mindestens abgeschwĂ€cht...

Folglich also, und jetzt komme ich zum Schluss meiner leicht langwierigen ErlĂ€uterungen: wir haben nicht nur eine Heimat, es dĂŒrften mehrere sein.

P.





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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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hallo lakritze,
ein fĂŒr mich ausgereifter text, der sich assoziativ
mit der morphologie von heimat beschÀftigt.

bei der suche nach einem ort, ist heimat meistens schnell gefunden. doch, ist wie du sagst hier etwas komplexeres am werk,
das der einzelne nur schwer beeinflußen kann:
die summe der erinnerungen,erfahrungen drĂŒckt dem modernen
menschen seinen stempel auf.
so ist heimat oft da wo uns die erinnerungen hinfĂŒhren.
das bedeutet aber auch, das heimat sich Àndert, wÀchst, abstirbt
mit dem gedÀchtnis.
interesant ist hier ein blick zurĂŒck und auch nach vorn:

was bedeutete heimat fĂŒr nichtseßhafte völker, die ortsungebunden leben, die mit ihren herden ziehen.
wo hatte der begriff noch keine bedeutung?
wo fand er sie?
und was bedeutet es fĂŒr uns moderne menschen, die ihre heimat, sesshaftigkeit immer da suchen wo sie die arbeit hinfĂŒhrt.

so bleibt sie heute ein utopia, ein paradies aus erinnerungen,
an dessen auen der einzelne sich abends, vielleicht mit einem
glas rotwein, niederlĂ€ĂŸt ; ein traum?!
lg
ralf
__________________
RL

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