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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Heimkehr
Eingestellt am 12. 02. 2018 20:25


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Lord Nelson
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Heimkehr

Erich reckte neugierig den Hals. Er bog einige F├Ącher der Zimmerpalme zur Seite und starrte mit offenem Mund. Was er sah, erschien ihm v├Âllig unerkl├Ąrlich. Erich wandte den Blick nicht vom R├╝cken der Frau, die soeben im B├╝cherregal verschwand. Verwirrt schlurfte er zu der Stelle zwischen B├╝cherregalen und Wand, an der sich ein schmaler Spalt soeben sachte schloss. Erich erkannte mit Staunen, dass es sich gar nicht um Regale handelte, sondern um eine mit t├Ąuschend echt wirkenden B├╝cherreihen bemalte T├╝r. Jetzt entdeckte er auch eine T├╝rklinke. Die T├╝r ging ganz leicht auf. Erich sp├Ąhte vorsichtig durch den Spalt. Dr├╝ben sah es genau so aus wie hier. Derselbe dezente, pflegeleicht gemusterte Teppichboden. Dieselben un├╝bersichtlich verzweigten G├Ąnge, in einem freundlichen Apricotrosa gestrichen und in gewissen Abst├Ąnden durch Fenster und Terrassent├╝ren erhellt. Dieselben gro├čen, in fr├Âhlichen Farben gemalten Blumenbilder, die stattlichen K├╝bel mit buschigen Gr├╝npflanzen. Erich schl├╝pfte durch den T├╝rspalt, wandte sich um und sah zu, wie die T├╝r langsam zufiel. Es war eine ganz normale T├╝r mit Milchglasf├╝llung. Von dieser Seite aus sah er die aufgemalten Regalreihen nur noch schwach durchschimmern.

Erich nahm die erstaunliche Entdeckung wie selbstverst├Ąndlich hin. Ohne gro├č zu ├╝berlegen, folgte er dem Verlauf des Hauptganges. Die Gestalten, die dort vereinzelt herumspazierten, beachteten ihn ebenso wenig wie er sie. Dieses allgegenw├Ąrtige und doch so fremde Apricotrosa verursachte ihm Unbehagen. Er w├Ąre so gerne wieder daheim. Er blickte durch eine der Terrassent├╝ren hinaus. Die gepflegte Gr├╝nanlage f├╝hrte ums Haus herum bis zur Stra├če, wo sie durch einen hohen Zaun von einem belebten Gehweg getrennt war. Aber wieso wusste er das? Blitzartig schoss ihm die Erinnerung in den Kopf: Wie er einmal versucht hatte, ├╝ber die Terrasse nach drau├čen zu entkommen. Wie er an dem hohen Drahtzaun emporgeklettert war, den Passanten auf der Stra├če dabei verzweifelt ÔÇťHilfe, Hilfe!ÔÇŁ entgegengerufen hatte. Es hatte nichts genutzt. Man hatte ihn trotz heftiger Gegenwehr in sein Zimmer zur├╝ckgebracht. Dass ihm diese Episode jetzt so pl├Âtzlich wieder einfiel! Die hellen Momente waren selten geworden in seinem Leben. Meistens f├╝hlte er sich ziemlich benebelt. Ob das an den Medikamenten lag? Einmal hatte er den Stationschef direkt hinter seinem R├╝cken dar├╝ber reden h├Âren. Unverhohlen, geradezu schamlos. ÔÇťWir geben ihm jetzt st├Ąrkere Psychopharmaka.ÔÇŁ Erich hatte sich diese Information so fest er konnte eingepr├Ągt.

Am Ende gabelte sich der Gang. Nach links ging ein schmaler Seitengang ab, der offenbar in eine K├╝che m├╝ndete. Nach einem verstohlenen Blick auf das hektische Treiben wandte sich Erich dem n├╝chternen, mit grauem PVC belegten Gang gegen├╝ber zu. Hier gab es viele T├╝ren, doch es war kein Mensch zu sehen. Am Ende dieses Ganges h├Ârte er Stimmen. Er glaubte Geplauder und Lachen zu vernehmen. Erwartungsvoll beschleunigte er seine Schritte. Als er das lichtdurchflutete Foyer erblickte, in dem Senioren in lockeren Runden Brettspiele spielten, andere beisammen sa├čen, wieder andere einfach so herumstanden und guckten, da brach die Erinnerung pl├Âtzlich ├╝ber ihn herein.

Glasklar hatte er den Tag vor Augen, als er zusammen mit Marthe hier im Foyer angekommen war. Aber wo war Marthe nur? Er vermisste sie so. Erich sp├╝rte eine Tr├Ąne seine zerknitterte Wange hinunterlaufen. Kurz lie├č er sich auf einem Holzb├Ąnkchen am Rande des Foyers nieder und bem├╝hte sich, den Gedanken fortzuf├╝hren. Marthe w├╝rde ihn niemals allein lassen. War sie etwa tot? Er konnte sich nicht daran erinnern, aber ein dumpfer Schmerz tief im Inneren verriet ihm zweifelsfrei, dass es sich so verhielt. Marthe war nicht mehr. Was sollte er ohne sie noch hier, wo ihm alles fremd war? Er wollte fort. ÔÇťHeimÔÇŁ, dachte er sehns├╝chtig. Doch das war nicht m├Âglich. Er wusste genau, dass es hier keinen Weg hinaus gab. Tag um Tag pflegte er unbeirrt durch diese apricotfarbenen G├Ąnge zu schlurfen, die einander aufs i-T├╝pfelchen glichen, stets auf der vergeblichen Suche nach einem Ausgang - auch daran erinnerte er sich jetzt.

Erich blickte verloren ├╝ber das Foyer hinweg und entdeckte auf einmal die breiten Glast├╝ren gegen├╝ber, die auf die Stra├če f├╝hrten. F├╝r einen Moment blieb die Zeit stehen. Das Herz klopfte ihm bis zum Halse. Ein Ausgang! Da war sie, seine lang ersehnte Chance, auf die er schon nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. In seinen stumpfen Augen regte sich ein lebendiges Funkeln. Jetzt w├╝rde er also doch noch heimkommen. Erich l├Ąchelte und erhob sich m├╝hsam. ÔÇťHeimÔÇŁ, murmelte er gl├╝cklich. Wie dieses ÔÇťheimÔÇŁ aussehen sollte, davon hatte er keine rechte Vorstellung. Doch darauf kam es nicht an. ÔÇťDaheimÔÇŁ, das war der Ort, von dem er nie wieder weg wollen w├╝rde.

Erich blinzelte. Die Sonne schien hell und der Himmel strahlte in einem fantastischen Blau, doch es war bitter kalt. Auf den Pflastersteinen klebten hartgefrorene Reste von Schnee. Entschlossen wandte er sich nach rechts und schritt aus, so rasch es seine steifen Beine zulie├čen. Schon nach wenigen Minuten begann er in seiner d├╝nnen Kleidung und den Hausschuhen j├Ąmmerlich zu frieren. Von hinten h├Ârte er eilige Schritte. ÔÇťDa sind Sie ja, Herr LohseÔÇŁ, rief eine weibliche Stimme au├čer Atem, ÔÇťwas machen Sie denn bei der K├Ąlte da drau├čen?ÔÇŁ Die Stimme klang aufrichtig besorgt. Ein w├Ąrmender Arm legte sich f├╝rsorglich um Erichs in der Eisesk├Ąlte schlotternden Leib und st├╝tzte ihn. Freundliche Augen l├Ąchelten ihn an. Eine zarte Hand ergriff die seine. ÔÇŁKommen Sie, wir gehen wieder zur├╝ck ins Warme. Drau├čen k├Ânnen Sie sich ja sonstwas holen. ÔÇŁ

Zum Abendbrot f├╝hrte man ihn in den kleinen Speisesaal. ÔÇťHier, Ihre SchmerzmittelÔÇŁ. Erich nahm die bunten, mit einem Essl├Âffel gereichten Pillen in den Mund und schluckte dazu gehorsam Wasser aus dem Becher, den man ihm an die Lippen hielt. Mit seinen knochigen Fingern ordnete er die mundgerecht vorgeschnittenen belegten Brote auf seinem Teller um. Er war hochkonzentriert. Vorsichtig packte er die Wurst- und K├Ąsescheibchen und schichtete sie gewissenhaft ├╝bereinander. Wohin nun mit den klebrigen Brotst├╝cken? Er wusste es nicht, kam einfach nicht darauf. Denk nach, dachte er, w├Ąhrend seine innere Unruhe wuchs. Das Denken fiel ihm schwer. Verzweifelt wischte er alles vom Teller. Er f├╝hlte sich uns├Ąglich fremd. Nichts war ihm hier vertraut. Mit allen Fasern seines Herzens w├╝nschte er sich heim. Er durfte nicht aufgeben. Gleich morgen w├╝rde er nach einem Ausgang suchen. Es musste doch einen Ausgang geben, herrgottnochmal. Den m├╝sste er nur finden. Dann w├╝rde er heimkehren, und alles w├╝rde gut.


Version vom 12. 02. 2018 20:25
Version vom 31. 03. 2018 11:52

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Lord Nelson
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Sodele,

ich setze hier noch einmal mit der Ursprungsversion der Kurzgeschichte auf.

In der ersten Neuversion greife ich die Korrekturen von Val Sidal und auch die hervorragenden dramaturgischen Tipps von James Blond dankbar auf.

Obwohl ich mit Argusaugen nach weiteren Fehlern suchte, fielen mir keine mehr auf. Trotz der vielen Wochen Abstand sind mir die eigenen Worte halt immer noch zu vertraut ...

Falls einer der Leser die Berechtigung dazu haben sollte, so w├╝rde es mich freuen, wenn er den Thread in ÔÇťHeimkehrÔÇŁ umbenennen k├Ânnte - vielen Dank.

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Lord Nelson
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Hallo Silbenstaub,

vielen lieben Dank f├╝r deine Anmerkungen. Hab soeben die Interpunktionsfehler bereinigt, die du mit Argusaugen noch gefunden hast. Kommasetzung bei direkter Rede ist f├╝r mich die H├Âlle, aber ich beginne mich daran zu gew├Âhnen.

Die Vorg├Ąngerversionen findest du ├╝brigens als Link mit dem jeweiligen Datum direkt unterhalb des Textes angelistet. Sobald es zu einem Text mindestens eine Antwort gibt, wird jede ab da gemachte ├änderung mit ├änderungsdatum mitprotokolliert. Da ich den Beitrag schon vor L├Ąngerem eingestellt und gel├Âscht hatte, habe ich hier korrekterweise mit dem Originalbeitrag aufgesetzt - obwohl sich imho kein Mensch die M├╝he machen wird, noch die alten Versionen in Augenschein zu nehmen.

LG Lord Nelson

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