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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Heimlich
Eingestellt am 18. 02. 2015 12:56


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Martin Kirchhoff
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Registriert: Feb 2014

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Heimlich

Langsam nehme ich die Sonntagszeitung von meinen Oberschenkeln, wedle Luft herum, werfe sie dann zum Tisch. Knapp am Ziel vorbei segelt sie auf den Boden, auf dem sie zum blauen Teppich einen reizvollen Kontrast bildet, der mich sogleich einnimmt und zum Aufstehen bewegt. Ziellos schaue ich mich um, denke, ich k├Ânnte mal wieder aufr├Ąumen, zum Weihnachtsfest, neu geordnet das alte Jahr verlassen. Schon stehe ich vor der Sonntagszeitung, b├╝cke mich und lasse meine Finger in der Luft h├Ąngen mit der Frage im Kopf, warum ich den zuf├Ąllig entstandenen Kontrast aufl├Âsen m├Âchte? Also richte ich mich auf, gehe zum Fenster, das mir einen Ausblick auf den unentschlossen zwischen den Jahreszeiten stehenden Garten pr├Ąsentiert. Verschwommen tauchen alte Szenen und Bilder auf, die sich vermischen, wieder verschwinden. Damals, denke ich, bemerke den roten Kater der Nachbarn, der ├╝ber das brach liegende Beet schleicht, stehen bleibt, die B├Ąume inspiziert, weiter wandelt auf seiner Bahn, die er seit Jahren t├Ąglich durchstreift. Keine Gefahr f├╝r die V├Âgel, er ist alt, m├Âchte nicht mehr klettern. Ob ich alt bin, ├╝berlege ich, l├Ąchle vor mich hin und wei├č, auch ich m├Âchte nicht mehr klettern. Die Karriereleiter ist morsch geworden. Da mal gearbeitet, dort, heute hier, wie ich wohl bleiben werde, zu alt zum Wechseln. Einfach bleiben und leben, Tag f├╝r Tag und froh sein, dass es so ist, wie es ist.
Der Kater ist aus dem Garten verschwunden, ich l├Âse mich vom Fenster, lasse mich am Tisch nieder, auf dem Papiere liegen. Mit einem Ruck springe ich auf, gehe in die K├╝che, in der ich die Filtert├╝te die Kaffeemaschine stecke, zwei L├Âffelchen Pulver reinschaufle, Wasser eingie├če, den Knopf dr├╝cke, der rot aufleuchtet. Hella freute sich, wenn ich Kaffee machte. In der ersten Phase unserer Beziehung. Sp├Ąter wollte sie ihn nicht mehr, dann mich nicht mehr; so lebten wir noch vier Jahre nebeneinander her, gehen spazieren, unterhalten uns, froh dar├╝ber, dass wir uns kennen. Mehr nicht. Das gen├╝gt. L├Ąchelnd gie├če ich den Kaffee in die Tasse, r├╝hre um und kehre in die Stube zur├╝ck. Am Tisch nehme ich eines der Papiere zur Hand, auf dem die ersten Notizen der Geschichte "Ganz liternat├╝rlich" stehen, die ich nie beendete. Alles ist in den Anf├Ąngen irgendwie stecken geblieben. Jede Geschichte, jede Handlung, jeder Plan und das Leben ist geflossen, zuf├Ąllig, alles so, wie es wollte. jede Ver├Ąnderung birg Gefahren in sich, glaube ich, weil es immer so war.
L├Âcher in die Luft starren zucke ich die Achseln, gedankenverloren in den Papieren kramend, die sich auf der Tischplatte ansammelten. Entw├╝rfe anderer Welten. Rechnungen und Mahnungen. Pl├Âtzlich bleibt mir ein Foto an den Fingern haften, ich l├Âse mich von den treibenden Gedanken, betrachte es. Im Hintergrund eine Hecke, darin ein fluchtbereites Rotkehlchen, davor ich, vor vielleicht vier oder f├╝nf Jahren, quietschvergn├╝gt in einer gelben, knallengen Badehose. Das soll ich sein, schie├čt mir durch den Kopf. Damit, f├Ąllt mir ein, bewarb ich mich als Mann des Jahres der Gro├čen Kreisstadt L├Ânberg. Kommentarlos wurde es nach Monaten zur├╝ckgeschickt. Anschlie├čend zweifelte ich mal wieder an mir, zog mich zur├╝ck, m├╝de geworden. Lustlos lasse ich das Foto fallen, greife in den Papierstapel, den ich hoch werfe und fasziniert beobachte, wie die Papiere bodenw├Ąrts schweben, hin zum blauen Teppich. Neue Kontraste entstehen. Mit der Kaffeetasse in der linken Hand springe ich auf, haste durch die K├╝che ins Badezimmer, in dem ich mich vor dem Spiegel aufstelle. Vor mir steht eine graue, knittrig verzagte, in sich zusammengesackte Gestalt, einer Mumie gleich, die mir zul├Ąchelt, mir winkt. Erschreckt trete ich einen kleinen Schritt zur├╝ck, halte inne und werfe den n├Ąchsten Blick auf den ungebetenen Gast, dem ich rasch ausweiche, bis ich auf den Rand der Dusche sto├če, ├╝ber den ich stolpere. Suchend greifen beide H├Ąnde um sich, krallen sich in den Vorhang, der aus den Ringen springt und sich ├╝ber mich legt. Sehr langsam, vom Schreck getroffen, richte ich mich auf, schiebe den Stoff zu Seite, schon sp├╝re ich die wallenden Schmerzen in meine Schulter und den R├╝cken stechen. Qu├Ąlend langsam erhebe ich mich und schleiche in die K├╝che. Vorsichtig schaue ich mich um. Niemand da, selbst die Mumiengestalt nicht. Allein auf der Fl├Ąche, seit Jahren. Endlich gehe ich weiter, in den Flur, ziehe mir den hellen Mantel ├╝ber, suche dann meine Stra├čenschuhe, die ich endlich in einem der Schr├Ąnke finde. Zur Flucht bereit, ziehe ich mich in die Stube zur├╝ck, lasse mich am Tisch nieder. Zeit vergeht, insgeheim warte ich auf etwas, ein Klingeln, eine Stimme, eine Bewegung, atme ein und aus, schneller, immer schneller, pl├Âtzlich r├Âchelt ein dunkles Lachen aus mir, ich schmettere meine Faust auf den Tisch und mache mich endlich ans Werk. Intuitiv verr├╝cke ich die St├╝hle, stelle das Sofa mitten in den Raum, die Beine nach oben. Darauf platziere ich den Tisch, verteile die St├╝hle, die ich stelle oder lege, ohne zu ├╝berlegen. Nach Stunden bin ich einverstanden mit der Ver├Ąnderung. "Klettern m├Âchte ich nicht mehr", manifestiere ich laut, lege mich dann m├╝de und zufrieden auf den K├╝hlschrank, der jetzt unter der Dusche liegt und f├╝hle mich wohl in dieser, meiner neuen Welt, meinem ersten gelungenen Entwurf.

Martin Kirchhoff

Version vom 18. 02. 2015 12:56

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