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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Heimlich mithören
Eingestellt am 05. 07. 2011 11:04


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Damals in Amsterdam ... Es war eines der alten Häuser an der Warmoesstraat; ich kann mir nicht vorstellen, dass es heute noch steht. Schon damals blühte schwärzlich der Schimmel in den Ecken des alten Gemäuers. Ich glaube, mein Zimmer lag nur knapp über dem Wasserspiegel des Damrak, auf den die Rückfront der Absteige ging. Der Wirt erzählte gern, was die Altstadtbewohner alles aus ihren Häusern ins Wasser warfen, sogar ausgediente Waschmaschinen waren darunter. Und am gegenüberliegenden Ufer bestiegen arglose Touristen die Boote der Grachtenrundfahrten. Davon sah ich nichts, denn mein Zimmer lag an einem dunklen Kellergang und war selbst fensterlos. Wer einmal Hans-Henny Jahnns "Die Nacht aus Blei" gelesen hat, kann sich die Atmosphäre dort unten vorstellen. Es gab da Insekten, die ganz ohne Tageslicht auskamen.

Die Belüftung des Zimmers erfolgte über einen kleinen Luftschacht, dessen Schieber per Hand verstellbar war. War er offen, hörte ich viele Geräusche aus den Räumen über mir: Türenschlagen, Wasserrauschen, Gemurmel, Flüche, Stöhnen. Auf die Dauer wirkte es monoton, einschläfernd.

Einmal wurde dort oben, in der Beletage, über mich gesprochen, und diesmal verstand ich jedes Wort. Ich hatte die beiden Hamburger beim Frühstück und an der Rezeption gesehen, doch bisher kein Wort mit ihnen gewechselt. Sie waren mir bieder und unscheinbar vorgekommen.

"Hast du bemerkt, dieser Berliner (das war ich) - dieser Berliner hat immer ein Buch dabei." Das stimmte nur zum Teil, oft war es stattdessen auch eine Zeitung. Doch wollte ich gerade jetzt nichts richtigstellen.

"Ja, ist mir auch schon aufgefallen", sagte der andere, "du, ich glaube, der will - - - "

Es spielt keine Rolle, um welches Detail aus der Psychopathia sexualis es sich handelte. Jedenfalls wusste ich mich frei von solchen Wünschen. Wie kam er zu dieser Vermutung? Hatte er vielleicht seine eigenen Wünsche auf mich projiziert? Mit angehaltenem Atem horchte ich weiter, doch sie wechselten leider schon das Thema.

Selten habe ich so krass empfunden, wie wenig unser eigenes Bild von uns sich mit dem der anderen deckt. Wir werden permanent verkannt und falsch eingeschätzt. Andererseits: Wer kennt sich selbst und seine geheimsten Wünsche tatsächlich? War vielleicht doch etwas dran? Lassen wir es offen.

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