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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Heimtückische Sicherheit
Eingestellt am 03. 10. 2007 18:03


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Anysa
Autorenanwärter
Registriert: Jul 2007

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Stille ist um sie herum, Schwärze umgibt sie. Ein leichter Schwindel ist in ihrem Kopf und ein metallischer Geschmack hat sie auf der Zunge.
Langsam dringen Geräusche an ihre Ohren.
Plötzlich ist sie wieder wach. Sie kann ihre Umgebung zuerst gar nicht richtig wahrnehmen. Sie streckt ihre Hand aus und berührt etwas. Es ist hart, kalt und grau. Es ist ein Fels! Sie blickt nach unten und versteht erst jetzt ihr Gefühl der Schwerelosigkeit.
Unter ihren Füssen ist nichts. Sie kann nur schemenhaft den Boden sehen. Ihr Körper hängt in ihrem Klettergurt. Jede Stelle schmerzt furchtbar. Der metallische Geschmack in ihrem Mund ist das eigene Blut. Ein Windböe erwischt sie und lässt sie hin und her schwingen. Das Sicherungsseil knarrt im Wind.
„Was ist nur passiert?“ fragt sie sich leise.
„Bleib ruhig. Du darfst dich nicht bewegen“, antwortet ihr eine Stimme. Sie schaut nach oben und sieht eine Personen stehen. Das Gesicht ist unscharf und verschwommen. Sie blickt wieder nach unten, fährt mit ihrer Hand über die Augen. Als sie wieder nach oben schaut erkennt sie das Gesicht vor ihr.
„Was ist hier los? Was ist passiert?“
Sie wartet auf eine Antwort. Der Schmerz in ihrem Kopf nimmt immer mehr zu. Blut fließt ihre Wange lang runter und tropft in die Tiefe. Der Gurt schneidet ihr tief ins Fleisch.
„Du bist in dem Kamin ausgerutscht und gestürzt. Die Seile haben deinen Fall gebremst. Bleib ruhig, ich helfe dir!“
Die Worte hört sie kaum. Sie muss mit Erschrecken feststellen, das nur noch ein Seil sie hält. Ihr zweites Sicherungsseil hängt schlaf am Gurt. Sie greift nach diesem Seil und schaut sich den Karabiner an. Der ist in zwei Teile gebrochen.
„Wie ist das möglich?“, fragt sie sich. Ihr Herzschlag beschleunigt sich, das Blut peitscht durch ihre Adern. Der Druck im Kopf wird immer stärker. Arme und Beine beginnen zu zittern, als ihr das gesamte Ausmaß ihrer Situation klar wird. Schweißperlen vermischen sich mit dem Blut aus ihrer Kopfwunde. Ihr ist heiß und kalt zugleich, der Atem kommt nur noch stoßweise aus ihrem Mund und bildet kleine Wölkchen.
„Scheiße!“, ruft sie und blickt panisch nach oben.
„Als du den Kamin nach unten gefallen bist“, erklärt er ihr „ist einer deiner Karabiner unglücklich auf den Sicherungsbolzen gefallen und gebrochen.“
„Ich denke, die Dinger halten 900 Kilo. Ich bin doch kein Walross!“
„Nein, der Karabiner ist über Eck gefallen. Dafür sind die nicht ausgelegt.“ Wut steigt in ihr auf. „Und so einen Mist gibst du mir. Bist nicht mehr ganz klar im Kopf?“
Nervös und mit zittrigen Händen hangelt sie nach dem Drahtseil über ihr. Es ist aber zu weit weg. Immer mehr streckt sie sich, Laute der Anstrengung entringen sich ihrer Kehle. Ohne das sie es bemerkt kullern ihr Tränen über die verschrammten Wangen. Ihre Finger erreichen das sichere Drahtseil nicht. Sie beginnt immer mehr zu schwingen, stößt mit dem Felsen zusammen. Das Sicherungsseil knirscht beängstigend.
„Hör auf damit!“ ruft ihr Freund von oben herab. „Das Seil hängt über einem spitzen Absatz. Du reibst es gerade durch.“
Ihr ganzer Körper scheint nun in Flammen zu stehen. Ihr Blut hat Lichtgeschwindigkeit erreicht und ihr Herz scheint aus dem Brustkorb springen zu wollen.
„Hilfe mir doch!“ ruft sie ihrer einzigen Rettung entgegen. Dieser ist langsam zu ihr abgestiegen. Er hat viel Mühe, da das Gestein sehr glatt ist und es nur wenige Tritte gibt. Als er endlich einen einigermaßen sicheren Stand hat, sichert er sich mit einem dritten Karabiner und schaut zu ihr herab. „Hör mir genau zu.“ Sie weint nun hemmungslos, versucht immer wieder das Drahtseil zu erreichen. „Hör auf damit und schau mich an.“
„Nein, ich habe gleich das Seil“, antwortet sie weinerlich.
„Schau mich an!“ schreit er nun und hat ihre Aufmerksamkeit damit gewonnen.
„Du mußt versuchen, an den Felsen zu kommen und dir einen Tritt suchen.“
„Wie soll ich das machen? Ich bin zu weit weg.“
„Versuch es wenigstens“, bekräftigt er seine Worte.
„Nein, das geht nicht“, antwortet sie ihm.
„Jetzt mach schon!“ schreit er erneut und sie folgt endlich seinen Worten. Nur ein paar Zentimeter trennen sie von der Felswand. Sie schwingt sich in diese Richtung und kann mit den Fußspitzen die Wand erreichen. Aber sie rutscht ständig ab. Komm schon, denkt sie und hangelt nach einem Stein. Sie bekommt ihn zu fassen und kann sich näher an die Wand ziehen.
„Ja, richtig so“, feuert sie ihr Gefährte an. Dann hört sie ein knacken und schaut nach oben. Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie, wie sich ein weiter Faden vom Sicherungsseil löst.
„Tu was, verdammt noch mal“, schreit sie nach oben. Plötzlich spürt sie, wie der Stein in ihrer Hand zu wackeln beginnt. Panisch schaut sie ihn an. „Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.“
Der Stein löst sich langsam vom Untergrund und im nächsten Moment hat sie ihn in der Hand. Sie schwingt wieder in ihre ursprüngliche Position zurück. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit macht sich in ihr breit. Ihre Kraft lässt nach, die Atmung wird schwacher.
Nach oben schauend sieht sie eine aufkommenden Panik in den Augen ihres Freundes.
„Tu doch was“, sagt sie leise.
„Pass auf“, ruft er nach unten. „Ich lasse dir ein Seil herunter, das du an deinem Gurt befestigst. Hast du das verstanden?“
Er erhält keine Antwort. Sie lässt den Stein in ihrer Hand los, der in den Abgrund stürzt.
„Hörst du mich?“ Der Abgrund verschwimmt vor ihren Augen, alles wird grau und dunstig.
„Hör mir zu!“
Keine Antwort.
Er schreit so laut er kann. Seine Worte hallt in dem Kamin, in dem er steckt, wider.
Jetzt blickt sie nach oben und sieht ein Seil auf sich zu kommen.
„Nimm es und befestige es an deinem Gurt!“ schreit er im befehlendem Ton. Sie streckt ihre Hände nach dem Seil aus und kann es bereits an ihren Fingern spüren. Ein Hoffnungsschimmer keimt in ihr auf. Gleich hat sie es, das rettende Seil.
„Ich habe es...“, will sie sagen, als ihr einziges Sicherungsseil endgültig reißt. Ihr Partner hört das reißende Geräusch. Er sieht voller Panik, wie sich ihr Seil vom Karabiner trennt..
Sie spürt den Ruck an ihrem Körper. Der Druck des Gurtes ist weg, die Schwerelosigkeit aus ihrem Traum wieder da.
Er packt das entschwindende Ende schnell mit der Hand, kann es aber auf Grund der enormen Krafteinwirkung des Sturzes nicht halten. Ihr Leben entgleitet ihm aus der Hand und er muss mit ansehen, wie sie mit ausgestreckter Hand und weit aufgerissenem Mund in die Tiefe stürzt.
Das rettende Seil ihres Partners entfernt sich und auch er wird kleiner. Fels rauscht an ihr vorbei, der Wind fegt durch ihre Haare. Sie sieht ihre ausgestreckte Hand, das gerade noch das Seil berührt hatte, bevor die Schwärze über sie kommt.


Version vom 03. 10. 2007 18:03

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