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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Heiß umfehdet, wild umstritten
Eingestellt am 22. 05. 2005 17:36


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sohalt
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…liegst dem Worte du inmitten. Von Kampf und Krampf ums Binnen-I.

Ich traute meinen Augen nicht. Mein Sprachgefühl, mein Sinn für Ästhetik, mein Hang zur Logik, einfach alles in mir sträubte sich dagegen. Doch da stand es, schwarz auf Hochglanz-Pastelgrün: „MitgliederInnen“.

Es ist ja nicht etwa so, dass für Weiblein und Männlein gleichermaßen „das Mitglied“ gelten würde, oh nein! Aber wenn es schon offenbar „der Mitglied“ heißt, heißt es dann nicht für Frauen konsequenterweise „die Mitvagina“?

Hö.
Hö.

So, und das war er jetzt, der obligatorische Gender-Mainstreaming-Witz, mehr davon wird es in diesem Text nicht geben. Denn, jetzt mal ehrlich, sind sie nicht ein bisschen zu aufgelegt, ein bisschen zu billig, zu unsportlich, diese Witze? Ich kann selbst selten widerstehen, und doch: meine Empfindungen für das Binnen-I sind höchst ambivalent.

So völlig aus der Luft gegriffen ist das Ganze nämlich auch wieder nicht. Sprache und Macht, da gibt es schon einen Zusammenhang.
An den Verhältnissen wird sich nichts ändern, bevor sich nicht in den Köpfen etwas ändert.
In den Köpfen wird sich nichts ändern, bevor sich nicht an der Sprache etwas ändert.
Und umgekehrt wird ein Schuh draus:
An der Sprache wird sich nichts ändern, bevor sich nicht in den Köpfen etwas ändert.
In den Köpfen wird sich nichts ändern, bevor sich nicht an den Verhältnissen etwas ändert.
Die Schlange beißt sich in den Schwanz.
Aber irgendwo muss ja jemand anfangen! „Dann lässt sich eben gar nichts ändern“ - wäre jedenfalls die falsche Schlussfolgerung. Natürlich brächte es der unter der Bürde der Doppelbelastung keuchenden Haus+Karrierefrau mehr, wenn endlich auch der Göttergatte seinen fairen Anteil an der Hausarbeit übernehmen würde. Aber manchmal geht es nicht darum, was viel bringt und was wenig, sondern darum, was sich machen lässt und was nicht. Den Pantoffel-Pascha vom Sofa zerren und hinter die Abwasch prügeln - das lässt sich nicht machen. Aber durchsetzen, dass in Gebrauchstexten das Binnen-I verwendet wird - das geht schon. Auch wenn es fraglich ist, ob damit die gewünschte Wirkung erzielt wird.

Ich besuchte zum Beispiel einmal eine Vorlesung bei einem Professor, der auch im Vortrag beharrlich das Binnen-I verwendete. Und was soll ich sagen – ich fühlte mich tatsächlich anders dabei. Hauptsächlich verarscht natürlich, denn der Gute sprach das Binnen-I nicht nur in „Managerinnen“ , sondern konsequenterweise auch in „Steuerhinterzieherinnen“ aus, letzteres sehr süffisant, ersteres nie ohne ironischen Unterton. Hauptsächlich verarscht also, und doch auch.. irgendwie, trotz allem .. in höherem Maße angesprochen. Nun hatte ich ohnehin beschlossen, die „Macht’s euch nachher bitte selbstständig“-Propaganda, zu der er die Vorlesung umfunktioniert hatte, völlig auszublenden (ich lass mich doch nicht ohne ausreichend Eigenkapital in so ein Abenteuer jagen, bloß weil unsere Wirtschaft Klein-und Mittelunternehmen braucht!) – aber ich muss zugeben, dass mir das Ausblenden wesentlich leichter gefallen wäre, wenn er nicht dauernd „Werdet Unternehmerinnen“ gesagt hätte, statt „Werdet Unternehmer.“

Und genau darum geht’s. Klar, wenn du mir einen Text in der alt-hergebrachten Schreibweise vorlegst, und mich fragst, ob ich damit auch angesprochen bin, werde ich ohne zu zögern antworten „ Ja, aber sicher doch!“ Aber, sich als angesprochen erkennen und sich angesprochen fühlen, das sind wieder zwei verschiedene Paar Schuh. Ich bin völlig überzeugt, dass etwa 99% aller Frauen sofort aus reinstem Herzen beteuern würden, dass sie sich selbstverständlich auch als „Liebe Leser“ angesprochen fühlen. Aber ich behaupte: So genau können wir das gar nicht sagen. Weil wir das in der Regel bei all den tausend alltäglichen Gelegenheiten, zu denen wir mit solchen Anreden konfrontiert werden, gar nicht reflektieren. Das Unterbewusste ist ein Hund. Zu glauben, dieses und jenes beeinflusse einen sowieso nicht, ist ziemlich naiv.

Ich würde nach wie vor nicht für das Binnen-I auf die Barrikaden steigen. Aber ich kann jene verstehen, die es tun, ein bisschen zumindest. Wohingegen ich die, die gegen das Binnen-I in die Schlacht ziehen, überhaupt nicht verstehen kann. Denn solche gibt es auch, ja, es ist zu kaum zu glauben, zu welch leidenschaftlichen Ausbrüchen das arme, magere Binnen-I auch im gegnerischen Lager inspiriert, Fanatiker gibt es auf beiden Seiten der Demarkationslinie.

Jetzt mal ruhig Blut, ihr Sprachbeschützer und Sprachbeschützerinnen:
Ist das Binnen-I unästhetisch? – Ja, natürlich. Aber bei Gebrauchstexten geht’s mir nicht um Ästhetik, hier zählen die inneren Werte.
Ist es völlig für den Hugo? – Höchstwahrscheinlich, und doch: den Versuch ist es wert. Nutzt’s nix, so schadt’s nix.
Ist es eine Schikane für all jene, die Texte verfassen? – Leider ja, im Moment schon. Auf lange Sicht ist es allerdings nur eine Frage der Gewöhnung. Menschen gewöhnen sich an alles.
Nervt es wie Sau? – Wieder, ja, dreimal ja. Aber es nervt für einen guten Zweck. Ich gebe gewissen Menschen das Recht, mir auf die Nerven zu gehen. (Und nehme mir das Recht, dann auch genervt zu sein.). Penetranz ist ein völlig legitimes, weil unblutiges und früher oder später durchaus effizientes strategisches Mittel.
Und: _ Es _ tut_ nicht_ weh. Nein. Tut es nicht. Nicht wirklich. Oder zumindest nur kurz. Also, Schluss jetzt mit dem wehleidigen Gejammer! Wenn auf der ganzen Welt nur einer einzigen Feministin eine Freude damit gemacht wird, warum denn nicht?

Es wäre natürlich das erste Mal, das es gelingen würde, bewusst auf den Sprachgebrauch Einfluss zu nehmen. Insofern hat der Kampf der Feministinnen für die geschlechtergerechte Schreibweise etwas vom Kampf Don Quichottes gegen die Windmühlen. Aber ich fand das immer schon toll. Die Welt wäre so viel leerer ohne Don Quichottes.

Nur selber bin ich halt mehr so der Sancho Pansa.

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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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MDSpinoza
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"Political correctness" ist ein Ephemismus für die unvermeidliche Verfolgung des Mutigen durch den Eifersüchtigen.
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sohalt
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Tja, Mut... Kommt immer drauf an, wo man ist, nicht?
Am Stammtisch fährt man auch ohne P.C. nach wie vor ganz gut...


lg
sohalt
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Bluomo
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Hallo sohalt,

das interessanteste an P.C. sind die Folgen. Sehr schön deutlich wird dies im Land der ungegrenzten P.C. und der Freiheit. Da werden Klassiker wieder bowdlerisiert und umgeschrieben.
Aus Klassikern werden alle Verweise auf ethnische Herkunft, Hautfarbe, Religion und soziale Schichtung gestrichen. Also Onkel Toms Hütte ohne Hautfarbe, Herkunft, soziale Unterschiede und ähnliches. Weil ja so diese Dinge von den Kindern nicht mehr gelernt werden können. Ich nehme an, sie haben das Geschlecht nicht rausgenommen, weil es sonst zu "Mißverständnissen" gekommen wäre...

Und ja, allein über die Sprache kann man die Menschen beeinflußen- wer das einmal ausführlich untersuchen will, es gibt ein Buch über die Sprache des dritten Reiches, wo meiner Meinung nach ein wenig der Einfluß der Sprache auf die Geisteshaltung deutlich wird. Der Buchttitel fällt mir leider nicht mehr ein.

Sollte man also nun die Lanze umschnallen, Sancho Pansa an seine Seite rufen, und gegen die vermännlichte Sprache ins Felde ziehen?
Ich denke mal ja und nein. In manchen Fällen ist es sogar sinnvoll die eigene Wortwahl in diesem Bereich zu überprüfen und möglicherweise auszuweichen. Dies ist in der deutschen Sprache an vielen Stellen möglich.
Hilfreich ist es auch zu sagen, dass man mit Studenten und Studentinnen spricht, zukünftig aber nur eine Form verwenden wird. Oder wenn man versucht bestimmte Bezeichnungen zu vermeiden, wenn sie als sehr abwertend von den Betroffene betrachtet werden. Oder wenn man bestimmte Geschlechterklischees und anderes versucht zu vermeiden- dies ist jedoch abhängig davon, was man macht.

Überall, wo die P.C. versucht die Haltung der Menschen durch Sprachverbote zu ändern, und nicht Rücksicht oder Verständnis zu erbitten, da wird es schwierig.
Da versuchen die Protagonisten die Menschen über die Sprache zu beeinflußen, und verdecken nur die Probleme, die in der Sprache deutlich werden.
In der Literatur kann es tödlich sein Sprachverbote einzuhalten, weil so Dinge nicht ausgesprochen werden sollen, die da sind. P.C. ist hier ein schleimige Auflage über der Wirklichkeit, die nicht Rücksicht auf die Sachen nimmt, die unter der Auflage liegen, sondern nur den Blick darauf verbietet.

Dementsprechend halte ich in der Literatur P.C. für eine Krankheit, nicht für das Symtom einer Krankheit. Und in der Sprache ist sie es auch- es sei denn sie kommt aus wirklicher Rücksicht, und nicht vorgeschobener Rücksicht, die eigentlich etwas anderes will. Nämlich Zensur.

Gruss

Bluomo

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nikita
Guest
Registriert: Not Yet

you wrote :
"An der Sprache wird sich nichts ändern, bevor sich nicht in den Köpfen etwas ändert."

ich "denke" nicht ... das es so ist !!!!!

die sprache ist es die unser denken bestimmt
denk mal darüber nach/vor/hin/zurück/weiter

sprache ist ein sich selbst replizierender virus

"language is a virus"


in diesem sinne

nikita

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sohalt
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@Bluomo:
Völlig d'accord, deshalb war in meinem Text auch die Rede von "Gebrauchstexten". Grundsätzlich haben wir, glaub ich, schon eine ähnliche Meinung, zum Thema P.C. Ich habe bestimmt nicht vor, mir das P.C. auf den Banner zu sticken und vor mir her zu tragen, ich gebe zu, dass es streckenweise nervt ohne Ende, und durchaus auch mal interessante Diskussionen im Keim erstickt. (Und in der Literatur habe ich sowieso ganz andere Ansprüche; da habe ich eine Freude an trockenen Gehässigkeiten, zersetzendem Sarkasmus, ätzenden Kommentaren im Allgemeinen, Hinterfozzigkeit und Bösartigkeit, da muss aber auch gar nichts fair oder irgendwie anständig sein.)

Kein Zweifel: P.C. ist ein Übel. Aber oft, sehr oft, das kleinere.

Was ich eigentlich nur sagen wollte:
P.C.-Sein ist kein Wert an sich, nicht P.C.-Sein aber auch nicht.

@nikita:
"die sprache ist es, die unser denken bestimmt."
Das glaube ich auch, und das meinte ich eben mit:
In unserem Köpfen wird sich nichts ändern, bevor sich nicht an unserer Sprache etwas ändert.
Aber für mich ist das eben nur der eine Teil der Wahrheit.
Denn, was spricht eigentlich gegen:
unser denken ist es, das unsere sprache bestimmt?
Selbst wenn, was du offenbar andeuten willst, die Sprache vor dem Denken da war, (was durchaus sein könnte, denken ohne Sprache ist tatsächlich etwas schwierig, zugegeben), spätestens da beide nebeneinander existieren, herrscht, um bei den biologischen Metaphern zu bleiben, zwischen ihnen wohl sowas wie eine Symbiose. Es gibt eine Wechselwirkung. (Ich hatte zB als Kind die Phrase "bis zur Vergasung" in meinem Vokabular - bis mir dämmerte, woher das kommt und seither sage ich das einfach nicht mehr und aus. Ich denke schon, dass hier mein Denken Einfluss auf meine Sprache genommen hat.)Ich kann meine These jetzt nicht mit wissenschaftlichen Theorien untermauern, wie du das mit deiner vielleicht könntest (nach dem Text über linguisitische Politik zu schließen, nehme ich an, dass du sowas in der Richtung studierst/studiert hast), aber was wäre daran so unplausibel?

lg
sohalt
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