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Held sein oder nicht sein
Eingestellt am 22. 04. 2004 22:13


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MĂ¶ĂŸner, Bernhard
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Held sein oder nicht sein

Das Wort "Heldentum" erinnert an Tapferkeit, an Ritterlichkeit, Kraft und Mut. Wer sich im Ruhm einer Heldentat sonnen will, tut gut daran, diese der Welt bekannt zu machen! Stilles Heldentum ist vornehm, wird von der Geschichte aber selten belohnt. Belohnt werden Heldentaten in der Regel mit Orden und Ehrenzeichen. Wer gar den Heldentot stirbt, hat posthum Anspruch auf den Dank seines Vaterlandes! Leider sind VaterlĂ€nder diesbezĂŒglich oft sehr vergesslich.
FĂŒr einen Mann bietet der Krieg die beste Möglichkeit, ein Held zu werden. Ist so ein Krieg zu Ende, gelten die Taten und Untaten der siegreichen Armee als Heldentaten! In Kriegen gibt es aber leider nicht nur siegende Helden. Die statistische Wahrscheinlichkeit, nach Kriegsende zu den Verlierern gerechnet zu werden, liegt mathematisch betrachtet, bei etwa fĂŒnfzig Prozent!
Nicht mit Ehre bedacht wurden und werden jedenfalls die Leistungen jener Helden, die das Pech hatten, auf der falschen Seite gekĂ€mpft zu haben, so wie es den jungen Russen Julian und Vassili erging. Ein trĂŒgerisches und verhĂ€ngnisvolles Schicksal fĂŒhrte die beiden in unser kleines Dorf und auf unseren Hof.
Ich war in jenen Wochen gerade sieben Jahre alt geworden, als eine Gruppe Soldaten mit Pferden, Mulis, mehreren Fuhrwerken und einem GeschĂŒtz in unserem OkonomiegebĂ€ude einquartiert wurde. Mir fiel auf, dass diese MĂ€nner zwar deutsche Wehrmachtsuniformen trugen, sich aber in einer mir unbekannten Sprache verstĂ€ndigten.
Sie blieben ungefÀhr zwei oder drei Wochen bei uns, und bald verstand ich mich, trotz enormen Sprachproblemen, bestens mit den durchwegs jungen MÀnnern.
Von den fast tĂ€glich im Tiefflug auftauchenden "Jabos" (Jagdbombern) einmal abgesehen, erschien unser Ort damals noch wie eine Insel des Friedens. Wir verdankten diesen glĂŒcklichen Umstand vielleicht dem bis heute bestehenden Zustand, dass unser Dorf so unbedeutend war, dass es auf kaum einer Landkarte vermerkt wurde.
Julians und Vassilis plötzlicher und fĂŒr alle Beteiligten schrecklicher Tod passte irgendwie zu jener kollektiven Sinnlosigkeit, mit der noch im FrĂŒhjahr 1945, als der zweite Weltkrieg schon fast zu Ende war, auf vielfache Weise gestorben wurde.
Diese Soldaten waren Angehörige der sogenannten "Wlassow-Armee", die auf Anordnung von Heinrich Himmler 1944, als die Rote Armee bereits in Polen eingedrungen war, eilig zusammengestellt und praktisch unvorbereitet, dort diesen ĂŒbermĂ€chtigen Gegner mit aufhalten und vertreiben sollte, dem sie nicht viel mehr, als das Leben ihrer Soldaten entgegensetzen konnte.
Rekrutiert war diese seltsame Truppe aus den Reihen russischer Kriegsgefangener, die in den elenden Lagern vegetieren mussten, welche die deutsche Wehrmacht und die SS ihren inhaftierten russischen Kriegsgegnern zugemutet hatte. Vor die Wahl gestellt, dort zu verhungern oder sich fĂŒr diese Art deutscher Fremdenlegion zu melden, hatten die beiden jungen MĂ€nner, wie etwa zehntausend ihrer Kameraden, nach dem trĂŒgerischen Strohhalm gegriffen, den ihnen die Russkaja Oswabaditeljnaja Armija, zu deutsch "Russische Befreiungsarmee-ROA" hingehalten hatte.
Um die deutsche Bevölkerung, der die Russen bis dahin nur als minderwertige Rasse, gleich nach den Juden, dargestellt wurde, nicht zu beunruhigen, nannte man die Wlassow-Soldaten etwas beschönigend: "Weißrussen."
Ausgerechnet diese sollten nun, zusammen mit dem Volkssturm, als Hitlers letztem Aufgebot, die Heimatfront halten, als sich die regulÀren Truppen schon in alle Winde zerstreuten.
Die Soldaten dieses Himmelfahrtkommandos unterstanden dem in Russland ehemals populĂ€ren sowjetischen General Andrej Wlassow, der 1942 aus EnttĂ€uschung ĂŒber Stalins BrutalitĂ€t dem eigenen Volk gegenĂŒber, und seine anfĂ€nglich vermeintlich dilettantische Art der KriegsfĂŒhrung, mit ein paar Gleichgesinnten auf die deutsche Seite ĂŒber gewechselt hatte.
SpÀtestens als der General mit seiner Truppe von der zusammengebrochenen Oderfront nach Frankreich, an die Westfront auswich, um sich die Schande zu ersparen, vor Stalins Armee zu kapitulieren, muss seinen Soldaten die Auswegslosigkeit ihrer Lage bewusst geworden sein.
Als sich wenige Wochen spĂ€ter ihre Einheit ĂŒber die RheinbrĂŒcke bei Straßburg auf die deutsche Seite zurĂŒck retten musste, konnten auch Julian und Vassili nicht mehr ĂŒbersehen, dass sie mit Deutschland zusammen den Krieg verloren hatten, und dass sie folglich niemals als Retter oder Befreier in ihr Heimatland Sowjetunion zurĂŒckkehren konnten, wie es ihnen die deutsche Propagande glauben machen wollte. Und sie ahnten, dass die siegreichen Rotarmisten mit LandesverrĂ€tern, wenn sie ihnen in die HĂ€nde fallen sollten, kurzen Prozess machen wĂŒrden.
Es geschah an einem wunderschönen MĂ€rzabend, die Soldaten hatten sich freundlich, aber sehr nachdenklich von uns allen verabschiedet, denn ihre Kompanie sollte der Jabos wegen im Schutz der kommenden Nacht verlegt werden: Draußen im Hof war nichts zu hören, als das zufriedene Schnauben der Pferde, die gut geschĂŒtzt vor Regen und Tieffliegern in einem an unsere Scheune angrenzenden Schuppen untergebracht waren.
Ihre Betreuer lagerten schon oben im Heuschober auf ihren groben Woll- und Pferdedecken, die sie als Ruhe- und Nachtlager ĂŒber unser eingelagertes Heu ausgebreitet hatten. Ein russischer Wachhabender, der sich gerade anschickte, dort nachzusehen, ob sich seine Landsleute beim Trinken und Kartenspielen an das strenge Rauchverbot hielten, hörte einen kurzen und heftigen Streit, gleich danach fiel ein einzelner Schuss! Wir, unsere ganze Familie, rannten hinaus, um nachzusehen, was passiert war.
Was war geschehen? Nervlich wahrscheinlich aufs höchste belastet, vielleicht auch vom Schnaps etwas angeregt, hatten Julian und Vassili, die eigentlich gute Freunde waren, einer Nichtigkeit wegen Streit bekommen. Sie hatten sich ihre Wut, die aus ihrer Hoffnungslosigkeit entstanden war, gegenseitig entgegen geschrien. Julian, der impulsivere der beiden, griff wie in Rage nach seinem Karabiner und schoss seinem Kontrahenten aus nÀchster NÀhe in den Kopf. Der arme Vassili musste so bei seinem Sterben wenigstens nicht lange leiden.
Julian flĂŒchtete panikartig, von den schreckerstarrten Kameraden verfolgt, durch zwei offene Nachbarhöfe auf einen, hinter dem Dorf steil ansteigenden HĂŒgel, wo ihn die Verfolger in der aufkommenden DĂ€mmerung aus den Augen verloren.
FĂŒr mich brach eine heile Welt zusammen! Der immer freundliche Vassili, der stets lachte, wenn er mich sah, der mir noch am Mittag eine Scheibe von seinem harten Kommisbrot abgesĂ€belt hatte, war tot. Und der gefĂ€llige Julian, neben dem ich wenige Tage vorher auf dem Kutschersitz mitfahren durfte, als er mit seinem Fuhrwerk eine Ladung eingemietete WinterrĂŒben fĂŒr uns vom Feld heimholte, sollte ihn umgebracht haben!
Seine Kameraden wickelten Vassili rasch in eine Pferdedecke ein, kein Fremder sollte sein entstelltes Gesicht sehen können.
Unteroffizier Schmidt, ihr deutscher KompaniefĂŒhrer, der in einem Nachbarhaus einquartiert war, nahm die Untersuchung des Verbrechens vor und organisierte die Suche nach dem TĂ€ter. Seine ĂŒber mehrere Bauernhöfe verteilte Kompanie, sowie die Kriegsveteranen des Volkssturms wurden alarmiert.
Nicht weit vom Dorf entfern stand ein kleines TannenwĂ€ldchen. Ein Volkssturmmann, der nach feindlichen Fallschirmspringern oder Schlimmerem Ausschau halten sollte, wollte Julian gesehen haben, wie er sich dorthin geflĂŒchtet hatte. Darauf gab der KompaniefĂŒhrer den Befehl, das WaldstĂŒck zu umstellen.
Es war Julians Pech, dass dem sonnigen Tag eine helle Vollmondnacht folgte. Mit Taschenlampen wurde das WĂ€ldchen durchsucht. Ein aufgeschichteter Haufen von Tannenzweigen erweckte schnell den Argwohn des Suchtrupps.
Julian weigerte sich, sein Versteck freiwillig zu verlassen, so machte Unteroffizier Schmidt von seiner Dienstpistole Gebrauch, was zwar keine Heldentat, aber militÀrisch korrekt war.
Und wer weiß, wie es Julian und Vassili einige Wochen spĂ€ter ergangen wĂ€re, als ihr General Andrej Wlassow mit seiner unglĂŒckseligen Armee von den WestmĂ€chten, von denen er sich Schutz erbeten hatte, einem sowjetrussischen MilitĂ€rkommando ĂŒbergeben wurde.
Der General, der sich eine Zeitlang als antibolschewistischer russischer Patriot verstanden hatte, wurde 1946 in Moskau wegen Volksverrat hingerichtet.
Wer von seinen Soldaten jene Tage ĂŒberlebte, die von den MilitĂ€rs der beteiligten LĂ€nder bis heute weitgehend verschwiegen werden, bĂŒĂŸte mit fĂŒnfundzwanzig Jahren Haft in Sibirien dafĂŒr, dass er als junger Mann in Deutschland nicht einfach heldenhaft verhungern wollte.






__________________
-Bernhard MĂ¶ĂŸner-

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Helden?

Hallo Bernhard,

ich kann Deine interessante Geschichte gut nachempfinden, da ich mich aus meiner Kindheit, die vorwiegend in den Kriegs- und Nachkriegswirren - darunter auch ein Jahr unter Russsen und Polen in Pommern - gelegen hat, an Àhnliche Begebenheiten erinnern kann.

Ich bin gerade dabei, rd. 400 alte, vergilbte Schreibmaschinenseiten, die ich mir schon vor langen Jahren zu diesem Themenkreis abgerungen habe, in zeit- und computergemĂ€ĂŸe Form zu bringen, um sie wenigstens in lesbarem Zustand meinen Kindern zu ĂŒberliefern. Eine Heidenarbeit, zumal sich nach so viel Jahren auch hĂ€ufig eine andere Sicht ergibt, die zu Änderungen im Text Anlass gibt!

Herzliche GrĂŒĂŸe in den schönen Schwarzwald!

LuMen

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