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Leselupe.de > Humor und Satire
Helden der Wende
Eingestellt am 05. 10. 2002 22:22


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Voland
???
Registriert: Oct 2002

Werke: 3
Kommentare: 1
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Nicht fĂŒr alle Menschen in Deutschland war die Einheit eine Fahrt ins GlĂŒck. Viele konnten den harten und steinigen Weg in die Oase der Marktwirtschaft nicht bis zu Ende gehen. Viele blieben auf der Strecke. Ich will zwei dieser UnglĂŒcklichen, die ich persönlich gekannt habe, stellvertretend fĂŒr die vielen gescheiterten Existenzen jener Zeit der Vergessenheit entreissen.

Hier sind die Aufzeichnungen meines Vetters Olaf von Wrangel, der zusammen mit seinem unerschĂŒtterlichen Freund Walter Weissblick in den ersten Jahren der Wende auf dem Reinigungssektor im Osten aufopferungsvolle Pionierarbeit geleistet hat.

Beide „Helden der Wende“ sind seit lĂ€ngerem verschollen.


*********************************************************

Die Aufzeichnungen Olaf von Wrangels beginnen mit dem 6. Oktober 1995.

„Ich will hier die Geschichte meines GeschĂ€ftspartners Walter Weissblick niederschreiben, der beim Aufbau im Osten Grossartiges geleistet hat. Vor zwei Jahren haben wir uns aus den Augen verloren. Er war damals bereits sehr krank. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Walter, wo immer du jetzt auch sein magst, ich hoffe von ganzem Herzen, dass diese Zeilen dich erreichen und dass die Welt erkennt, wen sie an Dir hat ... oder hatte.


Um meinen Freund Walter Weissblick zu verstehen, muss man wissen, dass wir in den AnfĂ€ngen unserer gemeinsamen SelbstĂ€ndigkeit im Westen der Republik eine harte Zeit durchzustehen hatten. Unsere Firma hiess Wrangel & Weissblick Unlimited, unser Motto: „Der Blick geht weit - nur Sauberkeit“.

Wir hatten uns mit dem Gardinen-KleinschĂ€umer „Anti-Gilb“ im Ruhrgebiet einen Namen gemacht und waren zu bescheidenem Wohlstand gekommen.

Als dann der Kommunismus im Osten zusammenbrach, witterten wir die Chance unseres Lebens. Walter hatte zudem noch eine Rechnung mit den alten SED-FunktionĂ€ren offen. Sie hatten ihm in den FĂŒnfzigern seine Firma abgeknöpft und ihn fĂŒr zwei Jahre eingebuchtet. Nach der Haft hatte er „rĂŒbergemacht“ in den Westen. Jetzt sah er den Tag der Vergeltung gekommen.

Ich betrachtete die Dinge emotionsloser. Als Unternehmer hatten wir Anfang der Neunziger eine Mission zu erfĂŒllen und die lag darin, den Schwestern und BrĂŒdern im Osten die Zivilisation des Westens - gegen eine gebĂŒhrende AufwandsentschĂ€digung versteht sich - nahezubringen.

Das UnglĂŒck wollte es, dass wir reingelegt wurden. Von der Firma „Saugblume“ hatten wir uns ĂŒberreden lassen, circa 7 000 Staubsauger verschiedenster Machart in Kommission zu nehmen. Als Walter den Vertrag beim Ost-Notar (!) unseres GeschĂ€ftspartners unterzeichnete, lenkte ihn dessen Tochter Sarah (!!) geschickt mit ein paar Cannabiskeksen vom Kleingedruckten ab.

Als Walter gegen Mitternacht in unser Wohnmobil getorkelt kam und mich lallend mit dem „Peace“zeichen begrĂŒĂŸte, wußte ich, da war etwas schiefgelaufen. Und in der Tat, wir hatten uns vertraglich verpflichtet, 100 Staubsauger pro Woche unter die Leute zu bringen, andernfalls mussten wir die ganze Ladung zum doppelten Preis ĂŒbernehmen.

Seit dieser Zeit hasste Walter Notare.

Mein Freund war verzweifelt. Er hatte schon immer ein PrimadonnengemĂŒt gehabt, aber ich richtete ihn auch diesmal wieder auf. Alles Klagen half nichts – wir mussten ranklotzen.
Ich ĂŒbernahm die Verscherbelung der 5000 LeichtbaugerĂ€te der Marken „Filou“, „Charmeur“ „Windei“ und „Luftikuss“, wĂ€hrend Walter den hĂ€rteren Brocken wĂ€hlte, Klopfsauger der Marken „Wotan“, „Donnerkeil“ und „Tabularasa“.

Immer wieder stießen unsere Sauger in Schwerin auf hartnĂ€ckigen Widerstand, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was Walter in Rostock erwarten sollte.

Alles liess sich zunÀchst ganz gut an.
Uns Zutritt zu den Wohnungen zu verschaffen, war ĂŒblicherweise ein Leichtes. In den Anfangsjahren der Wende vertraute man Verkaufsprofis wie uns noch.

Ich liebte die sanfte einfĂŒhlsame Tour.
Der Vormittag galt dem Studium der zerlesensten Frauenzeitschriften in den FriseurlĂ€den und Wartezimmern der Ärzte.

Marktgerecht verÀnderte ich danach mein Outfit.
Ich klebte mir, wann immer nötig, falsche Augenbrauen oder Koteletten an, ging mal als Rex Gildo oder Harald Schmidt, mal als Elvis Presley oder Roy Black auf Tour, gerade wie es in Goldenenen BlÀttern stand und wen die Hausfrauen der Gegend zu schÀtzen schienen.
Wenn ich mit einem Riesenposter von Tom Cruise, Prinz Charles, Diana oder Camilla vor der TĂŒr stand, eroberte ich fĂŒr gewöhnlich die Herzen im Sturm.

Und wenn wirklich alles nichts half, begann ich in die Mikros der Klingelanlage zu singen. Mit „Ganz in Weiss“ erzielte ich meine grĂ¶ĂŸten Erfolge. Einmal verkaufte ich auf diese Weise 42 Leichtstaubsauger an einem einzigen Tag.

Das GeschÀft flutschte.

Walter hatte es nicht so leicht. Er war schon weit ĂŒber 50 und singen konnte er auch nicht. Er war aber keiner, der aufgab und wĂ€hlte die harte Methode. Wie ein Wiesel kletterte er die 10 und mehr Stockwerke in den Plattenbauten hoch, bewaffnet mit dem schweren Tabularasa-Klopfsauger und einem Eimer voll Sand und Teer.

Öffnete eine arme ahnungslose Seele unvorsichtigerweise auf sein Klingeln hin die TĂŒr, kippte er sofort den Eimer auf dem LĂ€ufer im Flur aus, der Stecker flog in die Dose und Walter klopfte wie ein Besessener los.

Das geschichtliche VerhĂ€ngnis wollte es, dass zu eben jener Zeit ein widerliches Auslaufmodell von KorridorlĂ€ufer an allen Ecken und Enden Rostocks verkauft wurde. Die Farbe erinnerte an eine missglĂŒckte Leberoperation: rostrot-rosa, mit einem galligen GrĂŒnklecks in der Mitte. Ramschware, dritte Wahl aus alten Sowjetbunkern. Wenn unser Klopfsauger loslegte, blieb von dem roten Filz schon nach kurzer Zeit nur noch das nackte Jutegerippe ĂŒbrig.

Ein grÀsslicher Anblick.

Die potentiellen Kunden waren keineswegs erfreut. Mehr als einmal
wurde Walter mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt, zweimal sogar mit dem Teer aus seinem Eimer ĂŒbergossen, weil er die Neuerwerbung im Flur ruiniert hatte. Er begann diese rostrosaroten LĂ€ufer und den Sozialismus noch mehr zu
hassen als vor dem Fall der Mauer.

Abends im Wohnmobil, wenn Kismet, unsere zypriotische SekretĂ€rin, seine Wunden pflegte, schwor er unter einem Berg von Kissen dem Sozialismus Rache. Wir hatten ernstlich Sorge um seinen Seelenzustand. Und das nicht zu Unrecht.“


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Leovinus
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2000

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Hallo - du hast, finde ich, einen schön leichten Stil. Mir fehlt bloß so ein bisschen Pep in der ganzen Geschichte. Vor allem: ist der Text damit zu Ende? Da fehlt doch noch etwas, oder?
beste GrĂŒĂŸe!

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