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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Helikoptermoral
Eingestellt am 24. 05. 2017 13:42


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Wolfgang Schmidbauer, Helikoptermoral, Murmann 2017, ISBN 978-3-946514-56-5

Das neue Buch von Wolfgang Schmidbauer, dem bekannten Psychotherapeuten, ist ein gelungenes Beispiel einer selten gewordenen kritischen Sozialpsychologie.

Der Begriff der „Helikoptereltern“, die ihre Kinder nicht loslassen und unter permanenter Kontrolle haben mĂŒssen, ist mittlerweile auch einem grĂ¶ĂŸeren Publikum durchaus gelĂ€ufig. Wer ein Kind hat und es in der vergangene Jahren durch die Zeit des Kindergartens und der Schule begleitet hat, hat sie in großer Zahl kennengelernt und in sehr unangenehmer Erinnerung.

Ähnlich wie diese Eltern von chronischen Ängsten geplagt sind, ihre Kinder könnten in einer immer hĂ€rter werdenden Gesellschaft scheitern (und damit natĂŒrlich auch ihr Projekt, als das sie ihre Kinder verstehen), befindet sich unsere ganze Gesellschaft in einem Zustand der Angst.

Schmidbauer spricht nun in seinem Buch analog zu diesem PhĂ€nomen von einer „Helikoptermoral“, ein Produkt der durch massive Ängste verursachten HyperaktivitĂ€t, sei es des Übereifers, sei es der unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen, verschwenderischen Reaktion auf konstruierte Gefahren.

Er versteht darunter eine Mischung aus „Àngstlicher Aufmerksamkeit und hastigen Bewertungen ohne Empathie und ohne Blick auf ZusammenhĂ€nge“. Die FĂ€higkeit fĂŒr ein eigenes selbstkritisches Urteil geht verloren, „weil die Urteile so zwischen ÜberschĂ€tzung und Entwertung polarisiert sind, dass das Augenmaß verloren geht. Fantasien von Erlösung und Befreiung gewinnen eine Macht, die am Ende in Katastrophen fĂŒhren muss“.
Es geht ihm ĂŒberhaupt nicht darum etwa Moral und moralische Urteile zu kritisieren. „Es geht um ihren Missbrauch, um den Übereifer, die GrenzĂŒberschreitung im Dienst narzisstischer BedĂŒrfnisse der Eiferer.“

Ethik und Moral werden so aus dem Kontext gerissen und ihrer wichtigen Bedeutung fĂŒr menschliche Gesellschaften beraubt. Das ist fĂŒr diese eine große Gefahr. Schmidbauer sieht keine perfekte Lösung:
„Dem Angstkranken kann durch EinfĂŒhlung und Zuwendung geholfen werden. Wer aber wie der Fanatiker Ängste manisch abwehrt, ist unzugĂ€nglich. Er plant, eine neue Welkt zu schaffen, in der er keine Angst mehr haben muss, weil dann die Menschheit entweder belehrt oder tot ist. Erst wenn es gelingt, ihn zu stoppen, und sich die Aussichtslosigkeit seiner GrĂ¶ĂŸenfantasie erweist, wird er sich der Einsicht wieder öffnen.“

Schlechte Aussichten fĂŒr die nĂ€chste Zeit, findet ein von dem Buch beeindruckter, aber auch ernĂŒchterter Rezensent.

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