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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hellgrüner Salzstreuer
Eingestellt am 26. 08. 2009 00:16


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Chrisch
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2009

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Hellgrüner Salzstreuer, daneben der Pfefferstreuer in rosa und das Pils leuchtet in sattem Biergelb. Nicht schön aber nach dem Essen ist seinem gesättigten Körper alles egal und die teakgetäfelten Wände machen doch einen angenehmen Eindruck, so dass er sich zufrieden zurücklehnen kann.
Es geht ihm gut. Keine Schulden, ein schönes Einkommen, das ihm erlaubt oft das zu genießen, was er gerade hinter sich gebracht hat. Am liebsten machte er das bisher mit einem Freund oder guten Bekannten gemeinsam. Dabei ergaben sich meist interessante Gespräche, die ihn dann noch lange beschäftigten. Diesmal ist er allein losgezogen, wie so oft in letzter Zeit, hat sich in ein Restaurant gesetzt, das er zwar kennt aber außer dem Wiener Schnitzel war hier bisher kaum etwas zu genießen und überteuert ist es auch noch. Er wollte sich noch etwas gönnen bevor er von seinem Chef morgen hört: "Wir können uns kaum vorstellen, dass wir es ohne sie schaffen werden, aber wir wollen es versuchen."
Früher fand er dergleichen ziemlich witzig und er kann sich immer noch gut daran erinnern wie er laut losgelacht hatte als er diesen Scherz das erste Mal hörte und auch später hatte er kaum ein Schmunzeln unterdrücken können. Aber, wenn der Chef das morgen zu ihm sagen würde, dann dann ...
Ja was wäre dann? Er denkt nach und seine Fantasie malt ihm die Szene deutlich vor Augen.
Er hat Lust ihn zu schlagen. Das Unternehmergrinsen aus seiner lachenden Visage raus zu prügeln bis die Augen vor Entsetzen flehen.
Fast sein gesamtes Arbeitsleben hatte er in dieser Firma verbracht, dann gab es den ersten richtig ernsten Einschnitt als der älter werdende Chef und Gründer dem Stress nicht mehr standhielt und das Unternehmen verkaufte. Er hatte an seine Angestellten gedacht und für Jahre deren Absicherung zum Vertragsinhalt gemacht.
Inzwischen waren sie schon wieder verkauft worden. An ein ausländisches Konsortium, das nur eines im Sinn hatte, möglichst schnell möglichst viel Geld herauszuschlagen. Dabei war ihnen egal wie viele Menschen und deren Familien sie in die Verzweiflung trieben.
Er hatte schon mehrere Chefs und Manager gesehen, die seine Firma als Sprungbrett in noch höhere Positionen und Gehaltsstufen ansahen und fleißig den Eignern in den Allerwertesten krochen. Dem Kapital hörig, zerstörten sie systematisch das Produkt. Der Absatz stagnierte und das wurde wiederum als Grund angegeben noch weitere Kürzungen am Produkt und an den Angestellten zu rechtfertigen.
Nun war er dran. Er hatte es schon geahnt und konnte es doch nicht glauben.
Mit seinen 55 Jahren war er zu jung zum Rentner und doch zu alt für den Arbeitsmarkt.
Geld hatte er nicht ansparen können und die Abfindung könnte, wenn sie denn so hoch ausfallen würde, wohl kaum länger als ein Jahr halten.
Er trinkt sein Bier aus, steht auf und geht hinaus auf die sonnendurchflutete Straße. Ein kühler Windhauch macht die Hitze angenehm.
Dort ist der Park, den er seit seiner Kindheit kennt.
Er schlendert zwischen den Platanen und Eichen umher, dicht am Wasser entlang. Wie oft war er mit seinen Eltern in vergangenen Tagen hier gewesen.
Nun waren sie schon lange tot. Manchmal war er hierher gekommen, um sie noch einmal erahnen zu können. Aber auch das war schon einige Zeit vorbei.
- Genussvoll saugt er den leichten Blütenduft in seine Lungen.
"Wie schön könnte das Leben sein." sinnierte er.
Bald würde er die Wohnung aufgeben müssen. 600 Euro Miete und dann Strom und Warmwasser. Da kam er gut und gerne auf 800 Euro. Das würde den Behörden zu viel sein. An das Auto darf er gar nicht denken.
Seine private Krankenversicherung ist auch viel zu teuer. Er weiß nicht einmal ob er überhaupt wegen Arbeitslosigkeit würde wechseln können.
Als er an seine Frau denkt, treten ihm die Tränen in die Augen. Er hasst sich dafür, weil er glaubte, er habe es überwunden, dass sie ihn vor einiger Zeit verlassen hatte.
Sie hatten erst sehr spät geheiratet und sich doch gegenseitig Treue gelobt und vor allem Unterstützung 'in guten wie in schlechten Zeiten'. Aber wo war sie nun hin?
Er hätte ihre Hilfe jetzt brauchen können. Ja auch ein Mann benötigt ab und an eine Frau an die er sich anlehnen kann und die ihm Mut macht für die Zukunft.
Wie oft hatte er das bei ihr getan!
Damals als sie die Stellung wechselte und jeden Tag Angst hatte vielleicht erkennen zu müssen, dass sie die Arbeit mit dem Computer doch nicht bewältigte. Er hatte sie getröstet und versucht ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Sie war doch in der Vergangenheit so oft auf sich allein gestellt gewesen und hatte letztendlich immer alles, wenn auch manchmal mit äußerster Kraft, gemeistert.
Er setzt sich unter einen rauschenden Kastanienbaum und befürchtet, dass ihm auch morgen die Tränen kommen würden, wenn der Chef ihm seine Entlassung verkündet. Er würde das mit dem Prügeln nicht fertig bringen. Vielleicht hat er auch ein bisschen Angst davor, was er sich aber nicht eingesteht.
Langsam wird es Abend und das Rauschen wird lauter.
Die Passanten sind alle schon daheim bei ihren Frauen und kuscheln sich aneinander oder genießen das Abendrot auf Terrassen. Sie halten sich an den Händen, um so vereint und voller Zuversicht, der Zukunft zu trotzen.
Er schaut sich seine eigenen leeren Hände an.
Dann zieht er den Gürtel aus den Laschen der Hose und steigt auf die Parkbank an vereinsamter Stelle.



__________________
"ist wie Schach, nur ohne Würfel" Lukas Podolski

Version vom 26. 08. 2009 00:16

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Papyrus
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Registriert: Not Yet

hallo

mir wird nicht richtig klar warum das prosaische ich sich umbringt. zu wenig verzweiflung, zu wenig wahnsinn



liebe grüsse papyrus

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suzah
Guest
Registriert: Not Yet

hallo crisch,
das hatte ich noch vergessen:
"ein schönes Einkommen, dass es ihm erlaubt oft das zu genießen, was er gerade hinter sich gebracht hat."
..., das ihm erlaubt, oft das zu ...

lg suzah

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Chrisch
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2009

Werke: 23
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Profil

@suzah
ok "dass es" hab ich verbessert, danke! 1000 mal gelesen und nicht bemerkt
Dass sich jemand mit seinem Gürtel erhängt, hat der Prot sicherlich mal gelesen, ob er es hier schafft so an einem Baum, bleibt offen.

@papyrus
Die Antwort ist Scham und Hoffnungslosigkeit und Einerlei. Alles was ihm wichtig war ist sowieso dahin, warum also noch weiter machen? Ansonsten stehen wir sowieso oft vor Suizidalen mit Verständnis(losigkeit).

Ebenso Liebe Grüße Chrisch

__________________
"ist wie Schach, nur ohne Würfel" Lukas Podolski

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