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Leselupe.de > Kindergeschichten
Henrike Marie
Eingestellt am 09. 02. 2010 17:21


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sportgolf
Hobbydichter
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Die kleine Henrike Marie muß elf Wochen zu frĂŒh aus Mamas Bauchraumwohnung. Hier berichtet sie ĂŒber die ersten sechs Monate ihres Lebens.



Henrike Marie

Was soll das denn? Ich will hier nicht raus! Es ist doch so schön gemĂŒtlich und warm in Mamas Bauchwohnung. Ich habe einen Vertrag ĂŒber neun Monate, und mir wurde zugesichert, dass ich eventuell auch einige Tage lĂ€nger bleiben kann. Also, was soll das jetzt? Ich geh hier nicht raus. Das ist ja wohl die Höhe, jetzt drehen die mir auch noch den Sauerstoff ab. Hilfe, Hilfe, ich bekomme keine Luft mehr. Na wartet, das werdet ihr noch bereuen. Ich weiß ganz genau, ich habe noch mindestens elf Wochen Zeit. Die will ich auch voll ausnutzen. Aber irgendjemand hat wohl was dagegen. So langsam wird’s mir jetzt aber mulmig. Ich kann mich kaum noch bewegen und bekomme sehr schlecht Luft. Plötzlich bricht mein Dach ein und es wird ganz hell in meiner Bauchwohnung. Zwei riesige HĂ€nde greifen nach mir und heben mich heraus. Vorbei ist es mit der wohligen WĂ€rme.
Ich beginne am ganzen Körper zu zittern. Schnell legt man mich auf Mamas Bauch und ich bekomme eine Decke ĂŒber gelegt. So Auge in Auge mit Mama wird mir gleich wieder angenehm warm. Das ist sie also, meine Mama, endlich kann ich sie mal anschauen. Bisher habe ich sie ja immer nur reden hören. Überhaupt habe ich sie eigentlich nur wahrgenommen, wenn sie mal wieder was Falsches gegessen hatte. Ich musste es dann immer ausbaden. Diese komischen GerĂ€usche von ihr, die klangen wie ein Gewitter, das sich da ĂŒber meiner Bauchwohnung entlud. Warum eigentlich hat man mich so frĂŒh aus meiner Wohnung geholt? Egal, jetzt werde ich meinem Ärger ĂŒber die gewaltsame Öffnung meiner Bauchwohnung erst mal Luft machen. Ich beginne fĂŒrchterlich zu schreien. Seltsamerweise freuen sich aber alle Anwesenden ĂŒber mein Geschrei. Wo bin ich hier bloß gelandet? Ist schon eine komische Wohnung, in die ich jetzt geraten bin. Apropos komisch, wer ist eigentlich der Mensch, der sich da so an Mama fest klammert?
»Das ist meine Mama, damit das nur erstmal klar ist! «, rufe ich.
Aber so richtig böse kann ich ihm eigentlich nicht sein. Sieht doch sehr sympathisch aus. Vielleicht wird das ja noch mal ein netter Spielkamerad fĂŒr mich. Ich werde jetzt erst mal ein bisschen schlafen. War doch alles sehr aufregend und anstrengend fĂŒr mich. Das Erste, was ich nach dem Aufwachen erblicke, ist schon wieder dieses komische Wesen, das sich vorhin so an Mama fest geklammert hatte. Er hat mich auf dem Arm und schaut mich so völlig benebelt an, dass ich einen Augenblick denke, ich hab wohl was mit den Augen. Als er merkt, dass ich wach bin, ruft er auch gleich: »Guck mal, Schatz, sie lĂ€chelt mich schon an. «
AnlÀcheln, was bildet der sich denn ein, kein Muskel bewegt sich in meinem Gesicht, aber mein Blick wird nun langsam etwas klarer, und ich kann meine Umgebung besser erkennen.
Wir sind in einer riesigen Wohnung. Neben dem Tisch, an dem dieser Mensch und ich sitzen, steht ein Bett und darin liegt meine Mama. Die sieht vielleicht kaputt aus. Was haben die mit ihr gemacht? Ich werde mich sofort zu ihr legen. Aber noch hÀlt mich dieses Wesen auf seinem Arm fest. Ich beginne ihn furchtbar anzuschreien: »Lass mich sofort zu meiner Mama! Ich will zu ihr! «
Ich habe wohl noch einiges mehr gesagt, denn er legt mich tatsĂ€chlich sofort zu Mama auf den Bauch. Mama lĂ€chelt glĂŒcklich und streicht mir sanft ĂŒber den Kopf. Muss ich mir unbedingt merken, immer wenn ich laut werde, scheint Mama glĂŒcklich zu sein.
»Siehst du, mein Schatz«, höre ich sie sagen, »wenn sie bei mir ist, wird sie gleich ruhig. « Zu mir gewandt sagt sie: »Aber wenn Papa dich auf dem Arm hat, musst du doch nicht gleich weinen. meine kleine Henrike Marie.« Papa! Das ist er also, mein Papa. Na ja, dann darf er natĂŒrlich auch immer in unserer NĂ€he sein. Aber schade, nun muss ich mir wohl doch einen anderen Spielkameraden suchen. Oder vielleicht doch nicht? Wir werden mal sehen, wie sich das alles so entwickelt. Was hatte sie da noch gesagt? Meine kleine Henrike Marie! Sollte ich etwa damit gemeint sein? Das kann ja heiter werden. Henrike Marie, wo haben die den Namen bloß her? Aber eigentlich, wenn ich es mir so richtig ĂŒberlegte, hört sich doch gar nicht so schlecht an; Henrike Marie.
ZunĂ€chst aber gibt es wichtige Dinge zu klĂ€ren. Wir mĂŒssen sehen, dass wir möglichst schnell aus dieser Wohnung heraus kommen. Ist alles viel zu groß und ĂŒberhaupt nicht gemĂŒtlich in diesem großen Haus. Na ja, Mama und ich werden jetzt erst einmal wieder ein bisschen schlafen und dann verschwinden wir von hier. Dass dies ein Irrtum ist, merke ich sofort. Ich habe noch gar nicht zu Ende gedacht, da erscheint so eine Frau in einem weißen Kittel. »So, jetzt muss ich euch die Kleine wieder wegnehmen, denn sie muss in den Inkubator. «
Was ist das denn fĂŒr ein Teil? Inkubator? Ich muss da rein, hat sie gesagt. Soll das etwa schon wieder eine neue Wohnung fĂŒr mich werden? Und wo bitte bleiben Mama und Papa? So nicht! Da habe ich ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden. Ich denke, schreien kann jetzt auf keinen Fall verkehrt sein und ich beginne auch sofort damit.
Aber im Gegensatz zu vorher sehen Mama und Papa jetzt gar nicht mehr glĂŒcklich aus. Sollte ich eventuell mal höhere Tonlagen ausprobieren? Aber dafĂŒr bleibt mir jetzt keine Zeit mehr, denn die fremde Frau packt mich und legt mich in so einen großen durchsichtigen Kasten. Und dann bin ich plötzlich wieder eingeschlafen. Geht immer alles so schnell, schlafen, wach sein, wieder schlafen. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Diesmal ist aber etwas anders. Ich liege auf einer Decke, und um mich herum liegen noch einige andere Kinder, die auch alle ungefĂ€hr in meinem Alter sind. Wir schweben mit unserer Decke auf einer Wolke und sehen um uns herum lauter lĂ€chelnde Gesichter. Alle reden fröhlich auf uns ein. Ich will aufstehen und mit den anderen Kindern spielen, aber eine lange Schnur hĂ€lt mich fest. Wer versucht denn jetzt schon wieder, mich in meinem Spieltrieb zu hindern? In dieser Erwachsenen-Welt ist wohl alles anders.
Ich erwache und Gott sei Dank war es nur ein Traum. Ich liege noch immer in diesem durchsichtigen Kasten. Überall sind Kabel und SchlĂ€uche an meinem Körper angebracht. Was soll das denn? War das eben tatsĂ€chlich nur ein Traum? Ich beginne krĂ€ftig zu strampeln. Als das aber nichts nĂŒtzt, fange ich an, furchtbar zu schimpfen. Zuerst in einer normalen Tonlage. Dann aber, nachdem sich keiner rĂŒhrt, erhöhe ich mal kurz meine Stimmlage, und sogleich kommt auch eine Schwester herbei und fummelt an mir herum. Sie ĂŒberprĂŒft die SchlĂ€uche und Kabel und fummelt an so einem Kasten mit lauter Lichtern herum. Danach geht sie gleich wieder weg, ohne mit mir geredet zu haben. HĂ€tte mir ja wenigstens erklĂ€ren können, was diese ganzen SchlĂ€uche sollen. Die sollte mir doch die SchlĂ€uche abnehmen und nicht daran herumfummeln. Ich brauch so etwas nicht. Ich beginne wieder, an mir die SchlĂ€uche herauszuziehen. Na ja, ich versuche es wenigstens. Genutzt hat es allerdings gar nichts, denn die Dinger geben einfach nicht nach. Ich rufe also wieder nach der Schwester. Dabei versuche ich mal eine andere, höhere Tonlage. Prompt kommt die Schwester auch, schaut aber nur kurz auf die Anzeigetafel und verschwindet wieder ohne ein Wort der ErklĂ€rung. Das kann ja wohl nicht wahr sein.
»Ich will hier raus! «, schreie ich, jetzt schon ein klein wenig böse, denn die können mich doch nicht einfach so ignorieren. Wo sind eigentlich Mama und Papa? Überlassen die mich etwa einfach so meinem Schicksal? Ich werde so lange schreien, bis hier was passiert. Wir werden ja mal sehen, wer hier den lĂ€ngeren Atem hat, denke ich. Aber auch hier soll ich mich noch wundern. Von wegen lĂ€ngerer Atem und so. Dann steht Papa auf einmal vor mir und schaut ganz selig in meine neue Wohnung. Nun guck bloß nicht so, denk ich. Hol mich hier raus und bring mich zu Mama.
Aber er scheint mich nicht zu verstehen, denn er reagiert gar nicht auf meine Ansprache. Was ist hier bloß los? Wollen die alle nicht, oder können die mich nicht verstehen. Da fĂ€ngt Papa plötzlich an zu reden. Er erzĂ€hlt mir, dass Mama noch zu schwach ist und nicht zu mir kommen kann. Er wĂŒrde aber jeden Tag vorbeikommen und mir von ihr berichten, sagt er.
»Nein, nein und nochmals nein, ich will, dass meine Mama kommt!
»Oh, meine kleine Henrike ... Und diese vielen Kabel an deinem Körper. Oh nein«, höre ich da plötzlich Mamas Stimme. Gleich schießen Mama die TrĂ€nen in die Augen. Auf einem Rollstuhl sitzend wird sie herein gefahren. Na, hat man sie jetzt doch zu mir gelassen, wird ja auch Zeit.
Endlich mal jemand, der diese komischen SchlÀuche und Kabel zur Kenntnis nimmt. Bisher hat keiner etwas dazu gesagt. Aber weinen soll Mama nicht. Das macht mich ganz traurig.
Am liebsten wĂ€re ich sofort in Mamas Arme gesprungen, aber diese SchlĂ€uche und natĂŒrlich dieser durchsichtige Kasten, der meine Wohnung begrenzt, hindern mich daran. Ich versuche, Mama zu sagen, dass sie mich hier herausholen soll, aber auch sie scheint mich nicht zu verstehen. Da fĂ€llt mir wieder ein, schreien, das macht Mama glĂŒcklich. Also lege ich los. Aber seltsam, diesmal ist alles ganz anders. Kein freudiges LĂ€cheln auf Mamas Gesicht. Stattdessen ruft sie aufgeregt nach der Schwester. »Schnell Schwester, irgendetwas stimmt nicht mit Henrike. Sie zappelt auf einmal ganz doll, und ich fĂŒrchte, sie reißt sich die SchlĂ€uche ab«.
»Nein, keine Angst, so leicht reißen die SchlĂ€uche nicht, aber die kleine Henrike hĂ€lt uns hier allerdings ganz schön auf Trapp«, meint die Schwester, »mal sehen, was der Doktor sagt, vielleicht können die SchlĂ€uche ja bald ab, sie entwickelt sich ja ganz prĂ€chtig. Nur den ErnĂ€hrungsschlauch, den wird sie noch lĂ€nger behalten mĂŒssen«, sagt sie.
Schon ist sie wieder verschwunden. Die haben auch nicht viel Zeit, die Schwestern. Immer nur schnell, schnell und weg. Mama bleibt dann noch lĂ€nger bei mir. Sie erzĂ€hlt von sich und wie gerne sie mit mir nach Hause möchte, und wie sehr sich die Omas und Opas schon auf mich freuen. Omas und Opas, was ist das denn nun schon wieder? Hab ich ja noch gar nichts von gehört. Aber egal, nach Hause, das hört sich doch schon mal gut an. Ich merke, wie ich immer mĂŒder werde und Schwupp, schlafe ich ein. So vergehen Tage, ja sogar Wochen. Mama und Papa sind jeden Tag bei mir. Und nun lerne ich auch die Omas und Opas kennen. Sind alle ganz lieb zu mir, allerdings höre ich von allen den gleichen Spruch: »Och, meine arme kleine Henrike« oder »wie niedlich«.
Was bitteschön ist denn hier niedlich? Und warum bin ich arm? Was bedeutet eigentlich arm? Na ja, Erwachsene, was sollte man da schon erwarten?
Peinlich, peinlich, gestern passiert mir dann ein kleines Missgeschick. Ich liege nackt in meiner Inkubatorwohnung und Mama will mir gerade eine frische Windel umlegen, da habe ich plötzlich das GefĂŒhl, ich muss unbedingt noch schnell vorher ein wenig Wasser lassen. Gleichzeitig habe ich einen furchtbaren Druck in meinem Bauch. So, wie das immer war, wenn Mama was Falsches gegessen hatte, Zwiebeln oder Knoblauch oder so etwas. Also, was sollte ich machen? Was raus will, muss auch raus. Oma steht neben dem Inkubator und schaut neugierig zu, wie Mama das alles so macht. Ihr könnt euch ja wohl vorstellen, was passierte. Durch sĂ€mtliche Öffnungen des Inkubators schoss da so einiges an FlĂŒssigkeit und auch noch andere Kleinigkeiten auf Mamas Arm und natĂŒrlich auch auf Oma, die gar nicht so schnell zur Seite springen konnte, wie sie es wohl gerne gewollt hĂ€tte. Ist mir ein bisschen unangenehm. Als ich aber sehe, wie die beiden anfangen zu lachen, ist es dann doch alles wieder in Ordnung. Meine Wohnung ist natĂŒrlich versaut. Jetzt bekomme ich eine neue Inkubatorwohnung. So langsam mache ich mir nun allerdings doch schon Gedanken, ob das hier nun meine endgĂŒltige Wohnung bleiben wird. Mama und Papa erzĂ€hlen mir zwar immer, dass sie mich bald mit nach Hause nehmen wollen, aber nach Hause, was bedeutet das eigentlich? Ich kann mir nur sehr schwer etwas darunter vorstellen.
Jetzt endlich, nach schier endlos erscheinenden Wochen, werden mir alle SchlĂ€uche entfernt. Mama nimmt mich und legt mich in eine fahrbare Wohnung – heute weiß ich natĂŒrlich, dass dieses Ding ein Kinderwagen ist – und fĂ€hrt mit mir nach draußen. Nach draußen, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das fĂŒr mich bedeutet. Meine kleine Welt bestand ja bisher nur aus dem kleinen Glaskasten und manchmal, wenn ich neue Windeln bekam, konnte ich erkennen, dass es außerhalb dieses Kastens noch eine grĂ¶ĂŸere Wohnung geben muss. Aber jetzt, ich bin fasziniert. Was gibt es bloß alles zu sehen? Und diese Luft! Und ganz weit weg, dieser blaue Himmel. Und die vielen Menschen. Wobei, mit der Zeit wird das schon etwas nervig mit den vielen Menschen. Alle Augenblicke schaut jemand in meinen Kinderwagen und immer der gleiche Spruch: Och, wie klein, oh, wie niedlich. Mama muss dann jedes Mal erklĂ€ren, dass ich ein FrĂŒhchen bin. Elf Wochen zu frĂŒh und so weiter und so weiter. Es nervt uns mit der Zeit, so sehr, dass Mama jetzt jedes Mal einen Bogen um die Leute macht. Viel zu schnell ist dieser erste Ausflug in die große Welt zu Ende. So nach und nach, kommen immer mehr Leute dazu auf unseren SpaziergĂ€ngen. Vor allem lerne ich so auch alle meine Omas und Opas, Tanten und Onkel, Nichten, Cousinen und was da sonst noch alles kommt kennen und zwar nicht nur durch die Scheiben meines Inkubators. Das Tollste ist, jedes Mal nach unseren SpaziergĂ€ngen habe ich immer diesen Traum vom auf den Wolken fliegen. Zusammen mit vielen anderen Kindern. Ist einfach toll.
»Und heute endlich ist der Tag. Mama und Papa haben mir gestern vor dem Einschlafen erklĂ€rt, dass ich am nĂ€chsten Tag, also heute, endlich mit nach Hause darf. Nach Hause. Ich habe diese zwei Wörter inzwischen so oft gehört, dass sie fĂŒr mich schon ganz normal klingen. Nur was sie bedeuteten, das ist mir immer noch nicht klar. Aber Mama und Papa sind so glĂŒcklich, dass es nur etwas Schönes sein kann. Mama packt mich ordentlich ein. Ich soll ja nicht frieren und mir womöglich eine ErkĂ€ltung zuziehen. Dann geht es los. Mama und Papa legen mich in eine tragbare Wohnung und ziehen mit mir davon. Ich muss wohl mal wieder eingeschlafen sein, denn jetzt liege ich zwar noch in meiner kleinen tragbaren Wohnung, aber ich kann ein großes Zimmer erkennen. Als wenn Mama nur auf mein Erwachen gewartet hatte, fĂ€ngt sie auch sofort an zu erzĂ€hlen.
»So, meine kleine Henrike Marie, jetzt bist du endlich zu Hause. « Sie nimmt mich auf den Arm und zeigt mir die ganze Wohnung. Jetzt erst begreife ich, zu Hause bedeutet wohl riesige Wohnung. Wir gehen von einem Zimmer ins nĂ€chste. Was es da nicht alles gibt, Badezimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer, KĂŒche, Flur und das Allerbeste: das Kinderzimmer. Dieses soll ganz allein meine Wohnung sein. Ich bin glĂŒcklich und um Mama das auch zu zeigen, fange ich an zu weinen, denn das hat sie ja in der Vergangenheit meistens glĂŒcklich gemacht. Falsch! Mama versteht mich nicht. Auch Papa kommt aufgeregt dazu. »Was hat sie denn, die Kleine? Ist wohl alles ein bisschen zu viel. Ich glaube, ich lege sie erst einmal hin, damit sie noch etwas schlafen kann«, sagte Mama und legt mich zurĂŒck in meine kleine tragbare Wohnung. Ich hab doch gerade erst geschlafen, na gut, die wollen mich wohl nicht verstehen. Und schon bin ich wieder eingeschlafen. Die ersten Tage verbringe ich ĂŒberwiegend mit schlafen. Wenn ich mal gerade nicht schlafe, esse ich. NatĂŒrlich haben wir jetzt öfter Besuch. Omas und Opas, ich hab zwei Opas und drei Omas, kommen natĂŒrlich öfter mal vorbei. Da fĂ€llt mir ein, warum eigentlich zwei Opas, aber drei Omas? Muss ich unbedingt noch mal klĂ€ren. Dann sind da noch jede Menge Onkel und Tanten. Die haben natĂŒrlich auch Kinder, und so ist immer etwas los bei uns. Zuerst interessierte es mich gar nicht, wer da gerade mal wieder in meine kleine Wohnung – das heißt, inzwischen habe ich gelernt, meine Wohnung heißt eigentlich Babysafe – schaut, doch mit der Zeit lernte ich zu unterscheiden, wer denn gerade hereinschaute, und bei einigen freue ich mich mehr, bei den anderen lasse ich meine Augen einfach zu und tue so, als wenn ich noch schlafen wĂŒrde. Aber das ist lĂ€ngst noch nicht alles. Ich dachte, ich kenne jetzt alles und muss nur noch Mama und Papa meine Sprache beibringen, damit wir uns vernĂŒnftig unterhalten können.
Auf Dauer ist es doch recht schwierig, immer in verschiedenen Tonlagen zu schreien, nur um mich verstĂ€ndlich zu machen. Mama erzĂ€hlt mir eines Tages so ganz beilĂ€ufig, dass sie doch sehr nervös ist wegen der Flugreise und ob ich das alles gut ĂŒberstehen werde. Aber ich bin ja nun schon ein halbes Jahr alt und der Doktor hat auch nichts dagegen. Wogegen hat der Doktor nichts? Und vor allen Dingen: Was ist eine Flugreise? Als ob ich nicht schon genug Aufregung hatte in meinem ersten halben Jahr auf dieser Welt. Hier kommt jetzt wieder das Problem mit unserer Sprache. Ich versuche alle Tonlagen, aber keiner versteht mich. Was ist eine Flugreise? Wenn mir das nicht bald jemand erklĂ€rt, mach ich da nicht mit. Gott sei Dank, da kommt Opa. Er scheint, zumindest teilweise, in AnsĂ€tzen meine Sprache zu verstehen. Er erklĂ€rt mir das mit der Flugreise. »Da mach dir man keine Sorgen, Rike. «
Opa nennt mich immer nur Rike. Das ist etwa so, als wenn man auf einer Decke durch den Raum schwebt. »Das wird schon alles klappen. Und außerdem kannst du die Welt dann mal von oben sehen«, sagt er mir. Das war es also. Mein ewiger Traum vom Flug auf der Wolke. Jetzt endlich weiß ich Bescheid. Und heute ist nun der Tag, der Flugtag. Opa fĂ€hrt uns mit seinem Auto zum Flugplatz. Mann, ist das ein Erlebnis. Ihr glaubt gar nicht, was es da alles zu sehen gibt. Riesige Vögel. Ganz viele unterschiedliche Menschen. Es herrscht ein hektisches Treiben. Große, kleine, helle, dunkelhĂ€utige Menschen. Jeder versucht möglichst schnell irgendwo hinzukommen. Auch Mama und Papa sind aufgeregt. Das kann ich merken. Mit einem von diesen Vögeln, Mama erklĂ€rt mir, das sei ein Flugzeug, damit sollen wir fliegen. Bis hoch hinauf in die Wolken. Ich bin so damit beschĂ€ftigt, mir das bunte Treiben anzusehen, die vielen Menschen, die alle mit dem Flugzeug fliegen wollen, dass ich gar nicht merke, wie wir in den Flieger einsteigen. Auf einmal sitze ich bei Mama auf dem Schoß und wir fliegen schon. Ich kann tatsĂ€chlich die Wolken aus der NĂ€he sehen. Wir fliegen mitten durch sie hindurch. Bis wir plötzlich nur noch blauen Himmel sehen. Einfach toll. Leider ist das Ganze sehr schnell vorbei, denn der KapitĂ€n, das ist der Chef von dem Flugzeug, sagt, wir sollten alle auf unseren Sitzen bleiben, wir landen wieder. Gerne wĂ€re ich noch lĂ€nger geflogen, aber auf mich hört ja sowieso keiner.
Mein Onkel Thorsten holt uns vom Flugplatz ab und wir fahren dann in seine Wohnung. Dort warten schon meine Tante Maike und zu meiner großen Freude die kleine Emilie. Endlich hab ich jemanden gefunden, mit dem ich mich vernĂŒnftig unterhalten kann. Ich habe das GefĂŒhl, sie freut sich auch, kann es mir nur nicht so richtig mitteilen. Na ja, wir werden mal sehen, wenn wir alleine sind, was sie mir so alles erzĂ€hlen kann. Jetzt, nach dieser ganzen Aufregung, muss ich erst einmal schlafen. Als ich wach werde, bekomme ich gerade noch mit, wie Emilie gerade ordentlich mit ihren Eltern schimpft. Es geht wohl ums Essen oder so. Sie hat auf jeden Fall Hunger, ruft sie. Aber anscheinend hat sie das gleiche Problem mit ihren Eltern wie ich mit meinen. Ich denke, es kann nicht schaden, wenn ich auch ein wenig mit schreie. Klappt auch. Mama und Tante Maike besorgen uns sofort etwas zu essen. Danach schlafen wir beide erst einmal eine ganze Zeit.
Jetzt bin ich wach und draußen ist es schon dunkel. Ich habe schon wieder Hunger. Was soll ich machen? Mama liegt mit Papa nebenan im Bett und schlĂ€ft. FĂŒr mich haben sie ein eigenes Bett daneben gestellt. Eine Zeit lang betrachte ich erst mal das Zimmer, fummele an meiner Bettdecke herum, aber dann wird es mir doch zu langweilig und der Hunger wird auch stĂ€rker. NĂŒtzt nichts, Mama muss geweckt werden. Zuerst rufe ich ganz leise. Papa muss ja nicht auch gleich aufwachen. Mama reagiert aber nicht. Dann versuche ich es etwas lauter, aber immer noch keine Reaktion. Dann schließlich, meine Tonlage ist inzwischen deutlich höher geworden, wacht Mama auf.
»Ist ja gut, Henrike. Ich mach dir ja schon etwas zu essen. Dauert nur ein wenig«, sagt sie. Von wegen, ein wenig. FĂŒr mich dauert es endlos lange, und ich kann mich gar nicht wieder beruhigen. Papa ist inzwischen auch wach und wiegt mich auf dem Arm hin und her. Davon geht der Hunger aber auch nicht weg und ich schreie einfach weiter.
Dann endlich kommt Mama mit der Trinkflasche herein und ich bekomme etwas zu essen. Wurde aber auch Zeit. Die Tage bei Onkel Thorsten und Tante Maike und natĂŒrlich bei Emilie sind sehr schön. Wir besuchen auch noch mehrere Verwandte, die hier im SĂŒden leben, und dann ist es wieder soweit. Wir fliegen zurĂŒck in den Norden. Der Flug ist nicht ganz so schön. Ich habe keinen guten Platz und kann kaum etwas erkennen, da wir nur in den Wolken fliegen. Außerdem fĂ€ngt es einige Male ordentlich an zu wackeln. Von den vorderen Reihen höre ich einige meiner Artgenossen schreien. Ich ĂŒberlege kurz, ob ich auch noch etwas sagen soll, entschließe mich aber, lieber ein klein wenig zu schlafen. Opa holt uns wieder vom Flugplatz ab und wir fahren nach Hause. Von alledem habe ich aber wenig mitbekommen, da ich die meiste Zeit geschlafen habe. Nun bin ich wieder zu Hause, liege wieder in meinem Babysafe und denke nach. Könnte eigentlich mal wieder etwas passieren, damit ich Euch neues berichten kann. Na ja, eins vielleicht noch. Neulich musste ich mal herzhaft lachen, als ich Mama und Papa beim Schmusen beobachtete. Irgendwann schaute Mama zu mir und auf ihrem Gesicht erschien ein Leuchten. Sie freute sich so sehr, dass sie sich gar nicht mehr beruhigen konnte. »Oh, schau mal Schatz, wie niedlich sie lĂ€chelt. Oh was bist du bloß fĂŒr eine kleine SĂŒĂŸe. «
Dabei drĂŒckte sie mich ganz doll an ihre Brust und gab mir dauernd kleine KĂŒsschen. Ich wurde ganz verlegen. Aber das scheint es zu sein, was Mama wirklich glĂŒcklich macht. Na dann werde ich halt in Zukunft einfach mal etwas öfter lĂ€cheln. Aber da soll sich noch einer auskennen mit den Erwachsenen. So, ich muss jetzt mal wieder schlafen. NatĂŒrlich mit einem LĂ€cheln im Gesicht. Bis zum nĂ€chsten Mal.
Eure Henrike-Marie Copyright Eckard Neu

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