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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Henry trifft die Liebe
Eingestellt am 06. 08. 2003 15:15


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black sparrow
HĂ€ufig gelesener Autor
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Henry trifft die Liebe


Das Wartezimmer war leer an diesem Morgen. Henry war besonders frĂŒh aufgestanden, um nicht warten zu mĂŒssen, denn er fĂŒhlte sich schlecht.
Er litt an Einsamkeit, und es wurde von Tag zu Tag schlimmer.
Mittlerweile hatte er so starke Magenschmerzen, dass er kaum noch aß,und sein rechtes Augenlid zuckte unaufhörlich.
Deshalb hatte er beschlossen, seinen Hausarzt aufzusuchen.
Die Helferin rief ihn auf,und er ging ins Untersuchungs-
zimmer.
Der Doktor hatte gute Laune.
„Guten Morgen! Nehmen sie Platz! Was kann ich fĂŒr sie tun?“ fragte er.
Henry setzte sich und stöhnte.
„Ach, ich bin einsam!“ antwortete er. „Ich hatte seit Jahren keine Freundin, und langsam tut mir alles weh!“
Der Doktor machte ein besorgtes Gesicht.
„Wissen sie denn nicht, dass es ungesund ist, solange auf Sex zu verzichten?“
Henry schĂŒttelte den Kopf.
„Aber das mach ich gar nicht! Ich habe regelmĂ€ĂŸig Verkehr! Es ist nur so, dass ich nicht wirklich verliebt bin dabei. Ich hatte ewig keine Beziehung, verstehen sie? Eine Beziehung, aus der etwas entsteht, eine Bindung,
die Bestand hat!“
Der Arzt Ànderte seinen Gesichtsausdruck und sah jetzt verstÀndnisvoll aus.
„Sie suchen also die Liebe?“
„Ja, genau!“
„Und sie wollen Kinder?“
„Nicht unbedingt! Wenn ich sage, es soll etwas entstehen, meine ich ein allgemeines Wachstum! So wie eine Pflanze wĂ€chst! Nur habe ich den Eindruck, wir schneiden Blumen lieber ab, um ihnen beim Vertrocknen zuzusehen!“
„Das ist sehr poetisch!“ sagte der Arzt. „Was machen sie beruflich?“
„Ich bin arbeitslos!“
„Das tut mir leid, aber lassen sie den Kopf nicht hĂ€ngen! Ich denke, ich kann ihnen trotzdem helfen!“
Der Doktor blieb zuversichtlich und hielt Henry eine linsengroße,gelbe Tablette hin.
„Nehmen sie dieses Medikament!“
„Aber ich möchte keine Psychopharmaka einnehmen!“
„Dieses hier ist eine Ausnahme! Sie suchen doch die Liebe?“
„Ja!“
„Also nehmen sie dieses Medikament, sonst wird die Liebe nicht mit ihnen reden!“
Henry konnte sich, fĂŒr einen Moment zu keinem Gesichts-ausdruck entschließen.
„Was haben sie gesagt? Ich verstehe nicht ganz!“ stellte er fest.
Der Arzt wirkte nun ein wenig arrogant, obwohl nur seine
zusammengekniffenen Mundwinkel darauf hinwiesen.
„Junger Mann, nichts ist einfacher, als die Liebe zu finden!
Wussten sie das nicht?“
„Nein!“
„Glauben sie mir, die Liebe kommt jeden Tag um dreizehn Uhr an der evangelischen Kirche vorbei! Sie werden sie leicht erkennen, sie trĂ€gt einen blauen Rucksack, aber sie mĂŒssen die Tablette nehmen! Es gibt keinerlei Nebenwirkungen! Vertrauen sie mir!“
„Also gut!“
Henry nickte und schluckte das Medikament.
Der Doktor verabschiedete sich.
„Ich wĂŒnsche ihnen viel GlĂŒck, und kommen sie morgen wieder!“
Henry bedankte sich und verließ die Praxis.

PĂŒnktlich um ein Uhr wartete Henry vor der Kirche auf einer Bank.
Als die Turmuhr schlug, kam tatsÀchlich eine Frau mit einem Rucksack und setzte sich neben ihn.
„Guten Tag!“ sagte sie, und Henry wĂ€re am liebsten weggelaufen.
Die Liebe war eine Greisin in Lumpen, und sie stank, dass es ihm den Atem nahm.
„Sie sind ja steinalt!“ sagte er enttĂ€uscht.
Die Liebe stand wieder auf.
„Was bilden sie sich eigentlich ein? Ich bin schließlich tausende von Jahren alt! Wie soll ich denn, ihrer Meinung nach, sonst aussehen?“ schrie sie ihn an. „Immerhin bin ich eine schaumgeborene Göttin, und wer sind sie?“
„Ich bin Henry, und es tut mir leid!“
„Schon gut! Wenn sie wĂŒssten, wie oft mir das passiert!“.
Sie setzte sich wieder, aber Henry hatte vergessen, wozu.
„Was wollen sie eigentlich von mir?“ fragte sie.
„Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe die Liebe gesucht,
aber ich habe sie mir ganz anders vorgestellt!“
„Tja, fĂŒr ihre Illusionen kann ich nichts! Das hĂ€tten sie sich doch denken können!“
„Man sucht die Liebe mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf!“
Die alte Frau lachte.
„Wer hat ihnen denn den Quatsch erzĂ€hlt?“
„Meine Eltern! Jeder sagt das!“
„Nun, ich kann dazu nur eins sagen: Der Mensch besteht aus einer Ansammlung von Organen, die alle gleich wichtig sind!“
„Aber ist das Herz nicht wichtiger als, zum Beispiel, die Milz?“
„Ich sage ihnen, die Götter strafen Missachtung und Überheblichkeit! Haben sie ihren Blinddarm noch?“
„Nein!“
„Ich warne sie, wenn sie so weitermachen, werden sie noch Krebs bekommen!“
„Das habe ich auch schon befĂŒrchtet! Außerdem habe ich Magenschmerzen, und mein rechtes Lid zuckt dauernd!“
„Sehen sie? Ich habe recht! Sie sollten meinen Rat annehmen!“
Die Liebe öffnete ihren Rucksack und wĂŒhlte darin herum.
„Mal sehen, ob ich etwas fĂŒr sie finde!“ sagte sie.
Dann schĂŒttete sie den Rucksack aus, und alle möglichen Dinge fielen auf das Pflaster, Lippenstifte, Kondome, UnterwĂ€sche, löslicher Kaffee und vieles mehr.
Die Liebe lÀchelte.
„Na los, suchen sie sich etwas aus!“
Henry zögerte.
„Wo haben sie all die Sachen her?“ fragte er.
„Ach, von ĂŒberall! Ich packe ein, was rumsteht und nicht vermisst wird! Kommen sie, es muss doch etwas dabei sein, das ihnen gefĂ€llt!“
„Ich kann mich nicht entscheiden. Ich brauche nichts davon!“
„Ich habe Pornomagazine, Socken, Zigaretten, sogar GewĂŒrze!“
„Nein, Nein! Haben sie nichts gegen meine Schmerzen?“
„Aber natĂŒrlich!“
Die Liebe gab ihm eine Perle. Sie war durchsichtig, und innen schwamm eine farblose FlĂŒssigkeit.
„Nehmen sie sie aber erst, wenn nichts anderes mehr hilft! Und leben sie wohl! Ich muss jetzt gehen!“
Sie verschnĂŒrte ihren Rucksack, schulterte ihn und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Henry sah durch seine Perle in die Sonne.

Am folgenden Tag gab er die Perle seinem Arzt, um ihren Inhalt zu untersuchen.
„Das hat sie mir gegeben. Vermutlich ein KrĂ€uterextrakt gegen meine Schmerzen. Wissen sie, was es ist?“
„Das ist eine Zyankalikapsel!“
„Oh!“ Henry war erstaunt.
Der Doktor zog die Stirn in Falten.
„Soll ich ihnen nicht doch ein Beruhigungsmittel verschreiben?“
„Nein, besser nicht!“
„Dann kann ich ihnen nicht weiterhelfen!“
„Trotzdem, vielen Dank, Herr Doktor!“
Der Arzt war unzufrieden.
„Soll ich die Kapsel fĂŒr sie entsorgen?“ fragte er.
„Nein, vielleicht brauch ich sie ja noch!“ antwortet Henry und ging.
Gegen Mittag kaufte er einen breitkrempigen Hut, um sein Lidzucken zu verdecken.



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Willibald
???
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Soso

Dear scriptor!

Hm. DreierAufbau
Pille, kapsel, Hut - gscheit!

Genialer Satz:

„Glauben sie mir, die Liebe kommt jeden Tag um dreizehn Uhr an der evangelischen Kirche vorbei! Sie werden sie leicht erkennen, sie trĂ€gt einen blauen Rucksack, aber sie mĂŒssen die Tablette nehmen! Es gibt keinerlei Nebenwirkungen! Vertrauen sie mir!“

Schluss-Gag mit dem Hut- Lösung jenseits von Illusionen, ganz pragmatisch, Lage, desolate niedrigerhÀngend?

Jou, feiner Ansatz.

Salute







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glasperlenspielerin
???
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bin begeistert
*g*

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black sparrow
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und ich freu mich, dass euch die Geschichte gefÀllt!
(Willibald, deine Kritiken muss ich immer dreimal lesen)

Schlaft schön

black sparrow

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shiva
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Lob Lob Lob

Es wird soviel "Schrott" verzapft; bei manchen Kurzgeschichten oder Gedichten wird mir richtig ĂŒbel.

Um so schöner, dass man auch mal so ein Juwel lesen darf.
Ganz prima! Toll formuliert und klasse Idee.

Beste GrĂŒsse
shiva

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Willibald
???
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Mehrfaches Lesen

Salute,

und deine texte lese ich dreimal, bis dann ein kommentar kommt.

Vale, Du Wackerer!


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aes (auf! eulen schwingen)

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