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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herbst
Eingestellt am 20. 10. 2002 22:00


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behappy
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2002

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Herbst

Der September verschwindet und der Oktober hat schon wieder unz├Ąhlige Tage hinter sich gebracht. Die Reifen stehen dort, an die T├╝r des alten Schuppen gelehnt. Die Fenster auf der Nordseite des Hauses sind leicht ge├Âffnet. Der Weg vor dem Haus ist noch feucht vom Regen am Tag zuvor. Gestern noch hat es geregnet. Gestern sprachen wir miteinander. Ich h├Ârte deine Schritte, als sie drau├čen im Regen verschwanden.

Es klingelt. Ich ├Âffne die T├╝r nicht, sondern gehe in die K├╝che und esse etwas. Ich schlie├če das Fenster in der K├╝che. Die Sonne scheint auf das Gras drau├čen, ebenso wie auf den Weg. Das Gras ist noch na├č. Ich ├Âffne das Fenster wieder und spucke hinaus.

Warum ist ein Tag oder eine Stunde so lang, wenn es jetzt, im Oktober, schon die zweite Woche erreicht hat, der September einfach vorbeigegangen und die W├Ąrme, die er mitbrachte, nicht wiederzuholen ist. Ich nehme das Telefon in die Hand und stelle es sofort wieder zur├╝ck. Bevor ich ├╝berlegen kann, wen ich anrufen m├Âchte. Jetzt hinausgehen, ├╝ber die Stra├če laufen, mit den Schuhen ├╝ber den nassen Asphalt schl├╝rfen. Es ist kein Wind da. Das w├Ąre das richtige - Wind.

Ein Bus h├Ąlt nicht weit vom Haus. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich h├Âre genau, wann er wieder losf├Ąhrt. Ich warte darauf. Ich wei├č, da├č ich den Bus auch h├Âre, wenn alle Fenster geschlossen sind. Gestern, als du hier warst, h├Ârte ich keinen von den Bussen oder Autos, die vorbeifuhren. Du sprachst, und es lag kein Bedauern in deiner Stimme. Ich sprach und wollte nicht, da├č irgend etwas in meiner Stimme liegt. So war es, ich wei├č genau, da├č es so war. Ich ├╝berlegte einen Moment, dir hinterherzublicken, entschied mich aber dagegen.

Ich bin m├╝de und g├Ąhne. Ich streiche ├╝ber meine Augenbrauen, ├╝ber meine Nase und unter meinen Augen.

Morgens Nebel. Gestern wie heute. Als du mir gegen├╝ber sa├čest und leicht mit der Schulter zucktest, nein, sage ich mir jetzt, das warst nicht du, ich bin es, der mit den Schultern zuckt vor Ratlosigkeit. Ich stand auf, sagte etwas, schon nicht mehr zu dir gewendet und klopfte leise gegen die T├╝r des Schrankes. Wir wollten unsere Stimmen h├Âren und redeten.

Ich trinke Kaffee. Nachdem ich lange Zeit auf ihn verzichtet hatte, dachte ich, es sei ein Fest, wieder Kaffee zu trinken, sehr hei├č mit Sahne. Nun ja - manchmal genie├če ich es wirklich. Gestern machte ich Tee. Ich nahm nicht wie sonst einen Beutel, sondern den losen Tee, sch├╝ttete zwei L├Âffel in das Teesieb und h├Ąngte es in die Kanne. Als ich das Sieb herauszog, klingelte es. Du l├Ącheltest mich an, doch wir umarmten uns nicht. Ich wei├č, wie ich die T├╝r hinter dir schlo├č, es war das letzte Ger├Ąusch, das ich h├Ârte, bis du gingst.

Ich blicke aus dem Fenster. Es ist genau wie vor ein paar Sekunden oder vor einer halben Stunde oder wie heute morgen. Ein kleiner Baum hat sich schon r├Âtlich verf├Ąrbt, alle anderen, auch die B├╝sche haben noch gr├╝ne Bl├Ątter. Es ist bestimmt anders als am Morgen, sage ich mir, bestimmt wurden am Nachbarhaus die Roll├Ąden hochgezogen und das Gras war so na├č, da├č die Schuhe innen feucht wurden. Ich begebe mich wieder in die K├╝che und setze mich auf den K├╝chentisch. Warum blickte ich dich gestern nicht von hier aus an, warum lachten wir nicht und fielen uns in die Arme.

Du trugst eine rote Bluse. Du gingst, nachdem wir uns begr├╝├čt hatten, sehr vorsichtig in mein Zimmer.

Der Weg vor dem Haus trocknet. Das Gras ist bestimmt noch na├č. Wie wohl deine Schritte auf dem trockenen Weg klingen m├Âgen? Ich ├Âffne die T├╝r und setze mich auf die Treppe. Ich sch├╝tte den Kaffee, der inzwischen kalt geworden ist, auf die Erde. Niemand hat einen Schaden erlitten, sagt Cary Grant zu Ingrid Bergmann in Notorious. Ich sage den Satz halblaut vor mich hin. Es ist ziemlich mild, und ich ziehe meine Schuhe und meine Socken aus.

Als wir am Tisch sa├čen, ber├╝hrtest du meine Hand. Du ber├╝hrtest sie nur ganz leicht und zogst deine Hand langsam zur├╝ck. Ich blickte auf meine Hand und sagte nichts.

Ich laufe barfu├č auf dem Weg und stelle fest, da├č er noch nicht ├╝berall trocken ist. Ich knie nieder und bef├╝hle ihn mit meinen H├Ąnden. Der Weg ist sehr hell.

F├╝r einen Moment glaube ich, da├č du nie wieder hierher kommen wirst.

Meine F├╝├če beginnen, kalt zu werden. Ich laufe zur Treppe zur├╝ck und ziehe meine Socken wieder an. Als wir den Tee tranken, wolltest du eine Zigarette rauchen. Ich zog meine Schachtel hervor, und sie war leer. Du nahmst deine Schachtel aus der Handtasche, und sie war leer. Wir lachten beide, und ich war gl├╝cklich, da├č wir lachten. Vor dem Haus gegen├╝ber ist ein Automat, sagte ich eine Weile sp├Ąter. Du fragtest mich, ob ich rauchen wolle, und ich sch├╝ttelte den Kopf. Habe ich f├╝r heute abend eine Verabredung?

Ich laufe im Zimmer umher und lege dies und jenes hierhin, dorthin. Ich nehme einen Pinsel mit weichen Haaren und streiche damit ├╝ber meine Augenbrauen und meine Ohren.

Du nahmst deine Tasse, stelltest sie auf den Schrank und sahst mich dabei an. Ich schaute auf die Tasse, und mir fiel auf, da├č ein Sprung darin war, und ich wei├č schon lange, da├č die Tasse einen Sprung hat.

Es k├Ânnte etwa eine halbe Stunde vergangen sein, seitdem ich drau├čen auf der Treppe sa├č.

Als ich in die K├╝che ging, um frischen Tee zu bereiten, sah ich im Haus gegen├╝ber ein Kind. Es dr├╝ckte mit beiden H├Ąnden gegen die Fensterscheibe und schaute nach drau├čen. Kurze Zeit sp├Ąter war es verschwunden. Du trankst keinen Tee mehr. Ich lie├č die Kanne auf dem Tisch stehen und blickte dich an.

Es gibt so viele Dinge, die man erledigen kann, da├č die Zeit vergeht.

Ich laufe durch die Wohnung. Jetzt bin ich nerv├Âs.


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knychen
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hallo christoph,
die zeitspr├╝nge waren etwas verwirrend, das gleichnis mit dem sprung in der tasse jedoch genial. alles in allem w├╝rde ich sagen, das depressionen -trennungen, sommer vorbei, scheiss wetter- ganz gute motivationen sein k├Ânnen.
gru├č knychen
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kny

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Lieber Christoph,
Du hast mir einen wundersch├Ânen Tagesausklang beschert mit den Worten
>Ich laufe im Zimmer umher und lege dies und jenes hierhin, dorthin. Ich nehme einen Pinsel mit weichen Haaren und streiche damit ├╝ber meine Augenbrauen und meine Ohren.<

Ich wollte nur, du h├Ąttest die letzte Zeile weggelassen - ohne das w├Ąre es ein feines Herbst-Stimmungsbild ...



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behappy
One-Hit-Wonder-Autor
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Liebe Anna,

ich finde, ohne die letzte Zeile fehlt dem Text etwas, n├Ąmlich das Unstete, Unruhige, mit dem das 'ich' aus der Geschichte hervorgeht. Auch vom Rhythmus her, gefiele mir es nicht, eine Zeile vorher aufzuh├Âren.

Gru├č
Christoph
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Christoph Grobe
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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Lieber Christoph,
nun, es ist Deine Entscheidung, mit welchem Eindruck Du schlie├čen willst. Vielleicht hat mir auch mein eigenes Ruhebed├╝rfnis gestern abend den Kommentar eingegeben...

Zumindest das "jetzt" im letzten Satz solltest Du aber ├╝berdenken. Die Unruhe durchzieht den ganzen Text (nerv├Âs herumlaufen, Gegenst├Ąnde hin- und herlegen usw.) und ist insoweit am Ende nichts Neues, was man mit "jetzt" ansagen sollte, oder?

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