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Leselupe.de > Kurzprosa
Herbst, Winter und . . .
Eingestellt am 17. 08. 2001 12:54


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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
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├ängstlich betrat ich das Zimmer der sterbenden Jessica das sie seit letzten Herbst nicht mehr verlassen konnte, und sah auf den gro├čen, bunten Kalender mit den vielen Pferden. 15. Februar 1980. Ein Monat vor ihrem Geburtstag. Noch ein Monat vor ihrem gro├čen Ziel, ihren zwanzigsten Geburtstag zu erleben. Schnell riss ich das oberste Blatt ab und zerkn├╝llte es. Wut, Trotz und ein ├╝bergro├čer, hilfloser Schmerz brannte in meiner Brust. Ich ging zum Fenster, lehnte mich an das k├╝hle Glas, betrachtete den verschneiten Garten und versuchte meine innere Ruhe wiederzufinden.
"Welches Datum haben wir?" Jessica hob den Kopf und sah mit unnat├╝rlich gl├Ąnzenden Augen im Zimmer herum. Ihr Blick hatte etwas eigent├╝mlich Wildes an sich.
"Heute ist der f├╝nfzehnte ... M├Ąrz, mein Schatz." Mit ein paar schnellen Schritten war ich bei ihr, beugte mich ├╝ber sie, nahm ihr Gesicht in meine rauen H├Ąnde und k├╝sste sie sanft auf die Augen, die Nase und den Mund. Tr├Ąnen tropften auf ihre bleiche Haut und bildeten dort gl├Ąnzende schmale Spuren. "In ein paar Tagen haben wir Ostern."
"Ich werde heute zwanzig" fl├╝sterte Jessica mit schwacher Stimme und ihr Gesicht zeigte ein blasses Strahlen. Ihre Z├╝ge, in die der Schmerz seine tiefen Furchen gegraben hatte, wurden f├╝r einen kurzen Augenblick weich und sie sah wieder aus wie der Engel, den ich vor zu kurzer Zeit, wie mir schien, kennengelernt hatte.
"Ja, ich wei├č. Du bist heute zwanzig, mein Liebling." erwiderte ich und w├╝rgte an meinen Worten. "Ich wei├č", meine Stimme versagte den Dienst.
"Ich muss Dir etwas gestehen", wisperte Jessica. Sie sog scharf die Luft ein, als eine neue Woge des Schmerzes sie ├╝berrollte. "Du sollst wissen, dass ich gedacht habe, ich werde nie so alt, weil ich den Krebs . . . vielleicht doch nicht besiegen kann, und nun ...?" Ihre H├Ąnde tasteten wie zwei m├╝de kleine Spinnen ├╝ber die Bettdecke und ber├╝hrten mich zart. "Ich freue mich auf den Fr├╝hling, wenn es nicht mehr so kalt ist, und wir wieder gemeinsam reiten werden."
"Du hast es geschafft. Du bist nun doch ein gro├čes M├Ądchen geworden und wir werden noch viele gemeinsame Ritte unternehmen." beeilte ich mich ihr zu versichern. Ich l├Ąchelte so gut ich es vermochte, doch die Tr├Ąnen liefen unaufh├Ârlich ├╝ber meine Wangen.
"Ja, jetzt habe ich auch wieder eine ganz kleine Hoffnung. Es wird alles gut, nicht wahr?" Jessicas Stimme wurde leiser und flacher. Ich musste mich nach vor beugen und mein Ohr an ihren Mund legen, um ihre verstummenden Worte zu verstehen.
"Ja, es gibt immer eine Hoffnung." Jessicas Z├╝ge wurden weich und sanft. Sie hatte das Gef├╝hl, ein erstes Mal in ihrem Leben wirklich gewonnen zu haben. Ihr Brustkorb hob sich noch einmal in einer Welle des Schmerzes und sie gab ein rasselndes Ger├Ąusch von sich. In dem Schweigen, das folgte, wurde sie vor dem weinroten Hintergrund ihres Lakens immer blasser. Ohne es zu merken klammerte ich mich an sie, als ob ich dadurch ihr Leben am Entschwinden hindern k├Ânnte. Aber es war wohl zu sp├Ąt. Als die Nacht dem Ende zuging, wurde ihr sch├Ânes Gesicht reglos und schlaff. Und dann, nur Augenblicke, bevor der Himmel im Osten hell wurde, sp├╝rte ich pl├Âtzlich die Stille im Raum und wusste, dass Jessica ihren ohnehin aussichtslosen Kampf endg├╝ltig verloren hatte.

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ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

heult rotz und wasser,....

und besonders sch├Ân, der augenblick der stille im zimmer der sterbenden/nun schon toten jessica...
empfehle dir das "tibetische buch vom leben und sterben" von sogyal rinpoche, lieber fredy, es hilft! (ist an keine weltanschauung gebunden, sondern f├╝r alle geschrieben, die sterbenden beistehen m├╝ssen), gerade auch f├╝r die, die glauben, dass sie ohnm├Ąchtig zur├╝ckbleiben, lege es dir umso dringender ans herz, als ich glaube, dass dies eine sehr pers├Ânliche geschichte war. wof├╝r ich mich gleichzeitig auch irgendwie entschuldige (f├╝r den buchtipp nat├╝rlich), da ich mir dabei auch noch aufdringlich vorkomme....
es dr├╝ckt dich
elsa

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Fredy Daxboeck
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*21 jahre . . . und doch wird mich ihre liebe immer begleiten . . . *

hallo liebe elsa

du bist nicht aufdringlich, nein. in keiner weise. danke f├╝r den buchtipp . . . und f├╝r┬┤s dr├╝cken.
ich habe diese zeilen heuer anl├Ąsslich ihres geburtstages geschrieben und sp├Ąter gepostet, weil sie mir heuer besonders fehlte.
sie war das m├Ądchen das mir die hand reichte, als es niemand sonst mehr tat. sie war das m├Ądchen das mir schenkte, was ich nie zuvor kannte . . . liebe und freiheit.

liebe gr├╝├če

fredy
____________
sie war mein engel im leben . . . und ist es jetzt erst recht . . .
und irgendwann werden wir uns wiedersehen . . . in einem anderen leben

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ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

.......

Unser ganzes Dasein ist fl├╝chtig
wie Wolken im Herbst
Geburt und Tod der Wesen
erscheinen wie Bewegungen im Tanz.
Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel
es rauscht vorbei
wie ein Sturzbach den Berg hinab.

Buddha Shakyamuni.

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Fredy Daxboeck
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*so tr├Ągt wohl jeder sein p├Ąckchen mit sich rum . . .

ich hab┬┤sie mit f├╝nfzehn kennengelernt. ich war wieder mal aus dem heim abgehauen, sie war ihren pflegeeltern entwischt. wir haben uns mit gelegenheitsjobs auf bauernh├Âfen und in reitst├Ąllen durchgeschlagen, und sind durch┬┤s land gezogen. drei lange jahre.
im fr├╝hjahr ┬┤79 haben wir uns getrennt . . . und im herbst wieder gefunden.
sie war damals schon krank.
ich hab┬┤ ein jahr lang tag und nacht gearbeitet . . . bis ich wusste, ich muss mich auf ein pferd setzen und weg. nach vierzehn monaten bin ich zur├╝ckgekommen . . . irgendwann auf meinem trip hab┬┤ ich kapiert, dass sie mich in wahrheit nie verlassen hat. dass sie immer bei mir sein wird.

viele liebe gr├╝├če

fredy
_______________
und doch fehlt sie mir manchmal mehr als alles andere . . . aber das ist schon in ordnung so

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ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

vielen dank lieber fredy,

f├╝r diese beiden geschichten.
ich bin froh, dass du Herbst, Winter und.. in die anthologie stellen m├Âchtest. ein guter gedanke....
noch ganz benommen ├╝ber soviel schicksal
deine elsa

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