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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herbst: nein danke
Eingestellt am 24. 10. 2003 18:59


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El Gazzo
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2003

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Herbstfarben

Wie treffend ihn doch die EnglĂ€nder bezeichnen. „fall“. Einfach, prĂ€gnant. „fall“ kannst du nur fĂŒhlen. Ein kurzes Wort als MeisterschĂŒtze, sein Ziel nicht verfehlend.

Vom Klang her allerdings hat der EnglĂ€nder das falsche Wort gewĂ€hlt. GĂ€nzlich unpassend, dieses weiche „fall“. Bei uns heißt es wenigstens so wie es ist. Herbst. Eckig, kalt und hart. Selbst ein Zischlaut ist eingebaut! Unsere Gesellschaft lĂ€sst sich das gefallen. Fallen doch nicht nur BlĂ€tter in dieser Jahreszeit.

Es fĂ€llt das Stimmungsbarometer der Menschen um dich herum. Schlimmer noch. Du fĂ€llst mit ihnen. Du spĂŒrst es nicht so deutlich? Nun, die anderen begleiten dich im Fall, auf gleicher Höhe sozusagen.
Die angeschlagene Psyche, Depressionen haben Hochkonjunktur, die Selbstmordrate ist rekordverdĂ€chtig. Kaum einer schaut in sein Inneres, in den tiefen Brunnen seiner Bewusstheit. Dort, wo sich alles Wichtige abspielt. Dort, wo gesteuert wird und mitunter unglaubliche IrrtĂŒmer zustande kommen.

Trauern wir dem Àrmellos trockenen Sommer nach, den Ferien mit ihren selbst gestrickten Freiheiten, den salzsonnigen MittelmeerlÀndern? Kommt unser Chemiehaushalt ins Schwanken, durch das sich langsam reduzierende Vitamin-D. Die Tage sparen zunehmend an Licht, und das morgendliche. Aufstehen im Dunkeln lÀsst uns glauben, wir gingen zur Nachtschicht.

Wo sind die Farben? „Fall“. Wir fallen und haben keine Ahnung wie schnell, wie weit, wohin. Nicht zufĂ€llig feiern wir Allerheiligen gerade in dieser Zeit. Wieso eigentlich feiern und warum Feiertag? Ich kenne niemanden, der an diesem Tage wirklich feiert.
Wir stehen unmotiviert wie bestellt und aufgefĂ€delt, an den GrĂ€bern der Verstorbenen, die gewissermaßen auch „gefallen“ sind.

Wenn man all diesen inneren ZustĂ€nden nun Farben zuordnete, sie wĂ€ren niemals fröhlich. Selbst eingefleischte Romantiker, die Natur anbetend, mĂŒssten zugeben, dass die viel zitierte reiche Farbenpalette im großen und ganzen auf Erdfarben beschrĂ€nkt ist, lediglich ein kurzes biologisches Intermezzo darstellt und genau genommen den Tod aller BlĂ€tter andeutet, vorwegnimmt. Weitab vom frischen GrĂŒn des Gegenspielers Lenz. Die grau einfallenden Nebelfetzen sind die nahezu ideale ErgĂ€nzung zur jahreszeit-bedingten Katastrophe. Die dadurch verursachten AuffahrunfĂ€lle möchte ich hier gar nicht erst erwĂ€hnen.

Wenige Wochen spĂ€ter schließlich wird das ohnehin gebremste Wohlbefinden gar noch etikettiert und endgĂŒltig in den Boden gerammt. Auf dem Etikett steht schlicht: Advent. Sage und schreibe vier Wochen Dauerunlust, verschĂ€rft durch inoffizielles farbloses Humorverbot. Tiefer kann man nicht fallen.

Der absolute Gipfel dieses in jeder Weise farblosen Herbstes ist jedoch sein Ausklang. Die Weihnachtsvorfreude! Ich nehme Kinder und deren GeschenkbedĂŒrftigkeit jetzt einmal aus. Die Erwachsenen aber sind an diesem, besonders christlich gemeinten Fest doch eher in sich geknickt oder ganz gebrochen. Mal ganz ehrlich: Kennen sie in ihrer Verwandt- oder Bekanntschaft mehr Beispiele fĂŒr gemeinsames GlĂŒck und Eintracht oder eher fĂŒr Schmerz, Trennung. Die Zahlen der Statistiker sind gnadenlos. Besonders in dieser spĂ€therbstlichen Zeit fallen solche MissstĂ€nde den Betroffenen besonders schmerzvoll auf die leicht angezuckerten Köpfe. Jetzt, wo sie erst lernen mĂŒssten allein zu sein und erkennen sollten, wie wenig praktikabel Egoismus doch ist, aus der Sicht eines Singles.

Ich möchte nicht als Schwarzmaler gelten, sonst mĂŒsste ich noch erwĂ€hnen, wie der erhebliche Teil der Gesellschaft als Zwangsalternative die KaufhĂ€user stĂŒrmt, nur um sich abzulenken. Diese gefĂŒhlsbetonte Zeit der Familie, Ruhe, dem Frieden und der Besinnlichkeit zugedacht wĂ€re. In GroßmĂ€rkten aber wird nur Hektik und Stress in viel Gold und Silber verpackt feilgeboten. Keine typischen Herbstfarben.

Herbstfarben! Dass ich nicht 
 traurig werde.

© El Gazzo

__________________
als ich hörte, dass der Weg das Ziel sei, blieb ich unversehens stehen...

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

Kolumne

Hallo El Gazzo,

Dies hier ist dein erster Prosatext auf der Leselupe.

Ich habe eines deiner ersten Gedichte noch in guter Erinnerung. Musica Musica. Dann folgten andere nach in verschiedenen Foren. Sie zeugen alle von deiner StÀrke, die in der Lyrik liegt.

Dieser Text ist eher im Forum Kolumnen anzusiedeln. Es ist ein Zeitungsartikel, keine Kurzgeschichte. Am Text selbst solltest du noch intensiv arbeiten. Hier einige Anregungen:

"Denn beim Fallen in dieser Jahreszeit sind nicht nur die BlÀtter gemeint."
Fallen doch nicht nur BlÀtter in dieser Jahreszeit.

"Das ist auch der Grund, warum du es nicht so deutlich spĂŒrst..."
Du spĂŒrst es nicht so deutlich?

Was mir gefallen hat, ist der Wortvergleich selbst. Das weiche fall im Gegensatz zum harten Herbst.

El Gazzo, das Straffen des Textes sehe ich als wichtigste Arbeit vorerst. Frisch ran also.

Viel Spaß weiter beim Schreiben wĂŒnscht

Lotte Werther

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