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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herbstblatt
Eingestellt am 15. 06. 2001 21:12


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Engel des Lichts
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jun 2001

Werke: 8
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Herbstblatt


Das rötliche Licht fiel vom Himmel, schwebte zur Erde hinab. Langsam, im Tanz des Windes gefangen, schaukelte das Blatt hernieder, legte sich seinem Schöpfer zu FĂŒĂŸen, blieb auf den knorrigen Wurzeln des riesigen Baumes liegen. Aber es war nicht das einzige, noch viele Lichter folgten.
Der Herbst war gekommen, das Laub der BÀume hatte sich verfÀrbt und begann sich langsam zu lichten. Die goldene Zeit war angebrochen.
Sie blickte auf das Blatt hinab, betrachtete es. Diese blutrote Farbe....sie schauderte, aber dennoch starrte sie es unverwandt an. Wie unter Zwang beugte sie sich zu ihm, nahm es in ihre Hand. Nun benetzte das Blut auch ihre Finger, trÀnkte sie in ihr tiefes Rot.
Das MĂ€dchen wandte den Blick zum Himmel, schaute zum Wipfel des majestĂ€tischen Baumes, der hoch vor ihr aufragte, sah den wilden Tanz, den der Wind mit den BlĂ€ttern trieb. Lichter, so viele Lichter. Nur einen Augenblick lang leuchteten sie auf, um doch kurz darauf fĂŒr immer zu erlöschen.
Sie schloß die Augen. Das Blatt glitt aus ihrer Hand, kehrte zur Erde zurĂŒck...

Es fĂ€rbte den Boden, der nun in rötlichem Schein schimmerte. Das Blut rann aus den Wunden des kleinen Jungen, der von den Älteren drangsaliert und geschubst wurde. Einer der Jugendlichen, ein großer blonder mit stechend blauen Augen, schleuderte ihn zu Boden, wo er mit dumpfen GerĂ€usch aufprallte und reglos liegen blieb. Der kleine Körper des kindes, starr und scheinbar leblos, lag auf dem kalten Kopfsteinpflaster.
Sie schrie, schrie aus leibeskrĂ€ften, versuchte zu dem Jungen zu gelangen, der sich nicht mehr rĂŒhrte, doch vergeblich. Verzweifelt mußte sie mit ansehen, wie der Blonde ihrem Bruder in die Seite trat und wĂŒste Beschimpfungen losließ, wĂ€hrend dessen Freunde sie zurĂŒckhielten. Einer schlug sie hart ins Gesicht, so daß sie gestĂŒrzt wĂ€re, hĂ€tten die anderen sie nicht festgehalten. Kraftlos hing sie in ihren Armen, den Blick auf ihren Bruder gerichtet, der mit ihren TrĂ€nen zu verschwinden schien. Ihre Ohren waren taub fĂŒr die verĂ€chtlichen Worte ihrer Peiniger, ihr Körper spĂŒrte nicht die Gewalt, die sie ihr antaten. Das einzige, was sie fĂŒhlte, war Leere, Leere, die bald gefĂŒllt war mit Schmerz und Angst um ihren kleinen Bruder.
Erneut schluchzte sie, das Weinen schĂŒttelte ihren Körper -oder waren es die groben SchlĂ€ge? Sie hob den Kopf und sah die Passanten etwas abseits stehen, sah, wie sie herĂŒber blickten.
Mitleid, Schadenfreude, Angst, Unsicherheit...so vieles las sie in den Augen der Leute, so viele GefĂŒhle, und doch -eines fehlte, eines, fĂŒr das sie alles getan und gegeben hĂ€tte: Entschlossenheit. Entschlossenheit fĂŒr sie und ihren Bruder einzutreten, Entschlossenheit, Courage zu zeigen und zwei Kindern zu helfen, die fĂŒr diese brutalen Jugendlichen die falsche Hautfarbe hatten, Entschlossenheit, einem schwarzen Geschwisterpaar beizustehen.
"Bitte", flĂŒsterte sie, "bitte." Flehend schaute sie die Menschen an, aber wen ihr Blick auch traf, er wandte sich ab, wich ihrem Blick aus. "Bitte!" Keine Reaktion. "Warum, warum helft ihr uns nicht? Warum?" Das waren ihre letzten Worte, bevor sie in gnĂ€diger Ohnmacht versank. Wie aus weiter Ferne hörte sie noch das Heulen von Polizeisirenen.

Sie wußte nicht, wie lange die Bewußtlosigkeit andauerte, aber irgendwann lichtete sich die SchwĂ€rze und die gnĂ€dige Ruhe, die ihr die Ohnmacht verliehen hatte, war vorbei. Sie schlug die Augen auf, um sie gleich darauf auch wieder zu schließen. Nach der wohligen SchwĂ€rze, die sie umfangen hatte, trieb die ihr entgegenstrahlende Helligkeit die TrĂ€nen in die Augen.
Blinzelnd, die TrĂ€nen fortwischend, erkannte sie, daß sie wohl in einem Krankenhaus lag und daß dieses blendende Weiß von der Einrichtung des Zimmers herrĂŒhrte.
Nur- was hatte sie hier zu suchen? -Ihr Bruder! Mit einem Schlag fiel ihr alles wieder ein. Sie sprang auf. In diesem Augenblick öffnete sich die TĂŒr, eine junge Krankenschwester trat herein, freundlich lĂ€chelnd: "Bist du wieder aufgewacht? FĂŒhlst du dich gut?" Ihre Stimme klang angenehm, hell und wohlklingend und stand im krassen Gegensatz zu ihrer eigenen, als sie schrill die Worte ausstieß:"Mein Bruder! Was ist mit meinem Bruder?"
Die so freundlich lÀchelnden Augen der Schwester verdunkelten sich. Von den Worten, die sie nur zögernd und kaum verstÀndlich sprach, verstand sie nur: "Dein Bruder ist..er hat nicht...jede Hilfe zu spÀt..." Sie verstummte.
Nein. Das konnte nicht sein. In ihrem Kopf wirbelte es nur so von wirren Gedanken. Das war ein Irrtum, es war alles nicht wahr. Alles nur ein böser Scherz. Ja genau, ein Scherz, es war ein Scherz, man wollte sie hier zum Narren halten. Er lag bestimmt in einem anderen Zimmer und wartete nur darauf, daß sie endlich zu ihm kam. Ein Scherz.
"Es tut mir leid." Die Schwester trat auf sie zu, wollte ihre Hand auf ihre Schulter legen, aber sie zuckte zurĂŒck. "Nein!" schrie sie. "Nein!"
Sie wollte zu ihrem Bruder, sofort, auf der Stelle. "Wo ist mein Bruder, wo habt ihr ihn hingebracht?"
Die Schwester ergriff sie an ihren Schultern. "Hör mal.." Sie riß sich los. "Es ist nur eine LĂŒge, ich weiß es, ihr seid alle LĂŒgner! Wo ist er?"
Sie rannte hinaus. Ein schier endloser Gang erstreckte sich vor ihr. Leer und kahl schien er ihre Seele widerzuspiegeln. "Wo ist mein Bruder?" Schreiend, schluchzend, verzweifelt brach sie zusammen. Sie schlug sich die HÀnde vor das Gesicht, wiegte sich im Takt einer imaginÀren Melodie hin und her.
"Wo ist er, wo ist mein Bruder? Wir haben doch nichts getan. Warum haben sie das gemacht? Es ist alles nicht wahr, nicht wahr!" Die TrĂ€nen rannen ihr unaufhörlich ĂŒber die Wangen, wollten nie enden, vermischten sich mit dem Blut der aufgeplatzten Wunde an ihrer SchlĂ€fe.
"Warum? Warum?" Leiser und leiser, aber immer wieder dieses eine Wort: warum! Sie fĂŒhlte wie das Weinen ihren Körper schĂŒttelte, schwĂ€cher wurde, die TrĂ€nen versiegten und in ihr sich eine Leere ausbreitete, die alles zu verschlingen schien.
Nur noch das Blut benetzte nun noch ihre Haut, nachdem die TrĂ€nen zum Stillstand gekommen waren. Sie sah, wie ein kleiner Blutstropfen fiel, den weißen Boden fĂ€rbte...

Das Blatt lag unbeweglich auf den Wurzeln des Baumes, trĂ€nkte sie in ihr Rot. Ein neues Leben war erloschen. Der goldene Herbst war verschwunden, zurĂŒck blieb der Tod.
Selbst nach all den vergangenen Jahren kehrte er immer wieder zurĂŒck, der Tod, und noch immer wartete sie auf das Leben, das wiederkommen sollte. Trauriger Herbst, tödliche Zeit.
Sie hob den Kopf zum Himmel, wandte ihr gesicht der Sonne zu.
Rote Lichter, die verglĂŒhen sollten, fielen herab. Leben, so viele Leben.

Sie schloß die Augen. Im Licht der Sonne glitzerten TrĂ€nen auf ihrer Wange.


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Sohn des Rhein
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Engel des Lichts,

Sehr, sehr gut, Dein Text. Sehr schön das Bild mit dem Herbstblatt, sehr eindringlich die GefĂŒhle geschildert. Hat mich wirklich beeindruckt, mach weiter so!

GrĂŒsse,
Sohn des Rhein

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Der Denker
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2001

Werke: 22
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Kann mich nur meinem Vorredner anschließen.
Ein sehr trauriges und dĂŒsteres Kapitel der Menscheit.
Bis jetzt war ich noch nie in der Situation und ich hoffe, falls es jemals eintritt, ich werde anders handeln, als die Menschen in deiner Geschichte.


Liebe GrĂŒĂŸe,

dede
__________________
"Ist das alles, was ich bin? Ist da sonst gar nichts mehr?"


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Engel des Lichts
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jun 2001

Werke: 8
Kommentare: 6
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hallo dede!

Schön, daß dir die Story gefĂ€llt trotz dieses ernsten Themas. Und doch ist es etwas ĂŒber das geschrieben werden sollte, finde ich zumindest. Nur zu oft liest und sieht man solche FĂ€lle. Mag sein, daß manche glauben, daß die Medien das zu sehr hochspielen, doch damit stimme ich nicht ĂŒberein. Auf jeden Fall danke fĂŒr deinen Kommentar :-)

Deine Chrissi

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