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Leselupe.de > Gereimtes
Herbstblues
Eingestellt am 07. 10. 2007 22:23


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Walther
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Herbstblues


Es schwelgt der Indian Summer in den Farben.
Die Augen quellen ĂŒber, sehn sich satt.
Ich gehe durch die Lande, fĂŒhl mich matt.
Es sind nicht nur die TrÀume, die verdarben.

Auf Feldern steht das Stroh in fahlen Garben.
Wohl dem, der jetzt schon das geerntet hat,
Das winters mangelt. Wind bewegt ein Blatt,
Das leise fĂ€llt auf die, die frĂŒher starben.

Ich lasse diesen Wind die Wangen streicheln
Und lÀchle in mich, hör den Vogelschwarm.
Kastanien schau ich und die vielen Eicheln;

Die Sonne scheint so weich und wohlig warm:
Es fĂ€llt heut leicht, sein GlĂŒcklichsein zu heucheln,
Ein hoffnungsloses Herz ist wirklich arm.

fĂŒr Walter Kempowski
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 07. 10. 2007 22:23

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AlexT
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2006

Werke: 9
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Ein interessanter und ĂŒberraschender Schluss. Das wirft schon einmal ein Licht auf eine oft verdrĂ€ngte Wahrheit bzw. Problem: Das, was wie Gradationen an GlĂŒcklichsein bei einer person aussieht, zeigt nur, dass es manchmal unertrĂ€glich schwer bis unmöglich ist, sich glĂŒcklich zu ZEIGEN, und manchmal eben doch etwas leichter - an der Bitterkeit der LAge Ă€ndert das aber nichts, weil dieses scheinbare GlĂŒck etwas NICHT VORHANDENES ist, so oder so! Die Welt ĂŒbersieht das, wie auch sonst vieles, und Du zeigst das auf. Finde ich schon mal gut. Auch in den Quartetten schöne poetische AtmosphĂ€re, die VergĂ€nglichkeit schön deutlich gemacht und das tiefe Paradoxon zwischen Schönheit (Farben des Herbstlaubs) und Verfall/Abgleiten ins Nichtsein ("Es sind nicht nur die TrĂ€ume, die verdarben") in einem und demselben Vorgang in der Natur, nĂ€mlich der VerfĂ€rbung der BlĂ€tter im Herbst. Ein harmonisches Gesamtkonzept zwischen den vier Strophen ist deutlich erkennbar. Insgesamt also ziemlich gut in meinen Augen.

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Walther
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Morgen, lieber Alex,

danke erst einmal fĂŒr Deine lobende ErwĂ€hnung; in der Tat hat selbst der abgebrĂŒhteste Dichter einen gelegentlichen Bedarf nach öffentlichem Lob.

Herbstgedichte leben in der Ambivalenz der Jahreszeit: Hurra, wir leben noch, sind noch nicht ganz tot, aber bald. Dann, wenn der Winter kommt, wird es dĂŒster, werden fröhliche Wohnzimmer mit Sonneneinstrahlung grau-kalte Höhlen.

Daher auch: Wohl dem, der jetzt schon das geerntet hat, was winters mangelt: Mut und Hoffnung beispielsweise, Seelennahrung also. Aber mehr: Der Wind bewegt ein Blatt, das leise fĂ€llt auf die, die frĂŒher starben. Kempowski war ein Sammler von BlĂ€ttern derer, die frĂŒher starben, er war der Wind, der diese BlĂ€tter (noch) bewegt hat. Und nun?

Den Rest könnte man ebenfalls interpretieren, man kann aber auch das tun, was die Trauer ertrĂ€glicher macht, zur Tagesordnung ĂŒbergehen, die Wangen wohlig vom lauen Oktoberwind, der wie ein FrĂŒhlingsfĂ€cheln daherkommt, streicheln lassen, der ein letzter Bote des SĂŒdens ist, da, wo das Leben jetzt noch pulsiert.

Das allein ist schon Hoffnung, eine kurze nur. Und dennoch: Das Memento mori ist in schwelgende Farben eingehĂŒllt. Und da wollen wir es, aller Angst trotzend, fĂŒr heute belassen, ohne es aber aus den Augen zu verlieren.

So schließt dieses Gedicht den Kreis zum Barock, aus dem es in die Istzeit gewachsen ist. Dabei ist ihm das verloren gegangen, was diese Epoche noch hatte: die Gottesgewißheit. Der Preis dafĂŒr ist hoch: Ein hoffnungsloses Herz ist wirklich arm.

Lieber Gruß W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Marlene M.
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auch ein schönes Sonett, lieber Walter-lÀchel.
Voller Bilder die Hoffnungslosigkeit der Vergangenheit antithetisch aufgebaut hin zum Besseren..das LI sieht sich satt...
ein Blatt bewegt sich- es Àndert sich was...
( Tipp-Fehler bei Das ... und das leise...)- oder gewollt?

Am Ende doch die RĂŒckkehr zum Negativen
es scheint ...
dann das Resumee und der Kreis schöießt sich wieder in die Hoffnungslosigkeit.
Sehr gut Wortwahl, sehr metaphorisch und doch irgendwie fast pragmatisch am Schluß.
Eines der seltenen wirklich erstklassigen Sonette, die man so in Foren liest- Respekt! LG vom Frischling Marlene

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Walther
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Lb. Marlene,

danke fĂŒr Deinen Eintrag. Dieses Sonett scheint gelungen zu sein. Selbst kann man das eher schlecht beurteilen.

Deinen Hinweis, in dem Du einen Fehler nennst, kann ich nicht ganz nachvollziehen. WĂŒrdest Du das ein wenig klarer formulieren? Der Autor ist irgendwann "betriebsblind" und kann daher den einen oder anderen Schreibfehler nicht mehr erkennen.

Lieben Dank und GrĂŒĂŸe

W.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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Marlene M.
Guest
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Das winters mangelt. Wind bewegt ein Blatt,
Das leise fĂ€llt auf die, die frĂŒher starben.


Betriebsblind-lĂ€chel. ja, das sind wir manchmal, lieber Walter , auch ich freue mich deshalb immer ĂŒber Anregungen.
ich denke es sind nur Tipp-fehler:
nach dem Komma wird "das" klein geschrieben.
Das Leise wird groß geschrieben, wenn - und so hatte ich es "gelesen" als Leises im Allgemeinen sieht.
das gĂ€be deinem Schluß noch mal eine sehr lyrische Variante.

ich sehe aber nun, dass du das leise auf das Blatt bezogen hast. da mĂŒsste das "das" dann auch wieder klein sein.( Relativsatz)

ich fĂ€nde meine Leseweise noch einen Tick wertvoller fĂŒrs werk.
Vielleicht gar:
das winters mangelt. Wind bewegt ein Blatt
und Leises fĂ€llt auf die, die frĂŒher starben.

LG von Marlene


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Walther
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Lb. Marlene,

jetzt habe ich Dein Problem verstanden. Ich schreibe nach gut altdeutscher Art die VersanfĂ€nge in meinen Gedichten grundsĂ€tzlich groß - Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel (Vers libre). Daher gibt es den von Dir angemerkten "Schreibfehler" nicht.

Aber danke fĂŒr Dein aufmerksames Lesen.

LG W.
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Walther
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