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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herbsthymne
Eingestellt am 13. 10. 2003 08:03


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Der Herbst klemmt mir bunte Geschenke hinter die Sonnenblende.
Ich verspĂĽre Lust, selbst ein Herbst zu sein. Mich unentschlossen umzukleiden, immer andere Farben anzuprobieren, bis ich so buntgesogen bin, dass ich all die FĂĽlle abstreifen muss, um an ihr nicht zu ersticken.
Stürmisch um die Häuser will ich reiten. Schreiend und jauchzend. In Geschwindigkeit enttauchen, ertrinken, wieder erleben und aufsteigen, um alles Weltlich über mich herschwappen zu lassen, und von mir schleudernd zu verachten.
Ach, Herbst. Warum lässt man dich zwischen Kalt und Warm verhungern? Die Menschheit freut sich nicht auf dich. Sie geifert nach den präsentären Weihnachten, wo sie Kauftempel stürmen kann – möglichst schnell und stressfrei. Sie freut sich auf Misereor-Spendentüten, die man stopfen oder übersehen kann, auf straßenrußige Schneemänner und auf die trübe leuchtenden Augen ihrer smog-hustende Kinder, die man dann versorgen kann. Dunkelhäutige Nikoläuse grinsen auf Grußkarten mit dem jüngsten Familienspross im Arm. Mit Höflichkeiten an die Sippschaft, deren Abwesenheit man erhofft.
Sie giert nach Krokussen, die auf Agfacolorfotos durch weiß erdrückte Bachquellen hervorbrechen wie eben geschlüpfte Küken. Sie hängt künstliche Blütenbäume und Plastikkarnickel in alle Ecken und seufzt sich warm an der im Stadtpark gekappten Blumenpracht, die klägliche Wurzeln in heimische Vasen reckt. Sie leidet den kirchlichen Festen entgegen und lässt nichts ‚Sündiges’ aus, stopft sich mit Eiern aus, bis Cholesterinspiegel in bedrohliche Bereiche schwindeln. Gute Jahresbeginnvorsätze werden mit „Danach, dann aber wirklich“ abgespeist.
Sonnige, warme und hoffentlich bräunende Ferieninseln reißen die Menschenmassen an sich. Füllen sich mit überfüllten Abfülltheken. Das Wetter hat sich – wie katalogisiert – artig nach dem Willen der Menschheit gerichtet. Diese verflucht wie gewohnt die Hitze. Alles beim Alten. Jeder ist zufrieden unzufrieden, weg vom heimischen Fenster (wo seltsamerweise nie Unterhosen an Wäscheleinen hängen) und doch irgendwie zu Hause. Man hat die erwünschte Dunkelbräune erreicht, um glaubhaft beweisen zu können, wie viel man von Land und Leuten gesehen hat und zeigt den Diavortrag ‚made in Spain’.
Ach, mein Herbst. Unter den Jahreszeiten bist du das Aschenputtel, das Schmuddelchen, das nur zu Hochzeiten hinter dem Ofen hervor kommt und sich in Goldkleid und Jeansjacke den Blicken zeigt. Dem Frost bist du zu dünn und der Wärme zu dick. Du erscheinst trist und unfein. Man zieht dich in Gesellschaft nicht an. Erst wenn man dich ertragen hat, bist du warm und gemütlich, schleifst und zerrst nicht mehr, sondern lässt dich genießen und versöhnend stimmen. Schmiegst dich windig und stürmisch wie ein ‚Enfant terrible’, das Streicheleinheiten benötigt an die Schultern derer, die dich liebgewonnen haben.
Du bist der brave Diener, der der Welt die Tafel deckt, um sie, wenn sie leergegessen ist, wieder abzuräumen. Man bedankt sich zwar, flucht jedoch auf dich. Die Rechnung bringt ein anderer und sie lässt uns kalt erschauern. Das Trinkgeld bekommt noch ein weiterer, der schön lächelt und für die nächsten Gäste dekoriert.
Doch trotz allem Unbenehmen liebst du deine Geschwister. Brav nimmst du das Zepter der Zeit entgegen und gibst es nur widerwillig wieder ab. Da du weiĂźt, was folgt. Sie ist trĂĽgerisch, die kalte Weisheit. Deine Weisheit ist die Warnung.
„Nehmt, was ich euch gebe!“ rufen deine Winde. „Nehmt, rafft zusammen, bevor es um euch herum zerklirrt.“ Aber wer hört auf dich? Wer muss hören? Die Winter sind warm geworden und du hast kaum noch Grund zum Feiern, da Erntedank das ganze Jahr über anhält. Für die meisten bist du nur Ungemütlichkeit.
Der junge Spund Frühling. Er ist froh, dass er nichts mit dir zu tun hat. Lang von dir entfernt, liegt er schläfrig als dein Gegenteil zwischen Kälte und Wärme, freut sich an sich selbst und lässt an sich erfreuen. Er weckt all jene, die du liebevoll in erholsamen Schlaf gesungen hast.
Und der Sommer? Er verachtet dich. Du machst seine Arbeit zunichte. All die Freude, die Parties, die Küsse und Versprechen, Erinnerungen und Urlaubfotos, alles lässt du unwirklich erscheinen. Dein erster Raureif macht den Gedanken, einst an jenen Stellen im Gras in der Sonne geschwitzt zu haben, vollkommen unglaubhaft.
Zumindest der Winter sollte dich mögen; wo du ihm so ähnlich bist. Mit kalten Fingern Hand in Hand könnte er mit dir gehen. Doch mit seinem hochnäsigen, naseweisen Weiß sieht er dich als einen Vorarbeiter, einen Wegbereiter der wahren Kälte, als Vortrupp, der ihm den Weg ebnet. Du bist für seine Exzellenz nur ein Schüler, dem er lehren kann, was wahre Kälte, was echtes Wintertum bedeutet.
Aber musst du es lernen? Willst du das? – Du weißt um die Liebe der kleinen Gemeinde, die dich erwartet. Die windroten, lachenden Gesichter mit den dunklen, braunen und grünen Augen. Wir halten unsere kalten Nasen tief in dich hinein und inhalieren den Duft des bunt-feuchten Laubes. Wir sind die ersten, die dicke Pullover und Handschuhe anziehen, um sie in den Sonnenstrahlen deiner Nachmittage wieder von uns zu legen, die das vom Windstoß gefällte Laub wie weichen Schauer auf uns nieder regnen lassen. Du zerrst und zaust uns an den Haaren, berauschst uns mit rauer Stimme und singst uns die Ohren rot.
Mit meinem Herbst will ich Liebesgedichte an den Frühling schreiben, an das Gefühl, jemanden nie erreichen zu können. Ich will in weißen Aphorismen über den Winter diskutieren und in warmen Erinnerungen an Sommernächte schwelgen. Mit ihm will ich den Himmel wolkig schmauchen, Schäfchen auf die große, blaue Weide treiben, und beobachten, wie sie vom Wind geschoren werden.
Ich will seine Früchte sammeln – Kastanien, Hagebutten, Bucheckern, Kürbisse – um Tee und Brei aus ihnen zu kochen, um im Satz zu lesen, was das Nächste mir bringt. Alles will ich von ihm lernen.
Und einst will ich mich im Herbst zur Ruhe legen. In der Hoffnung, den Winter zu verschlafen. Und wenn ich im Frühjahr erkranke, so weiß ich, dass ich auf den Herbst warten darf, um in ihm sterben zu dürfen. Und dann, wenn dies geschehen ist, – dann will ich selbst ein Herbst sein.
Und ich werde ein guter Herbst sein.




September – Oktober 1997
ĂĽberarbeitet im Juni 2003

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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