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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Herbstlich
Eingestellt am 20. 10. 2004 03:24


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stearinlys
Hobbydichter
Registriert: Oct 2004

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Wieder einer dieser verregneten Herbsttage, und wieder sitze ich hier, verschrĂ€nke einen Barhocker unter mir und starre in meine Weißweinschorle. Der Herbst war schon immer meine aufrissintensive Zeit. Jahr fĂŒr Jahr erfanden die Herren der Schöpfung neue Sterne, die am Himmel verglĂŒht und in meine Augen gefallen waren. Ein Volksfest fĂŒr mein Ego.

Immer wieder ist es aber traurig, mit ansehen zu mĂŒssen, wie die Wies’n abgelaufen, unter den FĂŒĂŸen der Besucher zertreten, und schließlich wegen Abnutzung geschlossen werden. Die Ablehnung der eigenen Schönheit (oder Person?) verkrafte ich besonders schwer, und so suggeriere ich mir selbst, im falschen Film zu sein. Ich rufe innerlich „Schnitt!“, verlasse den Schauplatz, denn wer will schon dabei zusehen, wie sich das eigene Leben selbst in die Hand nimmt, und stĂŒrme allherbstlich die altbekannten Bars, um mir ein StĂŒcken vom Bewunderungskuchen abzuschneiden.

Ein langsamer als ich gealterter Tom Jones plĂ€rrt mich aus der Jukebox an, und jugendliche Königinnen der Nacht staksen im Takt der Musik um ihr Leben. Das Leben spielt sich rechts von mir ab und sieht aus wie Ashton Kutcher. Das wusste ich nicht, ließ es mir aber von dem Mittvierziger mit Vollbart, leichtem Schwimmreifen und eher Weitsichtigkeits- als Touch-of-intelligence-Brille neben mir sagen. Er hatte mich spĂ€t bemerkt, erst nachdem ihn die angeblich sĂŒĂŸe Blondine abblitzen hatte lassen. Sie fand eher Gefallen an Kutcher Nummer zwei als am Schwimmen. Gut fĂŒr ihn, denn er konnte sich mir zuwenden. Er nuschelte etwas von „klein anfangen“, wĂ€hrend er sich einen Doppelten bestellte. Wieder verlasse ich mein Kino, um nicht dabei zusehen zu mĂŒssen, wie ich schön gesoffen werde.

Ich versuche, den Mittvierziger mit seinem dritten Doppelten dabei zu ignorieren, wie er SĂ€tze, von denen ich nur Fetzen wie „gut erhalten“ verstehe, murmelt. In die Grube hinter meinem Ohr, denn dieses trifft er mit seinem alkoholgetrĂ€nkten Atem wohl nicht mehr.

WĂ€hrend ich noch in den Gedanken, ob er vielleicht herausragende innere Werte haben könnte, versunken bin, spĂŒre ich seine Hand auf meinem Schenkel. Ich kippe den Rest meiner x-ten Schorle in mich hinein, um mir selbst Mut zu machen, und spĂŒre im selben Moment, wie ich langsam aber sicher das Gleichgewicht verliere. Der Vorstellung, dass meine Gehörknöchelchen möglicherweise nicht mehr intakt sein könnten, kann ich nicht lange nachgehen, denn gleichzeitig mit dem Schnapsglas meines Verehrers kippt auch mein verschrĂ€nkter Barhocker.

Ashton Kutcher der Zweite packt mich unsanft unter den Armen, zieht mich ein wenig hoch und fragt mich, ob ich nicht die Vortragende des EinfĂŒhrungskurses in das angloamerikanische Rechtssystem sei. Mein alljĂ€hrlicher Triumph: ich bin intelligent, erfolgreich und schön genug fĂŒr Mittvierziger und Star-Verschnitte. Nur schade, dass keine Mund-zu-Mund-Beatmung notwendig ist. Immerhin wird der begehrte Adonis Werbung fĂŒr mich und meine Jugendlichkeit machen, und ich werde, wie jeden Winter, der Star fĂŒr meine Studenten sein. Ich freue mich schon auf deren bewundernden Blicke und freundliches Lachen. Vier gut gebaute MĂ€nner packen gemeinsam an und tragen mich aus der Bar, bevor ich Herrn Kutchers feines Schuhwerk beschmutzen kann.

Der BĂŒrgersteig ist ein williger EmpfĂ€nger fĂŒr mein Innerstes. Still sitze ich da und freue mich.

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An stearinlys

Ein Tagebuch ist geduldig und hÀlt viel aus. Wenn aber ein Eintrag so geschrieben ist, dass er im Tagebuch so mancher Frau stehen könnte, wie dieser hier, dann will ich gerne meine Spuren hinterlassen.

In selbstironischer Betrachtung hast du nicht nur dein Ego, sondern gleich die Blondinen und Schwimmreifenbesitzer durch den Kakao gezogen.

Ich trinke gerne Kakao. Dieser hier ist noch etwas lau an manchen Stellen:

die Epoche der Komplimente ĂŒber die vom Himmel gefallenen Sterne in meinen Augen...

"die Epoche" ist zu hochgegriffen, auch wenn du es ironisch meinst.

Die Negation der eigenen AttraktivitĂ€t ist fĂŒr nach Komplimenten lechzende Personen wie mich besonders schwer zu verkraften...

Dieser Satz kommt auf Stelzen daher durch die Substantive und das Wort "Personen" lÀsst ihn völlig kippen. Warum nicht Menschen oder Frauen?

WÀhrend ich noch in den Gedanken, ob er vielleicht herausragende innere Werte haben könnte, versunken bin, ...

Dein Hang zu eingeschlossenen SĂ€tzen fiel mir schon im ersten Text auf. Gib ihn auf.

Immerhin wird der begehrte Adonis aber Werbung fĂŒr mich und meine Jugendlichkeit machen...

"Immerhin" oder "aber", beide zusammen sind eines zuviel.

Am Schluss noch die Bemerkung, dass meine Kritikpunkte nach Haarspalterei aussehen mögen. Und dies gerade im Tagebuch, wo Gedanken frei vom strengen Sprachkorsett fließen dĂŒrfen. Es sind aber oft diese kleinen Fehler, die einen guten Text zum Textversuch degradieren.

Lotte Werther

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stearinlys
Hobbydichter
Registriert: Oct 2004

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Danke

Lotte,

vielen Dank fĂŒr deine Kritik, ich habe sie gerne angenommen. Darauf hin habe ich den Text an einigen Stellen verĂ€ndert. Leider nicht den von dir zitierten Schachtelsatz (ich mag diese Schachteln so gerne, das wird wohl einmal mein UnglĂŒck sein), dafĂŒr aber andere. Ich hoffe, es liest sich jetzt flĂŒssiger und um ein paar hoch gegriffene Worte weniger.

Ich mag schriftlichen Kakao nicht so gerne, eigentlich. Außer vielleicht im Tagebuch, da darf er gerne fließen. Gefreut hat mich, dass du dem Text eine gewisse AuthentizitĂ€t zugesprochen hast. Ich hoffe, ich habe dich da nicht falsch verstanden.

Liebe GrĂŒĂŸe

stearinlys

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