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Leselupe.de > Kurzprosa
Herbstmonolog
Eingestellt am 19. 09. 2009 14:51


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Lesemaus
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Selbst die Spiegel bedecken sich schamhaft mit Dampf, wenn ich meiner Badewanne entsteige. Umsonst. Die Haut umschlie├čt den K├Ârper, als w├Ąre sie zwei Nummern zu gro├č und wirft Falten wie eine schlecht sitzende Strumpfhose.

Die Spiegel sind l├Ąngst nicht mehr meine Feinde. Und die Kosmetikindustrie verdient an mir nicht.

Wenn da nur nicht die Angst w├Ąre, auszurutschen und zu st├╝rzen. Es ist nicht die Angst vor dem Tod. Nur vor der L├Ącherlichkeit der Hilflosen. Wenigstens w├╝rdevoll sollte es zugehen, wenn es so weit ist.

Noch immer brenntÔÇÖs unter meiner Haut, unter meiner Hirnschale, in den H├Âhlen und Falten dieses abgelebten K├Ârpers. Nachts, wenn niemand da ist, die Gedanken einzusperren, den Erinnerungen und ungelebten M├Âglichkeiten einen Maulkorb umzulegen. Auf wie viele Blicke den Kopf abgewendet, wie viele Chancen der ÔÇ×Anst├ĄndigkeitÔÇť geopfert. Feucht wirdÔÇÖs dann zwischen meinen Schenkeln, dort, wo sich schon lange keine fremde Hand mehr hin verirrt hat.

Die Fl├╝ssigkeiten ergie├čen sich, so wie tags├╝ber dieses andere d├╝nne Rinnsal, das, wie fr├╝her das nutzlose Blut, von ebensolch dichten Erfindungen der Chemieindustrie aufgefangen wird; andere Farbe, anderer Geruch, doch zeitlebens der K├Ârper ein leckendes Gef├Ą├č.
Zeitlebens ungef├╝llt und unerf├╝llt die meiste Zeit.
Soll das die Krone der Sch├Âpfung sein?

Der Welt Befindlichkeiten entlocken mir nur ein m├╝des L├Ącheln. Bin ich wirklich vor ├äonen auf die Stra├če zum Demonstrieren gegangen? Was hat es gebracht?

Vergeblichkeit. Der Tage und Wochen nie wechselnder Gleichklang. Warten. Die Ver├Ąnderungen um uns: ein Trick. Als bewege sich etwas. Als trete nicht immer alles auf der Stelle. Als m├╝sse nicht jede Erfahrung tausendfach wieder aufs Neue gemacht werden.

Trost finden in der Sprache der Musik. Totenmessen so weit das Ohr reicht. Am liebsten das Deutsche Requiem von Brahms. Das Gras vertrocknet, die Blume abgefallen. Wer w├╝sste das besser!

Die Jahreszeiten: eine Zumutung. Nur der Herbst ist ertr├Ąglich. Das Aufbrechen der Knospen im Fr├╝hling empfinde ich als pers├Ânliche Beleidigung. Die Verschwendung des Sommers als Verh├Âhnung. Allein im beschneiten Feld sehe ich das Kommende. Unendlichen Frieden.

Ob Licht oder Tunnel, Musik oder Nichts, ist mir egal. Hauptsache: das hier ist endlich vorbei.



__________________
Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben m├╝ssen. (Erwin Strittmatter)

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bluefin
Guest
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liebe @lesemaus,

herbstgedanken sind dann etwas kaum ertr├Ągliches, wenn sie so zentnerschwer daherkommen wie die deinen. man sucht dann unwillk├╝rlich nach kleinen webfehlern, die einem verdeutlichen, dass es sich nicht um etwas gew├Âhnliches handelt wie z. b. die wirklichkeit, sondern etwas, das aus zahlreichen versatzst├╝ckerln zusammengef├╝gt wurde. das tr├Âstet den krititker, und er merkt an:

quote:
Selbst die Spiegel bedecken sich schamhaft mit Dampf, wenn ich meiner Badewanne entsteige was bedeckt sich sonst noch schamhaft? und wieso "selbst?" weiter unten hei├čt's doch, dass es egal w├Ąr, und dass es keine kosmetik br├Ąuchte. Umsonst. Die Haut umschlie├čt den K├Ârper das tut sie gerade eben nicht, sondern sie h├Ąngt dran, als w├Ąre sie zwei Nummern zu gro├č und wirft Falten wie eine schlecht sitzende Strumpfhose ungl├╝cklich gew├Ąhltes bild - strumpfhosen sitzen ja nur an den beinen und passen eigentlich immer, und wenn sie schon falten machen, dann vieleicht am knie oder im schritt. "kost├╝m" w├Ąr wohl besser.

Die Spiegel sind l├Ąngst nicht mehr meine Feinde das impliziert, dass man sich auch fr├╝her schon nicht f├╝r h├╝bsch hielt. Und die Kosmetikindustrie verdient an mir nicht wenn die spiegel fr├╝her feinde waren, dann m├╝sst's hier "mehr" hei├čen.

Wenn da nur nicht die Angst w├Ąre, auszurutschen und zu st├╝rzen. Es ist nicht die Angst vor dem Tod. Nur vor der L├Ącherlichkeit der Hilflosen. Wenigstens w├╝rdevoll sollte es zugehen, wenn es so weit ist hier wird unterstellt, ein sturz bedeute den (w├╝rdelosen) tod. f├╝r rennfahrer gilt das generell, auch f├╝r bergsteiger und andere extremisten. da man an dieser stelle nicht wei├č, ob die dame sehr zur├╝ckgezogen lebt und sich davor f├╝rchtet, nach einem sturz verhungern oder verdursten zu m├╝ssen, h├Ąlt man diese passage f├╝r etwas ├╝bertrieben.

Noch immer brenntÔÇÖs unter meiner Haut, unter meiner Hirnschale unter der hirnschale sitzt zun├Ąchst das periost, dann der liquor, dann die hirnhaut und dann ein bisschen fett. wahrscheinlich meinst du das hirn resp. die gedankliche innenwelt. dann solltest du's aber nicht medizinisch verorten und damit l├Ącherlich machen, sondern ein bisschen literarischer, in den H├Âhlen und Falten dieses abgelebten K├Ârpers. Nachts, wenn niemand da ist hier wird impliziert, dass tags├╝ber jemand da ist - das bei├čt sich mit obigen bef├╝rchtungen. den geist einer schlafenden als so abwesend zu bezeichnen, dass er sich keine gedanken mehr macht, funzt nicht - wir wissen alle, was tr├Ąumen ist, die Gedanken einzusperren, den Erinnerungen und ungelebten M├Âglichkeiten einen Maulkorb umzulegen. Auf wie viele Blicke den Kopf abgewendet, wie viele Chancen der ÔÇ×Anst├ĄndigkeitÔÇť g├Ąnsef├╝├čchen sind in texten wie diesen moralinsaures gift. ich empfehle den direkten ausdruck - wie w├Ąr's mit Keuschheit oder Treue? geopfert. Feucht wirdÔÇÖs dann zwischen meinen Schenkeln, dort, wo sich schon lange keine fremde Hand mehr hin verirrt hat.
so ging's weiter. man k├Ânnte sich am nutzlosen blut aufhalten und was denn tricky sein sollte daran, dass man erfahrungen macht, und warum man sich keine barbarazweige in die vase ans fenster stellen sollte.

depressionen sind altersimmanent. sie mit dem herbst generell in verbindung zu bringen, ist in der tat sterbenslangweilig. den armen brahms f├╝r todessehns├╝chte zu missbrauchen, halte ich f├╝r ein musikalisches missverst├Ąndnis - sein st├╝ck will und bewirkt das gegenteil. leider kommt in deinem (im ├╝brigen ganz hervorragend ausformulierten) r├╝hrst├╝ck kein funken hoffnung vor. es wirkt daher ein wenig penetrant.

sei bitte so gut und reg dich nicht auf ├╝ber diese kritik. ich halte sie f├╝r angemssen und glaube, dass du sie ertragen wirst, auch wenn du vielleicht vieles von, was du da schreibst, wirklich einmal empfunden hast. aber brahms requiem ist ein einziger, gro├čer barbarazweig. das wei├č der walfisch, weil er's schon oft gespielt hat und weil er am 4. dezember geburtstag hat.

liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin

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Herbstblatt
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Hallo nochmal von mir,

ich kann all das, was bluefin hier angestrichen hat, nicht so sehen wie sie. Es geht hier doch nicht um medizinisch genaue Ausdrucksweise. Ich z.B. verstehe sehr gut, was Lesemaus meint, wenn sie schreibt

Noch immer brenntÔÇÖs unter meiner Haut, unter meiner Hirnschale, in den H├Âhlen und Falten dieses abgelebten K├Ârpers. Nachts, wenn niemand da ist, die Gedanken einzusperren,


Wieso k├Ânnen Gedanken nicht unter der Hirnschale brennen? Ich finde das sogar eine ausgesprochen gute Formulierung - sie impliziert u.a., dass es noch lange nicht alles abgeschlossen ist, auch wenn die Prot. es vielleicht gern so h├Ątte. Gerade das indifferente in den Passagen hat mich angesprochen.
Auch das Bild der schlecht sitzenden Strumpfhose gef├Ąllt mir gut. (Ich trag deswegen keine mehr )

Tja, aber das ist eben die Crux beim Schreiben - der Eine seziert, der Andere versucht ├╝bers Gef├╝hl zu begreifen. Der Eine kanns bejahen - der Andere eben nicht.


__________________
Lesen gef├Ąhrdet die Dummheit.

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Lesemaus
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"Die Spiegel sind l├Ąngst nicht mehr meine Feinde das impliziert, dass man sich auch fr├╝her schon nicht f├╝r h├╝bsch hielt. Und die Kosmetikindustrie verdient an mir nicht wenn die spiegel fr├╝her feinde waren, dann m├╝sst's hier "mehr" hei├čen."

Da hast du recht, das "mehr" k├Ânnte ich einf├╝gen, aber ich frage mich, ob es wirklich f├╝r das Verst├Ąndnis des Textes so wichtig ist. Ich finde n├Ąmlich, dass es den Rhythmus ver├Ąndert und f├╝r mich ist der Text auch ein stark rhythmisches St├╝ck, was sich besonders beim laut Vorlesen bemerkbar macht. Von daher wei├č ich noch nicht, ob ich es ├Ąndere.

"Wenn da nur nicht die Angst w├Ąre, auszurutschen und zu st├╝rzen. Es ist nicht die Angst vor dem Tod. Nur vor der L├Ącherlichkeit der Hilflosen. Wenigstens w├╝rdevoll sollte es zugehen, wenn es so weit ist hier wird unterstellt, ein sturz bedeute den (w├╝rdelosen) tod."

Nein, das wird nicht unterstellt. Nat├╝rlich k├Ânnte man dabei zu Tode kommen, wenn man ungl├╝cklich f├Ąllt (mit dem Kopf/Genick auf irgendeine Kante z.B.). Aber sie sagt ja, dass es eben nicht um den Tod geht oder um ihre Angst davor, sondern darum, tagelang dort bewegungsunf├Ąhig zu liegen, bis irgendeiner einen vielleicht mal findet. Vollgepisst und -gekackt und eben hilflos.

"Noch immer brenntÔÇÖs unter meiner Haut, unter meiner Hirnschale unter der hirnschale sitzt zun├Ąchst das periost, dann der liquor, dann die hirnhaut und dann ein bisschen fett."

F├╝r mich ist das ein literarischer Ausdruck, der keinerlei Anspruch auf anatomische Richtigkeit erhebt. Wie Herbstblatt schon schrieb, hier gehts um Gef├╝hle, Begierden, Sehns├╝chte. Und deren Sitz ist eben auch irgendwo "unter der Hirnschale".

"Nachts, wenn niemand da ist hier wird impliziert, dass tags├╝ber jemand da ist - das bei├čt sich mit obigen bef├╝rchtungen."

Da muss ich dir rechtgeben. Aber k├Ânnte man es nicht auch auf fr├╝her beziehen, als nachts noch jemand da war?

"Auf wie viele Blicke den Kopf abgewendet, wie viele Chancen der ÔÇ×Anst├ĄndigkeitÔÇť g├Ąnsef├╝├čchen sind in texten wie diesen moralinsaures gift."

Ich bestehe auf dem Ausdruck "Anst├Ąndigkeit", nat├╝rlich k├Ânnte ich ihn auch kursiv drucken, aber auf jeden Fall hervorheben, so wie meine Stimme sich beim Lesen an dieser Stelle auch hebt, damit der Leser/H├Ârer wei├č, die Prota ist dar├╝ber hinweg und denkt heute anders. Damals allerdings, da ging es um Anst├Ąndigkeit, auch, wenn das Wort vielleicht als Substantivierung nicht so gebr├Ąuchlich ist, vielleicht gar nicht existiert. Mir gef├Ąllts.

Tja, Bluefin, ob man jetzt Brahms Requiem oder andere der angef├╝hrten Musiken h├Ârt, wenn man depressiv ist oder nicht, kann man, denke ich, nicht verallgemeinern. Hier geht es um eine bestimmte alte Frau (und das bin nicht ich!) und die f├╝hlt eben so. Nichts davon, was und wie sie f├╝hlt, halte ich f├╝r verallgemeinerungsf├Ąhig. Ich wollte lediglich ein Stimmungsbild entwerfen. Das ist alles.

Und: nein, nat├╝rlich nehme ich dir deine Gedanken zur Geschichte nicht ├╝bel, es kommt mir nur so vor, als wolltest du etwas ganz anderes als ich. Und zumindest einige scheinen das, was ich damit ausl├Âsen wollte, zu verstehen.

LG Lesemaus


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