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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herbstwind schmeichel mir
Eingestellt am 17. 10. 2001 22:09


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Naciye
???
Registriert: Jul 2001

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Er war wie alle im Saal, schwarz gekleidet, mit wei├čem Hemd und gest├Ąrktem Kragen. Er war der erste Redner auf dieser Veranstaltung, der statt einer roten, eine blaue Krawatte trug. Auch war er der Einzige, der sich nicht st├Ąndig Schwei├čperlen von der Stirn wischen mu├čte. Ich war begeistert, von seiner Rede und seinem ├äu├čeren. Ich sa├č an einem Tisch ziemlich weit vorne ÔÇôf├╝r mich gibt es ├╝berall den besten Platz- und der Redner, der sich als Stefan Wolkenau vorgestellt hatte und der au├čerdem Vorsitzender des wichtigsten Vereins des Dorfes war, konnte mich sehen. Ich stellte mir zumindest vor, da├č er mich die ganze Zeit aus dem Augenwinkel betrachtete. Stefan Wolkenau sprach von den schrecklichen Ereignissen der letzten Wochen, die blonde Frau neben mir nickte bei jedem Satz. Er sprach von der Gel├Ąhmtheit, die sich in einem derartigen Zustand ├╝ber die Menschen ausbreite, ├╝ber das Schicksal, was die Amerikaner jetzt zu tragen h├Ątten. Immer wieder schilderte er einzelne Horrorszenen. Eine Frau, die aus dem Flugzeug ihre Mutter angerufen hatte, und ihr mitteilte jetzt in den Tod zu fliegen.

Immer wieder zieht sich mein Herz zusammen, wenn ich diese Dinge h├Âre. Die blonde Frau neben mir ignoriert mich so auff├Ąllig, da├č ich sie am liebsten fragen m├Âchte, ob sie denke ich habe einige Milzbranderreger in der Brusttasche meiner Latzhose. Ich kann es aber nicht, ist ja auch nicht meine Art. Stefan Wolkenau schaut immer wieder verd├Ąchtig in meine Richtung. Ich glaube er hat ein gutes Herz, sonst k├Ânnte er das Puplikum mit seinen Worten nicht so weit aus der Reserve locken. Einige fangen an, sich die ersten Tr├Ąnen von der Wange zu wischen. Ich habe mir abgew├Âhnt zu weinen.

Ob er sich nach seiner Rede vielleicht ins Puplikum setzten w├╝rde, vielleicht sogar an meine Tisch? Der ist der Beste in diesem Raum und es sind noch einige Pl├Ątze frei.
Stefan Wolkenau fordert das Puplikum auf, an einem Protestmarsch am n├Ąchsten Tag, gegen Terroismus teilzunehmen. Wir alle m├╝ssen die Gel├Ąhmtheit absch├╝tteln, so dr├╝ckte er sich aus.

Eine Tr├Ąne kullert ├╝ber mein Gesicht, sie kitzelt meine Wange, tropft auf den roten Nikki-Pullover den ich heute an habe. Das Gef├╝l von einer nicht abgewischten Tr├Ąne, breitet sich in meinem K├Ârper aus. Dort wo sie lang lief, juckt es ein wenig, wegen des getrockneten Salzes. Die blonde Frau neben mir steht auf und setzt sich woanders hin. Gern w├╝rde ich es ihr nachmachen, f├╝hle mich als s├Ą├če ich auf einem mit N├Ągeln gespickten Stuhl.

Stafan Wolkenau schlie├čt seine Rede mit den Worten gemeinsam sind wir stark. Viele Menschen nehmen sich in den Arm, klatschen dann laut Beifall. Ich sitze in meinem Stuhl zusammengekauert, ich schaue angestrengt auf die Uhr, die ├╝ber dem Redepodest h├Ąngt. Mein Pfleger kommt erst in zehn Minuten. Er hatte mich gefragt, ob er f├╝r die l├Ąnge der Veranstaltung was anderes machen k├Ânnte und dann mein einmaliges Zwinkern mit dem Augenlid wohl als ein ja verstanden. Vielleicht hatte er aber auch ganz genau gesehen, da├č ich nicht zweimal gezwinkert hatte. Wer wei├č das schon, er kam dann zumindest erst 30 Minuten sp├Ąter, schob mich zum VW Multivan, der extra f├╝r mich umgebaut wurde. Ich fragte mich warum ich ein so gutes Leben f├╝hren darf, die besten Pl├Ątze, ein f├╝r mich umgebautes Auto. Der Wind bl├Ąst in mein Gesicht, ein milder Herbstwind, der einen wundervollen Winter, mit Eisbildern an den Fensterscheiben verspricht.

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caspar
Guest
Registriert: Not Yet

und ich werde mein stirn an die kalte scheibe des wagens pressen und hinaustarren auf dieses fliehende land. werde in unregelm├Ą├čigen abst├Ąnden mit meinen klammen fingern das kondenswasser verwischen und mich fragen ob dieser atmezug, dieser kurze hauch voll leben, welcher unwiederruflich am transparenten zerbrach, nicht aufgespart mehr erfasst h├Ątte. ich lehne mich zur├╝ck und wei├č, wir stagnieren, und dogmatisch ruht das land au├čerhalb von allem.

dein text hat seele und vermag ehrlichkeit zu transportieren. es geht um nichts anderes.

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

Werke: 85
Kommentare: 226
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Hallo Naciye,


Du kannst wundersch├Ân Gef├╝hle beschreiben. Ausserdem lese ich in Deinem Text die Aussage, dass Menschen, die selber vom Schicksal benachteiligt sind, besonders f├Ąhig sind, Mitgef├╝hl f├╝r Leid zu empfinden. Ein sehr sch├Âner Text.
Liebe Gr├╝sse
Intonia


__________________
"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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Naciye
???
Registriert: Jul 2001

Werke: 33
Kommentare: 18
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Eigentlich

Ich versuche durch den Text eigentlich nur zu sagen, da├č wir die einfachen und wesentlichen! Dinge um uns rum oft nicht sehen. Die blonde Frau ist demnach das "wir". Sie wendet sich nicht dem "Ungl├╝ck" oder "Leid" direkt neben sich zu, sondern macht sich aus dem Staub um echte N├Ąhe oder Mitgef├╝hl nicht zu zulassen und dem Kommerz-Schmerz beizutreten.

Nachrichten schauen, bringt garnichts, wenn ich dann nicht sofort meiner kranken Nachbarin von neben an oder der gerade depressiven Mutter etwas gutes tue. Es kommt oft auf die Kleinigkeiten an. Finde ich. Kann mich nat├╝rlich irren.

Danke aber f├╝r eure netten Antworten. Ganz besonderen Dank an Dich Caspar, der Du mir ohnehin ja symphatisch bist.

P.S. an Caspar
Auf dieser Homepage die Du im Profil angegeben hast ist eine Band zu sehen. Welcher bist Du?

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caspar
Guest
Registriert: Not Yet

shalom naciye!

mit wohlwollen erkenne ich, dass auch du aktiviert bist. angesetzt auf die minimalen details unserer zeit, welche lautlos und unbemerkt von uns ├╝ber dem gl├╝henden asphalt der st├Ądte verdampft, um dann in allen farben, die dieser globus zu bieten hat, in den schwarzen himmel zu schie├čen. verpufft auf ewig. in meinem profil ist ein bild, welches dir die suche nach meinem antlitz, auf der boingpage, erleichtern m├╝sste.

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