Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92266
Momentan online:
63 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Herr Bieber, Herr Meyer und das Huhn
Eingestellt am 20. 02. 2000 00:00


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Leovinus
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2000

Werke: 25
Kommentare: 20
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Leovinus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

N├Âtige Vorbemerkung: Falls Du das mit dem Bankr├Ąuber nicht verstehst, empfehle ich die erste Geschichte um Bieber&Meyer. (Siehe www.leovinus.de)

Herr Bieber, Herr Meyer und das Huhn

Der kleine rundliche Herr Bieber sa├č allein im B├╝ro. Er tippte den Arbeitsbericht der letzten Woche in den Computer und griff von Zeit zu Zeit nach seiner Tasse Tee. Als er eben bei der Spalte Donnerstag, 15.48 Uhr angelangt war, ├Âffnete sich die T├╝r und der lange d├╝nne Herr Meyer trat ein.
┬╗Guten Morgen, Herr Meyer┬ź, sagte Herr Bieber.
┬╗Guten Morgen┬ź, erwiderte Herr Meyer. Er legte seinen Stoffbeutel aufs Fensterbrett neben den Schreibtisch und ging in die K├╝che. Mit einer Tasse Tee kehrte er zur├╝ck, schaltete seinen Computer ein und setzte sich.
┬╗Wie war Ihr Wochenende, Herr Bieber?┬ź
┬╗Das ├ťbliche. Am Sonnabend war ich im Kino und anschlie├čend in meinem Stammlokal. Und bei Ihnen?┬ź
┬╗Auch nicht besonders aufregend. Meine Mutter war zu Besuch bei uns. Einmal im Jahr kommt sie vom Dorf die Gro├čstadt bewundern. Dann wirbelt sie alles durcheinander und besch├Ąftigt jeden. Am Sonntag rauscht sie schlie├člich wieder davon.┬ź
┬╗Ich wusste gar nicht, dass sie vom Lande stammen. Aus welcher Gegend denn?┬ź
┬╗Aus dem Brandenburgischen, in der N├Ąhe von ...┬ź
In diesem Moment ├Âffnete sich die T├╝r einen Spalt breit und in aller Seelenruhe kam ein Huhn herein spaziert.
Vor Verbl├╝ffung h├Ątte sich Herr Bieber beinahe verschluckt. Er sah erst auf das Huhn, dann zu Herrn Meyer, um sich zu vergewissern, dass ihn seine Sinne nicht t├Ąuschten. Herr Meyer schaute aus dem selben Grund erst Herrn Bieber an und anschlie├čend den Vogel. Dann stand er blitzschnell auf. Er st├╝rmte zur T├╝r, an dem Huhn vorbei. Das flatterte erschrocken auf den Schreibtisch von Herrn Bieber, der entsetzt aufsprang und neben dem Aktenschrank Schutz suchte.
Herr Meyer schaute aus der T├╝r und konnte am Ende des Ganges noch jemand um die Ecke in den Fahrstuhl biegen sehen.
┬╗Herr Meyer! M├╝ssen Sie mich so erschrecken!┬ź, blaffte Herr Bieber. ┬╗Warum scheuchen Sie denn das Tier auf?┬ź
┬╗Herr Bieber, ich wei├č ja nicht, inwieweit Sie H├╝hner kennen. Mir ist noch keines begegnet, das B├╝rot├╝ren ├Âffnet.┬ź
Der kleine rundliche Herr Bieber holte tief Luft und musste seinem Kollegen wohl oder ├╝bel Recht geben. ┬╗Haben Sie jemanden gesehen?┬ź
┬╗Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es war Wolfgang.┬ź
┬╗Wolfgang, der Bankr├Ąuber? Aber den haben Sie doch erschossen.┬ź
┬╗Nicht doch. Wolfgang Merkles, aus dem Einkauf.┬ź
Inzwischen scharrte das Huhn auf Biebers Arbeitsbericht der vorvergangenen Woche.
┬╗Wie sollte denn Merkles zu einem Huhn kommen?┬ź
Vorsichtig n├Ąherte sich Bieber seiner Teetasse und konnte sie gerade noch vor dem pickenden Schnabel in Sicherheit bringen.
┬╗Keine Ahnung. Vielleicht hatte der auch seine Mutter vom Lande zu Besuch.┬ź
┬╗Herr Meyer, ich bitte Sie. Was machen wir denn jetzt mit dem Tier? ┬ź
Vorsichtig f├╝hrte er die Tasse zum Mund.
┬╗Das Beste wird sein, Sie nehmen es mit nach Haus.┬ź
Ein Hustenanfall ersch├╝tterte Herrn Bieber, sodass er M├╝he hatte die Tasse festzuhalten. Damit erschreckte er das Huhn derart, dass es ziellos erst auf ihn zu flatterte, dann in einem f├╝r H├╝hner ungewohnt eleganten Bogen abdrehte und auf dem Papierkorb zu landen versuchte, der folgerichtig umkippte.
Herr Biebers Gesichtsfarbe w├Ąre nun mit nahezu bordeauxrot korrekt beschrieben.
┬╗Sind Sie noch bei Troste? Was soll ich denn mit einem Huhn?┬ź
W├Ąhrenddessen war Herr Meyer unger├╝hrt an seinen Schreibtisch zur├╝ckgekehrt.
┬╗Sie leben allein, das Huhn k├Ânnte Ihnen die Samstagabende verk├╝rzen.┬ź
Ruhig griff er nach seinem Stoffbeutel.
┬╗Das ist doch nicht Ihr Ernst! Ich kann doch nicht mit einem Huhn in der Wohnung leben!┬ź
Herr Meyer holte eine kleine Plastikt├╝te aus dem Beutel.
┬╗H├╝hner sind pflegeleicht. Ich habe Erfahrung damit. Wie gesagt, ich komme vom Land.┬ź
Er machte Schnalzger├Ąusche und lockte damit das Huhn auf seine Schreibtischseite.
┬╗Wenn Sie sich so gut damit auskennen, weshalb behalten Sie es dann nicht? Bei Ihnen ginge es dem Huhn viel besser.┬ź
Herr Meyer kr├╝melte kleine Br├Âckchen seiner Arbeitsbrote ab und warf sie dem Huhn hin. Herr Bieber schaute ihm mit offenen Mund zu.
┬╗Aber Herr Bieber. Sie werden einsehen, dass ich das meiner Frau und den Kindern unm├Âglich zumuten kann.┬ź Folgsam pickte das Huhn Kr├╝mel f├╝r Kr├╝mel auf.
┬╗Ich wohne im dritten Stock, Herr Meyer. Ich habe nicht einmal einen Balkon, so ein Huhn braucht doch eine vern├╝nftige Umgebung, frische Luft!┬ź
┬╗Dann gehen Sie mit ihm spazieren. Ein wenig Bewegung k├Ânnte Ihnen auch nicht schaden.┬ź
Er r├╝hrte in seiner Teetasse, bis der ohnehin nicht mehr hei├če Tee lauwarm war, und stellte sie dem Huhn auf den Boden.
┬╗Herr Meyer, um es ein f├╝r alle mal klarzustellen: Ich brauche weder Bewegung, noch ein Huhn. Und h├Âren Sie endlich auf, es zu f├╝ttern! Es f├╝hlt sich hier schon fast heimisch!┬ź
Sein Kollege stutzte und schaute Herrn Bieber an. Dann sagte er: ┬╗Sie haben recht! Das ist es.┬ź
Herr Bieber starrte zur├╝ck. Wenn man f├╝nf Jahre lang das B├╝ro teilt, lernt man sich sehr gut kennen. Er konnte kaum glauben, was er in den Augen des anderen sah.
┬╗Das meinen Sie nicht ernst!┬ź
┬╗Doch. Was hindert uns daran?┬ź
┬╗Verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Meyer. Ich habe nichts gegen ein wenig Natur im B├╝ro, Pflanzen, ein Aquarium, aber doch kein ... ich wage es kaum auszusprechen!┬ź
┬╗Ein Huhn! Herr Bieber, wieso nicht? Wir haben keinen Publikumsverkehr. Selbst wenn G├Ąste kommen, das Huhn tut niemandem etwas.┬ź
┬╗Kommt nicht in Frage! Solange ich an diesem Schreibtisch sitze, werde ich ihn nicht mit einem Huhn teilen!┬ź
Traurig sah ihn Herr Meyer an. ┬╗Schade, Herr Bieber. Dann werde ich wohl zu h├Ąrteren Ma├čnahmen greifen m├╝ssen.┬ź Er seufzte. ┬╗Ich nehme das Huhn mit.┬ź
┬╗So ist es vern├╝nftig. Schauen Sie doch einmal, wir k├Ânnen doch kein Huhn in der Firma halten. Was soll denn der Chef sagen?┬ź
┬╗Oder erst Wolfgang.┬ź
An diesem Abend steckte Herr Meyer das Huhn in eine gro├če Kiste, worin vor einer Woche sein Computer geliefert worden war, und nahm es mit nach Hause.
Am kommenden Tag kam er erst sehr sp├Ąt ins B├╝ro. Herr Bieber br├╝tete gerade ├╝ber einem Aktenstapel, als er sah, wie Herr Meyer wortlos in der K├╝che verschwand.
┬╗Guten Morgen, Herr Meyer!┬ź
Keine Antwort.
Irgendetwas duftete, aber Herr Bieber konnte nicht sogleich zuordnen, was das war.
Da trat der lange d├╝nne Herr Meyer aus der K├╝che. In den H├Ąnden hielt er zwei Teller, auf denen jeweils ein halbes gebratenes H├╝hnchen lag.
┬╗Schauen Sie nur┬ź, sagte er.
Herr Bieber blieb der Atem stehen.
┬╗Ist das das ...┬ź
Stumm nickte Herr Meyer. Er setzte sich an den kleinen Kaffeetisch in der Ecke und stellte die Teller ab. Herr Bieber setzte sich neben ihn.
┬╗Sie haben es ...┬ź
┬╗... geschlachtet, ja┬ź, beendete Herr Meyer den Satz. ┬╗Ich sagte wohl schon, dass ich vom Lande k├Ąme.┬ź
┬╗Ja, das sagten Sie.┬ź Herr Bieber griff nach dem H├╝hnerschenkel auf seinem Teller, doch dann zog er die Hand zur├╝ck. ┬╗Vielleicht ...┬ź
┬╗Ja, Herr Bieber?┬ź
┬╗Vielleicht h├Ątte ich es doch behalten sollen. Immerhin, im Schlafzimmer ist es sehr sonnig. Und ich h├Ątte auch auf der Couch im Wohnzimmer schlafen k├Ânnen.┬ź
┬╗Das w├Ąre wohl gegangen.┬ź
┬╗Zumindest h├Ątten wir es hier behalten k├Ânnen. Dann h├Ątten wir nicht immer nur auf die bl├Âden Monitore gestarrt.┬ź
┬╗Das sagen Sie jetzt nur so, Herr Bieber, wo sie wissen, dass es zu sp├Ąt ist.┬ź
┬╗Nein. Das ist mein voller Ernst! Ich ...┬ź Herr Bieber stockte. ┬╗Ich w├╝nschte, es w├Ąre hier.┬ź
Herrn Meyers Gesicht hellte sich auf. ┬╗Ich wusste, dass sie ein guter Mensch sind Herr Bieber! Es tut mir leid!┬ź
┬╗Nein, mir tut es leid, h├Ątte ich es nur gewollt, w├Ąre das Huhn noch am Leben.┬ź
┬╗Herr Bieber, nein, ich muss mich entschuldigen.┬ź Herr Meyer stand auf und ging zur T├╝r. ┬╗Weil ich Sie so hinters Licht gef├╝hrt habe.┬ź Er ├Âffnete die T├╝r und herein spazierte das quicklebendige Huhn.
Herrn Biebers Augen wanderten vom Huhn zu den Tellern und zur├╝ck. Fragend sah er dann Herrn Meyer an. Dieser sagte nur: ┬╗Vom Imbiss, unten an der Ecke.┬ź
Gl├╝cklich schauten Herr Bieber und Herr Meyer auf das Huhn, das auf dem Boden herumstolzierte.
Der kleine rundliche Herr Bieber packte seine Arbeitsbrote aus und warf ihm Kr├╝mel zu.
┬╗Wir sollten es Wolfgang nennen.┬ź


(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
Kommentare und Aufrufz├Ąhler beginnen wieder mit NULL.)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!