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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Herr Dittmeyer, oder die viktorianische Unterwäsche
Eingestellt am 27. 09. 2002 17:02


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Silberstreif
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Herr Dittmeyer, oder die viktorianische Unterwäsche


Oh welch wohlige Schamesröte - die sich jedoch nicht bis zu den Wangen hocharbeitet, sondern gleich am zukünftigen Ort des Geschehens verweilt: im "Schambereich".
Eine der angenehmsten Freuden ist - oh nein, nicht die körperliche, sondern die Vor-Freude, oder in diesem Sinne auch Vor-Spiel?
Ein verheissungsvolles Spiel, beginnend mit einer Karte. Das Herz-Ass. Diese verhalten unzüchtige Karte, aus 130er gelbmarmoriertem Papier. Aufgedruckt in edelstem Schriftbild das der Computer hergibt, prangt die dreistellige Summe, deren Wert in Euro - sogleich überwiesen - diese prickelnde Vorfreude beschert.
Und erst die Dame auf der Karte! Die Dame, die lasziv in williger Stellung (bildet sich der Betrachter jedenfalls ein, denn der Bildausschnitt beraubt die Dame ihres Leibes) eine brennende Kerze im Mund hält. Eine brennende Kerze im Mund! Meine Güte - das allein ist ja schon nicht mehr jugendfrei, denn wenn die Kids das nachmachen und die Kerze dann tropft...
Erwachsenenspiele eben. Erwachsene verstehen diese subtilen Hinweise. Auch ohne Untertitel.
Allerdings kommt die Karte nicht ganz ohne Titel aus und wendet sich auch gleich an das gebildete Publikum, denn die prägnante Überschrift in besagtem, edlen Schriftbild, ist französisch: "nuit d'amour".
Amour und Frankreich. Oh la la. Der Kenner kennt sich eben aus und versteht sich auf französisch auch ohne Französischkenntnisse. Die brennende Kerze im Mund. Ein Augenzwinkern.
Und dann der Veranstaltungsort! Veranstaltung? Event nennt man das wohl: ein Schloß. Ein richtiges Schloß. Nein, doch nicht. Der Gastgeber (Eventmanager?) des ausgesuchten Publikums versteht sich ja auf dessen Niveau und bleibt sich stilvoll treu. Französisch eben: Chateau. "Nuit d'amour" im Chateau. Erregend aufregend.
Ob die Dame mit der Kerze auch da...?
Das Datum hinter dem knappen "wann:" ist schnell im Terminkalender rot angekreuzt. Oder schwarz? Dresscode ist ja "noir". Da war doch noch was...? Rotes oder schwarzes Kreuz(chen). Das Publikum ist ja natürlich auch politisch engagiert und beantragt noch schnell die Briefwahl. Somit steht dem verdienten entspannenden Wochenende nichts mehr im Wege.
Wege, Wege - führen nicht alle Wege zum Chateau? Wenn nicht, liegt noch die farbkopierte Wegbeschreibung bei. Ist auch bitter nötig.
So kann man auf der Fahrt auch gleich Heimatkunde betreiben und die pittoresken Dörfchen langsam fahrend, da auf Kopfsteinpflaster reifenschonender, gebührend im Kurzzeitgedächtnis aufnehmen - muß ja für die Heimfahrt noch reichen.
Die Flußüberquerung mittels Fähre ist kurz, doch heftig romantisch und rundet das nostalgische Vorfreudegänsehäuteln effektvoll ab.
Das Chateau ist dann nicht zu verfehlen, oder doch? Denn man findet auch nach längerer Suche kein Zweites. Nimmt man halt dieses. Die Renovierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen, aber bei historienträchtigen Gebäuden doch wohl üblich. Wurstelt man sich eben durch Gerüste und wird doch gleich versöhnt, durch einen irritierten (wurde er etwa mit dieser Aufgabe überrumpelt?) leicht verkrampften, fast gänzlich unbekleideten "Lustsklaven", der in Hundemanier auf schwarzem Flokati vor dem Eingang drapiert wurde. Den Hundeblick hat er schon drauf. Ein wenig Mitleid regt sich in dem, in arrangierten Lustsachen weniger erfahrenen, Publikum.
Sollte die Nacht vielleicht doch noch zum Schlafen, und nicht nur Beischlafen, missbraucht werden, wird vom Schloßherren persönlich ein Zimmer zugewiesen, dass in seiner Exklusivität den Preis rechtfertigt, da gänzlich privat und nicht mit anderen zu teilen ist. Im Gegensatz zu Dusche / Toilette, die hundert Meter über den Flur zu erreichen, die Intimsphäre gänzlich ausschliesst, da nicht abschließbar. Aber man ist schliesslich hier um in der Massenintimität seine eigene auszuleben. Was stören da olfaktorische und akustische Ereignisse, während man selbst unter der Dusche, nebenher Schnaken erschlagend, den Intimbereich rasiert?
Der Reizblase entsprechend prompt fällt dann doch noch eine Alternative ein - die Lösung heißt Herr Dittmeyer, dessen genial praktisch erweiterte Flaschenhalserfindung sich zwar nicht eignet, autofahrenderweise den Inhalt zu leeren, höchstens ins Dekolletee, doch sehr wohl als Designerurinal. Und das niveauvolle Publikum hat natürlich immer eine Flasche Valensina im Kofferraum. Herr Dittmeyer macht also ebenso nicht nur Kinder froh - oder hieß er Onkel Dittmeyer?




Derart gegen Eventualitäten gerüstet, entledigt man sich noch heftig der Schnaken im Gemach, bevor die Zeremonie des Ankleidens bzw. Weglassens von Kleidung zelebriert wird. In Ermangelung der Kammerzofe, wie das bei Ritters seinerzeit ja wohl üblich war, legt man nun also selbst Hand an und verwandelt sich in Belle / Beau de nuit, nach eigenem Gutdünken.
Die Flaniermeile im großen Saal ist eröffnet und eine Parade von mehr oder weniger nacktem Fleisch beginnt zögerlich.
Diverse Outfits würden auch dem Publikum in „Gräfin Mariza“ zur Ehre gereichen, andere einem Rennpferd gut zu Gesicht stehen, da eindeutig an Gurtzeug erinnernd. Wozu die Nippel dann noch mit Glitzersternchen abkleben? Sie streifen während des gelangweilt dumm-rum-Sitzens sowieso nur die Knie.
Beate-Uhse-Erbe hat wohl guten Umsatz gemacht. Lack-, Vinyl- und Lederimitat uniformieren geradezu. Da müssen auch die nackten Hinterbacken standardisiert zu sehen sein. „Fetisch“ in Abwechslung mit dem kleinen Schwarzen. Ein knappes, gelöchertes Tigeroutfit oder ein H&M-beiger Rock wirkt erleichternd störend und dass irgendwo ein weißer BH oben aus dem Paillettenkleid bleckt, interessiert sowieso niemanden.
Es wird gestöckelt, geschritten, gesehen und gesehen worden. Wogende Massen luftraubend nach oben tablettiert, oder das Kleid ganz vergessen und in Unterwäsche erschienen. Es gibt was zu sehen.
Der Auftritt der Viktorianer oder Venezianer oder ist es gar Katharina die Große persönlich (samt Gefolge) ist geradezu erheiternd. Doch niemand lacht - es ziemt sich nicht und die Angelegenheit ist ja auch viel zu ernst. Auf Zebrafell(imitat) werden noch schnell ein paar Fotos fürs Familienalbum gemacht. Die Viktorianer - was trugen sie seinerzeit für Unterwäsche? Die Dame behält dieses Geheimnis für sich und ziert sich - noch.
Die kleinen Tischchen werden bevölkert, Kerzen in Kandelabern erhellen notdürftig die Szenerie und man bleibt keusch unter sich.
Doch da - erscheint die Bekleidete mit nichts als ihrem Stolz und ihrem Mut. Kein Höschen verwehrt den Blick auf blanke Möse, kein schamvolles Augensenken, kein noch so leichtes Erröten beim Angestarrtwerden. Die Königin der nuit. Sie ist einfach wunderbar - eine Augenweide. Und dass Auge weidet genüsslich, ausgiebig.
Koketterie wird demonstriert beim sinnlichen Beißen in Salzstangen - mehr gibt es auch nicht zu tun, denn die schöne Angestarrte ist gleich verschwunden.
Das Auge schweift ab, umher, umhin, zum Fenster raus. Gibt’s da mehr zu sehen? Draußen? Konzentrisch kreisende Beleuchtungseffekte auf demolierter Chateau-Fassade. Doch fängt den Blick ein erleuchtetes Fenster, hinter dem sich was tut. Etwas merkwürdiges. Ein hopsender Nackter. Oh. Mag dahinter wohl die erwartete Erotik stecken? Der Nackte müht sich sehr beim Springen. Man vermutet das Bett unter seinen Füssen. Ob zwischen Bett und Füssen gar eine Frau...? Nein. Solch derbe Praktiken traut man der elitären Gästeschar nicht zu. Auch nicht im Einzelnen. Der Nackte schwingt ein Handtuch in Gaucho-Manier, jedoch malträtiert er damit weder lustvoll seine Partnerin, noch büßig sich selbst, sondern bereitet den Schnaken ein Blutbad, damit sie den Teint nicht so verunstalten.
Wie bei jeder öden Party versammelt sich auch hier das Gros der nackten Hinterbacken, Netzbestrumpften, Abendkleidbewehrten an der Bar. O-Saft aus Tetra Pack. Umsonst. Hier und da blitzt eine rote Krawatte aus dem Schwarz - man hat sich eben schick gemacht - und Grablichter schmeicheln dem Teint.
Stunde um Stunde vergeht und damit einhergehend vergeht auch die Lust.
Wo geht die Vorfreude hin, wenn sie ver-geht? Gibt es einen Himmel für Gefühle? Den Himmel der verlorenen Sehnsüchte, Freuden, Lieben? Wie schön mag er sein. Und wie traurig.
In erwartungsvoller Apathie harrt man der Dinge die da kommen mögen und tatsächlich karikiert die Gastgeberin in verhaspeltem VHSdeutsch den Stil und eröffnet endlich das Buffet. Äktschen.
Dekorativ drapiert zwei Schöne, nur leicht verhüllt, und das gänzlich nackte wie tote Spanferkel. Endlich kommt Stimmung auf, in der Prozession um das Buffet, und in dem Gedrängel um die Wurst kommt man sich sogar näher, obwohl ein Teller im Kreuz nicht viel sinnliches hat.
Die chateauhaften Tischchen eignen sich nicht für Gelage, also balanciert man die Teller gekonnt auf den Knien und so geht die Liebe erst mal durch den Magen und damit geht zumindest eine Art der Befriedigung einher.
Die Augenweide ist plötzlich wieder da, unnahbar in ihrer Blöße, doch da erdreistet sich ein Lüstling und würzt kurzerhand eine Peperoni an ihrer Möse. Scharf!
Leider trägt sich dann aber nichts mehr zu und ein voller Bauch macht träge - die Trägheit ist kaum mehr auszuhalten, so beschließt man hier nichts mehr zu versäumen und sich wohlverdientem Schlummer hinzugeben.
Die Halle durchwabern Sauerkrautdüfte und gleich findet die Modenschau eines ganz "beriehmten" Designers statt. Ob sich Giorgio A. diese müde Veranstaltung zur Präsentation seiner neusten couture-Kreationen ausgesucht hat? Wohl kaum. Ab ins Boudoir. Alleine!
Vereinzeltes Knallen bereitet dem Schlaf ein jähes Ende und man erinnert sich: Mitternachtsfeuerwerk. Das Wenige am Leib ist rasch wieder in Form gebracht und über Flure eilend, zählt man mit. Die neunte und letzte phallische Rakete verpufft, ehe man sie eines Blickes würdigen konnte, denn Chateauräumlichkeiten sind großzügig bemessen.
Doch nun tut sich was, in den Vorräumen und Separees. Die Sauna wurde zweckentfremdet und auf deren Dach räkelt sich verzückt lächelnd eine Nackte und wird verwöhnt. Cunnilingus sei Dank stört es hinterher wohl nicht, dass der Hintern ganz staubig ist. Im nächsten Kämmerlein geht es besser sichtbar zur "Sache". Also kurzerhand dazugesellt, auf gummilakenbespanntes Großfamilienbett. Die Dame in der Mitte entspricht auch nackt noch dem Dresscode, denn ihre schwarzgerahmte Brille stört offenbar nicht beim Liebesspiel. Die drei Herren widmen sich auch mehr ihrem Unterleib, als ihrem Gesicht. Gleichzeitig werden ihre Brüste von einer von hinten penetrierten Dame malträtiert. Es wird in und an ihr gefuhrwerkt, dass man um ihre Gesundheit bangen könnte. Ihr Stöhnen klingt auch gelegentlich eher gequält als lustvoll. Was um alles in der Welt tun die da mit ihr? Ist ein Eingreifen nötig? Ein Notarzt verständigt? Steht sie gar kurz vor einem Scheidenkrampf? Man macht sich eben so seine Gedanken - Gänzlich stumm treibts ein Pärchen in guter alter Missionarsstellung zu Kopfe der beackerten, doch ist hier womöglich auch Gefahr im Verzug, denn sein Penispiercing könnte ja irgendwo hängenbleiben. Man bleibt hier nicht, denn die ganze Szenerie mutet eher medizinisch als erotisch an und das Gekicher der Zuschauer trägt auch nicht zur Luststeigerung bei. Beim Treppengeländer wird Ringelpiez mit Anfassen gespielt. Vier oder fünf mehr oder weniger Nackte in Reih und Glied hintereinander fassen sich gegenseitig an diverse Körperstellen. Macht das Spass?
Im großen Saal flanieren immer noch die Gesehen-werden-wollenden, doch gemütlich ist's nur vor dem Kamin.
Doch schließlich lüftet sich noch ein Geheimnis. Die Pseudo-Viktorianer haben sich entkleidet und sitzen in Unterwäsche keusch an ihrem Tischchen. Doch die Unterwäsche entspricht nicht dem Stil, den sie vormals vorgaben. Quelle-Katalog mit 14 Tagen Rückgaberecht.
Gänzlich privat in einem der Zimmer dieser Jugendherberge mit Erwachsenenprogramm wird auch noch beigeschlafen. Langgezogenes Stöhnen hallt durchs Gemäuer. Im Horrorgenre wären es die Schreie längst verstorbener, verfluchter Spukgestalten.
Der Morgen graut über dem Chateau. Toilette besetzt. Natürlich. Doch wen stört's? Herr Dittmeyer sei Dank.
Die Prüderie der Nacht wird im verstrubelten Morgenlook abgelegt. Immer noch - oder bereits wieder - Nackte geben sich ein Stelldichein in der Dusche. "dusch-das" ist bereitgestellt. "Belebend für alle Sinne" steht drauf. Hier also ist die Sinnlichkeit abgestellt worden. Ah ja!
Beim Frühstück ein erneutes Defilee. Nicht mehr so glanzvoll wie am Abend - man erkennt diverse Bekleidugen wieder. Ziemlich deplaziert im Morgenlicht, die festlichen Roben. Man spekuliert, ob die Unterwäsche ebenfalls die gleiche geblieben ist. Aber sehr von Körpersäften durchtränkt kann sie ja nicht sein.
Erleichterung - denn die Dame mit schwarzer Brille schreitet, offenbar unversehrt, durch den Raum. Sie kann noch schreiten!
Das Buffet ist auch noch dasselbe. Freßspuren vom Abend ziehen sich durch alles Angebotene. Nur die beiden Schönen, samt Spanferkel sind weg. Stattdessen eine Kanne Kaffee (belebend für die Sinne?). Der Stil wurde nicht durchbrochen. Appetitlosigkeit bis zum Schluss.
Ob die bei Onkel Dittmeyer die Flaschen auch wirklich gründlich spülen, vor der Neubefüllung? Sieht ein wenig aus wie Apfelsaft. Ob man die Flasche dezent auf das Buffet ...?

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Ralph Ronneberger
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Hallo Silberstreif,

nein dieses Werk ist wahrlich kein matter Silberstreif am mitunter so schwül verhangenem Erotik-Horrizont. Nein - das ist ein satirisches Feuerwerk vom Feinsten. Vielleicht hast du hier und da ein paar Raketen zuviel bzw zu rasch hintereinander gezündet, so dass man manche Explosion kaum noch wahrnahm, weil schon die nächste folgte. Aber wie pflegt man nach einem gelungenem Feuerwerk so oft zu sagen? "Herrlich!"
Ein wenig traurig finde ich es schon, dass deine wirklich erfrischende und mit intelligentem Witz förmlich gespickte Parodie so herzlich wenig Aufmerksamkeit unter den erotikversessenen Lupianern findet. Sollte geistreiche Satire nicht in dieses Genre passen? Das fände ich schade und wünschte mir eher: "Mehr davon!"

Gruß Ralph
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Silberstreif
???
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wow - jemand hat was geschrieben! Jeah!

Mir bleibt nur zu sagen - danke Ralph
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GabiSils
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Danke für den Kommentar, Ralph - man kann ja nicht alles lesen, und so hätte ich dieses Kleinod fast übersehen. Ich schließe mich an: Mehr davon!

Gabi

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