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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herr Holle, frei nach Frau Holle (Auszug)
Eingestellt am 07. 01. 2004 14:12


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Penelopeia
Autorenanw├Ąrter
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Das M├Ąrchen von der Frau Holle erz├Ąhlt: Eine Witwe hatte zwei T├Âchter, davon war die eine sch├Ân und flei├čig, und die andere h├Ą├člich und faul. Sie hatte aber die h├Ą├čliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mu├čte alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Hause sein. Das arme M├Ądchen mu├čte sich t├Ąglich auf die gro├če Stra├če bei einem Brunnen setzen, und mu├čte so viel spinnen, da├č ihm das Blut aus den Fingern sprang usw.
Kann ja sein, es gab einst eine Witwe mit zwei T├Âchtern. Sowas kam und kommt vor. Kann auch sein, eine war sch├Ân und flei├čig, die andere faul und h├Ą├člich. Das klingt zwar m├Ąchtig nach Klischee und Schwarz-Wei├č-Malerei, aber m├Âglich ist es immerhin. Es kann weiterhin auch sein, da├č die eine alle Arbeit tat und tun mu├čte, und die andere einsatz- und bedingungslos geliebt wurde, weil sie die rechte Tochter war. Sowas gab es und gibt es.
Weniger gut vorstellbar ist, da├č sich das flei├čige M├Ądchen t├Ąglich auf eine gro├če Stra├če bei einem Brunnen setzen und so viel spinnen mu├čte, da├č ihr das Blut aus den Fingern sprang. Gleiches trifft zu auf die ganze nachfolgende Story, in der die Rede ist von einer bluttriefenden Spule, einem Reinigungsversuch, einem Loslassen, einem Fallen, einer Frage, einer Forderung, einem Verzweiflungssprung, einem Abstieg, der scheinbar ein Aufstieg war, Bew├Ąhrungsproben, offenen Stellen, Mitarbeiterk├╝ndigungen trotz unbefristeter Vertr├Ąge und Abfindungen trotz K├╝ndigungen, wenn auch von unterschiedlicher Konsistenz...

Wie soll man sich da einen Reim drauf machen!? Ich habe einmal nachgedacht und erkl├Ąre mir die vielen Widerspr├╝chlichkeiten durch Ungenauigkeiten in der ├ťberlieferung. Vielleicht war ja alles so ├Ąhnlich, nur im Detail ein bi├čchen anders? – Vielleicht war es ja so:

Eine Verlegerwitwe hatte einen Verlag, in dem eine kleine Klatschzeitung produziert wurde. Dabei halfen ihr zwei Schreibkr├Ąfte. Die eine, ihre rechtm├Ą├čige Tochter, war Legasthenikerin und vermied deshalb das Setzen von Worten in Schrift. Sie beschr├Ąnkte sich auf das Nachrechnen von Auflage und Umsatz und den Verbrauch von Gewinn.

Die andere war Stieftochter und Angestellte. Sie hatte die Ideen zu haben und diese dann umzusetzen. Dazu war es Erstens nat├╝rlich unumg├Ąnglich, auf den Stra├čen und Pl├Ątzen des St├Ądtchens Ohren und Augen offenzuhalten, auf des Volkes Maul zu schauen und auf des Volkes Stimme zu h├Âren. Zweitens mu├čte man spinnen, da├č einem das Blut in den Kopf stieg. Und Drittens schreiben, da├č einem die Haut an den Fingerkuppen d├╝nn wurde...

Nun trug es sich zu, da├č die Flei├čige einmal vor lauter Spinnerei – oder vielleicht auch Scham? – einen gl├╝hend hei├čen Kopf hatte. Sie besann sich einen Moment, setzte sich auf den Rand eines st├Ądtischen Zierbrunnens, und starrte m├╝de in dessen tr├╝be Wasser und auf schaukelnden Unrat. Sie stellte Vergleiche an: Die Suppe und der M├╝ll – ihre Welt. Ihr Leben - ein m├╝hsames Strampeln in einem riesigen Pfuhl, einer stinkenden Br├╝he, einem eklen Gemisch aus L├╝gen, Halbwahrheiten, Mutma├čungen, Spekulationen, Unterstellungen... Schei├č Job!, fluchte sie still. Man m├╝├čte abspringen, untertauchen, was Neues machen...

Am Brunnen sa├č ein kleiner Junge. Sie gab ihm ein F├╝nfpfennigst├╝ck: „Erz├Ąhl morgen, ich sei in den Brunnen gesprungen!“ Dann warf sie Notizblock und Stift hinein und ging davon.

In der kleinen Redaktion brach gro├če Aufregung aus, als sich die Flei├čige nicht mit der t├Ąglichen Ernte an Klatsch- und Tratsch und Spinnerei einfand. Die Verlegerwitwe holte auf die Schnelle eine alte Ausgabe aus dem Archiv und wies an, die mit aktuellem Datum zu drucken.
Die Flei├čige war inzwischen in eine gro├če Stadt mit den gr├Â├čten Exoten gelangt. Viele dieser v├Âllig eigenwilligen Gestalten erinnerten sie an phantastische Blumen auf einer bunten Wiese...
Sie suchte Stellung, fand aber keine. So verlegte sie sich zun├Ąchst auf freies Heruminvestigieren. Allerlei faule ├äppel entdeckte sie da, die lange schon ihres Falles harrten! Nat├╝rlich riefen die nicht nach Sch├╝ttelei; aber man brauchte wirklich nur mit einem Finger drauf zeigen, und sie st├╝rzten ins Nichts. Desgleichen fand sie Angebranntes, das weithin gegen den Wind stank; das zog sie kurzerhand an die ├ľffentlichkeit, und da stank es erst recht... Skandal, Skandal!, rief ein breites Publikum nach ihren ersten Eins├Ątzen, und es klang schadenfroh, begeistert, aber auch besorgt. Den honorigen B├╝rgern der gro├čen Stadt lief ein kaltes Grausen ├╝ber den R├╝cken, und ein allgemeines ├ťberlegen setzte ein, wie man mit so viel Flei├č nur umgehen solle.
Schlie├člich hatte der B├╝rgermeister, der neuerdings auf einem wackelnden Stuhl sa├č, eine Idee. Die teilte er seinem Freund mit, dem Inhaber der f├╝hrenden Stadtzeitung. Der wiederum lud die Flei├čige zu einem Gespr├Ąch. Nach kurzer Bedenkzeit willigte die ein. Obwohl sie von den gro├čen Z├Ąhnen des Mannes geh├Ârt hatte!

Das Gespr├Ąch verlief nicht unangenehm. Trotz des zu breiten L├Ąchelns von Herrn Holle, so der Name des Medienmoguls, und der riesigen Fressz├Ąhne, die dabei umso unangenehmer sichtbar wurden, einigte man sich auf recht opulente Konditionen. Einzige Bedingung: Spinnen nach vorgegebenem Muster.

Schon am n├Ąchsten Tag begann die Flei├čige, versehen mit einem Pseudonym, ihren Dienst. Sie spann nicht nur flei├čig ihren Gedankenfaden nach gew├╝nschtem Muster, sie drosch sogar kr├Ąftig-gewaltig Phrasen! Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Schnee, viel Schnee... Dazu machte sie den anderen Federn auch noch Druck. Unglaublich, was die Frau leistete!

Friedlich schneite nun, beladen mit dem sch├Ânsten Schnee, das f├╝hrende Blatt der gro├čen Stadt in die Haushalte und Hirne zufriedener Leser. Welch ein Bild! Welche Ruhe! – Fast keinem fiel es dabei auf, wie kalt es eigentlich war, und da├č einige ziemlich froren...

Daf├╝r hatte die Flei├čige auch ein gut Leben bei Herrn Holle, kein b├Âses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.
Nun war sie eine Zeitlang bei dem Herrn Holle, da ward sie traurig und wu├čte anfangs selbst nicht, was ihr fehlte, endlich merkte sie, da├č es Heimweh war; ob es ihr hier gleich viel tausendmal besser ging als zu Hause, so hatte sie doch Verlangen dahin. Denn in ihr bohrte die Frage, ob sie sich nun verbessert habe oder nicht, ob ihre Arbeit mehr tauge denn vorher, ob sie nun ab- oder aufgestiegen sei. Und ob sie immer noch in der ├╝blen Br├╝he schwimme, wenn auch offenbar nicht mehr strampelnd...
Endlich sagte sie zu Herrn Holle: "Ich habe den Jammer nach Haus gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht l├Ąnger bleiben, ich mu├č wieder hinauf zu den Meinigen."
Der Herr Holle sagte: „ Es mi├čf├Ąllt mir zwar, da├č Du wieder hinabwillst in die Niederungen eines unbedeutenden Wurstblattes. Aber ich akzeptiere das; ohnehin kam mir in letzter Zeit gelegentlich der Gedanke an eine Frischzellenkur meiner Schreibkr├Ąfte... Komm, mein M├Ądel, ich will Dich f├╝rstlich verabschieden. Er gab ihr einen vergoldeten Stift, ├Ąhnlich dem, den sie einst aus lauter Frust in einen ├Âffentlichen Brunnen geworfen. Dann nahm er sie bei der Hand und f├╝hrte sie vor das gro├če Eingangstor. Dort warteten Herolde aus dem ganzen Reich, die ├╝ber sie herfielen, sie mit Fragen best├╝rmten, sich ihr passend Bild von der Flei├čigen machten...
Am n├Ąchsten Tag erschienen in der yellow-press des ganzen Landes schillernde Berichte ├╝ber die Flei├čige, man hatte fast den Eindruck, sie bestehe aus lauter Gold, so wurde sie gelobt und beschrie(b)en.
Der Flei├čigen waren gemischte Gef├╝hle: Einerseits f├╝hlte sie sich geehrt. Andererseits ahnte sie: der Ruf einer Edelklatsche w├╝rde so schnell nicht mehr weichen: Ehrungen sind oft haltbar...

Als sie zu Hause ankam, war ihr Ruf schon da. Seit der Ehrung vor dem Tore hatte auch das Pseudonym keinen Schutz mehr gew├Ąhrt. Allen war alles bekannt bis zur letzten Belanglosigkeit.

Im heimatlichen Hof traf sie einen alten Bekannten. Das war der Drucker, der nach wie vor f├╝r ihrer Stiefmutter Klatschblatt arbeitete. Ein rechter Dummkopf war das, dabei noch geil. Ein stolz-bl├Âder Hahn... Er feixte schadenfroh, als er die Flei├čige kommen sah: „Hi-hi-hi, die goldene Jungfrau ist wieder hie...“
Da ging die Flei├čige hinein zu ihrer Mutter und der Stiefschwester. Die schauten s├╝├čsauer: Einerseits waren sie’s zufrieden, eine ber├╝hmte Edelklatsche in ihren Reihen begr├╝├čen zu d├╝rfen. Andererseits waren sie irritiert und unsicher, aus welchen Gr├╝nden eine so erfolgreiche Frau den Weg zur├╝ck und nach unten nahm. Machtgel├╝ste? – ├ťbernahmephantasien?

Die Flei├čige erz├Ąhlte die ganze Geschichte. Wie sie auf faule ├äppel gezeigt und die gefallen, wie sie zum Himmel stinkendes Unrecht an die ├ľffentlichkeit gezerrt und das dann doppelt gestunken; wie sie in Rang, Stellung und zu Scheinnamen gekommen... Wie sie schlie├člich irgendwann Ekel versp├╝rt ob der Br├╝he, in der sie schon wieder, wenn auch nicht strampelnd, schwamm; wie endlich Sehnsucht nach ihr griff und sie den Vorsatz fa├čte, nach Hause zu gehen und ein anst├Ąndiges, kleines Leben mit anst├Ąndigen, kleinen Artikeln zur f├╝hren...
S├╝├čsauer l├Ąchelten Verlegerwitwe und wahre Tochter. War die Flei├čige verr├╝ckt geworden? War ihr der Erfolg, die Ehrung zu Kopf gestiegen?
Sie zogen sich mit einer Entschuldigung zur├╝ck.

Am Tag darauf er├Âffnete die Verlegerwitwe der Flei├čigen, der Zeitungsbetrieb ruhe einstweilen. Die wahre Tochter werde sich ebenfalls auf den Weg machen, um in der Stadt die Karriere ein St├╝ck voranzutreiben.

Und so geschah’s. Die wahre und wahrhaft legasthenische Tochter freilich warf keinen Schreibstift nebst Stenoblock in einen st├Ądtischen Zierbrunnen, weil sie solche Utensilien eh nie in der Hand hatte. Sie gab auch kein Trinkgeld f├╝r einen Abgangsmythos. Sie fuhr einfach in die Stadt. Den faulen ├äppeln, denen sie begegnete, l├Ąchelte sie gelassenen Gru├č. Was sollte sie zeigen auf solche verderbte Frucht? Irgendwann fielen die von selbst. Die stinkenden Kadaver in ihren Verstecken waren ihr gleichg├╝ltig. Was sollte sie die ans Licht der ├ľffentlichkeit zerrren, stanken sie doch schon so gen├╝gend?
Als sie zu Herrn Holle kam, f├╝rchtete sie sich nicht, weil sie schon von dessen gro├čen Z├Ąhnen geh├Ârt hatte, und verdingte sich gleich.

Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war flei├čig und folgte dem Herrn Holle, wenn der ihr etwas sagte, denn sie dachte an die vielen Berichte, die man ├╝ber sie schreiben w├╝rde in der yellow-press, und an den ganzen Ruhm, in dem sie sich lange w├╝rde sonnen k├Ânnen. Am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, drosch keine Phrasen, produzierte keinen Schnee und machte es dem Herrn Holle in keiner Weise bequem. Am dritten Tag r├╝hrte sie keinen Schreibstift mehr an und keinen Schreibblock, schrieb keinen Buchstaben und keine Zeile. Sie blieb einfach im Bett liegen und g├Ąhnte gelangweilt. Irgendwann am sp├Ąten Vormittag kam auch der Herr Holle. Er trat mit einer Tasse in der Hand ins Schlafzimmer und schaute m├╝rrisch auf die Bettdecke, unter der sich die Faule teilweise versteckte. „Das Bett ist zu schmal“, sprach er, „als da├č ich mich dahinein legte.“ Die Faule schob die Bettdecke zur├╝ck und sah ihn verduzt an. „Pech gehabt, mein M├Ądel“, sagte der Herr Holle. „Ich hab‘ hier eine Tasse voll Kakao. Die sch├╝tt‘ ich dir gleich ins Bett, wenn du nicht sofort aufstehst und verschwindest. Anschlie├čend zieh‘ ich dich durch selbigen...“

So kam es also, da├č der Herr Holle der Faulen den Dienst aufsagte. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun w├╝rde trotz der erkennbar schlechten Laune von Herrn Holle noch eine f├╝rstliche Verabschiedung folgen mit einer Unzahl von Dank- und Lobeshymnen. Doch es kam anders. Der Herr Holle f├╝hrte sie zwar ebenfalls vor das gro├če Tor. Aber da war niemand. Nicht ein Herold, nicht mal der Esel von einem Herold. Entt├Ąuscht und w├╝tend schaute die Faule auf die T├╝r, die Herr Holle eilig hinter sich schlo├č, und machte sich auf den Weg nach Hause.

Da kam die Faule heim, aber so, wie sie losgezogen war. Nur zu Hause hatte sich einiges ergeben: Die Flei├čige war von dannen gegangen, keiner konnte sagen wohin. Die Mutter wartete verzweifelt auf die Tochter, denn die Produktion ruhte und Geld kam nicht ins Haus. Im Hof lungerte der dumm-geile Hahn von Drucker herum und witzelte: „Hi-hi-hi, Jungfrau war se nie...“ Betreten und mit h├Ąngenden Mundwinkeln empfing die Mutter ihre glanzlose Tochter, sprach kaum ein Wort. Am Abend setzte sie sich hin und schrieb einen Bericht ├╝ber die Erfahrungen ihrer Tochter als Exmitarbeiterin eines weithin bekannten Edelschwatzblattes. Tags darauf wurde der im Lokalwurstblatt ver├Âffentlicht. In einem ├╝berregionalen K├Ąse- und Salatblatt erschien am gleichen Tag...


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flammarion
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das

gef├Ąllt mir. ich bitte um baldige fortsetzung.
lg
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Penelopeia
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2002

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Danke! - Fortsetzung im Moment leider noch gesperrt - von Selbstzensur...

LG

Pen.

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katia
???
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hui, mal eine ganz andere version. das "hollt" nach dem lesen gr├╝ndlich wider. ich freue mich auch auf eine fortsetzung!
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(kas)

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