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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herr Johann
Eingestellt am 27. 12. 2003 23:38


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hwg
???
Registriert: Dec 2003

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Im Schatten der Mauer unter dem hohen roten Dach der Kirche geht der Hausherr. Er geht sehr langsam, sein schwerer alter Körper ist weit nach vorne gebeugt.
Den kahlen Sch√§del tr√§gt er tief und m√ľde zwischen den Schultern. Mit seinem Stock tastet er unsicher √ľber den holprigen Boden der Gasse.
Herr Johann hat im vergangenen Monat den 87. Geburtstag hinter sich gebracht.

In seiner Jugend war der Hans ein Riese mit gewaltigen Schultern und großen, breiten Händen. Und in seinen besten Mannesjahren fuhr er auf einem ohrenbetäubend knatternden Motorrad durch die Dörfer des Tales.
Man erzählt sich heute dort, abends in den Gaststuben, noch wahre Wunderdinge von den Körperkräften dieses Mannes.
Dass er einen w√ľtenden Stier an den H√∂rnern packte und auf den Boden zwang, dass er ein verungl√ľcktes Kalb von ziemlichem Gewicht auf die Schultern lud und ins zwei Kilometer entfernte Dorf zum Notschlachten schleppte, dass er beim Erntedankfest anno 1950 s√§mtliche Bauern aus der Nachbarschaft unter den Tisch soff.
Was daran alles stimmen mag?
Niemand wei√ü es mehr so recht, aber die Geschichten √ľber den Hans werden weiter gesponnen.

Jetzt geht der Hans langsam und behindert durch die Gassen der Altstadt. Und da beobachten ihn die Leute bei seiner Marotte: Er sammelt Papier.
Dort, wo Kinder oder gedankenlose Erwachsene Keksschachteln, Pappebecher oder B√§ckers√§cke auf die Erde geworfen haben, bleibt er stehen, liest mit seinen immer noch gro√üen, jetzt weit auf den Boden herabreichenden H√§nden die Fetzen auf, steckt sie m√ľhsam in die ausgebeulten Taschen seiner verschossenen Leinenjacke und geht, √§chzend vor sich hinmurmelnd, weiter. Meist braucht er nur wenige Schritte bis zum n√§chsten Papierst√ľckchen, und so f√ľllen sich seine Taschen im Nu.

Am Ende der Gasse, wo die schmale Stiege zwischen den dunklen Torbogen und rissigen Mauern pl√∂tzlich in die Helligkeit des Hauptplatzes m√ľndet, bleibt der Hans stehen.
Langsam, mit mechanischen, etwas unheimlich wirkenden Bewegungen entleert er seine prall mit Papierabf√§llen gef√ľllten Jackentaschen in den Papierkorb vor dem
Metzgerladen. Sein großflächiges, faltiges Gesicht mit den dicken Tränensäcken und den blaurasierten Backenknochen ist unbewegt.

Die Leute reden √ľber den alten Hans, sie gebrauchen Vokabeln wie "besch√§mend" oder "w√ľrdelos".
Dem Herrn Johann jedoch ist es egal. Er ist 87 Jahre alt.
Wer fragt da noch nach Leumund?


__________________
-hwg-

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Herbert Stahlvogel
Autorenanwärter
Registriert: May 2003

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Hallo HWG,

da hast Du aber eine sehr r√ľhrende Geschichte geschrieben. Wie wir wohl mit 87 Jahren sein werden? Was wohl andere Menschen √ľber uns tuscheln? Wir werden (hoffentlich)sehen!!

Du hast Hans sehr gut beschrieben. Ich konnte mich richtig gut in den alten bzw. jungen Mann hineinversetzen und auch die Tragik lag sp√ľrbar in der Luft (was mir am Besten gefiel!).

Nur mit dem Ende bin ich unzufrieden, oder besser gesagt, war ich richtig enttäuscht. Da solltest Du Dir auf jeden Fall etwas anderes einfallen lassen!

An sonsten sind mir ein paar kleine Dinge aufgefallen, Banalitäten:

"... hinter sich gebracht."
"... und behindert..."

Viele Gr√ľ√üe
Herbert

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hwg
???
Registriert: Dec 2003

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Besseres Ende?

Danke f√ľr das Interesse.
Herr Johann hat seinen Geburtstag nicht gefeiert, sondern eben ohne Aufhebens "hinter sich gebracht" - er ist ja auch allein. Und "behindert" durch seine geb√ľckte Haltung und das Missverh√§ltnis von K√∂rpergr√∂√üe und Arml√§nge. Der Schluss... - naja! Soll Herr Johann angesichts seiner Situation gegen die Meinungen etlicher Mitmenschen "anrennen"? Vorschl√§ge f√ľr eine bessere L√∂sung sind selbstverst√§ndlich willkommen!
Herzlichen Gruß!
__________________
-hwg-

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