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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Herr Olschewski tut Gutes
Eingestellt am 20. 10. 2015 13:41


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Hyazinthe
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Herr Olschewski tut Gutes

Herr Olschewski war ein zufriedener Mann. F├╝r seine siebenundsechzig Jahre erfreute er sich einer soliden Gesundheit, wozu seine Leidenschaft f├╝r ausgedehnte Wanderungen durch die sch├Ânen Landschaften Deutschlands ihren Teil beitrug, ebenso wie seine gesunde Lebensweise mit wenig Alkohol und m├Ą├čigem Essen. Zigaretten oder sonstige Drogen hatte Herr Olschewski in seinem ganzen Leben nicht anger├╝hrt. Zu seinem erfreulichen Zustand trug zudem sein ausgeglichenes, geradezu optimistisches Wesen bei, das es ihm unm├Âglich machte, sich lange ├╝ber was auch immer zu ├Ąrgern oder zu gr├Ąmen.

Seit seiner Pensionierung verf├╝gte Herr Olschewski zudem ├╝ber viel freie Zeit, die er mit Reisen in alle Welt verbrachte. Als ehemaliger Geografie - und Geschichtslehrer interessierten ihn dabei besonders die au├čergew├Âhnlichen Gegenden des Erdballs, etwa der grand canyon oder die Taiga oder die Sahara. Aber wohin er auch reiste: ├ťberall gab es neben ihm noch viele weitere Touristen, so dass er sich auf seinen einsamen Wanderungen in der Heimat von den vielen Menschen erholen musste.

Nicht, dass Herr Olschewski etwas gegen Menschen hatte; im Gegenteil: Er konnte ein durchaus am├╝santer und eloquenter Gesellschafter sein. Er war gern Lehrer gewesen, hatte die Kinder und Jugendlichen gemocht und nach besten Wissen gef├Ârdert und erzogen, auch wenn er sich in den letzten Jahren durchaus im Klaren dar├╝ber war, dass er in den Augen seiner Sch├╝ler einer hoffnungslos altmodischen Generation angeh├Ârte, die man nicht mehr ganz ernst nehmen konnte. Zugegebenerma├čen hatte Herr Olschewski sich mit der neuen Technologie, die ├╝berall in den Schulalltag eingezogen war, nicht so recht anfreunden k├Ânnen. Deshalb war es ihm ganz recht gewesen, als er den Schuldienst reduzieren musste, um seine alte Mutter, die zwar geistig immer noch fit war, aber k├Ârperlich stark abbaute, zu pflegen. Dieser Kindespflicht war Herr Olschewski liebevoll und gewissenhaft nachgekommen, bis seine Mutter schlie├člich, zweiundneunzigj├Ąhrig, vor drei Jahren gestorben war.
Nun lebte Herr Olschewski allein in dem bescheidenen, aber seiner Ansicht durchaus komfortablen H├Ąuschen, das er zeitlebens bewohnt und nun von seiner Mutter geerbt hatte. Nicht, dass es im Leben Herrn Olschewskis nicht auch die eine oder andere Liebesbeziehung gegeben h├Ątte, aber es war nie zu einer Heirat gekommen. Die Gr├╝nde daf├╝r lagen zum Teil an seiner engen Beziehung zu seiner Mutter - sein Vater war fr├╝h verstorben, Geschwister hatte er nicht - aber der tiefere Grund lag in der Tatsache, dass sein Gef├╝hl f├╝r die jeweilige Frau nicht ausgereicht hatte f├╝r eine lebenslange Bindung. So war er schlie├člich allein geblieben und durchaus zufrieden damit.
Er liebte es, den Blumengarten zu pflegen, etwas Gem├╝se und einige Gew├╝rzkr├Ąuter anzubauen und seine selbst gekochten Mahlzeiten mit den Ertr├Ągen aus dem Garten zu bereichern. Finanzielle Sorgen hatte Herr Olschewski nicht, im Gegenteil, das H├Ąuschen war l├Ąngst abbezahlt, ebenso der drei Jahre alte Toyota, der in der Garage stand, und seine Pension als Oberstudienrat i. R. war ├╝ppig. So ├╝ppig, dass Herr Olschewski jeden Monat Geld ├╝brig behielt, das sich mit der Zeit auf seinem Girokonto anh├Ąufte.
Deshalb beschloss Herr Olschewski, mit seinem Geld etwas Gutes zu tun. Da er keine Verwandten besa├č, die er beschenken konnte, spendete er ansehnliche Betr├Ąge an Hilfsorganisationen aller Art: Greenpeace, ├ärzte ohne Grenzen, Deutsches Rotes Kreuz, an den Tierschutzverein und viele andere gemeinn├╝tzige Vereinigungen. Er ├╝bernahm die Patenschaft f├╝r drei Kinder in der dritten Welt, indem er monatliche Betr├Ąge an die entsprechende Organisation ├╝berwies, und freute sich ├╝ber die Briefe dieser Kinder, die ihn aus Nepal, Nigeria und Brasilien erreichten. Wenn an der Haust├╝r gesammelt wurde, etwa f├╝r die freiwillige Feuerwehr oder von den Sternsingern f├╝r diverse gute Zwecke, zeigte sich Herr Olschewski immer ├╝beraus gro├čz├╝gig.

Doch dann geschah es, das Fortuna unverhofft ihr F├╝llhorn ├╝ber Herrn Olschewski ausgoss und er in Verlegenheit geriet.

Er gewann im Lotto! Jahrzehntelang hatte er jede Woche einen Lottoschein ausgef├╝llt, immer mit den gleichen Zahlen: den Geburtsdaten seiner Mutter und seinen eigenen, ohne sich gro├če Hoffnungen auf einen Gewinn zu machen. Manchmal hatte er drei oder sogar vier Richtige gehabt und kleinere Geldbetr├Ąge gewonnen. Diesmal aber hatte er sechs Richtige mit Zusatzzahl!
2 300 430, 32 ÔéČ hatte er gewonnen! In Worten Zweimillionendreihunderttausendvierhundertdrei├čig Euro und zweiunfdrei├čig Cent. Er konnte es nicht fassen!

Ein Finanzberater seiner Bank kam und erl├Ąuterte ihm einen ganzen Nachmittag lang, welche M├Âglichkeiten es gab, das Geld sicher und gewinnbringend anzulegen. Es lief darauf hinaus, dass Herr Olschewski nun jeden Monat zus├Ątzlich zu seiner Pension noch mehrere hundert Euro Gewinn aus den Anlagegesch├Ąften erzielte, ohne das Kapital angreifen zu m├╝ssen. Er war reich!

Herr Olschewski erwog, in ein gr├Â├čeres Haus zu ziehen, eine Villa etwa, mit Swimmingpool und gro├čem Park drumherum. Aber schnell nahm er Abstand von dieser Idee, denn er f├╝hlte sich wohl und heimisch in seinem kleinen H├Ąuschen. Warum sollte er das ├Ąndern? Auch ├╝berlegte er, sich ein gr├Â├čeres Auto zu kaufen. Immerhin, der Toyota war schon ein paar Jahre alt, aber er war gerade erst durch den T├ťV gekommen, und Herr Olschewski mochte sein Auto. Es war bequem und handlich und er hatte sich daran gew├Âhnt. Sollte er vielleicht eine gro├če, monatelange Weltreise unternehmen? Herr Olschewski wusste aus Erfahrung, dass er nach vierzehn Tagen anfing, sich auf zu Hause zu freuen.

Nein, er hatte keine Verwendung f├╝r das Geld. Aber andere Menschen schon, dachte Herr Olschewski. Er fing an, die lokale Tageszeitung daraufhin zu durchforsten, wo in seiner Stadt Geld gebraucht wurde. Etwa f├╝r den neuen Kindergarten oder die dringend ben├Âtigte Kinderkrippe. F├╝r die Jugendbibliothek, den Spielplatz in dem neuen Wohngebiet, f├╝r die Pflege des alten Soldatenfriedhofs oder die Sanierung der B├Ąnke im Stadtpark. Er kaufte sich wattierte DinA-5-Umschl├Ąge und f├╝llte sie mit gro├čen Geldscheinen. Er tippte auf seinem Computer eine Mitteilung, wof├╝r die Spende verwendet werden sollte, unterzeichnete mit ÔÇ×Ein FreundÔÇť und verschickte sie ohne Absender an die entsprechenden Verantwortlichen. In der ├Ârtlichen Presse las er anschlie├čend aufgeregte Artikel ├╝ber den anonymen Wohlt├Ąter, der die Stadt mit seinen Spenden begl├╝ckte, und schmunzelte dar├╝ber. Auf diese Weise wurde er im Laufe der Monate einige zehntausend Euro los, was aber seinen Reichtum kaum schm├Ąlerte.

Eine neue M├Âglichkeit fiel ihm ein. Bei seinem letzten Einkaufsbummel in der nahe gelegenen Gro├čstadt hatte er Menschen gesehen, die am Stra├čenrand sa├čen und bettelten. Ungl├╝ckliche Individuen, die am Leben gescheitert waren, ohne Arbeit und obdachlos, oft alkoholkrank oder drogenabh├Ąngig. Diesen Menschen wollte er nun helfen. Er best├╝ckte diesmal zehn schlichte wei├če Briefumschl├Ąge mit je zehntausend Euro und klebte sie zu. Am darauffolgenden Samstag fuhr er in die Stadt und bummelte durch die Fu├čg├Ąngerzone. Bald fand er geeignete Kandidaten f├╝r seine Spenden: ein Stra├čenmusikant, der auf seiner Gitarre mehr schlecht als recht Evergreens klimperte, zwei t├Ątowierte, mit etlichen Piercings versehene Jugendliche, die die Welt um sich herum kaum wahrzunehmen schienen in ihrem offensichtlichen Drogenrausch, ein Stra├čenmaler, der ein dem Original nur wenig ├Ąhnelndes, ├╝berdimensionales Bild der Mona Lisa auf das Pflaster malte, ein b├Ąrtiger Alter mit Hut, dessen struppiger Hund mit misstrauischen Augen die Hand, die den wei├čen Umschlag in den Pappbecher dr├╝ckte, be├Ąugte.
Es dauerte nicht lange, da war Herr Olschewski seine Briefumschl├Ąge los. Den letzten dr├╝ckte er einer Frau mit olivfarbener Haut und langem schwarzen Haar, das mit zahlreichen grauen F├Ąden durchsetzt war, in die offen dar gehaltene Hand. In ein gro├čes Tuch geh├╝llt, kauerte die Bettlerin neben einem Stoffb├╝ndel auf einer Decke, die Augen niedergeschlagen. Eine Ausl├Ąnderin offenbar. Als sie den Briefumschlag bemerkte, schaute sie kurz auf, und Herr Olschewski fing einen Blick aus ihren schwarzen, unendlich traurigen Augen auf. Schnell ging er weiter.

Als er nach Hause fuhr, ├╝berlegte er, was diese Menschen jetzt mit dem Geld wohl anfangen w├╝rden. Er machte sich keine Illusionen dar├╝ber. Sicher w├╝rde ein Teil des Geldes in Alkohol oder Drogen umgesetzt werden, aber vielleicht w├╝rde es dem einen oder anderen helfen, aus seiner prek├Ąren Situation herauszufinden. Das jedenfalls hoffte Herr Olschewski. Besonders der Frau mit den traurigen Augen w├╝nschte er, dass die Zehntausend sie in den Stand setzen w├╝rden, sich aus ihrer Notlage zu befreien. So konnte sie sich etwa mit dem Geld in ein Hotel einmieten f├╝r einige Zeit, von dort aus in Ruhe eine Wohnung suchen und sich beim Arbeitsamt um eine Stelle bem├╝hen, stellte Herr Olschewski sich vor. Wenn sie illegal hier war, w├╝rde sie vielleicht eine Fahrkarte nach Hause kaufen und mit dem ├╝brigen Geld dort eine Existenz aufbauen. So hoffte er.

Herr Olschewski beschloss, die Spendenaktion zu wiederholen.
Vierzehn Tage sp├Ąter machte er sich also wieder auf den Weg in die Stadt, mit weiteren gleicherma├čen best├╝ckten zehn Kuverts in der Tasche. Diesmal begann er mit der Verteilung am Bahnhof, wo es keinen Mangel an Kandidaten f├╝r seine Spenden gab. Als er schlie├člich mit nur noch einem Umschlag durch die Fu├čg├Ąngerzone ging, sah er zu seinem Erstaunen an dem gleichen Platz wie beim letzten Mal die Frau mit den traurigen Augen sitzen. Damit hatte er nicht gerechnet. Wieso musste sie immer noch hier sitzen und betteln? Was hatte sie mit dem Geld angefangen? Neugierig n├Ąherte er sich der Frau und blieb vor ihr stehen. Sie schaute nicht zu ihm hoch, sondern hielt nur ihre leere Hand ausgestreckt. Er beugte sich zu ihr hinunter, nahm das Kuvert aus der Tasche und zeigte es ihr.
ÔÇ×Guten TagÔÇť, gr├╝├čte er h├Âflich. ÔÇ×Entschuldigen Sie, aber ich bin derjenige, der Ihnen vor zwei Wochen solch einen Umschlag gegeben hat. Erinnern Sie sich?ÔÇť
Die Frau zog ihre Hand erschrocken zur├╝ck und sah ihn scheu an. In ihren schwarzen Augen stand Unverst├Ąndnis. ├ängstlich blickte sie um sich und machte Anstalten aufzustehen.
ÔÇ×Keine AngstÔÇť, versuchte Herr Olschewski sie zu beruhigen, ÔÇ×ich tue Ihnen nichts.ÔÇť Er l├Ąchelte sie freundlich an und ging neben ihr in die Hocke, ohne sich um die erstaunten Blicke der vorbei eilenden Passanten zu k├╝mmern. Misstrauisch r├╝ckte sie von ihm ab.
ÔÇ×Ich nichts getan, bitte! Nicht verhaften!ÔÇť, stammelte sie. Offensichtlich verstand sie kaum Deutsch und glaubte, er w├Ąre von der Polizei.
ÔÇ×Nein, nein, ich bin nicht die Polizei. Keine Angst! Ich habe Ihnen solch einen Umschlag gegeben, schauen Sie!ÔÇť Er zeigte ihr den Briefumschlag mit dem Geld. Ein Zeichen des Erkennens zeigte sich in ihren Augen.
Sie schien ihn zu verstehen. Auf ihrem dunklen Gesicht erschien ein zaghaftes L├Ącheln. Sie wies mit einer sch├╝chternen Geste auf ihn. ÔÇ×Du ... mir geben Geld?ÔÇť
ÔÇ×JaÔÇť, best├Ątigte Herr Olschewski nickend. Unversehens griff sie nach seiner Hand und k├╝sste sie. ÔÇ×DankÔÇť, stammelte sie ein ums andere Mal, ÔÇ×Dank f├╝r vieles Geld. Du mir helfen. Du guter Mann!ÔÇť
ÔÇ×Aber warum sind Sie immer noch hier und betteln?ÔÇť, fragte er, wobei er versuchte, mit entsprechenden Gesten die Bedeutung seiner Worte zu veranschaulichen. ÔÇ×Warum nicht zu Hause? Heimat?ÔÇť
Offenbar hatte sie nur das Wort ÔÇ×HeimatÔÇť verstanden.
ÔÇ×Heimat Rum├Ąnien. BukarestÔÇť, sagte sie. Dann zog sie aus einer Tasche ihrer Jacke ein zerknittertes Foto hervor und hielt es Herrn Olschewski hin. ÔÇ×Familie, S├Âhne, T├Âchter. Keine Arbeit, kein Haus. Viel Not. Hunger.ÔÇť
Herr Olschewski betrachtete das Foto. Es zeigte zwei junge Paare mit einer Reihe von Kindern jeden Alters. Offenbar Roma. Im Hintergrund eine Ansammlung elender H├╝tten vor einer riesigen M├╝llhalde.
ÔÇ×Du mir geben Geld, ich schicken Heimat. Familie jetzt Wohnung, vielleicht bald Arbeit. Dann ich fahren Bukarest.ÔÇť Wieder griff sie nach seiner Hand, um sie zu k├╝ssen, was Herr Olschewski verhinderte, indem er sich erhob. Er hatte verstanden, dass sie illegal nach Deutschland gekommen war, um f├╝r ihre Familie Geld zu erbetteln. Wahrscheinlich schlief sie auf der Stra├če oder in einem Obdachlosenheim, g├Ânnte sich selbst nichts, damit sie jeden erbettelten Euro nach Hause schicken konnte, wo er ein Vielfaches dessen wert war, was er hier bedeutete. Herr Olschewski nahm den letzten seiner zehn Geldumschl├Ąge und dr├╝ckte ihn der Frau in die Hand. ÔÇ×Du nehmen Geld und gehen BahnhofÔÇť, sagte er, w├Ąhrend er in die entsprechende Richtung deutete. Unwillk├╝rlich hatte er seine Sprache ihrem gebrochenen Deutsch angepasst. ÔÇ×Du fahren nach Hause, Bukarest. Zur Familie.ÔÇť Er deutete auf die Fotografie, die die Frau immer noch in der Hand hielt. ÔÇ×Du kaufen Haus, alle finden Arbeit, alles ist gut.ÔÇť Die Frau nickte eifrig und l├Ąchelte dankbar, ein L├Ącheln, das das Herz des Herrn Olschewski erw├Ąrmte. Er half der Frau beim Aufstehen, sah zu, wie sie ihre Decke zusammenrollte und in ihrem B├╝ndel verstaute, ihm noch einmal zunickte und sich auf den Weg Richtung Bahnhof machte.
Zufrieden sah er ihr eine Weile nach, dann machte er sich auf den Heimweg. Er drehte sich nicht noch einmal um, sonst h├Ątte er gesehen, wie in einiger Entfernung zwei M├Ąnner auf die Frau zugingen, schwarzhaarig, mit olivfarbener Haut, ihr den Umschlag mit dem Geld abnahmen und verschwanden. Die Frau breitete an einer gesch├╝tzten Ecke neben einem Hauseingang wieder ihre Decke aus, lie├č sich darauf nieder und streckte die Hand zum Betteln aus.

Nat├╝rlich blieb Herr Olschewski auf seinen gro├čherzigen Spendentouren nicht unbemerkt. Wie ein Lauffeuer hatte sich im Milieu die Kunde herumgesprochen, dass ein offenbar verr├╝ckter Alter in der Gegend herumlief und Geld verteilte. Und nicht nur ein paar lausige Euro, sondern richtig gro├če Summen! Tausende! So kam es, dass Herr Olschewski, als er nach zwei Wochen wiederum mit zehn prall gef├╝llte Umschl├Ągen in seinen Manteltaschen durch die Stra├čen ging und gerade einer jungen Geigerin, die herzzerrei├čend auf ihrer Violine spielte, einen Umschlag in ihren ge├Âffneten Geigenkasten gelegt hatte, pl├Âtzlich von zwei M├Ąnnern links und rechts gepackt und in eine ruhige Seitenstra├če gezerrt wurde. Dort nahmen die Verbrecher ihm ohne viel Federlesens alle seine Umschl├Ąge ab; sogar das Geld aus seiner Brieftasche nahmen sie mit. Der Gr├Â├čere von ihnen versetzte Herrn Olschewski zum Abschluss einen heftigen Schlag in die Magengrube, so dass er zusammenklappte wie ein Taschenmesser und sich auf das Stra├čenpflaster ├╝bergab.
Der Beamte auf dem Polizeirevier, bei dem er Anzeige wegen r├Ąuberischen ├ťberfalls erstattete, konnte kaum glauben, dass er tats├Ąchlich mit hunderttausend Euro in bar in der Gegend herum gelaufen war. ÔÇ×Das ist geradezu str├Ąflicher LeichtsinnÔÇť, r├╝gte er Herrn Olschewski, ÔÇ×Sie k├Ânnen von Gl├╝ck sagen, dass Ihnen nichts Schlimmeres passiert ist. Es sind schon Menschen f├╝r weit weniger umgebracht worden.ÔÇť Da die beiden M├Ąnner eine schwarze Motoradkluft getragen hatten und durch die Helme die Gesichter nicht zu sehen gewesen waren, machte sich Herr Olschewski keine allzu gro├čen Hoffnungen, dass die R├Ąuber gefasst w├╝rden und er sein Geld zur├╝ck erhalten w├╝rde.

Frustriert und unzufrieden fuhr Herr Olschewski nach Hause und bereitete sich zum Trost ein Drei-G├Ąnge-Men├╝ mit frischem Gem├╝se aus seinem Garten zu. Noch immer hatte sich sein Verm├Âgen kaum verringert. Es muss doch m├Âglich sein, mit dem Geld etwas Gutes und f├╝r seine Mitmenschen Hilfreiches anzufangen, dachte er. Sollte er es doch einer der gro├čen Organisationen spenden wie ÔÇ×Brot f├╝r die WeltÔÇť oder ÔÇ×Miserior?ÔÇť Unmerklich sch├╝ttelte Herr Olschewski den Kopf. Nein, irgendwie behagte es ihm nicht, dass sein Verm├Âgen in einen gro├čen, anonymen Topf einging und er nicht wusste, was genau damit geschah und welchen Menschen es zugute kam.

Seine Patenkinder fielen ihm ein. Wie sch├Ân es war, ihr Leben zu verfolgen, sie gr├Â├čer werden zusehen unter der Obhut der Hilfsorganisation vor Ort. Besonders, da er keine eigenen Kinder besa├č. Pl├Âtzlich hatte er eine Idee. Wenn er nun nicht nur drei, sondern, sagen wir, hundert Kinder unterst├╝tzen w├╝rde? Mit monatlich, sagen wir, hundert Euro? Das w├Ąren zehntausend Euro im Monat. Wenn er von seinem Kapital j├Ąhrlich 120 000.- ÔéČ verbrauchen w├╝rde, k├Ânnte er zwanzig Jahre lang Gutes tun! Dann w├╝rde er 87 Jahre alt sein, so Gott wollte, und k├Ânnte sich getrost zur Ruhe setzen.
Herr Olschewski war Feuer und Flamme f├╝r seine Idee. Er bl├Ątterte die Brosch├╝re der Hilfsorganisation durch und ├╝berlegte, in welchen L├Ąndern der Welt er Patenkinder haben wollte. Er w├╝rde sich vor allem f├╝r M├Ądchen stark machen, denn M├Ądchen waren oft besonders benachteiligt. Schon jetzt fing er an, sich auf die vielen Briefe zu freuen, die er aus aller Welt erhalten w├╝rde.Er fand die Nummer der Hilfsorganisation und unterbreitete der ├╝berraschten Mitarbeiterin sein Vorhaben. Sie versprach ihm die n├Âtigen Unterlagen zuzuschicken und bedankte sich ├╝berschw├Ąnglich f├╝r seine Gro├čz├╝gigkeit.

Herr Olschewski lehnte sich in seinem Sessel zur├╝ck, verschr├Ąnkte die Arme hinter seinem Kopf und l├Ąchelte vor sich hin. Er war wieder ein zufriedener Mann.





























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aligaga
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Wer Spoerls ÔÇ×FeuerzangenbowleÔÇť als Film gesehen hat oder gar das B├╝chlein gelesen haben sollte, kennt den Typ Lehrer, der uns von @Hyazinthe hier vorgestellt wird: Weltfremde, in Lebensunwirklichkeiten herumtapernde, zutiefst humorlose Typen, die ohne ÔÇ×WirtschafterinÔÇť an der Seite fr├╝h vergreisen und vom analogen Leben nur wenig Ahnung haben. Nicht zuletzt deshalb eignen sie sich so trefflich als Zielscheibe f├╝r allerlei Sp├Ą├če des Jungvolkes. Spoerl, der das B├╝cherl in seiner Zeit gut verkaufte, hatte im Vorwort vorausgestellt, die Geschichte sei ein ÔÇ×Loblied auf die SchuleÔÇť, was diese aber freilich nicht merken w├╝rde.

ÔÇ×Herr OlschewskiÔÇť ist ein solcher Hagestolz, und wie lebensfremd er ist, wird deutlich, als er der Versicherung eines ÔÇ×FinanzberatersÔÇť glauben schenkt, mit knapp zweieinhalb Millionen M├Ąusen lie├če sich finanztechnisch nicht mehr anstellen als eine Monatsrendite von ÔÇ×ein paar hundert EuroÔÇť. Du liebes Lieschen!

Wie gef├Ąhrlich es ist, seiner Eitelkeit zu fr├Ânen und offen den wohlt├Ątigen Geldbrieftr├Ąger zu geben, muss er erst lernen ÔÇô nat├╝rlich f├Ąllt man da sofort unter die Ri-Ra-Roiber. Kriegt man das nicht schon im Kindergarten und in der Volksschule beigebogen?

Anyway ÔÇô statt die Kohle vern├╝nftig anzulegen und sie ÔÇô z. B. ├╝ber eine Stiftung ÔÇô nutzbar zu machen, f├Ąllt der Tropf am Ende auf die weitverbreitete ÔÇ×PatenonkelÔÇť-Nummer herein, wo geschickte Gesch├Ąftemacher den Omis und Opis mit fingierten Fotos und ÔÇ×DankesbriefenÔÇť die Rente oder ihr Verm├Âgen aus der Tasche ziehen.

@Ali bestreitet nicht, dass es Typen wie den uns vorgestellten gibt und dass auch gerade erst pensionierte Oberstudienr├Ąte nicht imstande sein k├Ânnten, Lottogewinne zielgerichtet zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen.

Aber wo w├Ąre der Witz in dieser ÔÇ×GeschichteÔÇť? Es findet sich weder ein satirischer noch ein wirklich moralischer Ansatz in dem Text. Es ist eine d├╝rre Schilderung, wie man sein Geld besser nicht vertut. Am Ende fragt man sich, ob nur der Protagonist an das glaubt, was er da macht, oder ob ihm die Autorin dabei ebenso ernsthaft behilflich ist, wie sie das ganze, br├Ąsige St├╝ckerl abgefasst hat.

TTip, @Hyazinthe: Eine Pointe erfinden und etwas gegen die v├Âllige Humorfreiheit des Oberlehrers unternehmen. Oder ein Verbrechen geschehen lassen, egal auf welcher Seite ÔÇô wenn schon nicht lustig, dann tragisch! Entweder den Leerer oder eins seiner ÔÇ×PatenkinderÔÇť an finanzieller Blutvergiftung sterben lassen.

Dann wirdÔÇÖs vielleicht noch!

Heiterer Gru├č

aligaga



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Hyazinthe
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Hallo aligaga!

Ich finde, die Geschichte braucht keine Pointe in Form irgendeines spektakul├Ąren Ereignisses. Das Verhalten des Herrn Olschewskis und die Reaktionen, die er damit hervorruft, sprechen f├╝r sich.
In einem hast du Recht: Ich sympathisiere mit meinem Protagonisten. Ein rechtschaffener, bescheidener Mensch, der versucht, seinen Mitmenschen Gutes zu tun. Nicht aus Eitelkeit (denn er erwartet kein Lob, da er anonym bleibt), sondern einfach aus schlichter Mitmenschlichkeit. Und der erwartungsgem├Ą├č f├╝r seine Gutherzigkeit, die (zugegenerma├čen etwas naiv anmutet) von seiner Umwelt nur Sptt und H├Ąme erntet (wie auch von dir). Was sagt uns das ├╝ber unsere Gesellschaft?

Kann man dr├╝ber nachdenken, oder?

Gru├č, Hyazinthe

PS Die Paten-Hilfsorganisationen (z. B. PLAN) genie├čen ├╝brigens einen sehr guten Ruf, so dass man hoffen kann, dass die Millionen des Herrn Olschewski doch einen guten Zweck erf├╝llen
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aligaga
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Was der Autor selbst an seinen Geschichten findet, @Hyazinthe, ist f├╝r den Leser unerheblich. W├şchtig ist, was der Rezipient von einem Text h├Ąlt.

Hier findet er, wie bereits angemerkt, au├čer g├Ąhnender Langeweile und br├Ąsiger Weltfremdheit nichts, was ihn zum Lesen dieses langen St├╝ckes verlockte. Er ├╝berfliegt es bestenfalls, sieht am Ende auf die Uhr und g├Ąhnt. Ich wiederhole: es fehlt jede Spannung und, vor allem, eine Pointe.

Ausl├Ąndische Kinderpatenschaften sind eine h├Âchst umstrittene Spendenform; in der Schweiz ist sie z. B. gar nicht zugelassen.

Gru├č

aligaga



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Wipfel
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hi Hyazithe.

quote:
Herr Olschewski war ein zufriedener Mann. F├╝r seine siebenundsechzig Jahre erfreute er sich einer soliden Gesundheit, wozu seine Leidenschaft f├╝r ausgedehnte Wanderungen durch die sch├Ânen Landschaften Deutschlands ihren Teil beitrug, ebenso wie seine gesunde Lebensweise mit wenig Alkohol und m├Ą├čigem Essen. Zigaretten oder sonstige Drogen hatte Herr Olschewski in seinem ganzen Leben nicht anger├╝hrt. Zu seinem erfreulichen Zustand trug zudem sein ausgeglichenes, geradezu optimistisches Wesen bei, das es ihm unm├Âglich machte, sich lange ├╝ber was auch immer zu ├Ąrgern oder zu gr├Ąmen.

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Nicht, dass Herr Olschewski etwas gegen Menschen hatte; im Gegenteil:

Ich wei├č gar nicht, wo ich mit Streichen Anfangen w├╝rde. Langweilig. Warum? Weil dieser Olschewski langweilig ist. Dreh doch den Spie├č um und lass ihn von seinem vielen Geld Killer anheuern, die diese Elemente aus dem Stadtbild entfernen... Das w├Ąre nicht nett, aber interessant.

quote:
Herr Olschewski hatte etwas gegen Menschen:
Hier w├Ąre ich geneigt interessiert weiter zu lesen...

Gr├╝├če von wipfel

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aligaga
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Wie verhasst der "brave B├╝rger" der Gesellschaft wirklich ist und wie sehr man ihm g├Ânnt, zu stolpern und in die Wagenschmiere zu fallen, erfahren wir nicht nur bei Moliere, bei Goethen, Heinrich Mann oder im Kasperletheater, sondern vornehmlich beim neuerdings nicht unumstrittenen Wilhelm Busch, dem der biedere Spie├čer immer schon Zielscheibe war.

Ein sch├Ânes Beispiel hierzu ist der "brave Malermeister Quast", ein Gutmensch reinsten Wassers, der seinen Lehrling sekkiert und mit den Worten "Sei mir willkommen, s├╝├čer Schlaf, ich bin zufrieden, weil ich brav" ein letztes Mal selbstgerecht unter's prall gestopfte Plumeau kriecht - dann ├╝bernimmt Kuno Klecksel das Kommando, und aus ist's mit der Langeweile*.

Eine sehr empfehlenswerte Lekt├╝re, Hyazinthe! @Ali m├Âchte sie dir w├Ąrmstens empfehlen. ├ťberhaupt - WB ist ein Steinbruch f├╝r jeden Gesellschaftskritiker!

Gru├č

aligaga


*Wilhelm Busch, Maler Klecksel (1884), Drittes Kapitel

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Hyazinthe
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Danke, wipfel, dass du nicht gleich den ganzen Text gestrichen hast!
Danke, aligaga, f├╝r die freundliche Belehrung!

Hallo Frank!

Erstaunlich, um Wievieles leichter es einem f├Ąllt, Kritik anzunehmen, wenn sie in einem freundlichen, wohlmeinenden Ton daherkommt!
Ich werde also den Text als ├ťbung ansehen und versuchen ihn zu verbessern, oder als Ger├╝st f├╝r eine weitergehende Erz├Ąhlung verwenden, oder aber, ich lasse ihn einfach so stehen, wie er ist.
Dir jedenfalls vielen Dank f├╝r die aufbauende, sachliche Kommentierung, lieber Frank!

Gru├č, Hyazinthe
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