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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herr Stocke
Eingestellt am 14. 01. 2015 17:50


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sajo
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Registriert: Jan 2015

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Herr Stocke

Ob sich Herr Stocke als glĂŒcklichen Menschen bezeichnen wĂŒrde ist schwer zu sagen. Er trĂ€gt keinen Ehering und ist auch kein Adonis. Hoch aufgeschossen mit schmalen, etwas hĂ€ngenden Schultern, BĂ€uchlein, Halbglatze, Brille und einer kaum besiegten Akne wirkt er wie ein zu groß geratenes, unsportliches Kind hinter seinem Tresen. Der Umgang mit seinen Kunden hat noch dazu Spuren in seiner Körperhaltung hinterlassen. Schon allein wegen der von ihm erwarteten Diskretion muss er sich hinunter beugen, seine Ohren den MĂŒndern seiner Kundschaft nĂ€hern, die oft nur leise ihre WĂŒnsche vorbringt. Meist wird ihm ein Zettel ĂŒber den Tresen geschoben, den er prĂŒfend ĂŒberfliegt und mit einem „ich will mal schauen, ob wir das dahaben“ nach hinten trĂ€gt, in seine alphabetisch geordnete Schatzkammer der Mittelchen und Essenzen.
Dabei nimmt er einen lautstark vorgetragenen mĂŒtterlichen Wunsch nach einem silikonfreien Schnuller ebenso gelassen entgegen wie die schamvoll geflĂŒsterten Anfragen nach Salben, Cremes oder sonstigen Dingen fĂŒr untenrum. Diese Artikel verlangen ihm einen gĂ€nzlich neutralen Gesichtsausdruck ab, den er mit einem „ÜhĂŒm!“unterstreicht, als ob es sich bei den nachgefragten Produkten um ein PĂ€ckchen Tempo-TaschentĂŒcher handeln wĂŒrde.
Leider gibt es trotz der auf dem Fußboden angebrachten Trennungslinie zwischen Warten und Dransein doch hin und wieder die eiligen oder die allzu neugierigen Kunden, die gern NĂ€heres ĂŒber die Angelegenheiten des Mitmenschen vor sich gewusst hĂ€tten. Dem begegnet Herr Stocke mit Hochziehen einer Augenbraue und einem strengen Blick ĂŒber die GlĂ€ser seiner Metallbrille hinweg. Das reicht.
Fast alle seine Kunden spricht Herr Stocke mit Namen an: Zum Einen ist das Gekanntsein in einem Dorf nicht verwunderlich, zum Anderen liest er die Namen der ihm noch unbekannten Kunden von den herĂŒbergereichten Rezepten oder spĂ€ter auf den EC-Karten ab. So ist es nur gerecht, dass auch er sich preisgibt. Jedenfalls seinen Nachnamen verrĂ€t, den er auf einem Ansteck-Schildchen am weißen Kittel trĂ€gt: „Herr Stocke“. Nicht viel, aber immerhin etwas, das ihn seinen Kunden menschlich nĂ€herbringt. Kein Vorname , kein Geburtsdatum, und nichts, was auf seine möglicherweise ja auch bestehenden körperlichen Leiden hindeuten wĂŒrde. Aber immerhin ein Name, und so ein Mindestmaß an Ausgewogenheit in der Beziehung zwischen ihm und seinen Kunden.
Herr Stocke weiß seine Worte passend fĂŒr jedermann zu wĂ€hlen, die Einnahme eines PrĂ€parates leise, aber prĂ€zise zu erklĂ€ren. Und selbst wenn er Arzneien herausgibt, die ihn erschrecken lassen, weil sie auf eine heimtĂŒckische oder schwere Krankheit schließen lassen, bleibt er Ă€ußerlich gleichmĂŒtig und korrekt in seiner Darstellung der Anwendung. Er ist der Anwalt der Möglichkeit des Gesundens, er will Hoffnung verkörpern.
Und so hat er dann beim Bezahlen am schnurlosen EC-KartenlesegerĂ€t- fĂŒr jeden Kunden und immer wieder - denselben Scherz bereit: “ Darf ich Sie nun bitten, hier Ihr Geheimnis einzugeben!“ Ein kleines Geheimnis, aus vier einzutippenden Zahlen bestehend, das auch er nicht erfĂ€hrt. Alles Andere schließt er in sich ein - dankbar dafĂŒr, wie nah er dem Leben tĂ€glich kommt.

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