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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herr der Trutzburg
Eingestellt am 18. 06. 2001 13:31


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Willi Corsten
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Registriert: Apr 2001

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Herr der Trutzburg


Interessiert beobachtet Thomas das Heer der roten Waldameisen, die den KĂ€fer gestellt haben und nun zum Angriff ĂŒbergehen. Durch gezieltes Spucken versucht er, dem Opfer einen Fluchtweg zu öffnen, doch die kleine Sintflut versickert wirkungslos im Staub.
Der siebenjĂ€hrige Feldherr wuselt die semmelblonden Locken und ĂŒberlegt, wie er das KriegsglĂŒck zugunsten des KĂ€fers wenden kann. Da wird vom Haus her sein Name gerufen. VerĂ€rgert ĂŒber die Störung beschließt der Junge, die Mutter nicht gehört zu haben. Als sie jedoch ein zweites Mal ruft, sammelt er eine Handvoll BlĂ€tter und Zweige und lĂ€sst sie als Plage des Himmels auf das SchlachtgetĂŒmmel nieder regnen. Dann trottet er zum Haus.
„Thomas, laufe zum Hecksteinhof und besorge Eier und Milch."
„Muss das sein, Mami?“
„NatĂŒrlich, du Schlingel, ich will doch Kuchen backen."
„Wenn nun aber der Schreckliche Henri dort ist", fragt der Junge Ă€ngstlich und sieht die Mutter bekĂŒmmert an.
„Dann beachte ihn einfach nicht, Thomas. Und nun geh schon."
Wenig ĂŒberzeugt nimmt der Junge die Milchkanne, steckt die MĂŒnzen in die Hosentasche und schleicht davon.
Der Weg zum Hof fĂŒhrt ĂŒber den Bach und steigt sanft an. Vom HĂŒgel aus schaut Thomas in das Tal, wo zwischen wogenden Kornfeldern und grĂŒnen Wiesen das alte Anwesen liegt. Wohnhaus, Scheune und StĂ€lle sĂ€umen den Innenhof und machen ihn zu einer ringsum geschlossenen Trutzburg.
Und der Herr dieser Trutzburg ist Henri.
Henri nimmt keine Befehle an, schon gar nicht von der kurzsichtigen, fast tauben Magd Hubertine, die zu dieser Stunde alleine auf dem Gutshof weilt und in der WĂ€schekammer Hemden bĂŒgelt.
Mit klopfendem Herzen steht Thomas vor dem Tor, sammelt allen Mut und drĂŒckt entschlossen die EichentĂŒr auf. Vorsichtig spĂ€ht er in den Hof und stellt erleichtert fest, dass vom Schrecklichen Henri weit und breit nicht zu sehen ist. Thomas nimmt die Milchkanne fester in die Hand und eilt auf das Wohnhaus zu.
Fast den halben Weg hat der Junge geschafft, als von der Scheune her ein wĂŒtendes Kollern ertönt. Ein abstoßend-hĂ€ssliches Wesen stĂŒrmt auf ihn zu. Der braun gestreifte Körper glĂ€nzt wie Bronze und thront auf sehnigen Beinen, die mit furchterregenden Krallen bestĂŒckt sind. Hals und Kopf der Spukgestalt funkeln blaurot, Hautlappen mit fleischigen AuswĂŒchsen baumeln wie trunken um den langen Schnabel und bösartige Augen sehen den Jungen zornig an.
Thomas erstarrt. Henri, der schreckliche Truthahn ist also doch hier, hat hinterlistig in der Scheune gewartet. Trotzig stampft der Junge mit dem Fuß auf und versucht, den Angreifer mit der Milchkanne zu verscheuchen.
Henri stutzt einen Augenblick, mustert hasserfĂŒllt die Kanne, senkt den Kopf und startet einen blitzschnellen Angriff auf die nackten Beine des Kleinen. TrĂ€nen schießen Thomas in die Augen. In wilder Flucht stĂŒrmt er davon, hastet nach draußen und rennt fast seinen Freund Robert um.
Robert ist dort vorbeigekommen und hat durch einen Spalt im Tor den schmĂ€hlichen RĂŒckzug beobachtet.
„Du bist ein Angsthase", spottet er und schĂŒttelt den Kopf. „Das dĂ€mliche Vieh ist nur halb so groß wie du, und vor so etwas rennst du davon."
Thomas wischt die TrĂ€nen aus dem Gesicht und stottert: „Das Biest ist gemein-gefĂ€hrlich, niedertrĂ€chtig und bösartig dazu. Ein feuerspeiender Drache ist ein Engel gegen diese Satansbrut."
„Feuerspeiender Drache ist gut", brummt Robert und lacht. „Das ist die Idee. Wir machen dem Truthahn ein wenig Feuer unter dem Hintern. Das treibt seine Mucken aus und lehrt ihn, MĂ€nner wie uns zu fĂŒrchten."
Thomas ist wenig begeistert von dem Vorschlag, doch als sein Ă€lterer Freund eine Schachtel ZĂŒndhölzer aus der Tasche kramt, kann er nicht mehr kneifen, denn ein zweites Mal will er sich nicht blamieren.
So schleichen die Jungen auf den Hof. Thomas hĂ€lt jetzt die Streichhölzer in der Hand und Robert trĂ€gt eine halb gefĂŒllte TĂŒte Popcorn, die er aus den unergrĂŒndlichen Tiefen seiner Taschen hervorgezaubert hat. Vorsichtig umkreisen die Beiden den schrecklichen Henri, der sie misstrauisch beobachtet und kampfbereit den Boden scharrt. Doch als Robert das Futter ausstreut, pickt der Truthahn mit krĂ€ftigen SchnabelstĂ¶ĂŸen Krume fĂŒr Krume auf. Den Feuerteufel in seinem RĂŒcken beachtet er nicht.
Das ZĂŒndholz flammt auf und setzt knisternd die Schwanzfedern in Brand. Bestialischer Gestank breitet sich aus. Die Flamme leckt höher, erreicht die FlĂŒgelspitzen. Verdutzt hebt der große Vogel den Kopf, dann schießt er wie vom Teufel besessen davon. In seiner Panik hebt er kurz vom Boden ab, taumelt zurĂŒck und rast wie eine Rakete in den sicheren Hort der Scheune.
Als wenig spĂ€ter dort schwarze Rauchwolken aufsteigen, flĂŒchten die Freunde und verstecken sich im nahen Kornfeld. Mit heulender Sirene donnert die Feuerwehr heran.
Thomas kauert neben seinem Freund, beobachtet entsetzt die lodernden Flammen und flĂŒstert: „Glaubst du nun, dass der Schreckliche Henri bösartig ist? Das gemeine Biest geht hin und steckt doch glatt die Scheune seines eigenen Herrn in Brand.“
„Du hast recht“, antwortet Robert und schĂŒttelt missbilligend den Kopf. „Es gibt schon unvernĂŒnftige Tiere auf dieser Welt.“

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La Luna
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Hallo lieber Willi,

was soll ich noch sagen?

Du bist ein Meister der ErzÀhlkunst.
Man glaubt beim Lesen dabei zu sein....als stiller Beobachter.

Schon toll! :o)


Liebe GrĂŒĂŸe
Julia

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Willi Corsten
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Liebe Julia

vielen, vielen Dank fĂŒr das Kompliment. DarĂŒber freue ich mich sehr, eben weil es aus berufenem Mund kommt.
Liebe GrĂŒĂŸe
Willi

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leonie
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hallo willi

schön tiefsinnig, und ohne erhobenen zeigefinger, aber doch die gefahr aufzeigend, wenn kinder mit feuer spielen und sich keiner schuld bewußt sind. hat mir sehr gut gefallen.
liebe grĂŒĂŸe eine beeindruckte leonie

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josipeters
Guest
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diese TruthÀhne

sind schon schreckliche Biester, sehen sofort rot und gehen gleich zum Angriff ĂŒber.

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Willi Corsten
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Liebe leonie

du hast mit feinem GespĂŒr genau das herausgelesen, was ich mit dieser Geschichte vermitteln wollte. Kompliment.
Es grĂŒĂŸt dich ganz lieb
Willi

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