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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Herzmuschel (Text zum Einstand)
Eingestellt am 28. 05. 2013 22:31


Autor
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Epistula
Hobbydichter
Registriert: May 2013

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Sie war an den Strand gefahren.
Nachdem sie eine Weile in die eine Richtung gelaufen war, lief sie in die andere, hob Muscheln auf und lie├č sie wieder fallen. Dann nahm sie eine Handvoll Sand, lie├č ihn durch die Finger rieseln, schaute den Sandk├Ârnern hinterher, wie sie in ihrer Einf├Ârmigkeit unter ihresgleichen verschwanden - so wie ein jeder Tag in ihrem Leben. Sie atmete tief ein und wieder aus.
Und traf eine Entscheidung.
Etwas von dem Sand f├╝llte sie in die Tasche ihres Mantels und schlenderte weiter. Muschelsplitter knirschten unter ihren Schuhsohlen. Eine ungebrochene H├Ąlfte hob sie auf, eine Herzmuschel, bef├╝hlte die harte, geriffelte Schale. Hannes kam ihr in den Sinn und sie umschloss die Muschel fest mit den Fingern, immer fester, bis eine scharfe Kante sich in das Fleisch ihrer Hand bohrte.
Sie warf die Muschel weg.
Und starrte zum Horizont.
Sp├Ąter hockte sie sich hin, malte mit dem Zeigefinger in dem Sand, malte ein Herz, schrieb Buchstaben hinein, schrieb: ÔÇ×LuiseÔÇť, und: ÔÇ×AntonÔÇť.
Luise und Anton waren sich bei einem Spaziergang im Park begegnet. Er war ihr entgegengekommen und hatte den Blick nicht von ihr gelassen. Dabei hielt er die Hand ├╝ber die Augen, als w├Ąre sie die Sonne, die ihn blenden w├╝rde. Obwohl der Himmel voller Wolken war. Sie blieb einfach stehen und wartete, bis er sie erreichte. Seit diesem Tag verabredeten sie sich, um gemeinsam spazieren zu gehen. Luise dachte an die Treffen auf einsamen Feldwegen und daran, wie sie dicht nebeneinander liefen, die K├Âpfe gesenkt, als w├╝rden sie auf dem Boden nach einer L├Âsung suchen.
Anton erz├Ąhlte von B├╝chern, die er gelesen, und von Gem├Ąlden, die er gesehen hatte, er berichtete von fernen L├Ąndern und deren Kulturen. Und mit seiner leisen Stimme trug er Luise in Welten, die ihr bisher verborgen geblieben waren.
Oft las Anton ihr seine Gedichte vor, die sie nicht verstand. Aber sie glaubte, dass sie von Liebe handelten, und Leid, von Leben und Tod. Luise f├╝hlte seine Hand, die ab und zu die ihre suchte, manchmal sah er ihr tief in die Augen, selten gab er ihr einen Kuss auf die Wange.
Mehr nicht.
Und doch so viel.
Sie setzte sich neben das Herz im Sand, betrachtete die Worte, die Namen, und l├Ąchelte und eine Tr├Ąne rann ├╝ber ihre Wange. W├Ąhrend sie die Konturen immer tiefer in den feuchten Sand grub, dachte sie an Anton und seine Gedichte, dachte an dies und das, schlie├člich erinnerte sie sich an l├Ąngst vergangene Zeiten mit Hannes, als sie frisch verheiratet und die Kinder noch klein waren.
Gemeinsam hatten sie sich auf den Weg gemacht, ihre Tr├Ąume zu verwirklichen. Sie hatten von einer Familie getr├Ąumt und von einem Haus aus roten Backsteinen. Inzwischen begannen die Fugen zwischen den Backsteinen zu br├Âckeln. Die Kinder waren bald erwachsen.
Sie hatten alles erreicht.
Gl├╝ckseligkeit nicht.
An irgendeinem Punkt musste sich der Weg gegabelt haben und es schien, als w├Ąren sie in verschiedene Richtungen gewandert, ohne es zu bemerken.
Luise hob den Kopf und betrachtete die Sonne, wie sich diese zum Abend senkte, wie sie St├╝ck f├╝r St├╝ck vom Horizont verschluckt wurde.
Und sie ├╝berlegte, wann Hannes und sie sich das letzte Mal unterhalten, wann sie das letzte mal gelacht hatten.
Es war lange her.
Nur die Erinnerungen waren geblieben.
Die Gegenwart schmerzte.
In die Zukunft schauen funktionierte nicht.
Und so malte Luise Herzen im Sand und tr├Ąumte ihr Leben.
Ihr wurde kalt.

Sie erhob sich und ging zum Wagen, der inzwischen mit einer Schicht aus feinem Sand bedeckt war. Mit einem Taschentuch wischte sie die Windschutzscheibe frei, bis sie sich darin spiegeln konnte. Ihre Z├╝ge wurden durch das dicke Glas zu einer Maske verzerrt, hinter die sie selbst nicht zu schauen vermochte. Abrupt wandte sie sich ab.
Sie stieg ein.
Hannes w├╝rde bereits warten.
Im Auto ├Âffnete sie das Handschuhfach, suchte nach der Kassette, spulte das Lied ein, von Elvis, das er seit einigen Wochen nur f├╝r sie zu singen schien: ÔÇ×Release meÔÇť.
Sie startete den Wagen.
Hannes h├Ârte gerne Liebeslieder, verehrte Elvis, liebte sie.
Irgendwie.
Dennoch w├╝rde sie es ihm sagen, sagen, dass sie fort ginge. Zuerst w├╝rde er ihr nicht glauben und zum K├╝hlschrank gehen, eine Bierflasche herausnehmen, sie ├Âffnen und zum Herd schauen. Seine Augen w├╝rden den dampfenden Kochtopf suchen.
Der aber stand im Schrank und dampfte nicht.
Dann w├╝rde Hannes seine kr├Ąftigen Augenbrauen hochziehen, sie ansehen und sie w├╝rde ihre Worte wiederholen, so lange, bis er verstand und er w├╝rde den Kopf sch├╝tteln, traurig werden, sp├Ąter schweigen, heimlich weinen.
Vielleicht.
Sie parkte den Wagen vor der Garage und betrat das Haus. Langsam schl├╝pfte sie aus den Halbschuhen und stellte sie in den Schuhschrank. Sie tupfte mit ihrem Mittelfinger ein Sandkorn vom Fliesenboden und lie├č ihre Hand in die Manteltasche gleiten, um den Sand darin zu f├╝hlen. Dann zog sie ihren Mantel aus, h├Ąngte ihn an die Garderobe. Noch einmal ├╝berlegte sie ihre Worte, wollte h├Âren, wie sie es ihm sagen w├╝rde, sehen, was passieren w├╝rde, f├╝hlen, was sie f├╝hlen w├╝rde. Was Hannes f├╝hlen w├╝rde.
Das Blut rauschte in ihren Ohren.
Meeresrauschen, dachte sie, und straffte ihr R├╝ckgrat. Luise bewegte sich in Richtung K├╝che, Schritt f├╝r Schritt. Sie blieb stehen und sie ging weiter, strich sich energisch das Haar aus dem Gesicht, rief sich fremde Welten, Antons leises Lachen ins Ged├Ąchtnis;
sah Hannes.
Wie er vor dem K├╝hlschrank gerade eine Bierflasche ├Âffnete.
Wie er auf den Herd schaute, auf dem nichts stand. Wie er die Augenbrauen hochzog. Wie sein Haar ergraut und sein R├╝cken krumm geworden war, die H├Ąnde zerschunden von harter Arbeit.
Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. Auf einmal erinnerte sie sich an seinen Gesichtsausdruck, als er sie das erste Mal angesehen hatte. In dem Moment, als er sie erblickte, weiteten sich seine Augen, er blieb reglos stehen und starrte sie an. Luise hatte zur├╝ck gestarrt. Nach unendlichen Sekunden hatte Hannes den Blick abgewendet und er war rot geworden.
Er fragte:
ÔÇ×Was gibt es zu essen?ÔÇť
Luise zuckte zusammen, wurde von Gedanken ├╝berrollt, Gedanken an Feldwege und Backsteinh├Ąuser, fremde Welten und Weggabelungen. Sie blickte auf den Herd, etwas l├Ąnger aus dem Fenster, dann wieder auf ihn.
Und antwortete: ÔÇ×Pfannkuchen mit Speck.ÔÇť
ÔÇ×Sch├ÂnÔÇť, sagte er, nahm einen Schluck Bier und stellte die Flasche auf die Arbeitsfl├Ąche neben dem Herd.
ÔÇ×Ich werde inzwischen das Auto waschen.ÔÇť
Beim Hinausgehen nickte Hannes ihr zu.
Luise nickte zur├╝ck, dachte an das Herz im Sand, dessen Konturen von der Zeit abgetragen w├╝rden, und bereitete den Teig.

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