Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92277
Momentan online:
441 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Heute ist ein guter Tag
Eingestellt am 13. 02. 2006 15:34


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Dorothea
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2004

Werke: 33
Kommentare: 294
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Dorothea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Heute ist ein guter Tag, denn Rosa hat heute keinen Dienst. Rosa h├Ąlt sich was darauf zugute, dass sie die Station stets im Griff hat. Au├čerdem kann sie jeden Patienten allein ins Bett oder hinaus bef├Ârdern. Ihren letzten Griff habe ich noch tagelang gesp├╝rt, und Minuten hat es gedauert, bis die Schmerzen verebbt sind und ich wieder durch mein Augenwasser blinzeln konnte.
Olga hat heute Dienst. Sie bleibt bei jedem ein wenig stehen. Ihr Repertoire an ermunternden Worten scheint im Laufe der Jahre seine Erneuerungsf├Ąhigkeit verloren zu haben. Aber sie schaut Dich so an, dass du sp├╝rst, sie meint wirklich dich und nicht ihr ├ťberich.
Heute ist ein guter Tag. Kein Feiertag, an dem die Verwandten einfallen wie die Fliegen, das Stationspersonal aufscheuchen, an allem herumn├Ârgeln, um ihr schlechtes Gewissen abzureagieren, oder alles demonstrativ sch├Ân finden. Sie sind auch meist chronisch gekr├Ąnkt, wenn ihre Liebesbeweise nicht gen├╝gend gew├╝rdigt werden. Ihre Liebesbeweise stehen nach wenigen Tagen mit h├Ąngenden K├Âpfen auf den Fluren in den dekorativen Nischen. Kaum jemand hat Zeit sie regelm├Ą├čig zu gie├čen. Papa Jakob von nebenan w├Ąre besser gedient mit ein paar zus├Ątzlichen Windelhosen, aber dar├╝ber spricht er nicht mit seinen Besuchern.
Bei mir f├Ąllt schon lange niemand mehr ein. Fr├╝here Freunde haben darauf verzichtet, ihrer unausweichlichen Zukunft allzu tief in die Augen zu sehen. Christus kommt auch nur einmal im Monat oder auf dringende Anforderung. Selbst er ist schlie├člich darauf angewiesen, dass ihn jemand in die Pflegestation bringt.
Aber heute ist ein guter Tag! Vor allem, weil ich das gro├če Los gezogen hab im Gl├╝cksspiel um den richtigen Moment. Fr├╝her glaubte ich, es ist eine erlernbare Kunst, zum rechten Moment wohl pr├Ąpariert am richtigen Ort zu sein. Heute wei├č ich, dass du ├╝ber die entscheidenden Dinge keine Kontrolle hast, wenn es darauf ankommt. Zum Beispiel die Kontrolle ├╝ber deinen Stuhlgang. Hier geh├Ârst Du zu den Kings, wenn Du regelm├Ą├čig wie ein Uhrwerk, einplanbar f├╝r den Pflegedienst, die gro├če Entleerung haben kannst.
Bei mir kommt er, wann er will, und dann liege ich in der Schei├če. Ausgesprochenes Pech habe ich, wenn es zur falschen Zeit passiert. Wenn alle auf der Station die H├Ąnde voll zu tun haben ÔÇô z.B. mit Essen eingeben. Dann kann es mehrere Stunden dauern. Fr├╝her habe ich mir solche Situationen gar nicht vorstellen k├Ânnen, und wenn, dann dachte ich, das gr├Â├čte Problem sei die Scham, wenn man um Hilfe bitten muss. Quatsch! Auch der Ekel ist es nicht. Das Brennen in den empfindlichen Bereichen und die Angst, ob die alte Stelle wieder aufgehen wird. Die Feigheit, die dich daran hindert nach einer Stunde ein zweites Mal zu l├Ąuten und f├╝r die du dich verachtest.
Aber heute ist ein guter Tag. Es passierte kurz vor dem Ende der Nacht. Wenn ich jetzt l├Ąute, dann kommt der Nachtdienst ÔÇô beinahe sofort.

__________________
Dorothea Gebauer
----------------------
Sein ist mehr als Haben.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


petrasmiles
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

Werke: 31
Kommentare: 868
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um petrasmiles eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wer muss diesen Satz nicht in Anspruch f├╝r sich nehmen? Wenn nicht im Ignorieren der Freunde, dann zumindest im Ignorieren der Zukunft: "Fr├╝here Freunde haben darauf verzichtet, ihrer unausweichlichen Zukunft allzu tief in die Augen zu sehen. "

Aber Verdr├Ąngen ist zwecklos. Danke f├╝r diesen Text, der einfach nur sagt, wie es ist.
Viele Gr├╝├če
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug f├╝r Gutwerter!

Bearbeiten/Löschen    


Dorothea
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2004

Werke: 33
Kommentare: 294
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Dorothea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Wie es ist, ist es skandal├Âs

Hallo petrasmiles,

vielen Dank f├╝r das Lesen meines Textes. Du hast recht, Verdr├Ąngen hilft nicht. Aber Hinschauen alleine auch nicht. Ich w├Ąre froh, wenn ich w├╝sste, wie man eine m├Ąchtige Lobby f├╝r eine enschenw├╝rdige Pflege organisieren k├Ânnte. Eigentlich wird in absehbarer Zeit absolut jeder von der Problematiik betroffen sein! Aber da sind wir schon wieder beim Verdr├Ąngen.
__________________
Dorothea Gebauer
----------------------
Sein ist mehr als Haben.

Bearbeiten/Löschen    


3 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!