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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 08. 10. 2006 15:26


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LydiaG
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2006

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Wie ein breites, graues Band trennt die Wilhelmstraße das Bahnhofsviertel mit seinen ungefegten BĂŒrgersteigen vom prachtvollen, barocken Marktplatz und der angrenzenden FußgĂ€ngerzone. Schon frĂŒher, als Damaschke selbst noch am Bahnhof wohnte, erschien es ihm, als wĂŒrden die Menschen langsamer gehen und den Kopf höher tragen, sobald sie die Demarkationslinie Wilhelmstraße an einer ihrer insgesamt drei Ampeln ĂŒberquert und damit den besseren Teil der Innenstadt erreicht hatten.
Inzwischen war er schon lange in die Vorstadt gezogen und nur noch selten in seinem alten Viertel unterwegs, aber er erinnerte sich noch gerne an die GeschĂ€ftigkeit, den Stehimbiss und den GemĂŒsehĂ€ndler, die Kneipen und die GerĂ€usche fröhlicher, wacher Menschen, die oft bis spĂ€t in die Nacht hinein zu hören waren. Fast schon stolz war er damals darauf gewesen, mitten in all diesem flirrenden, wenn auch schĂ€bigen Leben zu wohnen, das manchen seiner Besucher Ă€ngstigte oder gar abstieß.
An jenem Morgen war es noch still, als Damaschke an der mittleren Ampel in der Wilhelmstraße stand. In einer Stunde wĂŒrden hier Trauben von Menschen auf der jeweiligen Seite der Straße warten, dass die stete Karawane von Autos ihnen, gezwungen vom Takt der Ampeln, eine LĂŒcke ließ. Die Ladenbesitzer bereiteten sich schon auf den Ansturm vor, hier und dort wurde noch eine Auslage geprĂŒft, ein KleidungsstĂŒck, ein Stiefel zurechtgerĂŒckt, eine Fensterscheibe geputzt, es hatte geregnet in der Nacht zuvor. Diejenigen, die zu dieser frĂŒhen Stunde unterwegs waren, hatten es allesamt eilig und unterschieden sich schon dadurch von denen, die hier in einer Stunde flanieren und einkaufen wĂŒrden.
Auch Damaschke war mit einem ganz bestimmten Ziel hierher gekommen, eine ErkĂ€ltung trieb ihn zurĂŒck in sein altes Viertel. Obwohl der Weg zu seinem Arzt weit geworden war, konnte er sich einfach nicht an einen anderen gewöhnen, zu sehr war ihm der dicke, alte Mann im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen, obwohl er seine Diagnosen nicht immer nachvollziehen und seinen Namen nach all den Jahren immer noch nicht fehlerfrei aussprechen konnte. Der Doktor, wie er ihn deshalb nannte, mochte in der TĂŒrkei oder auch mitten in der WĂŒste studiert haben, Damaschke war es einerlei. Weder seine Krankenkasse noch sein Arbeitgeber hatten sich je ĂŒber die Krankmeldungen beschwert, und wieder einmal hatte Damaschke die Praxis getröstet und bepackt mit guten RatschlĂ€gen, Tinkturen und bunten Pillen verlassen.
Trotzdem fĂŒhlte er sich unwohl, wĂ€hrend er auf das Umschalten der Ampel wartete. Seine Stadt leistet sich die Extravaganz ostdeutscher AmpelmĂ€nnchen, deren weit ausgebreitete, rote Arme Damaschke immer ein wenig unwillig stimmten; die bescheiden angelegten, westdeutschen AmpelmĂ€nnchenarme anderer StĂ€dte gefielen ihm weit besser. Er wĂŒnschte wirklich, er hĂ€tte auf dem Arsenalplatz geparkt, um diese Uhrzeit wĂ€re es sogar noch möglich gewesen. Andererseits widerstrebte es ihm, fĂŒnf Euro zu bezahlen fĂŒr einen Parkplatz, auf dem er selbst mit seinem nicht allzu großen Wagen die TĂŒr kaum noch öffnen konnte, wenn er mittig parkte. Nun war er also gezwungen, durch die halbe Innenstadt zu laufen.
Missmutig musterte er die anderen Wartenden. Eine junge Frau in einem gut sitzenden Hosenanzug aus beigefarbenem Breitcord fiel ihm auf. Sie trug eine Sonnenbrille mit sehr großen und sehr dunklen GlĂ€sern, das Kopftuch wirkte wie ein modisches Accessoire. Ihre HĂ€nde waren um die Griffe eines Buggys gekrampft, in dem ihr Kind fest schlief, ihre Augen hinter den schwarzen GlĂ€sern folgten hektisch dem Verlauf der Wilhelmstraße. Rechts war bis zum Horizont kein Auto zu sehen. Hinter der abknickenden Vorfahrt, also von links, nĂ€herte sich ein Wagen, aber durch das schon gelichtete Laub der BĂ€ume am Straßenrand war gut zu erkennen, dass der Fahrer es nicht eilig hatte. Die junge Frau gab sich einen Ruck, mit einer schnellen Bewegung presste sie die Brille noch fester aufs Gesicht und lief los. Ihre AbsĂ€tze klackerten auf dem Asphalt, die Federn des Kinderwagens quietschten, wĂ€hrend am Straßenrand rechts und links erste Laute von Unmut hörbar wurden.
‚Verantwortungslos’ stand es im Gesicht einer rotwangigen, jungen Frau geschrieben. Ganz sicher hatte das schlafende Kind unterbewusst wahrgenommen, dass es rote Ampeln spĂ€ter getrost ignorieren durfte, weil seine Mutti das tat. Schnell hielt die Fassungslose ihrem eigenen Kind die Augen zu. Die Empörung eines kleinen, feisten Herrn im grĂŒnen Lodenmantel dagegen schien politisch motiviert. Die Disziplinlosigkeit der Verkehrsteilnehmer war der Grund fĂŒr den Smog in Ankara, das war ihm seit langem klar, und Frau Merkel wĂ€re gut beraten, eine EU-Mitgliedschaft der TĂŒrkei besonders sorgfĂ€ltig zu prĂŒfen im Hinblick darauf, dass die TĂŒrken nicht nur Menschenrechte, sondern sogar Ampeln missachten. Unmöglich war es ihm, so viel rechtschaffene Empörung zurĂŒckzuhalten. Sein Schrei: ‚wir sind hier in Deutschland!’ wurde von den Umstehenden beifĂ€llig benickt. Kurz nur drehte sich die Weglaufende um, dem Gesicht unter dem bunten Tuch war nicht zu entnehmen, ob sie die wĂŒtend nach ihr geschleuderten Worte verstanden hatte.
Damaschke musste husten, das Schwitzen zwischen seinen SchulterblÀttern verstÀrkte sich.
‚Ich finde Ihr Benehmen ungeheuerlich,’ quetschte er dennoch heraus, als der Lodenmantel schließlich mit einem herrischen Blick auch seine Zustimmung einzufordern schien.
Seine Stimme klang kreischend wie das Quietschen eines Fingernagels auf einer Schiefertafel. Es mochte an der ErkÀltung liegen, aber Damaschke erschrak. Er hörte den anderen reden ohne den Wunsch, ein weiteres Wort an ihn zu richten.
‚Was wellet sie denn von mir? Sind sie au einer von dem Pack do?’
Schon einige Meter entfernt, erreichte inzwischen die Frau mit dem Kopftuch einen kleinen, stĂ€mmigen Mann in einem braunen Blouson, der Damaschke von weitem fast an eine Kartoffel erinnerte. Herrisch zeigte dieser auf die MĂŒtze des Kindes, die bei der wilden Fahrt heruntergefallen war. Die zurechtgewiesene Frau blieb abrupt stehen. Einen Augenblick lang wirkte sie trotzig, dann kehrte sie um und hob das kleine, leuchtend rote Dreieck auf.
Die Ampel vor Damaschke zeigte inzwischen grĂŒn. Ein einzelner Wagen hatte angehalten, Kaskaden synthetischer KlĂ€nge drĂ€ngten aus dem geschlossenen Verdeck, auch der Junge hinter dem Steuer trug eine Sonnenbrille. ‚Sicher ein TĂŒrke,’ dachte Damaschke, er hatte keine Ahnung, woher sie alle diese scheußlichen Sonnenbrillen hatten, und er fĂŒhlte sich nicht in der Lage, noch einen weiteren Menschen zu verteidigen. Am ganzen Körper zitternd, ließ er den Mann im Lodenmantel zurĂŒck und betrat den Überweg.
Er wollte nur noch nach Hause.

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petrasmiles
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Klasse!
Nur den letzten Satz kannst Du Dir sparen: Damaschkes SchwÀche und das entschlossene Betreten der Fahrbahn machen dessen Inhalt schon offensichtlich. Es reicht, wenn ich mir das denken kann

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂŒr Gutwerter!

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LydiaG
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Hallo Petra

und vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar!

Ich habe es versucht ohne den letzten Satz - fĂŒr mich klingt das Ende ohne ihn nackt. Ich bin noch nicht so weit, ihn ersatzlos zu streichen...
vielleicht fÀllt mir noch ein besserer Schluss ein.
Aber kommt denn an, dass Damaschke aus schierer Feigheit abrĂŒckt von seinen tĂŒrkischen MitbĂŒrgern? Das wĂ€re mir wichtig!

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petrasmiles
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Nein, das glaube ich nicht.
Aber Du hast das selbst in deiner Geschichte ambivalenter angelegt: Damaschke ist erschöpft, empört sich ĂŒber den Herrn in Loden, und Du lĂ€sst es ein wenig offen, dass es schiere Feigheit sei. Eigentlich ist es noch subtiler angelegt, dass er selbst unbewusst die Vorurteile hat, fĂŒr die er sich schĂ€mt und die ihm seine bewussten Überzeugungen verbieten. Ich glaube auch, wenn man Zivilcourage hat, wie er bewies, hat man sie nicht immer und die Abwesenheit von Zivilcourage ist nicht gleichbedeutend mit Feigheit.
Und das alles steht schon da auch ohne den letzten Satz

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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