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Leselupe.de > Humor und Satire
Hilfe! Ich hab' die Serien-Schizophrenie...
Eingestellt am 07. 06. 2002 15:47


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Lambertus
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2002

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Ach ja, fr√ľher unterhielt uns nur das Kino mit Filmen aus fernen L√§ndern, mit Menschen fremder Kulturen, mit malerischen Landschaftsbildern, es verbl√ľffte durch die Pr√§sentation urw√ľchsiger Sitten und Gebr√§uche, - kurzum, das Kino vermochte es, Exotisches in Reinkultur zu bieten.

Heute kennt man (fast) alles... Das Fernsehen berichtet t√§glich aus Moskau, New York, London, aus Irland, Indien, Kirgisien, Australien, vom Nordpol – wie von nebenan und da ist es fast so, als w√§re man √ľberall schon mal dort gewesen. Wer vermag es, uns noch wirklich zu √ľberraschen?

Na, das Fernsehen nat√ľrlich mit seinen Serien! - Wen erst die Dauerseher-Schizophrenie gepackt hat, der ist verloren. Er kennt alles, wei√ü im Voraus, wie es weitergeht und glaubt schlie√ülich, mit in dieser Welt zu leben und im Endstadium gar, diese Welt selbst erfunden zu haben. √úbertrieben? - Aber nein, hier ein Beispiel:

Hinter den sieben Bergen – also gar nicht weit von uns entfernt – flimmert eine wahrhaft exotisch-erotisch sonnenverw√∂hnte Bergwelt, - weit unterhalb des bayerischen Wei√üwurst-√Ąquators, dort wo es noch wahre Engel gibt und wo ein studierter Engel, eben der Dr. Engel als Tierarzt in Freuden lebt, in Schmerzen liebt und wie ein Wunderheiler schafft, beh√ľtet nur von seiner echt lieben Schwiegermutter, dieweil ihn sein ebenso nettes wie leicht bedeppertes Apotheker-Weib verlie√ü, da sein Edelmut und Anstand wohl auf Dauer nicht l√§nger auszuhalten waren. Man bedenke diese schmerzvolle Tragik, die sich bisher schon von Folge zu Folge w√§lzte, - bis da pl√∂tzlich ein brutaler, instinktloser und unsensibler Fernsehgewaltiger der Produktion das Licht ausdrehte... Ein Paradies verl√∂schte.

Aber das Paradies wurde wieder eingeschaltet. Eine neue Staffel nennt man das. Nun erfahren wir auch, wer diese Monate der Finsternis als Mensch und Tier √ľberlebt hat. Und mit wehm√ľtiger Erinnerung begleiten wir ihn wieder, den guten Dr. Engel...

Er, den man bergauf bergab nur den Viechdoktor nennt, ist ein heiter-liebevoller Vater seiner beiden Kinder; doch wie er die geschafft hat, bleibt ein R√§tsel – weil jedes Mal das Handy l√§utet, wenn der Doktor sich einer Frau n√§hert... Ist dies F√ľgung des Himmels, - ein Mahnruf der anderen Engel aus dem Jenseits zu bajuwarisch-himmlischer Keuschheit? - So ruft denn statt irdischer Liebesfreuden das Handy in Kuh- oder Pferdest√§lle, zu Katze, Papagei oder Haus-Maulwurf. – Auch kleinere Zwistigkeiten in tierreichen Familien behandelt Dr. Engel mit der Routine eines erfahrenen Berg-Psychologen; er ist eben ein promovierter Engel...

Und er ist ein urw√ľchsiges Mannsbild von Viechdoktor, - ein Wahnsinns-Sympathietr√§ger trotz Verst√§ndigungs- Schwierigkeiten; denn sein Handeln versteht seine Umwelt nicht, und seine Sprache versteht der Zuschauer nicht, da die Sendungen in Bajuwarisch ausgestrahlt werden. Auf Untertitel wurde verzichtet, um die Aufmerksamkeit von dem bewegenden Handlungsablauf nicht abzulenken. Aber so ein Kerl auch! - Der braucht wirklich nur so da zu stehen, - man muss ihn nicht auch noch verstehen... Und ein Auto f√§hrt der! - Landrover aus Willy Werkels Bastelbude. What a man, and what a car!

Aber Neid und Intrigen umgeben den selbstlosen Viechdoktor. – Da ist die b√∂se Konkurrenz in Gestalt des blasierten Nichtsk√∂nners Dr. Molfenter, dem ausgerechnet die sympathische neue Flamme des Viechdoktors assistiert. – Doch damit der Dramatik nicht genug: auch die Engel ganz oben sabotieren jedes neue Gl√ľck - wie erw√§hnt - immer wieder per Handy... Neueste Technik bei den himmlischen Heerscharen!

Die √ľbrige irdische Gemeinde besteht aus vertrackten Familienverh√§ltnissen mit lustvoll ausgetobten Vorurteilen gegen alles und jeden, angef√ľhrt vom korrupten und zu Hause pantoffeligen B√ľrgermeister mit seinem fies-geltungsbed√ľrftigen Eheweib und deren Affenliebe zu einem putzigen Woll-H√ľndchen mit Namen Putzi, - na wie auch sonst...

Und am Horizont dr√§uet Arges: Die Idylle soll durch den Bau einer M√ľlldeponie zerst√∂rt werden. Wo bleiben da die Proteste von den Gr√ľnen?! – Ich sehe schon, das Problem bleibt wieder ganz allein am edlen Viechdoktor h√§ngen. Aber der schafft das souver√§n, da bin ich ganz sicher. Er hat schlie√ülich l√§ngst mein schizophrenes Vertrauen... Also, Quirin, entt√§usche mich nicht! - Quirin ist √ľbrigens kein Aspirin-Ersatz , sondern der Name des Viechdoktors.

Um die Dramatik auf den schier nervenzerr√ľttenden Gipfel zu treiben, hat das Schicksal dem guten Dr. Engel eine ebenso aufrichtige, liebe und t√ľchtige weibliche Seele zur Seite gestellt, - und er bemerkt sie nicht! – Es ist zum Heulen, - jedes Mal, in jeder Folge. – Es handelt sich um seine verschm√§hte Liebe, die ihm selbstlos assistiert, obwohl sie arm ist wie eine Kirchenmaus, aber ein eigenes Alm-Tierheim unterh√§lt, wo sogar ein Elefant seine Heimat gefunden hat. - Drumbo auf der Alm! – Das ist so echt aus dem Leben gegriffen! Dagegen sind Titanic und Dracula banale Nichtigkeiten!

Wirklich, ein wahrlich exotisches Paradies, zwar mit Intrigen, aber immer mit der beruhigenden Gewissheit: „Jo mei, dr Viechdokter wird’s am End‘ scho‘ richten!“ -

Ich muss das sehen, weil diese Serie mich pers√∂nlich in eine Identit√§tskrise gest√ľrzt hat. F√ľhre ich ein Doppelleben, ohne es zu wissen?? - Denn alles, was in diesen Serien passierte, wusste ich schon im voraus... Wie kann das sein? - Bin ich in meinem Doppelleben der wahre Autor dieser Serie...? - Scheint so...

Deshalb freue ich mich auf die nächsten Folgen; schließlich muss ich als möglicher Autor kontrollieren, ob diese Fernsehfritzen alles richtig gemacht haben...

Tr√§umte ich doch letzte Nacht, der Viechdoktor habe in fr√∂hlichem Rotwein-Rausch das Radio eingeschaltet, aus dem die Ansagerstimme ert√∂nte: „Liebe Opernfreunde auf der Alm, Sie h√∂ren nun die Wahnsinns-Arie der Veterin√§a ‚Gro√ümutter trug am Bruchband ¬īnen Revolver‘ aus der tragischen Oper ‚Franz, du stinkst‘...“

Nein, da wusste ich es: Das ist nicht von mir! Von mir nicht...! - Bin ich erleichtert... Das ging ja gerade noch mal gut.



© Lambertus, Juni 2002

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tommix
Hobbydichter
Registriert: May 2002

Werke: 0
Kommentare: 7
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Gem√ľnzt auf eine bestimmte Serie, aber √ľbertragbar auf nahezu alle dieser seichten Dauer-Fernsehproduktionen. Sehr humorvoll und hintergr√ľndig erz√§hlt.

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Bruno Bansen
Guest
Registriert: Not Yet

Beweis...

Hi Lambertus!

Dieser, dein köstlicher Beitrag, der eines der momentanen Glanzlichter in Humor/Satire ist, steht schon wieder auf dem Weg in den Orcus, zur Kenntnis genommen von wenigen, kommentiert von 2 Nasen, obwohl deine Story, so schön ist sie erzählt, so voll Witz und Ironie, dass es eine Lust ist und verdient hätte, nicht von oben bereits wieder verdrängt zu werden!

Ich w√ľnsche dir mehr von diesem - mir auch!

Gruß Bruno

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