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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Himbeergelee
Eingestellt am 16. 08. 2003 08:28


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para_dalis
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Registriert: Jul 2002

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Ich deponiere Gro├čvater im Schuppen, der wegen der riesigen Tannen, die meine Gro├čeltern vor Jahrzehnten anpflanzten angenehm k├╝hl ist, in der Absicht, die beginnende Verwesung aufzuhalten.
Ich setze ihn auf den unebenen Boden und lehne seinen K├Ârper gegen den Hackklotz. Halb liegend, halb sitzend hockt er nun im Schuppen. Der Zeitpunkt, an dem ich sein Kinn h├Ątte hochbinden m├╝ssen, war bereits verpasst. Das Gebiss meines Gro├čvaters lag noch auf seinem Nachtschrank, so dass mir ein finsteres Loch entgegenbleckte.

Gro├čmutter kocht w├Ąhrenddessen in der K├╝che Himbeergelee.

Vielleicht sollte ich Gro├čvater zur├╝ck ins Maisfeld bringen. Eigentlich war er um diese Uhrzeit immer dort zu finden. Doch dann w├╝rden ihn die Kinder des Nachbarn entdecken. Erst neulich erwischte ich sie beim rumknutschen in eben diesem Feld. Auch mein Gro├čvater hatte dort bereits geknutscht. Das muss gewesen sein, als er meine Gro├čmutter kennen lernte und seinen Fischkutter verkaufte um mit ihr gemeinsam auf dem Land zu leben.
Er war zwar zu der Zeit kein Kind wie die Nachbarskinder mehr, doch nein, im Feld hatte mein toter Gro├čvater wahrlich nichts zu suchen.
"Bring ihn in die Sickergrube!" ruft Gro├čmutter aus der K├╝che.
"Geht nicht, ich k├Ânnte bemerkt werden. Der Schuppen ist nicht einsehbar, der Weg zur Sickergrube schon!"
"Wenn Gro├čvater noch Fischer w├Ąre...." h├Âre ich Gro├čmutter murmeln.
"Gro├čvater ist aber nun nicht mehr an der K├╝ste. Und Wasser, das ihn bedecken w├╝rde, gibt es hier auch nicht."
"So langsam wird die Zeit knapp. Es kann nicht mehr lange dauern, und die Leichenstarre wird einen Transport unm├Âglich machen! Was z├Âgerst du denn? Bring ihn endlich aus meinem Schuppen!"
Gro├čmutter r├╝hrt in dem roten Gelee. Ich sitze ratlos vor dem Schuppen und wei├č nicht wohin mit meinen toten Gro├čvater.
H├Ątte er beim Skat spielen nicht einfach tot umfallen k├Ânnen? Selbst im Tod versuchte er mir noch das Leben schwer zu machen. Warum hatte er sich auch wieder mit mir angelegt.
Er stand in der K├╝che und beschimpfte wiederholt meine Gro├čmutter und als ich einschreiten wollte, auch mich. Und Gro├čmutter wollte doch nichts weiter als Gelee kochen.
Gro├čmutter hatte gelernt, mit der Situation umzugehen und reagierte kaum auf die Hasstiraden meines Gro├čvaters. Sie bekam dann diesen Tunnelblick, den auch ich mir immer h├Ąufiger angew├Âhne. Tief in Gedanken versunken ihrer Verrichtung nachgehend, putzte, kochte oder wusch sie, sah dabei nicht nach links oder rechts und lie├č Gro├čvater einfach schimpfen. Sp├Ąter nahm Gro├čvater meist seine gro├če Schlachtermesser, holte das Freibank Fleisch aus der K├╝hltruhe, das er immer besonders preisg├╝nstig vom Schlachthof ranschaffte und begab sich in den Keller um es zu Goulasch zu verarbeiten. Die geschnittenen Fleischst├╝cke sahen aus wie abgemessen.
Kleine W├╝rfelchen 2 mal 2 cm.
Bei ihm musste alles seine Ordnung haben, selbst das Brot ma├č er ab. Eine H├Ąlfte f├╝r die Gro├čmutter, eine H├Ąlfte f├╝r sich. Gro├čmutter gab mir von ihrer H├Ąlfte, Gro├čvater nicht. Egal ob Butter, Brot, Fleisch, Wurst oder Gem├╝se. Es gab alles genau rationiert und von Gro├čvater zugeteilt.
Mutter war laut Erz├Ąhlung meines Gro├čvaters einfach abgehauen und hatte mich auf der T├╝rschwelle abgelegt.
Spreche ich Gro├čmutter auf ihre Tochter an, schie├čen ihr die Tr├Ąnen in die Augen. Ich versuche Einzelheiten von Gro├čvater zu erfahren, doch auch er m├Âchte nichts davon h├Âren oder gar dar├╝ber sprechen. Es gibt viele Dinge, die totgeschwiegen werden.
Ich glaube, ich war gerade zw├Âlf oder dreizehn, als ich dazu kam, wie er voller Zorn auf dem K├Ąstchen, indem meine Gro├čmutter alle wichtigen Dokumente und Briefe aufbewahrte, herumtrampelte bis es so verbogen war, dass es nicht mehr zu ├Âffnen ging.
Gro├čmutter und ich mussten das wundersch├Âne K├Ąstchen samt Inhalt wegwerfen und irgendwann stand an seiner Stelle auf der Anrichte eine neue Kiste. Grell gelb war sie und an H├Ąsslichkeit kaum zu ├╝bertreffen. Nat├╝rlich hatte Gro├čvater eine Aufbewahrungsbox mit mehreren F├Ąchern gekauft. Gro├čvater ging immer mit System vor. In jedes Fach geh├Ârte eine bestimmte Sache. Ein Ordnungssystem, dem wir nichts entgegenzusetzen hatten.
Zum Beispiel sammelte Gro├čvater Kn├Âpfe. In allen Farben und Formen. Rote und blaue Kn├Âpfe. Eckige und Runde. Lederne und H├Âlzerne ...
Sein Blick war beim gehen fest auf den Boden gerichtet. Nicht einen wollte er ├╝bersehen. Als er irgendwann mal keine Kn├Âpfe mehr in unserer Kleinstadt finden konnte, begann er den Passanten die Kn├Âpfe von den Kleidern zu rei├čen, indem er sie ansprach und wie nebens├Ąchlich an ihre Kleidung fasste. Bevor sich die M├Ąnner oder Frauen versahen, hatte er ihre Kn├Âpfe in der Hand.
Wahrscheinlich h├Ątte Gro├čvater auch einen guten Taschendieb abgegeben, doch soweit ging er dann doch nicht.
Sp├Ąter begann er uninteressante Artikel aus Zeitungen zu schneiden. Auch die wurden sortiert. Mir ist nicht mehr gel├Ąufig, nach welchen Kriterien. Prominente? Politik? Keine Ahnung. Ganze Stapel von Artikeln befanden sich auf der Toilette im Hausflur.
Schlie├člich suchte Gro├čvater nach K├Ąmmen. Nat├╝rlich musste Gro├čmutter die gefundenen K├Ąmme reinigen. Dann sortierte sie Gro├čvater nach Farbe und Gr├Â├če in seine Schubladen.
Vielleicht brachte uns Gro├čvater mit den K├Ąmmen die Seuche ins Haus.
Gro├čmutter wurde krank, das Vieh wurde krank, schlie├člich wurde auch ich krank. Die Nachbarn mieden unser Haus und w├Ąre nicht die alte als verschroben geltende Frau gewesen, deren Behausung im Wald lag, w├Ąren wir j├Ąmmerlich verhungert. Sie versorgte uns in der schlimmen Zeit mit Milch und Beeren. Sp├Ąter, als wir gesund waren, lie├č auch sie sich nicht mehr in unserer N├Ąhe blicken. Gro├čvaters J├Ąhzorn war weitl├Ąufig bekannt. Wer nur irgend konnte, hielt sich von uns fern. H├Ątte sich Gro├čmutter nur ebenso verhalten, als Gro├čvater die K├╝che betrat. Steht er doch neben ihr in der K├╝che und m├Ąkelt am kochenden Himbeergelee.
Gro├čmutters Tunnelblick versagte an diesem Tag. Mir blieb nicht einmal Zeit, sie darauf aufmerksam zu machen. Gro├čvater m├Ąkelte und schimpfte und beklagte sich schlimmer als jemals zuvor.
Es ist nur verst├Ąndlich, dass sein Kopf unbedingt in den Einkochtopf musste. Gleich mehrmals und mit jedem mal ein wenig l├Ąnger. Am Ende lie├č sich nicht mehr unterscheiden, ob sein Kopf vom hei├čen Gelee feuerrot war, oder ob es von der Anstrengung herr├╝hrte, mit der er sich aus dem festen Griff meiner H├Ąnde befreien wollte.
Und nun liegt Gro├čvater im Schuppen und Gro├čmutter und ich sind uns noch immer nicht einig, wie wir ihn am schnellsten los werden.

Das Gelee tropft vom Holzl├Âffel.
Sollten wir den alten Schlachtertopf aus der Scheune holen?
Als sich noch Schweine im Schlamm auf dem Hof meiner Gro├čeltern suhlten, landete ab und an eines in dem Kessel. Sp├Ąter, als Gro├čvater schw├Ącher wurde, bezahlten wir einen Schlachter, der uns bei der Arbeit behilflich war. Leider verstarb dieser auf dem Sofa unter dem r├Âhrenden Hirsch meiner Gro├čeltern und alle Wiederbelebungsversuche waren vergeblich. Der Kessel jedoch blieb uns erhalten. Hatten wir ihn in weiser Voraussicht aufbewahrt?
Wir k├Ânnten Gro├čvater da hinein packen.
Gro├čmutter k├Ânne ihn in Gl├Ąser abgef├╝llt im Keller aufbewahren. Nat├╝rlich m├╝ssten die Gl├Ąser beschriftet werden, damit kein Versehen passierte. Das w├Ąre dann sicher meine Aufgabe.
Nur. Wie w├╝rden wir Gro├čvaters Verschwinden den Nachbarn erkl├Ąren?
"Sagen wir doch einfach, mein Mann ist zur├╝ck an die K├╝ste gegangen. Immerhin hatte er mit der Landschaft hier schwer zu k├Ąmpfen. Ein alter Seeb├Ąr wie er inmitten Schweizerischer Berge und W├Ąlder. Ich bin sicher, die Begr├╝ndung bez├╝glich seiner Abwesenheit funktioniert. Er hat sich hier noch nie heimisch gef├╝hlt. Sie wissen doch alle, wie er sich st├Ąndig ├╝ber die Leute lustig machte.
"Gro├čmutter, dass Gro├čvater in seinem Alter noch diese weite Reise zur├╝ck an die K├╝ste unternehmen w├╝rde, glaubt uns doch kein Mensch. Aber was bleibt uns anderes ├╝brig? Irgendwohin muss er ja verschwunden sein. Also lass uns beginnen, die Geleeangelegenheit wird die beste Variante sein."
"Wie kannst du so etwas nur denken" emp├Ârt sich Gro├čmutter."
Das L├Ącheln, das um ihre Lippen spielt, kann sie jedoch nicht verbergen.
"Also gut, bring ihn zu mir."
Ich laufe in den Schuppen und schleife Gro├čvater ├╝ber den Hof zur nahegelegenen K├╝che. Die Schleifspuren, die seine schweren Beine hinterlassen, werde ich sp├Ąter beseitigen m├╝ssen. Ich darf es nicht vergessen. Immerhin liegt er nun schon mal in der N├Ąhe des Herdes, unter der Ofenbank. Sein Kopf voller Himbeergelee h├Ąngt traurig zur Seite.
"Sieh mal Gro├čmutter was aus deinem stattlichen Mann geworden ist!"
"Mein stattlicher Mann... ein K├Ąmme und Knopfsammelnder Sadist war er. Ich denke da nur an meine Kiste voller Erinnerungen..."
"Wei├čt du noch, was sich in der Kiste befand?"
"Ach Kind. Meine Jugend war darin und auch ein St├╝ckchen deiner Kindheit. Wir wollen nicht mehr dar├╝ber sprechen. Immerhin haben wir ihn schon mal in der K├╝che. Lass uns also nun den Kessel her├╝berholen."
Gro├čmutter dreht die Flamme unter dem Topf des Himbeergelees klein und bindet sich ihre alte Sch├╝rze um.
Eine vorwitzige graue Str├Ąhne ihres Haares klemmt sie mit einer Nadel fest. Sie zieht Gummistiefel an.
"Meinst du wirklich?"
"Hast du eine bessere Idee?"
"Aber der Schlachter. Wir haben keinen Schlachter mehr. Wei├čt du denn wie wir vorgehen sollen?"
"Das wird sich alles finden, keine Sorge. Wir holen jetzt den Kessel, setzen Wasser zum kochen an und zwischenzeitlich bringen wir Gro├čvater auf die richtige Gr├Â├če."
Wir m├╝hen uns sehr und unter st├Âhnen und ├Ąchzen bringen wir den Kessel zur├╝ck ins Haus.
"Reinigen werden wir den Kessel auch noch. Sieh mal Gro├čmutter, was sich f├╝r Rostspuren abgesetzt haben."
"Ach was! Wie sollte mein Mann die Spuren bemerken. Tot ist tot."
"Wei├čt du Gro├čmutter, ich k├Ânnte nicht einmal sagen, dass ich es bedauere, dich von deinem Tyrann befreit zu haben."
Wir ├Âffnen die T├╝r und verharren auf unseren Abs├Ątzen. Der Schock steht uns ins Gesicht geschrieben.

Gro├čvater steht am Herd und r├╝hrt Himbeergelee.

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

nicht schlecht

trotz des dramatischen Endes recht interessant. Nur das Ende - isses ein Tipfehler, da├č der Gro├čvater dann umr├╝hrt oder war das Absicht? Und wie willste aus Knochen Gelee machen?
Dann schon richtig bei Gr├╝ne Tomaten abgucken und Barbeque raus machen - lol. Aber abgesehen davon recht interessant.

Ciao
Tim

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