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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Himmelblau
Eingestellt am 10. 03. 2018 12:31


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Hobbydichter
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Himmelblau
Die Zeit stand still. Und der Ton. Ausgeblendet das beruhigende Rauschen der Klimaanlage und das Dr├Âhnen der Triebwerke. Es kribbelte unter ihren Fu├čsohlen.
ÔÇ×Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapit├Ąn. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir uns soeben entschlossen haben, unseren Flug abzubrechen und nach Frankfurt zur├╝ckzukehren. Vielleicht haben Sie es ja auch schon selbst geh├Ârt ÔÇô der Grund hierf├╝r ist, dass wir ein kleines Problem am rechten Triebwerk festgestellt haben. Es ist eine reine Vorsichtsma├čnahme, es besteht keinerlei Grund zur Sorge. Lehnen Sie sich also zur├╝ck und genie├čen Sie weiterhin unseren Service an Bord. Ich werde mich so schnell wie m├Âglich mit weiteren Informationen bei Ihnen melden.ÔÇť
Die Klimaanlage setzte wieder ein.
Unter ihnen versuchten die Alpen, sich durch die Schneedecke in den Himmel zu recken. Das glei├čende Wei├č strahlte am Horizont ins Dunkelblau des Himmels.
Der Kantinengeruchs kam von hinten: ÔÇ×Would you like chicken or pasta?ÔÇť, das Klirren der Flaschen im Servierwagen und zwischendurch das Klacken der Bremsarretierung.
Sie zog den Kopf zwischen die Schultern und senkte den Blick, als wollte sie in ihren Ausschnitt kriechen. Von dort ging es schnurgerade durch den Tunnel des Pullover├Ąrmels , mit einem H├╝pfer durch das kleine Fenster und ├╝ber den Fl├╝gel rutschend ins Himmelblau.
Sie sah sich in dem grauen Kunstledersitz, eine junge Frau, die beim Betreten eines Flugzeuges in Gedanken immer noch eine Beschw├Ârungsformel murmelte. Sie kam nicht darauf, woran sie der Geruch des Kunstleders erinnerte. Einmal hatte es ihre Cessna in Venezuela kurz vor der Landepiste gewaltsam nach unten gedr├╝ckt, und der Buschpilot hatte es gerade noch geschafft, das Flugzeug wieder zu fangen. Damals waren sie unterwegs in ihr Paradies am Fu├če der Tafelberge, mit Wasserf├Ąllen, in denen sie sich geliebt hatten.
Sie l├Ąchelte die Stewardess an, die ihr das n├Ąchste Glas Rotwein brachte. Es war alles wie immer, die Gnadenlosigkeit des Eintopfgeruchs, die Zuverl├Ąssigkeit des Getr├Ąnkenachschubes, das Innen, das Au├čen und der Flugkorridor. Das gab Sicherheit.
Sie l├Ąchelte beim Gedanken an George, den sie heute Abend treffen w├╝rde. Sein Gesicht erinnerte sie an Ricardo.
Sie wischte ihre Handfl├Ąchen an der Anzughose ab.
Die Verhandlungen mit der Health Solutions GmbH gestern waren gut gelaufen, die anderen sa├čen ihr zu dritt gegen├╝ber, aber sie hatte alle ihre wichtigen Punkte durchgesetzt. Wie sie zuerst gek├Ąmpft hatte um die Gew├Ąhrleistungsfristen, obwohl die gar nicht kritisch waren f├╝r die Firma. Und wie sie dann nachgegeben hatte und daf├╝r die Mindestabs├Ątze f├╝r die ersten drei Jahre bekommen hatte. Rob w├╝rde zufrieden sein. Sie l├Âste den Sicherheitsgurt, stemmte sich an ihrem Tablett vorbei aus dem Sitz und buckelte unter der Gep├Ąckablage bis zum Gang. Der Weg zum Toilettenschild im Heck war jetzt frei, bis auf einen kleinen Keks auf dem Boden rechts, wo im Notfall die Leuchtstreifen den Weg zum Ausgang weisen w├╝rden. Auf dem R├╝ckweg traf ihr Fu├č genau auf den Keks.
Die Stewardess l├Ąchelte professionell hinter dem n├Ąchsten Glas Rotwein.
Wenn sie es schaffte, heute Abend rechtzeitig zur Verabredung bei George zu sein, w├╝rde sie am Wochenende anfangen, Bewerbungen zu schreiben. Neulich hatte sie eine Reportage ├╝ber einen Manager gesehen, der nach vielen Jahren als Unternehmensberater alles hingeworfen hatte und ein Leben als H├╝ttenwirt in den Alpen begonnen hatte.
Sie wischte ihre Handfl├Ąchen an der Anzughose ab. Wenn sie in Frankfurt z├╝gig einen anderen Flug bekam, w├╝rde sie es vielleicht heute Abend noch schaffen, den Anzug in die Reinigung zu bringen. Sie wollte nicht daran denken, dass die Firma mit dem Vertriebspartner Health Solutions vermutlich auch nicht mehr Ertrag erwirtschaften w├╝rde als mit der eigenen Niederlassung. Das hatte jedenfalls ihre Kalkulation ergeben. Aber Rob hatte sie nicht akzeptiert und sie so lange bedr├Ąngt, bis sie neue Zahlen pr├Ąsentierte, aus denen das gew├╝nschte Ergebnis hervorging.
Sie nippte an einem frischen Plastikbecher Rotwein.
Das Fenster war ein Bildschirm, auf dem der Himmel vorbeizog. Nur die Eisblume au├čen st├Ârte. Ihre Mitarbeiter hatte sie in einer Telefonkonferenz ├╝ber den Verlust ihrer Arbeitspl├Ątze informieren m├╝ssen. Sie hatte ins Mikrophon gesprochen wie in eine Sackgasse. Kein Bild konnte ihr suggerieren, sie w├Ąre in einem schlechten Film.
ÔÇ×Meine Damen und Herren, hier spricht noch einmal Ihr Kapit├Ąn. In wenigen Minuten werden wir unseren Landeanflug auf Frankfurt beginnen. Wir gehen nicht davon aus, dass unser kleines Triebwerksproblem eine sichere Landung beeintr├Ąchtigen wird. Wir entschuldigen uns f├╝r die entstandenen Unannehmlichkeiten und hoffen, dass Ihnen der Aufenthalt bei uns an Bord trotzdem ein wenig gefallen hat. Unser Bodenteam organisiert bereits den Ersatzflug f├╝r Sie, der Sie dann hoffentlich recht bald sicher an Ihr Ziel bringen wird.ÔÇť
Bestimmt w├╝rden die Fu├čsohlen nicht mehr kribbeln, sobald sie die Schuhe wieder angezogen h├Ątte.

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DocSchneider
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