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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Himmelwärts
Eingestellt am 13. 08. 2012 17:16


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Schreibensdochauf
???
Registriert: Dec 2011

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Die Hände – in die Höhe. Keine Schlagerparty ohne die Hände – in die Höhe. Bei Balladen gerne auch die Augen geschlossen, mit oder ohne Feuerzeug. Was ist in der Höhe? Der Himmel oder wenn die Hände nach vorne gestreckt sind die Bühne, der angehimmelte Star. Himmel ist das, wo der Star ist.

Himmel ist das, wo Gott ist. Na ja, schmunzelt da der ein oder andere. Einigen wir uns auf, Himmel ist da, wo die ISS ist oder jetzt dieses neue Marsgefährt „Curiosity“. Bei dem Namen assoziiert so Mancher etwas anderes als „Neugierde“, weshalb die Medien landauf, landab auch nicht müde werden uns die korrekte Übersetzung gleich mitzuliefern. Allerdings ist die erste Assoziation doch auch nicht schlecht, angesichts der Tatsache, dass ein Golfcaddy auf dem Mars rumfährt – warum noch mal? Und es für Stunden sogar geschafft hat, nach der erfolgreichen Landung „spektakulär, auf die Minute genau, nach bangen Minuten“, die kuriosen Vorgänge in Syrien zu verdrängen.

[Barack Obama weiß zu verkünden, „dass unser Land Geschichte geschrieben hat“. Nicht in Syrien, sondern auf dem Mars. Ansonsten muss sich Syrien die Schlagzeilen momentan nur mit Olympia teilen, da bleiben für den Euro und die Krise nur Bronze.]

Nicht abschweifen. Ein beliebiger Sonntag in einer evangelischen Freikirche rückt die Dinge wieder gerade, für die die daran glauben wollen. Die Hände verzückt in den Himmel, die Augen geschlossen, Psalmen werden gesungen. Vom guten Hirten ist die Rede, von Jesus, der der Erlöser sei. Damit jeder mitsingen kann, wird der Text auf eine große Leinwand gebeamt, begleitet von Keybord, Geige und Gitarre. Mitsingen kann eigentlich niemand, weil niemand die Texte so genau zu kennen scheint, doch beim Refrain klappt es irgendwann leidlich und Christ und Christin können ja auch mitsummen und mitklatschen.

Wie bin ich hier reingeraten? Ich war weniger auf der Suche nach dem, was im Himmel ist, vielmehr geriet ich beim zufäligen Surfen auf die Podcasts der Predigten. Den Ansatz fand ich schon mal anerkennenswert, dieser Umgang mit den modernen Medien, zur Erreichung der verstreuten Schäfchen.

Bevor der Prediger ansetzen kann, der irgendwann auch erwähnt, dass er sechs Kinder hat, so wie insgesamt auffällt, dass Kinderreichtum in dieser Gemeinde kein Stigma zu sein scheint, bevor also der Prediger predigt, berichtet ein Mädchen mit beringter Unterlippe vom Aufenthalt irgendeiner Arbeitsgemeinschaft in Rumänien und dass sie dort viel Spaß hatten, wozu ein gebeamtes Bild nicht so ganz passt. Es wurde viel gespielt und musiziert, erzählt das Mädchen, wozu auch die nächsten Bilder eingeblendeten Bilder nicht wirklich passen, alle schauen sehr ernst. Jedenfalls habe man erfolgreich Gottes Wort nach Schäßburg gebracht und auch geholfen, ein dortiges Gemeindezentrum mit aufzubauen, an dem bereits seit zwei Jahren gebaut werde. Demnächst mehr Bericht, wird versprochen. Das Publikum – nein die Gemeinde honoriert den Kurzvortrag mit Applaus und viel Lächeln. Das Lächeln war bereits vorher auf den meisten Gesichtern und während und auch danach. Alle Anwesenden lächeln auffällig viel. Ja und?Ich ertappe mich bei einer stummen Selbstanklage als Zyniker und Sarkast. Ich, der ich doch auch so manchen Sonntag in der Kirche verbringe. Allerdings Landeskirche, nicht Freikirche. Das ist wahrscheinlich so ein Wahrnehmungsunterschied wie staatliche Schule versus Freie Schule. Es soll Freie Schulen geben, da dürfen sich schon die Erstklässler morgens aussuchen, was sie denn am Tag so lernen wollen.

„Sicher ist sicher“. Denke ich mir nicht, sondern so ist der Gottesdienst überschrieben. Der sechsfache Familienvater setzt zum Monolog an. Zuvor hat er, etwas onkelig, aber nicht uninteressant, die Kinder mit einer Geschichte in die Betreuung entlassen. Er zeigte das Bild einer Wehrkirche in der Altmark und erklärte, dass Christen in guten wie in schlechten Zeiten diese Orte aufsuchen konnten. Um das Wort Gottes zu hören und um sich vor Räubern in Sicherheit zu bringen. Sicher ist Sicher.

[„Kein Amerikaner soll jemals an seinem Ort der Andacht Angst um seine Sicherheit haben“, das hatte Präsident Obama nach dem jüngsten Anschlag auf einen Sikh-Tempel erklärt. Sicher hatten die Turbantragenden keinen Wehrtempel errichtet.]

„Sicher ist Sicher“, setzt der schlankgewachsene Prediger nun zu seiner Predigt an und erzählt erstmal, wie viele Versicherungen er abgeschlossen hatte „und das waren mit sechs Kindern nicht wenige“, bis ihm klar wurde, was er alles nicht braucht. Er nimmt mir auch gleich meine Sorge um transzendentale Christlichkeit: „Ich kenne Brüder und Schwestern, die keinerlei Versicherung abschließen, denn Gott sei ihre Versicherung. Keine Krankenversicherung, keine Haftpflichtversicherung, nichts. Das ist mir dann doch etwas wagemutig.“ Mir auch und ich bin wieder bei ihm.

Er schmückt seine Gedankengänge mit vielen Bibelzitaten und nennt immer auch die genaue Stelle. Dies ermöglicht einigen Teilnehmenden, blitzschnell die entsprechenden Passagen in der Bibel aufzuschlagen und die Zitate mitzulesen. Die sind allerdings immer so kurz, dass sich der Aufwand des Blätterns kaum lohnt. Für die, die es machen, scheint es sich zu lohnen, auch für den vor mir sitzenden Russen, der in seiner kyrillischen Bibel nachschlägt. Sein Deutsch muss so gut sein, dass er versteht, welche Stelle grad dran ist, doch scheint er sich beim Nachlesen in seiner Heimatsprache wohler zu fühlen.

Der Prediger ist inzwischen bei Joseph in Ägypten angekommen. Dieses Mitglied einer kinderreichen Familie, der von seinen Brüdern nach Ägypten als Sklave verkauft wurde und am Palast unter der Obhut des Sicherheitsbeauftragten Potifer Karriere machte. Allerdings warf die Frau desselbigen ein Auge auf ihn. Als er sich ihren amorösen Angeboten verweigerte, rächte sie sich durch Beschuldigung, er habe sie belästigt, woraufhin er in den Knast wanderte. Einen Mundschenk, dem Joseph im Knast seine baldige Entlassung durch Traumdeutung vorhersagte, bat er, ein barmherziges Wort nach wiedererlangter Freiheit für ihn einzulegen. Gesagt, getan, der Mundschenk kam frei, vergaß die Bitte des Traumdeuters und dieser musste für weitere zwei Jahre im Knast ausharren.

[Am 11. Januar 2002 ließ die Regierung von US-Präsident George W. Bush die ersten 20 Terrorverdächtigen auf die Armeebasis Guantanamo Bay auf Kuba bringen. Zehn Jahre später sitzen dort noch immer 171 Häftlinge ein - trotz des Versprechens von Bushs Nachfolger Barack Obama, das berüchtigte Gefangenenlager zu schließen.]

„Zwei weitere Jahre saß Joseph im Gefängnis“, kommt der Prediger langsam zum Kern seiner Moral. „Schon in der DDR hatten wir Seilschaften. Du gibst mir Fliesen, ich gebe Dir eine Lichtmaschine für Deinen Wartburg. Und heute sind Seilschaften noch viel wichtiger. Doch Joseph hat auf die falsche Seilschaft gesetzt. An der falschen Stelle um Barmherzigkeit gebeten. Bei dem Mundschenk. Wollte Gott ihn daran erinnern, dass der Mundschenk die falsche Adresse war?“ Damit es nicht ganz so apologetisch wirkt, schiebt der Prediger gleich ein „das ist meine Interpretation“. Ich fühle mich nicht Gehirngewaschen, mir bleibt ja noch die Möglichkeit der Eigeninterpretation.

Nächste Bibelstelle, Paulus – oder war es Jesaja? Es wird in den mitgebrachten Bibeln geraschelt. Ein alphabetischer Index am Rand erleichtert die Suche in dem nicht schmalen Druckwerk. „Wenn ihr feiert, ladet nicht die Familie ein, nicht die Freunde, die Verwandten, den reichen Nachbarn. Seid verflucht wenn ihr das tut.“ Starker Tobak. Die Worte wirken und der Prediger schiebt seine eigene Verwunderung hinterher. „Das ist doch genau was wir machen – was wir gern machen. Bringt ja auch was. Stichwort Seilschaften.“ Laut Bibelstelle solle man jedoch die Armen, die Nichtshabenden einladen. Der Prediger lässt mich nicht ratlos im Regen stehen: „Wir sollen nichts, um des Effekts Willen tun, nichts um des: wie du mir, so ich Dir. Wenn wir den Nichtshabenden geben, bekommen wir von denen materiell nichts zurück. Es ist die reine Tat.“ Und vergolten werde das im Himmel, verspricht der Prediger.

Der Prediger, der im normalen Leben einem Büroberuf nachgeht ist am Ende. Es werden noch keybordbegleitete Loblieder für den Herrn gesungen, für einen krebskranken Andreas in Jena gebetet, Kollekte eingesammelt und dann ist der Gottesdienst zu Ende, der eine halbe Stunde länger gedauert hat, als im landeskirchlichen Pendant.

Gute Predigten beinhalten immer auch ein Stück Psychologie. Wenn von Gott die Rede ist, kann man den ja auch durch "Realtität" oder "Wahrheit" ersetzen. Was immer das sein mag und sicher immer subjektiv. Das eine wie das andere.

[Obama, glaubt der an Gott? Viel besser: Der Sänger Sting ist fest davon überzeugt, „dass Barack Obama von Gott gesandt wurde. Niemand ist besser geeignet die Probleme der Welt zu lösen, als der amerikanische Präsident." Das Zitat ist aber auch schon etwas älter. Als Himmelsboten verorten den amerikanischen Präsidenten sicher die wenigsten - mittlerweile]

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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Mit dieser Überarbeitung kam ich sehr viel besser zurecht.Vielen Dank dafür. Dennoch: du hast bis auf wenige Andeutungen über Deine eigene religiöse Einstellung bzw, Praxis lediglich beobachtet. Kannst Du Dir vorstellen, den Text so zu ergänzen, dass dem Leser etwas deutlich wird, wie Du selbst das siehst, etwa was die Chiffre "Himmel" für Dich bedeutet?

Im Übrigen: ich glaube nicht dass man den Unterschied zwischen einer landeskirchlchen und einer freikirchlichen Gemeinde vergleichen kann mit dem zwischen einer Freien Schule und einer staatlichen Schule.

Herzliche Grüße


Winfried Stanzick

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Schreibensdochauf
???
Registriert: Dec 2011

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Hallo Winfried. Falls Du es wissen möchtest, für mich ist der Himmel der Himmel. Mmh befriedigt wahrscheinlich nicht. Und Kirche und Freikirche mit den Schulen zu vergleichen...Na ja, wäre ein längeres Gespräch. Spannend finde ich, dass ich in Freien Schulen zum Teil eine Rückbesinnung erleben und anregend fand ich, dass der Prediger sagte, er halte nichts von Religion, dass sei von Menschen aufgesetzt. Spannender Gedanke in einer Kirche. Herzliche Grüße

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