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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hinrichtungen und andere Fernsehereignisse
Eingestellt am 04. 12. 2001 12:22


Autor
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Sebastian Dalkowski
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2001

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Vorhang auf und Zapping
Die vier Typen tragen Baseballcaps, aufgebl√§hte Bermudas und ausgewaschene Nike-Shirts. Die Lippen sind gepierct, zwei von ihnen haben sich Phrasen auf den Arm t√§towieren lassen. Auf den Tisch, um den sie sich versammelt haben, stehen ge√∂ffnete Bierdosen und ein paar Flaschen Coke. Hamburger und ein in einer Plastikdose verpackter Salat. Servietten, beschmutzt. "Worum geht es im dem Video?" fragt jemand. "Wei√ü nicht, um Geld ausgeben, glaube ich", antwortete ein anderer. "Ja, wir bekommen 100000 Kr√∂ten und d√ľrfen damit machen, was wir wollen. Verschenken, den Arsch abwischen, Papierflieger basteln, shoppen. Alles mit Videobegleitung. "Wow! Wir sicherlich n Riesenspa√ü." "Sicher, wird n Riesenspa√ü." Dem Mann werden um exakt acht Uhr drei Gifte injiziert. Um acht Uhr XS ein Schlafmittel, um acht Uhr und drei FXD, das seinen Atem aussetzt und um acht Uhr und vier LFG, das seinen Herzschlag zum erliegen bringen wird. Je nach k√∂rperlicher Verfassung rechnet man damit, dass McVeigh gegen acht Uhr und acht tot sein wird. Die Prozedur zuvor ist exakt geplant. Um sieben Uhr und f√ľnfzig wird McVeigh von zwei W√§rtern aus seiner Zelle geholt werden, dann wird man ihn in Handschellen in den Exekutionsraum f√ľhren. Dort wird man seine Handschellen l√∂sen und auf ihn auf seine Pritsche schnallen. Die Pritsche besteht aus gepolstertem Kuhleder und elf Schnallen, die McVeighs K√∂rper fest umschlie√üen werden. Um exakt sieben Uhr und siebenundvierzig wird man die Kan√ľlen in seine Unterarme einf√ľhren. Dann werden sich die vier Vorh√§nge an den Fenstern √∂ffnen, die den Raum umgeben, und den anwesenden Angeh√∂rigen und Journalisten freien Blick gew√§hren. Nat√ľrlich wird die Hinrichtung auch livedr√∂hnende Gitarrenriffs, Dampfhammerschlagzeug im Hintergrund. Zwei Typen am Mikrofon, Caps falsch herum aufgesetzt. Sie versuchen zu singen. Dann der Wechsel: Striplokal. Ziemlich hei√üe Sache. Halbnackte T√§nzerinnen. Die vier stecken ihnen Geld zu und schl√ľrfen ihre Cocktails. Wieder Band bei der Arbeit. Dann vor einem Elektronikgesch√§ft mit einem Fernseher. Der Drummer - wie passend - zerschl√§gt den Kasten mit einem Baseballschl√§ger. Als der Besitzer w√ľtend hinaus st√ľrzt, dr√ľcken sie ihm 1000 Dollar in die Hand. Er verschwindet mit einem L√§cheln im Laden. GrinsenDer Mann liegt mit starrem Blick auf der Pritsche. Sein K√∂rper ist ruhig. Der Brustkorb hebt und senkt sich regelm√§√üig. Bohrende Blicke lassen nicht von ihm ab. Journalisten, Angeh√∂rige von Opfern, Politiker. Nicht nur der Funktion wegen anwesend - Der s√ľ√üe Schauer des Todes - ein Mann legt den Telefonh√∂rer auf die Gabel des roten Telefons und verk√ľndet, dass kein Einspruch mehr vorliege. Er ordnet den Vollzug der Exekution an, die Injektion des ersten Giftessie ziehen den Obdachlosen aus einem Haufen alter Zeitungen und fahren ihn hinaus aus seinem Elend. N√§chste Szene im Badezimmer. Der Mann sitzt in der Badewanne und reibt mit den H√§nden √ľber seine dreckigen Haare, Schaum platzt auf, die vier Musiker schauen zu und grinsen. Schnitt: Ein Friseur s√§belt ihm die lange M√§hne ab. Close up auf das Gesicht des Mannes. Er grinst erwartungsfreudigseine Blicke sind starr, er versucht zu atmen, beginnt zu r√∂cheln, Blitzlichter zucken, Bleistifte schaben auf Notizbl√∂cken, jemand schleckt Eis. Die Kamera n√§hert sich McVeighs Gesicht. Kein Ausdruck von Emotionen. Entspannte Ruhe. Seines Schicksal gewiss. Das zweite Gift schleicht sich einf√ľr 1000 Dollar tun sie es. F√ľr 1000 Dollar springen die Skateboarder mit ihren Brettern √ľber den Van. Die Vier grinsen schadenfroh bei jedem videowirksamen Sturz und klatschen sich ab. Die Show auf diesem Kanal ist zu Endeein Arzt verk√ľndet dessen Tod, einige klatschen, manchen versuchen den Schock zu verbergen, bem√ľhen sich um ein m√∂glichst erleichtertes Gesicht. Die Reporterin wird eingeblendet und befragt erste Zeugen: "Riesenspa√ü." "Gute Auff√ľhrung." "Das ist Amerika." The Show must go on.

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ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 2
Kommentare: 74
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Hi Sebastian,
ich will irgendwas sagen zu Deiner Geschichte, weiss aber nicht so genau was - das nennt man wohl "aufgewuehlt".
Mir gefaellt vor allem die strenge Nuechternheit, mit der Du erzaehlst, sie entspricht genau der faulen Gleichgueltigkeit, mit der man eben durch die Programme zappt auf der Suche nach irgendetwas, das einen festhaelt. Wie Du die Hinrichtung so sachlich darunter gepackt hast, ist sehr elegant. Kompliment!
Ingrid
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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Tagmond
Autorenanwärter
Registriert: Dec 2001

Werke: 6
Kommentare: 9
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Hinrichtungen...

....habe heute(5.12.2001) Deine Geschichte gelesen. Wie schnell wir vergessen, was uns mal besch√§ftigte. Ich kann mich noch erinnern, an den Morgen der Hinrichtung. Ich hatte getr√§umt, er sei unschuldig . Ich war ganz und gar √ľberzeugt. Als ich aufwachte war es zehn Uhr, zu sp√§t, Zeit f√ľr einen Kaffee. Die ganze Zeit w√§hrend des Kaffees(wie lange "dauert " so eine Tasse?) f√ľhlte ich mich schuldig, weil ich nicht eingeschritten bin. Danach fiel mir ein, dass es ein Traum war und ich f√ľhlte einen Hass in mir gegen diesen skrupellosen und kalt l√§chelnden M√∂rder. Dann sch√§mte ich mich, weil ich mich so von den amerikanischen Berichterstattungen beeindrucken lassen hatte. Und dann hab ich diesen Morgen vergessen. Bis heute. danke.

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