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Leselupe.de > Kurzprosa
Hinter Glas
Eingestellt am 09. 03. 2005 15:15


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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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Am Ende werden wir hinter Glas lÀcheln.
Winken, mit den Lippen unhörbar Worte formen, Grimassen schneiden, wieder winken.
Meine rechte Schulter wird wehtun und etwas nach unten hÀngen. Das HandgepÀck ist zu schwer, wie immer.
Du wirst hinter mir her sehen, wenn ich mich schließlich umdrehe.
Ich werde mir einbilden, dass mir deine Blicke folgen, bis zur GepÀckkontrolle, dabei hast du dich wahrscheinlich schon lÀngst abgewendet.
Schlenderst zum Ausgang des Terminals, atmest Luft, die vielleicht vorhin noch aus meinen Lungen strömte.
Steigst in das Auto und fÀhrst zu dir nach Hause.
Vielleicht hast du Hunger und gehst an den KĂŒhlschrank, isst ein Joghurt oder du bist mĂŒde, von all den Tagen mit mir, legst dich auf die Couch und schließt die Augen, wĂ€hrend mein Körper durch die FliehkrĂ€fte beim Start in den Sitz zurĂŒck gepresst wird.
Ich weiß, du wirst nicht an mich denken. Wirst dich mit Freunden treffen, lernen, PrĂŒfungen schreiben.
Ab und zu wirst du anrufen und fragen, wie es mir geht, was es Neues gibt und fragen, was die MÀnner in meinem Leben machen und ich werde dir viele bunte Geschichten erzÀhlen. Werde lachen, mich selbst beweisen.
Und wenn du auflegst, werde ich einen schalen Geschmack im Mund behalten, wegen all der Worte, die du nicht sagst.
Und jedes Mal warte ich, dass du mir erzĂ€hlst, du hast sie gefunden. Die, mit der du alt werden möchtest, weil sie fĂŒrsorglich ist, intelligent und witzig und ich werde mich matt fĂŒhlen. BewegungsunfĂ€hig, weil ich mich so sehr anstrenge und doch nie in dein Muster passe.
Wie der Apfel mit der braunen Stelle, den du weggelegt hast. Zweite Wahl. Keine Auswahl.
Trotzdem werde ich lĂ€cheln. FĂŒr dich. Man hat mich so erzogen.
Vielleicht triffst du dich ja gerade in diesem Augenblick mit einer dieser interessanten Frauen mit denen du das Bett teilst, wĂ€hrend die Stewardess mir Tomatensaft hinstellt und sich bedankt, dass ich mich fĂŒr ihre Airline entschieden habe und ich werde sie anlĂ€cheln und sie wird denken, dass ihre FĂŒĂŸe schmerzen und sich fragen ob sie die Kaffeemaschine ausgestellt hat, bevor sie heute morgen das Haus verlassen hat.
Vielleicht wirst du dich deshalb so beeilen mich am Flughafen abzusetzen, keinen Parkplatz suchen und das Auto im Halteverbot vor das Terminal stellen.
Und wenn das Flugzeug aufsetzt und Regen gegen die kleinen runden Scheiben in völliger Dunkelheit klatscht, wirst du fast schon schlafen.
Auf der dĂŒnnen Futonmatratze oder in einem Bett, dass ich nicht kenne?
Ich werde mich zu Hause wÀlzen, wach in den Kissen. Gedanken auf dem Abstellgleis. Werde mich fragen, wann ich unsere Wege trenne.
Am Ende lÀchle ich hinter der Scheibe und winke.
Du hast dich schon umgedreht.

__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertrÀumte.
Schim'on Peres

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San Martin
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Das ist furchtbar. Nicht der Text, sondern die Situation. Nur zweite Wahl zu sein, zu hoffen, zu wollen, zu begehren, alles dafĂŒr zu tun und doch nie zu erreichen, was man sich am meisten wĂŒnscht. Und schlimmer noch, dabei Freunde zu bleiben, damit einem ja auch immer dieses Scheitern vorgefĂŒhrt wird, damit man auch ja nicht vergisst, wie weh es tut, abgewiesen zu werden. Der Text ist voll von Gedanken, ist darin und deswegen sehr dicht; das Vorausschauen und Erwarten der Ereignisse am Flughafen, das bereits verletzend und ungeheuer traurig ist, wird noch durch die RealitĂ€t verschlimmert in der letzten Zeile.

Und manche werden es kennen, dieses Abschiedsagen am Flughafen...ich zumindest habe es auch schon erlebt. Die Entwicklung hat der Menschheit einen Ort beschert, an dem Abschiednehmen noch weitaus schlimmer, unpersönlicher und trauriger wird als alles bisher, als alle Bahnhöfe und Bushaltestellen zusammen.

Eine sehr berĂŒhrende Geschichte, Arezoo.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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