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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hinter dem Horizont geht es immer weiter
Eingestellt am 26. 06. 2004 12:48


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Stoffel
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Hinter dem Horizont geht es immer weiter

Immer tiefer lief sie in den Wald hinein. Auf Wegen, die sie mit Frank und Melli hundertmal schon gegangen war. Vorbei an Pl├Ątzen, an denen sie einst gl├╝ckliche Momente verlebt hatten.

Nach der Verk├╝ndung des Urteils, das ihrer Meinung nach viel zu milde ausfiel, musste sie raus, raus aus dem Gerichtsgeb├Ąude, raus aus der Stadt. Getrieben von Wut und Verzweiflung, Hass und Resignation. So wie in all den Monaten nach dem Tod ihrer Tochter.
"Ich habe sie doch nicht gesehen."
Dieser Satz h├Ąmmerte unaufh├Ârlich in ihrem Kopf und w├Ąhrend sie ging und immer weiter ging, ballten sich ihre H├Ąnde in den Manteltaschen zu F├Ąusten.

Vor einem halben Jahr war Silke's Tochter Melli auf ihrem Fahrrad von einem LKW erfasst worden und verstarb an der Unfallstelle. Seit diesem Tag begann die junge Frau innerlich zu sterben. Melli war Frank und ihr einziges Kind und zehn Jahre des Gl├╝cks und der Freude hatten nun ein Ende. Dieser Mann, der als einzige Entschuldigung hervor brachte, ihr Kind nicht gesehen zu haben, hatte einen Schlussstrich unter das Leben ihrer Tochter gesetzt. Und ihr eigenes war seit dem nichts mehr wert.

Nach Melli's Beerdigung zog sie sich immer mehr in sich zur├╝ck, lie├č niemanden, nicht einmal ihren Ehemann, an sich heran. Sie sprach nicht mehr mit ihm und ging jeden Tag allein auf den Friedhof. Abends schloss sie sich in Melli's Zimmer ein und schlief dort. Frank schaffte es nicht, sie an sich zu ziehen, das Leid mit ihr zu teilen, und litt noch mehr unter dem Verlust. Zwei Monate sp├Ąter zog er aus der gemeinsamen Wohnung aus. Silke war nur noch von dem einzigen Gedanken getrieben: Sie wollte wieder bei Melli sein.

Pl├Âtzlich, aus heiterem Himmel, fing es an zu regnen. Sie lief zu einem alten, hohen Baum, der ganz f├╝r sich allein da stand und ihr Schutz bot. Silke sah auf ihre Armbanduhr. Drei Stunden war sie durch den Wald gelaufen und sah f├╝r sich keinen Sinn mehr weiter zu leben. Sie wusste, was sie nun tun w├╝rde. Fest umklammerte sie das R├Âhrchen mit den Beruhigungstabeltten in ihrer Manteltasche. Die w├╝rden bei ihrem Vorhaben helfen. "Warum?", schrie sie so laut sie konnte und sah zum Himmel. "Warum hast du mir das angetan?" Unter Tr├Ąnen klammerte sie sich an den knorrigen Baum und schloss die Augen. Silke vernahm ein merkw├╝rdiges Ger├Ąusch aus seinem Inneren und sie sp├╝rte, wie er leicht vibrierte. Erschreckt wich sie zur├╝ck, als aus dem Nichts eine T├╝r aufging, die zu einem Fahrstuhl f├╝hrte. Ein ├Ąlterer Mann in Livree kam heraus und l├Ąchelte.
"Kommen sie", forderte er sie auf und reichte ihr die Hand. "Steigen sie zu mir ein."
Wie in Trance betrat sie den Fahrstuhl. Es gab nur zwei Kn├Âpfe: "rauf - runter" und er dr├╝ckte auf den, nach "runter".
Der Fahrstuhl kam zum Stillstand und als sich die T├╝r ├Âffnete, lag ein langer Gang vor ihr. So einer, wie in einem gro├čen Hotel. Die T├╝ren waren mit Zahlen versehen. Der Alte ├Âffnete die T├╝r mit der Nummer eins und helles Licht blendete sie. Wie versteinert stand Silke in der T├╝r, w├Ąhrend eine Frau gerade ihr Kind gebar. Am Kopfende sa├č ein junger Mann und hielt ihre Hand fest umschlossen. Dann legte man das Neugeborene der Frau auf die Brust. Silke sp├╝rte die gro├če Freude der beiden und als sich ihre Augen an das grelle Licht gew├Âhnt hatten, erkannte sie sich und Frank. Und es war ihr Baby, ihre Melli. Silkes Herz verkrampfte sich und nach all der Zeit des Trauerns empfand sie wieder diese Freude und das Gl├╝cksgef├╝hl in sich.

Der alte Mann schloss die T├╝r und ├Âffnete eine weitere. Lautes Kinderlachen war zu h├Âren und dann sah sie Frank und Melli im Garten. Es war Mellis f├╝nfter Geburtstag. Frank hatte ihr ein Baumhaus gebaut und nun weihten sie es ein. Silke lachte, als die beiden oben aus dem Fenster winkten. Sie erinnerte sich wieder, wie gl├╝cklich Melli war und daran, dass sie Frank und Melli sp├Ąt Abends oft hatte ins Haus rufen m├╝ssen.
Hinter den n├Ąchsten T├╝ren fand sie weitere Erinnerungen, die ihr bewusst machten, wie sehr Frank sie und Melli geliebt hatte. Der Gedanke an Frank r├╝hrte sie sehr. "Lassen sie uns gehen", sagte der Mann leise und sie stiegen in den Fahrstuhl. Er dr├╝ckte den Knopf, auf dem "rauf" stand.

Wieder ├Âffnete sich die Fahrstuhlt├╝r. Auf dem Gang hier gab es aber nur drei T├╝ren.
"Sind sie bereit?", fragte er. Silke wischte sich die Tr├Ąnen ab und nickte. Hinter der ersten T├╝r sah sie den Gerichtssaal. Immer wieder suchte Frank ihren Blick, doch sie beachtete ihn nicht ein einziges Mal. "Wie traurig er doch ist," fl├╝sterte Silke und f├╝hlte einen Stich in ihrem Herzen. Sie sch├Ąmte sich sehr und trat auf den Gang hinaus.
"├ľffnen sie die n├Ąchste T├╝r selbst", sagte der alte Mann. "Aber nur, wenn sie es wirklich wollen." Silke ├Âffnete die T├╝r. Frank sa├č auf einem Sessel und hatte ein Foto in der Hand, das sie und Melli zeigte. Er schien ├╝beraus verzweifelt und weinte. Die Flasche Cognac vor ihm war schon halb leer. Dabei trank er doch so etwas sonst nie.
Silke h├Ątte ihm am liebsten etwas zugerufen, aber ihre Kehle war wie zugeschn├╝rt.
Eine T├╝r war nun noch ├╝brig und nach kurzem Z├Âgern ├Âffnete sie diese. Sie sah eine Frau im Regen auf einer Hochbr├╝cke stehen. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und ihre H├Ąnde umklammerten das Br├╝ckengel├Ąnder. Dann stieg sie auf die andere Seite. Silke's Herz raste wild, als sie n├Ąher an die Frau heran ging und sich selbst erkannte. "Nein!" schrie sie und lief auf die Frau zu. "Nein, tu das nicht!". In dem Moment verblasste das Bild und sie stand wieder auf dem Gang.
"Was, was passiert mit ihr?" fragte sie den Alten und der winkte sie in den Fahrstuhl.
Er hielt dort, wo sie eingestiegen war.
"Leben sie wohl", sagte der alte Mann und so geheimnisvoll er erschienen war, verschwand der Fahrstuhl wieder.

"Frank!" durchfuhr es sie. So schnell sie konnte, lief sie zum Parkplatz und fuhr zu Frank's Wohnung. Es d├Ąmmerte bereits und sie sah Licht bei ihm. Silke klingelte Sturm. "Frank", sagte sie leise, als er ├Âffnete. "Es tut mir so leid". Weinend fielen sie sich in die Arme. "Wir schaffen das, Silke" sagte er. "Wir beide, gemeinsam."





(danke an Flammarion in der Werkstatt)

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Sandra
Guest
Registriert: Not Yet

Ach Susanne,

es tut so weh beim Lesen. Ich schlucke gerade das dritte Mal, damit ich nicht anfange zu heulen. Du hast das wirklich sehr gut und sehr ergreifend geschrieben. Man merkt, dass du selber Kinder hast und ganz nebenbei, dass du eine gute Prosaschreiberin bist.

Ein bisschen Textarbeit:
Silke sah erschreckt auf ihre Armbanduhr und erschrak.
(Einmal erschrecken weglassen)

Die Szene, wenn der Wechsel vom Realen zur Fantasy kommt - also der Moment, als Silke an dem Baum lehnt und er anf├Ąngt zu vibrieren, w├╝rde ich mir ein bisschen mehr Erstaunen bei Silke, ob diesem Vorfall w├╝nschen. (Ist ja doch eher selten, dass so etwas passiert) Vielleicht, dass sie sich ein- zweimal fragt, wie denn so etwas m├Âglich ist, w├Ąhrend sie den alten Herrn be├Ąugt, der sie nach unten f├Ąhrt. Dann bin ich mir nicht so sicher, ob der Sprung von der Br├╝cke mich irritiert, weil sie sich ja eigentlich mit Tabletten umbringen wollte. Vielleicht kann sie sich ja dabei beobachten, wie sie gerade die Tabletten nimmt. (Ich stocher hier nicht gerne in deiner Geschichte rum, weil ich sie wirklich sehr gut finde, aber ich zwinge mich dazu, weil ich wei├č, dass du dar├╝ber gerne nachdenkst und die Geschichte eine Menge hergibt)

Ansonsten finde ich es einfach nur super.

Trotz zwei, drei Textstellchen, die vielleicht noch ein wenig abgerundet werden m├╝ssten, gebe ich dir eine 10, weil ich beim Lesen gemerkt habe, dass ich aus lauter Spannung immer schneller wurde, nur um zu wissen wie es weitergeht.
Das ist f├╝r mich ein Garant f├╝r eine wirklich gute Geschichte.


Sandra

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Stoffel
gesperrt
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Registriert: Jun 2002

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Welcome Home Sandra:)

sind die 4Wochen schon um? 3,oder?
He supi Du hast etwas Sand f├╝r mich einschmuggeln k├Ânnen?Eine Karte? He, Du Geizknochen, verteilst die pers├Ânlich an alle??
*lach*


Ok..also, ich habe diesen Teil, mit zweimal "erschreckt" und danach der, wo sie gar nicht erschreckt, umgemodelt.
Alles andre ist gleich geblieben. Die Szene mit der Br├╝cke nehme ich mir morgen vor.

Danke ganz herzlich, hab mich gefreut)
Auch Inu danke

Sch├Ânen Abend
lG
Sanne

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Aragorn
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Registriert: Jun 2004

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Servus Stoffel

Dein Text ging mir durch und durch...so beschloss ich Dir doch einmal zu schreiben um Dir zu sagen, dass ich einfach zu tiefst ber├╝hrt wurde durch Deine Worte....
Auch ich bin wie Sandra beim Lesen st├Ąndig schneller geworden, ich merkte so viel Gef├╝hl was Du diesen Zeilen gabst...
Hab Dank daf├╝r
LG Ara

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Stoffel
gesperrt
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Jun 2002

Werke: 468
Kommentare: 8220
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liebe Sandra,

die Tabletten sind Beruhigungstabletten, die sie vorher nehmen w├╝rde...bevor sie zur Br├╝cke geht.
Danke nochmals.

Danke Aragorn, f├╝rs lesen.

lG
Sanne

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heike von glockenklang
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Registriert: Jul 2002

Werke: 207
Kommentare: 2337
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sanne, die story ist vom inhalt, vom schreibstil so klar,kompakt und stimmig erz├Ąhlt das ich nur lobende worte finden kann.
heike
__________________
Wenn das Leben dir einen Kinnhaken gibt, k├╝hle dein Kinn und lass dich auf deinem Weg nicht beirren.
H Keuper-g /13.07.06

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