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Leselupe.de > Erotische Geschichten
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Eingestellt am 06. 04. 2011 11:37


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Arno Abendschön
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Bodo saß auf dem kleinen Bahnhof von U. fest, eine zweistündige Zwangspause. Er war allein im Wartesaal und sah sich um: die üblichen kalkweißen Wände, die einfachen grau lackierten Holzbänke, der stillgelegte Kanonenofen, die farbigen Plakate mit den Palmen und Gletschern. Draußen nieselte es. Womit das ausgeruhte Gehirn beschäftigen? Eine andere Reise kam ihm in den Sinn, er wusste nicht wie. Erinnere dich, wie du das letzte Mal in Frankfurt warst, sagte er sich, damals war dir alles um dich herum gleichgültig, und deine Gedanken waren bei einer noch viel weiter zurückliegenden Vergangenheit. Nicht dass diese frühere Zeit noch irgendeine Bedeutung für dich gehabt hätte … Doch gerade aufgrund ihrer Folgenlosigkeit eignete sie sich sehr gut für allerhand Phantastereien, dieses verdammte Spielen mit den versäumten Möglichkeiten von früher. Andererseits gibt es nichts Traurigeres als eine verwirklichte Möglichkeit. Überhaupt, verwirklicht oder nicht, das ist ganz gleich, verwirkt ist es doch immer … Von einem gewissen Alter an gleicht der Rückblick in die vergangene Zeit der Sicht in eine Flucht leerer Räume hinein. Die Türen stehen offen, der Blick findet keinen Halt, ausgeräumt ist, was gewesen, weil es jetzt so gut wie nie geschehen ist. Höchstens, dass wir (wenn wir guter Laune sind, was ich heute nicht bin, fügte er mit Ingrimm für sich selbst hinzu) diese Flucht leerer Räume mit den Produkten unserer Phantasie möblieren, dem, was nicht wirklich gewesen ist, aber vielleicht hätte sein können …


Es war schon einige Jahre her. Gleich am ersten Abend (Freitagabend, wenn er sich recht erinnerte), fuhr er zur Hauptwache. Auf der Zeil standen jetzt Hunderte von Bäumen, alle in schnurgeraden Reihen, jeder auf den Zentimeter genau an seinem Platz. Es war ebenso ansprechend wie eine Zahlenkolonne auf einem Kassenbon. Aber die Seitenstraße, die er erst suchen musste, führte krumm und gewunden ins Abseitige. Ohne viel Mühe fand er den Keller, den man ihm beschrieben hatte. Es verkehrten nur Männer dort, hauptsächlich uniformierte. Hier fand er gewissermaßen die Ordnung wieder, die er beim Abbiegen von der Zeil hinter sich gelassen hatte. Zutritt nur in Leder, allenfalls in Jeans. Man hielt sich dran.

Es hätte schon etwas geräumiger sein dürfen. Die Bar war schmal wie ein alter Straßenbahnwagen, nur fehlten oben die Haltegriffe. Der Laden war überfüllt, man schob sich aneinander vorbei, drückte gegeneinander und befolgte das einzige Gesetz der Metropolen: Zirkulieren, zirkulieren! Bodo sagte sich, er werde Stunden brauchen, um in die rechte Stimmung zu kommen – wenn bis dahin nicht schon Feierabend war.

Vorn am Tresen war etwas mehr Platz. Ein hübscher Junge saß allein da, die Barhocker links und rechts von ihm frei. Auch die Herumstehenden oder –gehenden hielten etwas Abstand. Das sah ja beinahe aus wie ein Cordon sanitaire. Zugegeben, die braune Wildlederjacke mit den Fransen fiel hier etwas aus dem Rahmen: sah wie ein Geschenk aus, vielleicht von lieben Verwandten. Aber er trug doch so gut wie die anderen seine schwarzen Beinkleider, die glänzenden, schimmernden. Ach so, das grüne Tuch, das türkisfarbene in der rechten Gesäßtasche – Bodo hatte nicht gewusst, das es so hübsche Stricher gab. Doch so dumm wird er nicht sein, hier Kunden zu suchen. Auch in Frankfurt muss es Bezirke geben, wo man nicht alles für Geld kaufen kann, kaufen will, wo man vor allem nicht daran erinnert werden möchte, dass man in dieser Stadt alles für Geld kaufen kann. Zugegeben, ein besonderer Anspruch, ein hoher Anspruch, und man ist bereit, für diesen Luxus zu zahlen, wenn nicht mit Geld, dann mit anderem, dem Vortäuschen guter Laune, dem Konsumieren von Drogen oder den Torturen im Sportstudio.

Der käufliche Junge saß brav da, schien etwas aufgeregt und gab sich Mühe, die Feindseligkeit um sich herum nicht durch unbedachte Aktionen zu verstärken. Bodo betrachtete ihn mit wachsendem Wohlgefallen. Eigentlich ist er mir etwas zu schlank, aber die schlaffe Haltung gefällt mir. Wenigstens einer hier, der keinen Sport treibt. Er wirkt so gepflegt und gut erzogen, als hätte er ein Schweizer Internat absolviert. Es gibt da unten am Genfer See so viele Pensionate, warum nicht auch eines für Strichjungen? Bodo, der sonst wie alle anderen hier Prostituierte mied, erwärmte sich immer mehr. Und selbst wenn etwas so Unappetitliches wie Geld zwischen uns eine Rolle spielen sollte – was kann man dagegen sagen? Eine reelle Geschichte: Nährt mich, kleidet mich, signalisiert er, und ich werde euch einen erfreulichen Anblick bieten.

Es kam nicht mehr dazu, dass Bodo sich ihm näherte. (Und wie er sich kannte, wäre das ohnehin unwahrscheinlich gewesen.) Ein anderer schob sich ziemlich dreist an ihm vorbei und in sein Gesichtsfeld hinein, verdeckte ihm wie mit Absicht den Stricher. Er warf einen sehr wachen und konzentrierten Blick auf Bodo und nahm infolge einer Vierteldrehung seines Körpers eine Stellung ein, die Bodo sein Halbprofil vorführte und es ihm selbst ermöglichte, Bodos Reaktionen auf das Richtfeuer seiner intensiven Blicke zu verfolgen. Er trug Chaps. Es steht ihm, dachte Bodo, das kann man nicht von allen sagen. Er hat einen guten Schneider, und sein kräftiger, etwas gedrungener Körper erleichtert es dem Schneider, gute Arbeit zu leisten und etwas gut Sitzendes zuzuschneiden. Bodo liebte die kräftigen, etwas gerundeten Formen, besonders bei Männern, die Ruhe und Solidität ausstrahlten. Er kam sich dann selbst knochiger, eckiger und ungelenker vor, als er in Wirklichkeit war, und in seine Bewunderung mischte sich ein wenig Neid. Solcher Art war die Faszination, der Bodo manchmal erlag - und, wer weiß, vielleicht lag ihr zutiefst nicht Sympathie zugrunde, sondern ein hilfloser Hass auf die Satten und Unempfindlichen, die es sich im Leben stets einzurichten wussten.

Ob er mich mehr als physisch anziehen könnte, fragte sich Bodo. Die Blicke des Fremden streiften ihn so regelmäßig wie das Blinkfeuer eines Leuchtturmes. Vergeblich bemühte sich Bodo, in seinen Gesichtszügen zu lesen. Da war alles glatt und selbstzufrieden. Ich werde mich bald entscheiden müssen, dachte Bodo, und seine Augen wichen den Blicken des anderen aus und glitten stattdessen über die eindeutige, schamlose Silhouette des Unterleibes. Erstaunlich, was die Ledermänner von heute aus dem primitiven Beinschutz der alten Kuhhirten gemacht hatten. Im Übrigen so gut wie ausgestorben, ritten diese Viehtreiber nur noch zum Nutzen einer Zigarettenmarke über Leinwände und Bildschirme; auch auf Riesenplakatwänden konnte man sie noch in der originalen Form sehen – nämlich die Chaps. Damit weniger Material verbraucht würde und vor allem wegen der leichteren Beweglichkeit sparte das harte Leder die vordere und auch die hintere Öffnung des Unterleibes aus, die ja beim Reiten ohnehin gedeckt und geschützt waren; hier genügten die von Levi Strauss produzierten Hosen. Die Kerle von heute jedoch ritten nicht, sondern standen in Bars herum und ließen sich begaffen. Der praktische lederne Beinschutz, nun viel enger zugeschnitten, wurde zum Reizmittel, und gerade die fetischfreien Zonen um das Becken herum waren jetzt das eigentlich Obszöne: Helle Flecke von ausgebleichtem Kattun wollten inmitten des düster glänzenden Materials der Lust den Weg weisen.

Übrigens führte die Entwicklung keineswegs nur vom Praktischen zum Spielerischen, es konnte auch umgekehrt verlaufen. Als Bodo vor Jahren seine ersten Erfahrungen mit Ledermännern machte, hatte ihm einer gesagt, diese Mode sei doch etwas ausgesprochen Praktisches. Dabei hatte er, den er nicht ins Bett bekam, gelächelt und Bodo sich seine Gedanken gemacht. Einige Wochen vor der Reise nach Frankfurt hörte er es wieder, jetzt von einem, der mit ihm geschlafen hatte. Es war am Morgen danach in Bodos Wohnung. Sie duschten nach dem Aufstehen, einer nach dem anderen, und zogen sich dann an. Der andere rollte zuletzt seine Chaps zusammen und stellte nüchtern fest, auf diese Weise sei man am Tag danach ganz unauffällig angezogen und könne unbesorgt auf die Straße gehen. In der Erinnerung daran musste Bodo nun seinerseits lächeln, was der Interessent ihm gegenüber missverstand, nämlich als Aufforderung, die letzten zwei Meter Distanz hinter sich zu bringen.





Er sagte: „Du hast Glück.“

„Inwiefern?“ Bodo unterdrückte sein Erstaunen.

„Ich war drei Monate in den Staaten. Das ist mein erster Ausgang hier seitdem. Großer Zufall, dass du gleich auf mich gestoßen bist.“

Es folgten die üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin. Sie sagten sich ihre Vornamen. Und während sich ihr Gespräch auf diese Weise an der Oberfläche bewegte, versuchten Verstand und Sinne, sich ein möglichst umfassendes erstes Bild vom Gegenüber zu verschaffen. Es war Bodo gleichgültig, ob Arthur drei Tage oder drei Wochen in Florida verbracht hatte, und Arthur interessierte sich nicht dafür, wie oft Bodo schon in Frankfurt gewesen war. Bei ihrem Austausch von Belanglosem belauerten sie einander und achteten genau auf Wortwahl, Tonfall und Körperhaltung und zogen daraus Schlüsse, die mit Miami oder Frankfurt gar nichts zu tun hatten.

Bodo sagte, er sei schon fünf Jahre nicht mehr drüben gewesen. Ob sich in dieser Zeit nicht doch viel verändert habe?

„Die Szene ist genauso tot wie hier“, gab Arthur Auskunft und verbesserte sich dann sofort, da Bodo die Stirn runzelte: „ – oder genau so lebendig. Im Übrigen spielt das für mich gar keine Rolle. Ich finde meinen Spaß immer, dafür sorge ich schon.“

Eben, sagte sich Bodo im Stillen, darüber lässt du einen nicht im Unklaren. Wie kann einer dermaßen von sich selbst überzeugt sein. Forciert, das ist es. Einfach widerlich. Du machst einen verheerenden Eindruck … Die Formen, die er sonst so liebte, der Rundschädel, die breiten Schultern, all das kam ihm hohl und aufgeblasen vor und reizte ihn jetzt nur noch. Er hat keine Spur einer Ahnung, wie unangenehm er mir ist. Dumm … Ich bin wohl immer noch zu freundlich. Er merkt es nicht … Bodo nahm sich vor, ihn zu verletzen. Die Gelegenheit kam bald. Sie sprachen noch nicht fünf Minuten miteinander, als Arthur zum Aufbruch drängen wollte:

„Gehen wir noch woandershin oder gleich zu mir nach Hause?“

„Ich habe nicht vor, hier so schnell wegzugehen. Mach du aber nur, wozu du Lust hast.“

Arthur, der Bodo im Gespräch immer näher gekommen war, prallte zurück. Ob es denn nicht schon klar sei, dass sie es probieren würden? Bodo sagte ihm mit Vergnügen, das Gegenteil sei klar. Er, Arthur, sei ihm nicht sehr sympathisch – eine Spur zu großspurig.

Arthur sagte kein Wort mehr, verließ ihn sofort und flüchtete sich in ein Gespräch mit Freunden, die er in der Nähe des Einganges entdeckt hatte.

Wenn neue Gäste hereinkamen und ins Innere der Bar drängten, geriet die Masse der Leiber in Bewegung. Dann kam es für Augenblicke vor, dass Bodo freie Sicht auf Arthur hatte, der ihm den Rücken zuwandte, die imposante Kehrseite mit der herausfordernden Aufmachung. Er hielt sich nun weniger straff. Bodo erkannte in der leicht gekrümmten Linie des Rückgrates und den jetzt etwas herabhängenden Schultern Anzeichen dafür, dass er ihn gedemütigt hatte. Aber das Gefühl der Befriedigung verflüchtigte sich bereits. Der da konnte einem ebenso gut Leid tun. Er starrte auf die großen Halbkreise der fast weißen Flächen des Baumwollstoffes: wie aus dem schwarzen Leder herausgestanzt, Symbol eines Vakuums, von Verletzungen oder von was auch immer. Zugleich wirkten die hellen Wölbungen in der Masse schwarz gekleideter Leiber als Blickfang und schienen sich für solide Genüsse zu verbürgen.

Bodo war berichtet worden, dass spezielle Betriebe das Auswaschen und Ausbleichen der neu produzierten Jeans besorgten. In riesigen Trommeln wurden die Blauen gewaschen, bis sich die Farbe so weit verflüchtigt hatte, wie es der Käufer wünschte. Der Konsument wollte ein ganz ausgelaugtes Blau, eine Farbe, die eher an das weiße, blau geäderte Fleisch muskulöser Körper erinnerte als an die ursprüngliche grobe Arbeitshose. Die Arbeit an den Maschinen war nicht ungefährlich. Gelegentlich kam es zu Unfällen. Die Türen öffneten sich spontan, prallten gegen die Gesichter der Arbeiter. Manch einer hatte schon einen Zahn verloren, einige ganze Zahnreihen eingebüßt. Das sah abscheulich aus, besser nicht daran denken.

Arthurs Freunde verließen ihren Standort und gingen quer durchs Lokal. Arthur schloss sich ihnen an und scherte dann aus, als ihre Prozession Bodo erreichte. Es war, als suche er ein Gegengift am Ort seiner Verwundung. Oder will er erneut verletzt werden? Er hatte das Imponiergehabe vollständig abgelegt.

„Entschuldige, wenn ich vorhin etwas überdreht war. Ich habe heute Abend etwas genommen.“

Bodo antwortete ihm: „Zu deinem eigenen Schaden.“

Arthur wollte wissen, ob die meisten Hamburger so direkt und kratzbürstig seien. Bodo zuckte bloß die Achseln, er wohne erst seit einigen Jahren dort; aufgewachsen sei er in der Nähe von Saarbrücken.

„Aber ich doch auch!“ Arthurs ganzer Körper dehnte sich, reckte sich, er lachte. „Wirklich? – Do kenne mir jo ganz annerschder meddenanner schwätze.“

Bodo sagte, er komme aus N. und sei schon mit achtzehn fortgezogen; den Dialekt habe er ganz verlernt. Arthur lebte bis vor fünf Jahren in Klarenthal. Das klare Tal, dachte Bodo, Ort der Reinheit und Sittenstrenge, falls es nicht Klaras Tal bedeutet. Arthurs chamäleonartiges Wesen zeigte sich erneut von neuer Seite. Er war jetzt harmlos aufgedreht, lachte und redete viel. Aus Rücksicht auf Bodo fiel er kein zweites Mal in den Dialekt zurück.

Nach einer Viertelstunde standen sie auf der Straße. Es wäre herzlos gewesen, nicht mit ihm zu gehen, sagte sich Bodo. Und dann sieht er ja wirklich gut aus. Aber er konnte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Arthur der Hochfahrende und Arthur der Demütige ihn weit mehr erregt hatten als Arthur der Landsmann.

Arthur wohnte drüben in Sachsenhausen. Sie versuchten, ein Taxi zu bekommen und gingen dabei immer weiter auf den Fluss zu. Als sie auf der Untermainbrücke standen, sagte Arthur, jetzt lohne es sich nicht mehr, sie hätten schon den halben Weg zurückgelegt.

Sie kamen gut voran. Er ließ den Klarenthaler reden. Arthur erzählte von seiner Schule in Saarbrücken, von einer Disco in Mannheim. Bodo hörte nur halb hin und hing eigenen Gedanken nach.

Das klare Tal? Da war er doch mal gewesen … Richtig, die zwei Wochen damals, die er bei den Eltern verlebt hatte, im Jahr nach dem Tod der Großmutter. Man kann da eigentlich keinen Urlaub machen … Und dann fuhr er eines Tages mit dem Bus nach Luisenthal, um von dort nach Klarenthal hinaufzugehen. Er war vorher nie in der Gegend gewesen. Unten am Fluss sah es ziemlich düster aus. Westwind drückte die schwefligen Wolken von der Röchlinghütte in das enge Tal hinein. Dann der Gestank von der Raffinerie. Und der von der Kokerei. Lärm von den Straßen, die hier gebündelt verliefen und die er überqueren musste, bevor er mit dem Aufstieg beginnen konnte. Eingeklemmt zwischen Fluss und Straßen und Eisenbahnen ab und zu eine verkommene Häuserzeile, die Häuser klein wie die von Fischern. Als ob es in der Jauche etwas zu fischen gäbe. Man kann da eigentlich nicht wohnen … Wie zerfallende Ritterburgen die Ruinen der Kohlengruben, mehr oder weniger versteckt im Grün der Laubwälder. Die Hügel waren ja grün, wenn es auch ein wie durch einen graugelben Filter gesehenes Grün war. Oben auf den Hügeln und zwischen den Kuppen fand er dann Haufen niedriger Häuser vor, hässliche Siedlungsklumpen, die Heime des unteren Mittelstandes. Er hatte Harros Adresse auswendig gelernt, aber keinen Stadtplan in der Tasche. Eine Zeitlang lief er suchend herum, verlor dann die Lust. Was willst du eigentlich hier, das führt doch zu nichts. Und er kehrte um, ohne das Haus gesehen zu haben.

Harro war ihm am Abend davor plötzlich in den Sinn gekommen. Das Radio lief, er hörte nur halb hin, auf einmal fiel der Name Herrensohr. Der Name des Ortes weckte sogleich eine Reihe längst eingeschlafener Erinnerungen zu neuem Leben. Harro aus Herrensohr – das war die Zeit auf der Oberschule, langsam dahinschleichende Jahre. Er saß von Untertertia bis Untersekunda genau hinter Bodo, und Bodo achtete kaum auf ihn. Er war ein hübscher, sanfter Junge, recht kräftig, doch zum Träumen geneigt, kein guter Schüler, kein guter Turner, eben nur ein Träumer. Seine vitalsten Äußerungen in diesem Alter waren ein gelegentliches phlegmatisches Grinsen oder ein samtenes ironisches Lachen. Nach Untersekunda wurde die Klasse aufgelöst, die Schüler wurden auf verschiedene Klassen aufgeteilt. Bodo verlor ihn aus den Augen. Mit achtzehn sah er ihn noch einmal bewusst wieder. Es war in der Sportstunde, seine Klasse nutzte die Halle zur gleichen Zeit. Er war für sein Alter schon recht schwer, dabei muskulös. Der Sportlehrer winkte resigniert ab, als er versuchte, seine Fleischmassen, die er mühelos hinaufgewuchtet hatte (so kräftig war er), oben auf der Reckstange im Gleichgewicht zu halten – das ging nun wirklich nicht. Bodo sah ihn in der folgenden Pause genauer an, als er es früher getan hatte. Harros Gesicht wies eine siebartige Oberfläche auf, Spuren einer überstandenen Akne. Das Gutmütig-Ironische im Ausdruck hatte sich mit den Jahren verstärkt. Die beigefarbene Cordhose saß knapp auf den breiten Schenkeln. Seinen Körper bewegte er ruckartig. Bodo fand ihn sympathisch, Harro schien ihn nicht zu bemerken – als ob er ohne Erinnerung an die gemeinsamen Jahre wäre. Er kam Bodo dann bald erneut und endgültig aus den Augen.

Fünf Jahre später – Bodo lebte längst woanders – war die Erinnerung an ihn plötzlich wieder da. Es war nur eine kurze Episode in der Vergangenheit. Harro war fünfzehn. Sie saßen nach der Pause schon auf den Plätzen. Die Stunde hatte noch nicht begonnen. Da legte Harro auf einmal die Arme um Bodos Schultern, sagte ihm eine dicke Schmeichelei und schnurrte sanft. Bodo war ratlos, mit dieser Zutraulichkeit konnte er nichts anfangen. In seiner späteren Krise sah er die Szene wieder und so lebendig wie beim ersten Mal vor sich. Er verliebte sich jetzt sogleich in den Harro von damals. Er dachte zwei Jahre viel an ihn und vergaß ihn dann erneut vollständig. Als er sehr viel später das Wort Herrensohr im Radio hörte, war alles wieder da: die Umarmung in Obertertia, die Sportstunde, die idiotische Sehnsucht später. Er griff zum Telefonbuch und glaubte nach einer Stunde Suchen, Harros jetzige Adresse in einem anderen Saarbrücker Vorort herausgefunden zu haben. Tags darauf fuhr er voller Erwartung hin. Erst das reale Klarenthal ernüchterte ihn so sehr, dass er einsah, wie unsinnig, ja lächerlich dieser Versuch einer Antwort nach fast zwanzig Jahren war.

„Bist du einmal in Herrensohr gewesen?“ unterbrach er Arthur, der eben von seinen Reisen nach England erzählen wollte.

„Ja, schon. Warum“

„Nur so. Ich habe es immer nur von der Bahn aus gesehen.“

Sie bogen in eine Seitenstraße ein, links und rechts geschlossene Zeilen von Miethäusern der letzten Jahrhundertwende; aus warmem rötlichem Sandstein der plastische Schmuck an den Fassaden: Löwenköpfe und Chimären. Sie betraten ein Haus, über dessen Eingang ein Medusenhaupt wachte. Bodo erschrak nicht, er hatte dergleichen schon oft gesehen.

Nur ungern ging er mit in fremde Wohnungen. Lieber waren ihm Hotelzimmer oder die eigene Wohnung. Die privaten Räume eines Sexpartners zeigten zu viele Details. Die Möbel, die Bilder, die Ordnung der Gegenstände, alles sprach zu einem und redete durcheinander. Er fühlte sich den aufdringlich inszenierten Eindrücken meist nicht gewachsen und viel zu sehr von jenem Körper abgelenkt, der ihn zunächst hauptsächlich interessierte.

Bei Arthur war es zum Glück anders. Die große Wohnung war sparsam möbliert, die weißen Wände zeigten kaum Bilder. Viel Metall, wenig Holz, ein kühles Gehäuse. Hier würde er sich ganz auf Arthurs Körper konzentrieren können.

„Hast du mein Tuch gesehen?“

Er hatte es nicht gesehen, verdammt, er hatte den kleinen roten Tuchstreifen über der rechten Gesäßtasche übersehen. Wie hatte ihm das passieren können, er achtete doch sonst darauf und ging den Liebhabern der Faust aus dem Weg.

„Ich hab nicht darauf geachtet. Und weißt du, manuell bin ich nicht sehr geschickt.“

„Und was bedeutet dir Leder?“

Bodo hasste diese Verhandlungen. Verdammt, man tat, wozu man Lust hatte. Wozu erst fragen. Für sein Gefühl zerstörten diese Anfragen den Reiz der Sache. Sex war unmittelbare Körpersprache, dem Wort weit überlegen. Sex brauchte keinen Dolmetscher.

„Leder? Ein ästhetischer Reiz?“

„Nur ein ästhetischer Reiz?“

„Nur hast du gesagt.“

Arthur gab sich masochistisch. Bodo schlug ihn. Er hatte sogar ein gewisses Vergnügen daran. Dennoch musste er sich sagen, dass er Arthur lieber schon vor einer Stunde gequält hätte. Jetzt war es nur noch eine halbe Sache. Arthurs harmlose Freude vorhin und seine eigenen Gedanken an Harro hatten ihm eigentlich den Spaß verdorben. Da er nicht wirklich bei der Sache war, sah er Arthurs Gesicht beim Akt allzu deutlich vor sich. Dieses Gesicht, sonst hübsch und glatt und im Ausdruck nur auf sich bezogen, veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit. Die bisherigen festen Züge schienen sich völlig aufzulösen. Es bildeten sich jedoch keine neuen wie sonst bei verändertem Seelenzustand. Die Züge zersetzten sich von innen heraus und bildeten atomisiert nur noch einen vibrierenden amorphen Brei. Es war hässlich und zur selben Zeit faszinierend.

Die Morgendämmerung zog herauf und war der Vorhang vor dieser Nacht der Inversion.

Sie erwachten gegen Mittag und standen gleich auf. Arthur erregte sich wegen kleiner Blutflecke auf der Bettwäsche. Er könne doch nicht jeden Tag die Betten neu beziehen, so arg hätten sie es also getrieben. Bodo hatte es anders im Gedächtnis.

Als sie noch frĂĽhstĂĽckten, fiel ein halbes Dutzend von Arthurs Freunden in die Wohnung ein. Sie schlugen eine Spazierfahrt in den Taunus vor. Ja, frische Luft wĂĽrde ihnen gut tun. Sie luden auch Bodo ein. Er sagte, er mĂĽsse auf jeden Fall erst ins Hotel, um sich umzuziehen.

Und so bin ich ins Hotel gefahren und habe keinen von ihnen jemals wieder gesehen …


„Es hat Einfahrt auf Gleis drei der verspätete Eilzug von München nach Würzburg, Abfahrt fünfzehn Uhr neununddreißig.“

Bodo ging mit den anderen Fahrgästen, die inzwischen eingetroffen waren, hinüber. Zum Glück regnete es nicht mehr. Er stieg ein und fragte sich dabei: Wie kam ich heute bloß auf Frankfurt?

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

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Hmm, seltsamer Text...

Beeindruckend perfekt in der Stilistik, seltsam unzugänglich in seiner umherschweifenden Struktur. Geht es um den Jungen am Tresen, um Arthur, den Ledermann mit dem roten Tuch, um Harro, den Mitschüler von einst? Um Frankfurt, ums Saarland? Warum muss der Text in einem Bahnhof in Bayern beginnen?

Klar wird uns, das ist alles lange her. Ob es je durchgehende Eilzüge von München nach Würzburg gegeben hat, wage ich zu bezweifeln, aber "Eilzüge" führt die DB sowieso schon lange keine mehr. Auch "Wartesäle" eigentlich nicht mehr. Auch Bahnhöfe eigentlich nicht mehr. Der des fränkischen U. müsste längst an privat verkauft sein. Und Stricher mit Lederfransenjacken? Muss die Zeit von Hubert Fichte gewesen sein.

Köstlich fand ich die Idee, in der Schweiz müsse es wohl auch Internate für angehende Stricher geben. Ja, wenn ich die Mittel hätte... Am Genfer See wollte ich leben, gerade im Frühling oder Herbst. Gerne einem Internat für hoffnungsvolle Stricher benachbart.


Unter "eine Nacht der Inversion" kann ich mir nichts vorstellen. Der entsprechende Satz kommt mir einigermaßen preziös vor, der Text sonst aber nicht.

Mir persönlich ging's auch immer so: Mich nervte, wenn vorher genau nachgefragt wurde, was später gemacht werden würde. Als würde sich Sex nicht spontan und als Zwiegespräch entwickeln. Wie soll man vorher wissen, was geschehen wird, wenn es das erste Mal ist mit diesem Partner? Aber ich kann's mitlerweile nachvollziehen. Gerade, wer so eine recht außergewöhnliche Vorliebe hat wie der mit dem Tuch, will eben, dass er einen findet, der das mit ihm macht, nicht einen, der Sex als Spielwiese für allerlei betrachtet.

Sex mit immer anderen Männern ist einem unheimlich wichtig für so viele Jahre im Leben. Später, wenn man zurückschaut, kann man sich an die konkreten Vollzüge gar nicht erinnern. Und auch an die meisten Männer nicht mehr. Vergangenes Leben ist wie das Leben von einem Fremden. Das macht wohl die Melancholie aus, die in dem Werk steckt.
__________________
14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit Aufklärung Verteidiger: Es ist genug.

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