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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hippodream
Eingestellt am 05. 01. 2008 14:25


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Haarkranz
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Hippodream

Urku ist ein zehnjĂ€hriger Fuchswallach, der ganze Stolz des SchweinezĂŒchters hinrich Dickopp. Jeden Tag trĂ€gt Urku den Dickopp auf seinem RĂŒcken, springt mit ihm ĂŒber nicht allzu hohe ZĂ€une und Hecken. Eines morgens jedoch geschieht es: Dickopp treibt Urku, eine Mauer zu ĂŒberspringen, die zu hoch fĂŒr Ross und Reiter ist. Nur Ă€ußerst knapp schafft Urku die Mauer, zwischen Hinterhand und Mauerkrone hĂ€tte kein Haar gepasst.
Auch Dickopp kriegte mit, wie haarscharf er einem gefĂ€hrlichem Sturz entgangen war. Urku freut sich, letztlich war die vermiedene Katastrophe seiner Geschicklichkeit zu verdanken. Er hoffte sein Herr wĂŒrde das auch so sehen, sollte sich aber getĂ€uscht haben.
Es mĂŒssen keine Worte sein. Worte bedeuten Urku wenig. Ein Schenkeldruck jedoch, ein sanfter Schlag mit der Hand auf den Hals, hĂ€tten genĂŒgt. Nichts dergleichen geschieht. Urku wird traurig, die GemĂŒtsverdĂŒsterung schlĂ€gt durch, auf jede Regung seines herrlichen, durchtrainierten Körpers. Es ist ihm, als ob sein Fell zu groß, sein Kopf zu schwer und sein Lauf aus der Symetrie geraten sei. Dickopp bemerkt es und beginnt sich schlecht zu benehmen. Als es ihm nicht gelingt, den Zossen munter zu machen, wie er das nennt, lĂ€sst er sein Reitgerte auf Urkus Kruppe tanzen.
Urku zieht durch, aus leichtem Trab fÀllt er in rasenden Galopp, Dickopp verliert die Kontrolle, klammert sich an Urku, nicht viel fehlte und er wÀr im Dreck gelandet.
Ein spĂ€terer Versuch die Herrschaft zurĂŒck zu gewinnen, lĂ€sst Urku kalt. Stur hĂ€lt er auf den Dickoppschen Hof und Stall zu.
Angekommen wirft Dickopp die ZĂŒgel einem Stallknecht zu, meckert wie eine wĂŒtende Ziege.
Ein Stallknecht nimmt Urku Zaumzeug und Sattel ab, reibt ihm den Schweiß aus dem Fell, pumpt kĂŒhles, klares Wasser in seine Trinkrinne, fĂŒllt die Raufe mit duftendem Heu. WĂ€hrend Urku Heu zwischen seinen krĂ€ftigen, gelben ZĂ€hnen zermalmt, putzt er im die Hufe und redet zĂ€rtlich auf ihn ein. Was der Stallknecht flĂŒstert, versteht Urku. Aus Dankbarkeit reibt er seinen großen Kopf, an dem kleinen Mann.
Das konnte aber nicht die KrÀnkung wettmachen, die er erfahren hatte. Dickopp hatte ihn schon einmal gepeitscht. Urku hat das nicht vergessen. Auch nicht die frischen Möhren die er bekam, als Dickopp ihn in der Box versorgte, quasi als Entschuldigung, waren registriert.
Doch dieser neuerliche Exzess schrie nach Rache, und Urku wusste was zu tun war.
An diesem Abend blieb er nicht wie sonst in der Box stehen, seine Stallgenossen zu beĂ€ugen, und das eine und andere zu besprechen. Er war das Ă€lteste Ross im Stall, genas höchsten Respekt, keines der jĂŒngeren Tiere hĂ€tte sich unterstanden ihm ins Wort zu fallen, unziemliche GerĂ€usche loszulassen, oder gar zu Ă€pfeln!
Doch all das interessierte Urku im Augenblick nicht. Er schob mit der Nase sein Stallstroh zusammen, bis er eine weiche Unterlage geformt, auf die er sich legte.
Dann dachte er nach, langsam und pferdlich. Es dauerte nicht lange, bis das Bild seiner Mutter und der Oma, durch seine Vorstellung trieb. Ihm ward warm ums Herz.
Die Oma, ein zierlicher Apfelschimmelstute, die kein leichtes Leben beschieden gewesen war, sucht seinen Blick. Als Urku sich ihrem Blick öffnet, dringt der mitten in sein Herz. Die Oma erkennt augenblicklich, was ihren Enkelsohn verdrießt.
Urku verspĂŒrt große Erleichterung, als er sieht wie Mutter und Tochter ihre Köpfe aneinanderreiben und tuscheln. Sie stehen nicht lange allein, aus allen Ecken der großen Koppel kommen Pferde gelaufen, neugierig zu erfahren, was es zu tuscheln gibt. Bald gibt ein Jedes das Seinige, an Erfahrung und fremdem Senf hinzu. Über der Weide hĂ€ngt, unĂŒberhörbar Pferdegeraun.
Selbst die KrĂ€hen und Möwen werden aufmerksam, ein MĂ€usebussardpĂ€rchen miaut wĂŒtend, weil es sich bei seiner Hochzeitsfeier gestört fĂŒhlt.
Urku macht die Anstrengung, sich dies alles vorzustellen mĂŒde, die Augen fallen ihm zu. Nichts Besseres hĂ€tte ihm geschehen können. Im Traum ist, was er sich so mĂŒhsam versucht vorzustellen, federleicht und um vieles lebendiger. Plötzlich sieht er die Reflexe des Sonnenlichts und ihre Schatten, auf den braunen, schwarzen und weißen Fellen der beratenden Pferde, ihr Getuschel und Geschnaub hört er, wie direkt vor seinem Ohr geflĂŒstert.
Karo ein Hengst, mit Urku ĂŒber drei Ecken verwandt, drĂ€ngt sich zwischen die Wallache und Stuten, schnaubt und keilt mit der Hinterhand, bis ihm mit Respekt zugehört wird.
„Alles papperlapapp, was ihr euch da zusammenschnaubt,“ wiehert er. „Hört was ich vorschlage: Gegen die Nackten, die nicht eimal ein Fell ihr eigen nennen, sind wir machtlos, die sind zu zahlreich. Schlagt sie mit ihren Waffen, dem Zauber!
Ja dem Zauber, schaut nicht so blöd! Ihr kennt alle den Keiler Stinker, seit Jahren entgeht der den JÀgern, wollt ihr wissen wie? Durch Zauber!
Stinker hat mir in einer schwachen Stunde anvertraut, wie schrecklich es seine Seele belaste, was mit seinen Verwandten in den StĂ€llen der Nackten geschieht. Er zerbreche sich Tag und Nacht den Kopf, seinen Zauber, der ihn fĂŒr die Nackten unsichtbar macht, auf die Stallschweine zu ĂŒbertragen.
Ich weiß nicht wie weit er gekommen ist, mit seiner ZauberverĂ€nderung, aber befragen sollten wir ihn. Wenn er erfĂ€hrt, Urku lebt auf einem Schweinehof, macht es den alten Herrn vielleicht munter, und ihm fĂ€llt was ein.“
Die Pferde nicken mit den Köpfen, die meisten kennen Stinker nur von Hörensagen, aber dass er unsichtbar oder kugelfest ist, hatten alle schon gehört. „Nu denn, Karo,“ nickt auch Urkus Oma, dem Hengst nicht ohne ein kleines Augenzwinkern zu. „Wennst meinst, der Stinker wĂ€r zu gebrauchen, warum nicht. Wie beide waren ja auch mal gut fĂŒr einander zu gebrauchen, erinnerst dich?“ wiehert sie, und steigt ein wenig auf der Hinterhand hoch. Karo nickt hoheitsvoll, „is all lang her, Schimmelchen, hab dich aber nie vergessen,“ nuschelt er.
Also wurde beschlossen, Karo solle Kontakt zu Stinker aufnehmen, dem vortragen was Dickopp sich Tieren gegenĂŒber rausnahm, um Rat bitten.
Karo nimmt den Auftrag an, bittet sich jedoch aus, nicht gedrĂ€ngt zu werden. Schließlich brauche er den Zufall, um auf Stinker zu stoßen, der habe ja keine feste Adresse. Was uns hilft ist der Mais, der steht jetzt im September hoch und wird nĂ€chsten Monat geerntet. Gut möglich, Stinker stattet dem in den nĂ€chsten NĂ€chten, mit seiner Rotte einen Besuch ab.
„Sehr gut möglich,“ mischt sich eine noch sehr junge Stute, mit glĂ€nzendem schwarzem Fell, die schon die ganze Zeit vor Karo die Mikymaus abgab, in das GesprĂ€ch.
„So, und wie das?“ der Karo.
„Meinem Herrn, haben die Sauen vorige Nacht, fast den ganzen Kartoffelacker umgepflĂŒgt und leergefressen, da gehen die sicher bald zum Mais, weil die Kartoffeln alle sind. Zu Diensten,“ flĂŒstert sie, knickst, und wirft Karo einen wimperklappernden Blick zu.
Karo blinzelt, tĂ€nzelt elegant, sollte er geantwortet haben, ging das im wĂŒtenden Wiehern der ganzen Herde unter. Die Schwarze guckt bestĂŒrzt, Karo stĂ¶ĂŸt sie weg. „Beruhigt euch, bitte beruhigt euch, wiehert er ein ĂŒber das andere mal. Sie ist noch jung, hat von nichts eine Ahnung! Bitte! Bitte!“
Langsam kehrt Ruhe ein, die Schwarze muss in die Mitte, nach allen Regeln der Kunst, werden ihr die Leviten gelesen. „Mein Herr!!! Ein Nackter ist kein Herr, kann nie ein Herr sein! Merk dir das, leb in Frieden mit ihm, geht nicht anders, aber denk nie Herr, geschweige nenn ihn so! Verstanden?“
„Verstanden,“ schnaubt die Schwarze kleinlaut, und trollt sich.
Auch die Anderen widmen sich wieder dem Grasen, und bald sind sie ĂŒber die Koppel verstreut.
Karo ist nicht zufrieden mit sich. Verdammt! Da hat dich wieder der Haber gestochen, Alter, geht er mit sich ins Gericht. Kannst es nicht lassen, sobald ein paar Weiber zusammenlaufen, musst du den großen Max machen! Jetzt find den Stinker, und quatsch den in die Sache rein. Was ist, der hat auch nur das Maul groß aufgerissen, mit seinem Zauber? Dann stehst da, du dummes Luder.
Bis dahin hat Urku wunderschön getrÀumt, doch jetzt wird er vor EnttÀuschung wach. Warum mischte Karo sich ein, wenn es ihm nicht ernst war?
„Weil er ein alter Angeber ist!“dröhnt eine grabestiefe Stimme aus dem Nirgendwo. Verschreckt trĂ€umt Urku flugs weiter. Was er jetzt erfĂ€hrt, machte ihn hibbelig wie nie.
Die Stimme gehört zu Stinker, der bereit ist, ein Komplott gegen Dickopp den Schinder, zu schmieden. Ich weiß was mit meinen Verwandten geschieht, kaum dass sie erwachsen sind, seufzt Stinker. Ich will es, wenigstens einem von den Meuchelmördern, eintrĂ€nken. Mehr wird nicht möglich sein, Urku. Die Nackten haben die Erde im Griff, mit allem was wĂ€chst, kreucht und fleucht. Aber einmal Rache nehmen, tĂ€te mir auf meine alten Tage verdammt gut.
Ich besitze den Zauber, von dem Karo sprach. Der funktioniert, hat mich und die Meinen, zigfach vor den Kugeln der Nackten bewahrt. Ich werde versuchen, den hier im Stall anzuwenden. Hab 200 Nichten und Neffen gezĂ€hlt, die in den nĂ€chsten Tagen abgemurkst werden sollen. Das Fatale ist, was soll danach werden? Die können nichts außer fressen und saufen, sind nur Fleisch, ohne jede Kondition. Im Wald ĂŒberleben die keine Woche.
Urku weiß dazu nichts zu sagen, außerdem hat er keine Ahnung wie Stinker den Zauber bei seinen Nichten und Neffen anzuwenden gedenkt. Aber Stinker spinnt seine Überlegungen weiter.
Keine Woche ist stark ĂŒbertrieben, die quicken schon nach einem Tag, ihrem Stall und Futter hinter her. Unsere VerbĂŒndeten sind das nicht, die sind, was ihre Zukunft angeht, völlig ahnungslos. Ihr Schicksal ist besiegelt, sonnenklar ist das. Musst ihre glĂ€nzenden Plauzen, nur mit Dickopps Augen sehen.
Leider wird mein Zauber sie töten, das heißt, sie werden verschwinden, weg sein! 200 Schweine a 100kg, das Kilo zu 1,50 werden sich nicht in Euros verwandeln. Der Dicke hat die Transporter bestellt, den Handel mit dem GroßhĂ€ndler klar gemacht, die nĂ€chsten 200 Schweine stehen bereit, in die leeren Koben einzurĂŒcken. Alles lĂ€uft wie geschmiert, und dann das!
Am nÀchsten Morgen rangiert der erste Transporter vor das Rolltor. 100 Tiere gehen da rein. Zwei Treiber kommen in den Stall, wollen das Tor öffnen, den Viechern Beine machen. Sie trauen ihren Ohren und Augen nicht, die Koben sind leer!
Sie stĂŒrzen auf den Hof, Dickopp steht da, quatscht mir dem Fahrer.
„Chef! Chef!“ brĂŒllen sie, die Schweine! Die Schweine sind weg! Alle futschikato!
Dickopp begreift nicht. „Wat?“ brummt er. „Willst mich auf’n Arm nehmen?“
Geht in den Stall, guckt, greift hinter sich, sucht halt, die Knie knicken ihm ein.
„Wat soll dat?“ stöhnt er. „Herr im Himmel, wat hab ich verbrochen?“
Aber es kommt keine ErklÀrung, nicht vom Himmel, noch von sonst wo.
Dickopp trottet zurĂŒck auf den Hof, der Fahrer hat schon kapiert und lĂ€chelt falsch. „Wat is Chef?“ fragt er.
Dickopp japst, ringt nach Luft, hyperventiliert, gestikuliert. Der Fahrer steht da und grinst. Einer der Treiber sagt: „Der Chef meint, du sollst abhauen!“
Der Fahrer nickt; „Hab verstanden, aber wat is mit Knete? Dem Dickopp sind die Biester abgehauen, nich mir.“ Der zweite Fahrer hat mittlerweile auch kapiert was anliegt, unterstĂŒtzt seinen Kollegen: „Ohne Moos nix los!“
Dickopp taumelt, der Treiber neben ihm will ihn auffangen, kann ihn nicht halten. Dickopp stĂŒrzt, wĂ€lzt sich am Boden, die Hose platzt ĂŒber dem Arsch, seine Jacke reißt auf, er quitscht laut, will hoch, schafft das halb, kann sich nicht halten, fĂ€llt zurĂŒck auf vier Beine, rennt grunzend und quickend in den Stall, die Fetzen von Hose und Jacke hinter sich herschleifend.
Treiber und Fahrer stehen, zu SalzsĂ€ulen erstarrt. Eine Stimme vom Wohnhaus: „Hinrich, bist bald fertig?“ erweckt sie zum Leben. Wie der Blitz stĂŒrzen sie in ihre Laster, lassen die Motoren an. Ein Treiber schreit: „Nimm mich mit!“ Der Zweite: „Mich auch!“ TĂŒren werden geknallt, die Motore heulen auf, ab geht es, nur weg von diesem Gespensterhof.
Urku reckt sich auf seiner StrohschĂŒtte, er ist wach, macht aber die Augen nicht auf, zu schön ist der Traum, der ihm diese Nacht versĂŒĂŸt hat.

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