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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hitze in der Stadt
Eingestellt am 08. 05. 2016 01:54


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Isegrims
Wird mal Schriftsteller
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Der Sommertag brennt. Dunst liegt ĂŒber der Stadt. Menschen fließen ĂŒber die Zeil. Am Rande der Straße, unter einem mĂŒden Baum mit verblichenen BlĂ€ttern sitze ich auf einer Bank und beobachte die Menschen. Ich sehe starre, gierige Augen. Frauen, die ihre Haut zur Schau stellen. MĂ€nner, die ihre Frauen prĂ€sentieren. UngeschĂŒtzte Schönheit. Dazwischen meine BrĂŒder, als Bettler verkleidet, gebĂŒckt im Dreck. Jeder geht an dem anderen vorbei und reiht sich ein in das Wogen der Masse.
Meine Augen sind klar und mein Herz fĂŒlle ich mit Liebe. Ich bin berufen, das Licht in die Welt zu bringen und werde sie zwingen, die Augen zu öffnen. Das Blut wird leuchten und die Jagenden, die Suchenden, werden die PlastiktĂŒten mit ihren EinkĂ€ufen vergessen. Ich helfe ihren Seelen und sie werden schmerzhaft ihre Augen öffnen.

Kichernd gehen junge Frauen an mir vorbei, kaum jĂŒnger als ich. Sie erkennen und beachten mich nicht, obwohl ich auf den Ansatz ihrer BrĂŒste schaue und ihre schwellenden Hintern in den engen Hosen oder Röcken entdecke. Sie sind fröhlich, leicht wie Vögel und ich wĂŒnsche mir, ihre Haut zu berĂŒhren. Haut wie Milch, die schmeckt wie Honig. Hinter ihnen junge MĂ€nner, Knaben eher, sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie lachen, zeigen ihre Muskeln, recken ihre Brustkörbe und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Mit Stolz tragen sie dieselben Turnschuhe, nach denen ich mich sehnte. Markenschuhe, auf die ich sparte, fĂŒr die ich meine Eltern anbettelte, bis ich die 200€ in den HĂ€nden hielt, die ich brauchte. Ich erinnere mich wie neu und makellos sie rochen, wie unbefleckt sie waren. Ich dachte, dass jeder sehen mĂŒsste, welche Schuhe ich trage, dass alle, an denen ich vorbeigehe, mich und meine Schuhe bewunderten. Ich tĂ€uschte mich. Gestern habe ich meine ĂŒberzĂ€hligen Kleider und Schuhe den BedĂŒrftigen der Gemeinde gespendet. Ich brauche sie nicht mehr. Ich habe mich entschieden.

WĂ€hrend ich hier sitze, gehen Hunderte an mir vorbei und sehen mich nicht. Die Sonne brennt auf den Asphalt. Die Erde darunter wĂŒnscht sich, befreit zu werden. Im Brennglas meiner Gedanken schwitze ich nicht. Ich bete fĂŒr die Menschen, die an mir vorbei wandern. Ich bin vorbereitet und mache die Sonne heller, weil ich wie ein Blitz bin, der aufzuckt und den Tag erhellt. Eins muss mir noch gelingen: das Mitleid besiegen, hart sein, den Schmerz ertragen und mich im Licht zeigen. Heute will ich meinen Mut testen und mich vorbereiten auf das GrĂ¶ĂŸere, das kommen wird. Nur ein Versuch. In meiner Tasche habe ich eine WollmĂŒtze mit ausgeschnittenen Löchern fĂŒr die Augen. Und den Brandsatz nach einer Anleitung aus den FlĂŒssigkeiten gemixt, die ich mir besorgt habe.

Ich lasse mich in die Menge gleiten, biege ab in Richtung Paulskirche und Römer. Als ich in der Schule war, besuchten wir die Paulskirche. Lehrergerede ĂŒber Freiheitskampf. Nichts hat sich geĂ€ndert. Was ist das fĂŒr eine Freiheit kommen, solange es erlaubt ist, Geld zu scheffeln, andere mit den Mitteln des Rechts zu betrĂŒgen und sich dabei wohl zu fĂŒhlen?

An eine Wand gelehnt, sehe ich eine junge Frau. Sie trĂ€gt Jeans und einen zerschlissenen Pullover und um den Hals ein Pappschild. Darauf steht: „Ich bin alleinerziehend und arm, bitte helfen Sie mir.“ Vor sich hat sie eine Plastikschale auf den Asphalt gestellt. MĂŒnzen darin, CentbetrĂ€ge, mehr nicht. Schnell und ohne sie zu beachten, gehen Leute mit gefĂŒllten Beuteln an ihr vorbei. Die Frau gefĂ€llt mir mit ihrer weißen Haut. Wenn sie nur aufstĂŒnde und ihren Körper aufrichtete, um ihn den Menschen entgegen zu strecken, die sie ĂŒbersehen, die Augen vor ihr verschließen, sich wegdrehen. FrĂŒher hĂ€tte ich das genauso gemacht, weggeschaut. Meine Schritte werden langsamer, ich beuge mich zu ihr herab, hole mein Portemonnaie aus der Hosentasche. Ich schĂŒtte alle MĂŒnzen, die sich darin befinden, in das Tellerchen und den 50€-Schein lege ich obendrauf. Sie schaut hoch zu mir, zu dem Mann mit dem schwarzen Bart und den dunklen Augen und ich erkenne wie hell und durchscheinend ihre Augen sind. Ein vorsichtiges, verkniffenes LĂ€cheln. FĂŒr einige Augenblicke halten sich unsere Blicke.

„Danke.“
„Ich freue mich, dir zu helfen, Schwester.“
Ein stiller Blick von ihr, verwundert, Ă€ngstlich. Hastig richte ich mich auf und gehe weiter. Kein Blick zurĂŒck. Ich fĂŒhle mich leicht. FĂŒr einen Moment ĂŒberlege ich mir, ob die Frau eine Ganovin ist, die sich verkleidet und abends in ihrer komfortablen Wohnung ihre Tageseinnahmen zĂ€hlt. Ich unterdrĂŒcke den Gedanken, besser ist es, zu glauben und zu hoffen.

Mein SchĂ€del brennt. Ich bin wenige Schritte vom Römerplatz entfernt. Ich mag diese HĂ€user, die aussehen, als stĂŒnden sie jahrhundertelang hier und kĂ€men aus einer alten Welt, die ehrlicher war. Vor der Fassade des Rathauses bleibe ich stehen, mitten unter Touristen aus Asien. Mein Blick wandert hin und her, um die Menschen zu spĂŒren, die sich gegenseitig fotografieren und anlachen. Eine ganze Gruppe in der lĂ€ndlichen Kleidung ihrer Heimat geht an mir vorbei. Sie sehen nach Indern aus. Die Frauen tragen lange, bunte Kleider, in Farben, die hier keiner tragen wĂŒrde, warme Töne, orange, ein helles Blau.
Der Anblick der Farben erinnert mich an einen Sommertag auf dem Land, an eine Sommerwiese mit vielfarbigen Blumen, an die Frau, die ich dort gekĂŒsst und begehrt habe, an ihre Haut, ihre Lippen, die sich geöffnet haben, an sie, die sich geöffnet hat. Unsere KĂŒsse fĂŒllten unsere MĂŒnder aus und wir vergaßen, was um uns war. Erst als wir die Augen wieder aufmachten, bemerkten wir, wie schön das Meer der Blumen war. Vollendeter war kein Sommertag. Heute ist ein Tag wie damals. Ich habe genug gewartet und gehe zurĂŒck zur Einkaufsstraße, weg von den idyllischen HĂ€usern des historischen Zentrums. Als ich an die Stelle komme, wo die Bettlerin sitzt, wende ich meinen Blick ab, um sie nicht anschauen zu mĂŒssen.
Ich will mich auf meine Aufgabe konzentrieren und denke an diejenigen, die mir die Augen geöffnet haben, höre die wohlklingende Stimme von Anton in mir, der mir erklĂ€rte, dass Satan die Welt beherrsche und wie schön diese Welt wĂ€re, wenn sie gereinigt sei. Wir Kinder des Lichtes atmeten anschließend freier und die Angst verschwĂ€nde, das Gift fĂŒr die Seelen. Nachdem er von Satan gesprochen hatte, begann ich, die Gesichter des Teufels auf den Straßen zu suchen und fand sie in den Blicken meiner Eltern, die aufblitzenden Augen, wenn sie davon sprachen, was sie unbedingt haben wollten, sei es ein Auto oder Schmuck. Der Satan war im Blick meines Vaters, der eines Abends sagte, er gehe mit Freunden etwas trinken, obwohl er mit einer anderen Frau ins Restaurant ging. Er saß da und lĂ€chelte die Fremde an, wĂ€hrend meine Mutter ihm zu Hause die WĂ€sche bĂŒgelte. Ich lief schnell an ihm vorbei. FĂŒr alle sichtbar hatte er einen Platz am Fenster gewĂ€hlt. Die Frau mit ihren dunklen Haaren und dem harten Gesicht war nicht besonders hĂŒbsch. Mein Vater lachte und gestikulierte dennoch mit ihr. Am nĂ€chsten Tag war ich bei Anton und habe ihm von meinem Vater erzĂ€hlt. Er hat mich an das Lachen Satans erinnert. Wir mĂŒssen die Welt reinigen, dem Satan entgegen treten. Ich hab verstanden, was Anton meint und werde handeln. Heute ist der richtige Tag.

Langsam nĂ€here ich mich meinem Ziel, der geschĂ€ftigen Kleinmarkthalle. Wo man GemĂŒse, Obst, Fleisch und Fisch kaufen kann, die angefĂŒllt ist mit GerĂŒchen. Bei meinem letzten Besuch holte ich mir ein französisches MaishĂŒhnchen und Fisch, der ein Tag zuvor glĂŒcklich im Ozean schwamm. An diesem frĂŒhen Nachmittag wird es nicht voll sein in der Halle. Mein Plan ist einfach: eine unbelebte Stelle auf der Empore suchen, meine Tasche platzieren und den ZĂŒnder entsichern. Wenn das erledigt ist, bleiben mir zehn Minuten, um die Halle zu verlassen.
Als ich reingehe, genieße ich den kĂŒhlen Luftzug der Klimaanlage nach der Hitze draußen. Ich rieche ein Gemisch aus KrĂ€utern und sĂŒĂŸem Obst, wĂ€hrend ich an den ersten StĂ€nden vorbei gehe und das aufgetĂŒrmte Obst betrachte. Die Erdbeeren sind rot und glĂ€nzend als wĂ€ren sie poliert. Ich stelle mir vor, Erdbeeren mit Sahne zu vermischen und mir in den Mund zu stopfen. Oder sie gleich ungewaschen zu vertilgen, wie ich es als Kind auf dem Feld gemacht habe. Frauen und MĂ€nner in grĂŒnen SchĂŒrzen stehen hinter den StĂ€nden. Ich beobachte eine kleine, alte Frau mit weißen Haaren und unsicherem, hinkendem Gang. FĂŒr einen Moment schaut sie mir direkt in die Augen und lĂ€chelt, hĂ€uft Äpfel auf und stapelt die FrĂŒchte. Wenige Leute kommen mir entgegen. Wie ich es erwartet habe. Ich bleibe entschlossen und konzentriert. Ich muss nicht ĂŒberlegen, jede Einzelheit ist durchdacht. Eine Treppe fĂŒhrt mitten in der Halle zur Empore. Dorthin fĂŒhrt mein Weg. Hochgehen, die Tasche ohne Zögern abstellen und die Halle verlassen. Oben auf der Empore angelangt, schaue ich mir die StĂ€nde mit Fisch und Kaviar an. Kaum was los, die VerkĂ€ufer schauen gelangweilt ins Leere. Die Köstlichkeiten sind teuer, der Lohn eines ganzen Tages fĂŒr das Prekariat. An einer Stelle finde ich eine LĂŒcke zwischen aufgestapelten Kisten und Eimern. Die anderen PlĂ€tze sind unbrauchbar, weil dort ĂŒberhaupt nichts steht und ein herumstehender Gegenstand auffiele. Ich beschließe die Tasche in die oberste der gestapelten Kisten zu legen. Die ausgewĂ€hlte LĂŒcke zwischen den StĂ€nden befindet sich vor einem der letzten Fischbuden. Langsam nĂ€here ich mich, vorsichtig schaue ich mich um, ob jemand sich hinter mir befindet. Eine Frau und ein Mann ĂŒberholen mich. Ein junges PĂ€rchen, das sich an den HĂ€nden hĂ€lt, in bestĂ€ndigem Austausch von Worten, Gesten und BerĂŒhrungen. Sie sind vor mir und stehen an einem Fischstand. Vielleicht feiern sie das JubilĂ€um ihres Kennenlernens. Sie sollten sich mit ihrem Einkauf beeilen.

Es riecht nach Fisch und Meer. Feuer wird den Geruch vertreiben. Hinter mir befindet sich eine Ă€ltere Frau, die sich ziellos umschaut. Ich bemerke sie, als ich nur noch wenige Meter von der LĂŒcke mit den Kisten entfernt bin und mich an die Balustrade lehne, um auf den Moment zu warten, die Tasche abzustellen. Ich fĂŒhle mich unbeobachtet. Wenn ich fliehen muss, werde ich die MĂŒtze ĂŒberziehen, die ich mir zurechtgeschnitten habe. Meine Kleidung ist unauffĂ€llig. Jeans, schwarzes T-Shirt ohne Aufdruck. Mein Blick wandert von der Balustrade ĂŒber die StĂ€nde im Erdgeschoss. Menschen. Manche mit gefĂŒllten TĂŒten voller Obst und GemĂŒse. Andere schlendern ziellos und genießen die KĂŒhle der Halle.

Ich bin entspannt, hellwach und absolut konzentriert. Was werden die Leute machen, wie werden sie sich bewegen, sobald sie den Brandsatz bemerken? Panik? Das Paket sieht wie ein sehr großer Kaugummi aus und wird ein Loch in den Boden reißen, wahrscheinlich die Balustrade beschĂ€digen. Die Fische werden in der Luft tanzen und das GemĂŒse wird fliegen.

An die Menschen darf ich nicht denken, das Ziel zĂ€hlt. Der Moment ist gekommen. Mit festen Schritten, ohne mich zu beeilen, gehe ich zu der LĂŒcke zwischen den StĂ€nden und lege die Tasche in die oberste Kiste, die dort stehem, als wĂ€re sie mir zu schwer, als wollte ich sie nach meinen EinkĂ€ufen wieder abholen. Ich wende mich ab und gehe mit aller Gelassenheit, die ich aufbringen kann, zur Treppe, bleibe kurz stehen und hole das Handy mit dem installierten ZeitzĂŒnder aus der Tasche. Ich brauche nur ein Signal senden und die Bombe ist aktiviert, programmiert von BrĂŒdern. Das Handy habe ich von Anton. Ich drĂŒcke hastig auf den Knopf und sende das Signal.
Mir bleiben zehn Minuten. Bis dahin will ich auf der Zeil sein und mich in der Menge auflösen. Aus der Ferne werde ich Sirenen hören, Blaulicht sehen, den Knall der Bombe hören, Unruhe wird sich in der Stadt ausbreiten und ich werde weitergehen, einfach weitergehen. Ich bin kein MĂ€rtyrer und will nicht sterben, obwohl ich keine Angst vor dem Tod habe. Solange ich lebe, kann ich grĂ¶ĂŸere Aufgaben ĂŒbernehmen, die Welt verĂ€ndern. Es geht ohnehin nicht um mich, es geht um WĂŒrde und ein Leben im Einklang mit Gott. Es geht um Wahrheit in einer Welt, die von Geld und falscher Propaganda beherrscht wird. Sie lĂŒgen, wenn sie sagen, wir seien dumm, fanatisch und verblendet. Wir sind das Licht. Die Propheten - unter ihnen Jesus - sprachen vom Licht Gottes. Die Wahrheit muss durch die Dunkelheit hindurch sichtbar werden.

Schnell die Treppe hinab, ohne dass es nach einer Flucht aussieht. Einer, der es eilig hat. Dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe. An einem der StĂ€nde mit Blumen, nicht weit vom Ausgang, stehen Muriel und Hicham, meine Tante und mein Onkel. Sie riechen an Blumen und kichern wie Kinder. Ich muss eine Entscheidung treffen. Entweder gehe ich an ihnen vorbei, als hĂ€tte ich sie nicht gesehen und sie bleiben hier, wenn das Feuer und das Chaos ausbricht, oder ich versuche sie so schnell es geht, nach draußen zu locken. Meine Tante backt die besten Kuchen der Welt. Sie lieben Kinder, obwohl sie keine eigenen haben. Sie streiten nie, lĂ€cheln immer und sind wunderbar. Als Kind habe ich sie oft gesehen, in den vergangenen Jahren selten. Ich bin erwachsen und halte mich von der Familie fern. Ausgerechnet jetzt sehe ich sie hier, heute, in dieser Stunde. Die Zeit verrinnt. Ich muss sie ansprechen und wegbringen. Als ich bei ihnen ankomme, bemerken sie mich anfangs nicht. Dann wendet meine Tante ihren Kopf und sieht mich. Ihr Lachen zieht sich ĂŒber das ganze Gesicht.

„Asik, Junge, bist du das wirklich? Wir haben dich lange nicht gesehen,“ sagt sie. Schulterklopfen und eine stumme Umarmung meines Onkels folgen. Ich versuche ruhig zu bleiben. Minuten verrinnen.
„Kommt ihr mit mir nach draußen? Ich habe es eilig, draußen könnte ich noch eine Zigarette mit euch rauchen.“
„Du musst wirklich gleich los?“
„Lasst uns raus gehen, da können wir besser reden.“
„Ja, gleich. Du siehst gut aus“, sagt mein Onkel.

Der Onkel ist ein stĂ€mmiger, kleiner Mann. Wir gehen zusammen los. Es sind nur wenige Schritte bis zum Ausgang. Die beiden sind langsam und betrachten mich immer wieder. Wir kommen an dem Stand mit den RindswĂŒrsten vorbei, vor dem eine lange Schlange Menschen ein heißes StĂŒck Wurst ergattern will. Die TĂŒr öffnet sich automatisch und die gleißende Helligkeit blendet uns, Hitze schlĂ€gt uns entgegen, stĂ€rker und spĂŒrbarer als vor dem Betreten der Halle. Ein paar Schritte vom Eingang entfernt, bleiben wir an einer Stelle stehen, die Schatten bietet. Meine Tante hat sich bei mir eingehakt und sich auf dem Weg an mich gedrĂŒckt.
Gleich wird es losgehen. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Ich zĂŒnde mir die Zigarette an, meine Tante fragt mich, wie es mit dem Studium lĂ€uft. Da hören wir den Knall. Eine Scheibe zerbricht ĂŒber der Stelle, an der wir stehen. Rauch spuckt heraus, grauer, dunkler Rauch. Meine Ohren dröhnen. Schrecken bricht aus. Tante Muriel zittert, klammert sich an mich und den Onkel. Menschen rennen schreiend aus der Halle. Onkel Hicham schaut mich an, fragend, mit starren Augen. Er nimmt seine Frau an der Hand und drĂ€ngt von der Halle weg. Dicht hinter ihnen folge ich. Meine Kehle schnĂŒrt sich zu. Angst. Beschleunigung. Alles wird schneller. Die Ruhe des Sommertags ist vorbei, wie ich es wollte, genau wie ich es wollte.

Immer mehr Menschen drĂ€ngen aus der Halle. Wie ein Sturm. Sie treiben in alle Richtungen, weg von der Halle. Meine Zigarette ist lĂ€ngst auf den Boden gefallen. Wir gehen weiter, schneller. Ich weiß, dass ich mich verabschieden muss, obwohl ich Tante und Onkel nicht allein lassen will, auf deren Gesichtern Furcht das LĂ€cheln gelöscht hat.

Eine zweite Explosion. Schreie. Leute, die an uns an uns vorbei rennen. In der NĂ€he höre ich Martinshörner. Ich drehe mich um und blicke zum Eingang der Halle zurĂŒck. Rauch. Verletzte. Einige wanken, werden gestĂŒtzt. Genau kann ich es nicht sehen. Ich muss weg. Auf der Straße liegen herausgeschleuderte GegenstĂ€nde, Fische darunter, neben BruchstĂŒcken von Plastik und Holz. Die Bombe muss eine viel stĂ€rkere Wirkung entfaltet haben, als ich es vermutet habe. Ich bereue nichts, ĂŒberhaupt nichts bereue ich. Die Fische flogen in den Himmel empor und liegen jetzt auf dem Asphalt, mit glĂ€nzendgrauen Schuppen, glitschigem Leib. Mein Werk gefĂ€llt mir, die Schreie gefallen mir.

Ich höre die leise Stimme Onkel Hichams: „Wir gehen weg von hier, mein Junge.“ Er sagt es ins Nichts. Ohne noch auf mich zu warten, nimmt er die Hand meiner Tante und geht los. Langsam und energisch. Er achtet nicht darauf, ob ich mitkomme. Mag sein, dass er mich vergessen hat. Ich bleibe dicht hinter ihnen. Wir begegnen Menschen, die vom Geschehen weg eilen, anderen, die sich hin drĂ€ngen. Mein Onkel wird schneller. Wie von alleine gehe ich, als wĂ€ren die Beine nicht mehr Teil von mir, wie in einem Traum. Der Platz vor dem Römer ist leergefegt.

„Wer mag das angerichtet haben? In der Halle war es so friedlich“, sagte Tante Muriel.
„Die Welt ist grausam. Hauptsache euch ist nichts passiert.“
Es klingt wie eine LĂŒge. Ich muss gehen, weg von ihnen, weg von dem Rauch, der hinter mir aufsteigt. Ich suche nach der Stelle, wo die junge Bettlerin war. Sie ist verschwunden.
Ich umarme Tante und Onkel und verabschiede mich. Auf meiner Wange bleibt eine TrĂ€ne von Tante Muriel zurĂŒck.
„Ich muss gehen.“
Mein Blick geht nicht zurĂŒck.

__________________
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aligaga
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Sorry,

aber bei Geschwurbel wie diesem kommt nicht die Betroffenheit auf, die sich der Autor wohl gewĂŒnscht hat, als er sich an sein Schreibpult kauerte, sondern man fragt, sich, was ihn wohl dazu gebracht hat, uns mit einem narzisstischen Monolog wie diesem zu "beglĂŒcken".

Es wird uns - mit diversen, platten VersatzstĂŒckerln aus "arabischer LĂŒhrik" und Gottesgeschwafel verziert - ein feiger AttentĂ€ter vorgestellt, der einen auf "seht her, nur ich verstehe die Welt" macht und der doch glatt seine Verwandten und irgendein Frauenzimmer, das ihn an das eine erinnert, das sich je mit ihm eingelassen hat, vor seiner Tat gerettet sehen möchte.

Was fĂŒr ein Schmarren!

Wer es fertigbringt, einen Markt voller Menschen in die Luft zu sprengen, denkt gar nichts, sondern ist ein Irrer, in dessen Hirn etwas herumschwappt, fĂŒr das "Scheiße" ein noch viel zu freundliches Wort ist. Ihm den Quark anzudichten, in dem der Autor hier herumrĂŒhrt, hat nichts mit Literatur zu tun, sondern ist allerunterste Stufe gedankenlosen, dĂŒmmlichen Betroffenheitskitsches.

Gewaltverherrlichender und Gewalt rechtfertigender Dreck wie dieser hat in einem Literaturforum nichts verloren. Weg mit ihm, bevor er uns insgesamt die Luft hier verpestet!

@Ali gibt normalerweise keine "Noten". Aber hier sieht er die Pflicht, auf die "grauenvoll"-Taste zu drĂŒcken.

aligaga

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Isegrims
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oha: was fĂŒr eine Reaktion @aligaga

sie zeigt mir, dass der Text gerade das ist, was du so vehement verneinst, nÀmlich Literatur.
DĂŒmmlich wĂ€re es - um in deinen Worten zu bleiben - glaubte man all diese AttentĂ€ter, Hitler, Stalins, Kim-Yongs seien Monster. So zu denken, bleibt an der OberflĂ€che.

beste GrĂŒĂŸe
Isegrims
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DocSchneider
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Es ist die literarische Freiheit, sich in einen AttentĂ€ter hineinversetzen zu dĂŒrfen und darĂŒber zu schreiben. Das Einzige, was mir missfĂ€llt, ist die Tatsache, dass sich der TĂ€ter nicht selbst in die Luft sprengt. Nach seinen inneren GesprĂ€chen wĂ€re das fĂŒr mich logischer gewesen.

LG
DS
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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aligaga
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Hier versucht jemand, einen feigen Mörder als sympathischen, empathischen, von "vernĂŒnftigen" GrĂŒnden geleiteten Menschen zu zeichnen, der voller MitgefĂŒhl auf's Knöpfchen drĂŒckt, und bemĂŒht dazu den Begriff "Literatur".

DĂŒmmer geht's nĂŒmmer. Als nĂ€chstes wird wohl gedichtet, wie "anstĂ€ndig" jene dachten, die in Kaunas die jĂŒdische Bevölkerung viehisch mit KnĂŒppeln totgeschlagen haben?

Du hĂ€ttest gern, @doc, dass sich der feine Herr auch selbst noch in die Luft gesprengt hĂ€tte? WĂŒrde das diese Hymne auf den "gerechtfertigten" Mord bessern? Ali findet nicht. An der Perversion der Darstellung Ă€nderte das nichts.

Geistige Tollwut zu beschönigen hĂ€lt @ali nicht fĂŒr "Literatur", sondern fĂŒr Beihilfe zum Völkermord. Sowas gehört hier nicht hierher; das verletzt jeden zutiefst, der entweder selbst oder dessen Angehörige durch solche Wahnsinnigen zu Schaden gekommen sind.

Fröstelnd

aligaga

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Isegrims
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@aligaga

tut mir leid, ich habe mit dem Text nichts verherrlicht, sondern das gemacht, was Literatur kann: sich in Menschen hineinversetzen...
du findest das politisch nicht korrekt, mag sein, dass es das nicht ist, aber stell dir die seichte Welt vor, die sich alles einfach macht... wozu fĂŒhrt das? zum Straftatbestand : Literaturbeleidigung?
Verwechsel bitte nicht die Meinung des Autors mit der des Protagonisten, die Geschichte zeigt auf, entlarvt und versucht nicht nur die OberflĂ€che zu berĂŒhren.
Mag sein, dass das verstörend wirkt, zeigt mir eher, dass es eine gute und eben keine unterdurchschnittliche Geschichte ist, egal wie sie ein Bewerter aus einer Emotion heraus bewertet, auf die sprachliche QualitÀt bist du ja nicht eingegangen...

Was ist mit der Flut an grausligen, dĂŒmmlichen Krimis? Die werden gelesen, weil die Mörder Irre sind, aber können wir jeden als Irren abstempeln, der eine schreckliche Tat begeht?

Und noch was: denk mal an die RAF-Terroristen, die heute in Talk-Shows rumhĂ€ngen und von den 68ern und ihren JĂŒngern angehimmelt werden, an Che Guevara und all die? Darf man ĂŒber die und ihre BeweggrĂŒnde etwa nicht schreiben?

So long
Isegrims

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