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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hochzeit
Eingestellt am 02. 11. 2016 18:16


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Fabric
Hobbydichter
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Hochzeit


Die Fenster waren verstaubt, aber wenn man darĂŒber nachdenkt, solche Fenster sind immer verstaubt.
Die Gesamtheit der GĂ€ste war im Festsaal des Hauses in kleinen Gruppen verteilt, jeweils mit den RĂŒcken zu den anderen gedreht, ihre Meinungen zu den Geschehnissen der letzten halben Stunde mitteilend und austauschend. Es war vereinzelt GelĂ€chter zu hören und auch so nahm niemand diese Situation wirklich ernst, weil auch niemand wirklich hierher gehörte und weil der Sand, der Staub und die Hitze fĂŒr allgemeine ErmĂŒdung sorgten. Alle redeten, schwitzen und tranken, ein Geselle verweilte am Buffet, was in Anbetracht seiner Figur niemanden ĂŒberraschte, die unangenehm laute Stimme einer jungen Frau löste sich vom Stimmengewirr ab, und obwohl die Mehrheit der GĂ€ste zunehmend an Energie und Motivation verlor, wirkte der Saal in seiner monotonen brĂ€unlichen FĂ€rbung des GelĂ€chters und der farbigen Kleider wegen weiterhin lebendig. Die vier großen Fenster, vier große Kreuze aus dunklem Holz, wurden allesamt gemieden, aus dem natĂŒrlichen Grund, nicht in der Sonne stehen zu wollen, auch wenn die Schatten kaum kĂŒhler waren. Es war heiß in diesem Saal, und die Menge hatte sich ausgerechnet hier versammelt, ohne auch daran zu denken, irgendwo anders zu verbleiben. Es war ihnen schon so unangenehm, sich in diesem Haus bei solchen UmstĂ€nden zu befinden. Also nahmen sie lieber so wenig wie möglich Platz ein, um nicht aufdringlich zu wirken, aber auch nicht durch das Verlassen unhöflich zu erscheinen. So endete die Menge hier, und so blieb vorerst alles an seinem Platz, als hĂ€tte sie eine TrĂ€ge befallen.Vorerst war aber keine lange Zeit, sie endete, als die Menge grobe Schritte hörte, die von der oberen Etage kamen. Ein Frauenschrei, eine dumpfe MĂ€nnerstimme, eine TĂŒr, und schließlich eine Treppe. Die Menge drehte sich in einer Bewegung um, ein jĂŒngerer Mann mit unsympathischen ZĂŒgen trat aus dem Saal sofort in das Foyer und starrte die breiten Stufen hinauf, welche inmitten der RĂ€umlichkeit nach oben fĂŒhrten, und sich nach links und rechts aufspalteten. Mehrere GĂ€ste taten es ihm nach. Die Braut erschien in ihrem breiten, massiven Kleid und rannte die Treppe nach unten, riss die HaustĂŒr auf und verschwand nach draußen. Kurz darauf kam der BrĂ€utigam in seinem tiefblauen Anzug, folgte seiner in Trauer gefallenen Frau und schloss die TĂŒr hinter sich. Es wurde still im Saal, die TrĂ€ge kehrte fĂŒr einen kurzen Moment zurĂŒck, um danach sofort unterbrochen zu werden, weil die Menge zu den Fenstern stĂŒrmte. Einige eilten zum gegenĂŒber liegenden Raum, auf der anderen Seite des Hauses, um noch freie SchauplĂ€tze zu sichern. Durch den wirbelnden Staub waren eine einsame Straße zu sehen, die Braut auf der anderen Seite, und Der BrĂ€utigam, welcher nun auf sie zuging. Die Menge schaute begeistert zu, wie er sich ihr langsam nĂ€hrte, etwas zu ihr sagte, seine Hand auf ihre Schulter legen wollte, sie ihn als Antwort schlug und er nach kurzem Bedenken wieder zurĂŒckkehrte, durch die HaustĂŒr hinein und durch die HintertĂŒr hinaus ins Unsichtbare. Die Braut dagegen stand regungslos da, tief nachdenkend, und ihr Kleid streichelnd, welches nun eine orange FĂ€rbung vom wehenden Sand angenommen hatte, bis sie sich entschied, sich auf eine Sanderhebung zu setzen.

Janette strich ĂŒber ihr Kleid und die darauf klebende, orangene Schicht, welche das schöne Weiß verunreinigt hatte. Vor zwei Stunden hĂ€tte es ihr das Herz gebrochen, doch jetzt sah sie sich in einer viel scheußlicheren Situation wieder, welche ihr zerstörtes Kleid unwichtig erscheinen ließ. Sie versuchte nicht daran zu denken, einfach nur nicht daran zu denken, wenigstens fĂŒr einen Augenblick. Sie ließ sich auf den roten Sand fallen, in der brennenden Sonne, in mitten eines Tages, inmitten eines wirklich heißen Sommers. Doch das störte sie nicht. Die TrĂ€nen und der klebende Sand in ihrem Gesicht störten sie nicht. Der Schweiß störte sie nicht. Sie schloss die Augen. Sie stellte sich einen Punkt vor. Ein schwarzer Punkt auf einer weißen Wand. Der Punkt wurde grĂ¶ĂŸer. Sie spĂŒrte jetzt nur noch Hass. Mit dem wachsenden Punkt wuchs auch der Hass. Eine klarer und deutlicher Hass, völlig abgeschieden von jeglichem Inhalt. Nur ein Punkt, eine Wand, und was auch immer hinter ihr war, und bei dem Gedanken, dass hinter der Wand vielleicht auch nichts ist, beruhigte sie sich, plötzlich aber stufenweise, als hĂ€tte sie eine Erkenntnis gehabt. Nicht, dass der Hass und die Verzweiflung sich aufgelöst hatten, doch sie befand sich nicht mehr inmitten dieser GefĂŒhlslagen. Janette war abseits von ihnen, sie fĂŒhlte, wie sie weiter in ihr waren, aber sie selbst war abseits von sich selber, so formulierte sie diesen Gedanken, welcher sie in diesem Zeitpunkt faszinierte. Endlich fĂŒhlte sie sich nicht nur, sie konnte nun darĂŒber nachdenken, dass sie sich so fĂŒhlte, und ob dies Einbildung war oder nicht, sie genoss den Moment, diese Art von Macht ĂŒber sich zu haben.
Und dann raschelte etwas links von ihr. Sie öffnete die Augen und erblickte die Menge, die vielen Augen, welche sie durch die staubigen Fenster beobachteten. Ihr Blick richtete sich zu dem GerĂ€usch. Ein Zischen, ein leiser aber schriller Ton, welcher sich in ihre Ohren bohrte. Eine Schlange schlich hervor, brĂ€unlich, staubig und lang. Sie kam ihr nĂ€her und hinterließ eine formlose Schleifspur hinter sich, die vor Janette endete. Sie reagierte nicht darauf. Sie schaute sich die Schlange nur an – ohne Sinn, ohne Angst und ohne jegliche BefĂŒrchtung. Sie sah die Schlange und dachte darĂŒber nach, wie sie, Janette, die Schlange in diesem einen Augenblick ansah.

Ein bescheidener Tumult breitete sich bei den GĂ€sten aus, als sie eine Schlange sich der Braut annĂ€hern sahen. Nicht, dass jemand zur Hilfe geeilt wĂ€re. Sie waren weiterhin an den Saal gefesselt, und sie konnten nicht mehr tun, als ihre Gesichter an das staubige Fenster zu pressen, um mehr erkennen zu können, und die keinen Platz an den Fenstern fanden, lehnten sich ĂŒber die Schultern der vor ihnen stehenden. Einige machten zynische Bemerkungen, obwohl man sich keineswegs sicher sein konnte, dass die Schlange keine Unbequemlichkeiten heraufrufen wĂŒrde. Doch vorerst passierte nichts – die Schlange blickte der Braut in die Augen und die Braut blickte in die schmalen, schwarzen Pupillen der Schlange. Der BrĂ€utigam kam wieder ins Foyer, als die Schlange sich entschied, ins Gesicht der Braut zu springen und sich in diesem festzubeißen. Die GĂ€ste jaulten vor sich hin, einige zuckten, wie im Zusammenspiel mit dem schmerzhaften Zucken der Braut, selber, welche sich mit beiden HĂ€nden an der vor ihr hĂ€ngenden Schlange festgriff und vergeblich versuchte, das Tier von ihrem Gesicht abzureißen. Die Menge blieb auf der Stelle, unfĂ€hig eine Bewegung zu vollbringen. Die Braut rollte auf dem Boden und riss letztendlich die Schlange aus ihrer Wange und warf sie meterweit von sich, zurĂŒck in das klĂ€gliche GebĂŒsch am Straßenrand. Blutstropfen sprĂŒhten dabei durch die Luft, die Schlange verschwand in großer Eile und hinterließ nur eine Schleifspur hinter sich. All dies betrachteten die GĂ€ste mit einer krankhaften Neugierde, und trotz der Staubschicht auf den Fenstern, konnten die Zuschauer mit dem zufrieden sein, was sie sehen durften. Nachdem die Braut ihre Zuckungen beendet hatte, sahen sie, weiterhin am Fenster klebend, wie der BrĂ€utigam zu ihr nach draußen rannte.

Das die Schlange sich in ihrem Gesicht festgebissen hatte, zerstörte Janettes GefĂŒhl der persönlichen Überlegenheit sofort, und ersetzte es mit Adrenalin und erstaunlichem Ekel. Kein Außenstehen, keine ObjektivitĂ€t, kein tiefes, allumfassendes Nachdenken, sondern der Gedanke, dass ein zappelndes, langes Tier an ihrem Gesicht hĂ€ngt. Sie wollte es an erster Stelle nur deshalb losreißen, wegen dieser Tatsache, der Schmerz folgte erst kurz darauf. Es brannte nĂ€mlich. Es brannte und es war ekelhaft. Sie packte die Schlange mit ihrem ganzen Widerwillen, den sie nur zusammenkriegen konnte. Dann dachte sie an Gift. Die Wunde brannte und drĂŒckte nun. Sie machte die Augen zu, sie stand wie unter Strom. Sie sah grĂŒn. SumpfgrĂŒn und violett. Sie zog an der Schlange und die Schlange zog an ihr. Alles passierte in Sekunden. Schmerz, Farbe, Blut, Ekel, Sand, Haut. Janette riss die Schlange endlich los und wie durch Instinkt warfen ihre HĂ€nde das Tier fort von ihr, so weit es nur möglich war. Sie verdeckte ihre Wunde, was ihr aber nicht gelang. Sie dachte an das Gift und an das Zucken der Schlange. Ihr Herz schlug pochend, doch kurz darauf erstarben ihre Bewegungen und nur der Schmerz verblieb. Es geschah momentan. Janette verlor an Kraft, der Schmerz wurde wĂ€rmer und sie legte sich still. Sie sah nichts, hörte aber im nĂ€chsten Moment seine Schritte und seine Stimme, die sie, auch nach alldem was geschehen war, als angenehm empfand, und sie freute sich fĂŒr einen Augenblick, ihn hören zu können, wie er zu ihr kam, wie die Stimme lauter wurde. Dann fĂŒhlte sie nichts mehr. Sie wollte nichts mehr fĂŒhlen. Janette spĂŒrte, dass sie getragen wurde, und das reichte ihr, das, und seine Stimme.

Drei MĂ€nner, darunter der BrĂ€utigam, stiegen in ein Auto und fuhren mit der Braut die einsame, sandige Straße entlang und waren nach kurzer Zeit nicht mehr zu sehen. Die GĂ€ste standen teilweise noch im Saal, teilweise draußen mit aufgeknöpfter Kleidung. Es war vereinzelt Lachen zu hören, aber sonst nur ĂŒberflĂŒssiges Gerede. Einige wendeten sich zu ihrem Wagen und bereiteten sich auf die Abfahrt vor. Andere blieben noch in ihren kleinen Gemeinschaften, die RĂŒcken nach außen gedreht. Bemerkenswert war, dass die meisten den Namen der Braut nicht wussten, und sie deshalb nur als Braut bezeichnen konnten.

Und keiner interessierte sich weiter fĂŒr die Schlange. Diese verschwand von der Straße in die leere WĂŒste, von GebĂŒsch zu GebĂŒsch kriechend.
WĂŒrde man sich die Schlange anschauen, wĂŒrde man ein bestimmtes GefĂŒhl verspĂŒren, das GefĂŒhl, dass die Schlange genau das getan hat, was sie tun musste.
Dass das, was hier geschah, genau so geschehen musste, hÀtte man selber auch nicht zugeschaut.

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DocSchneider
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