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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hochzeitstag
Eingestellt am 18. 11. 2012 18:05


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Kamster
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2010

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Der abendliche, graue Fr├╝hlingshimmel spiegelt sich in der Glast├╝r des B├╝rokomplexes. Die T├╝r schwingt auf und auf die Stra├če tritt, in grauem Anzug, in grauem Mantel und in gro├čer Eile, Herr Meyer. Es ist schon recht sp├Ąt und heute ist sein Hochzeitstag. Meyer hasst es, unp├╝nktlich zu sein. In schnellem Schritt bewegt er sich auf die gegen├╝berliegende Stra├čenseite zu und verschwindet im Eingang der U-Bahn.

Meyer ist allein, niemand sonst ist am Gleis zu sehen und die Anzeigetafel verk├╝ndet eine Wartezeit von 9 Minuten. Meyer flucht ganz leise und reibt sich nerv├Âs die H├Ąnde. Eigentlich wollte er schon zuhause sein, bei seiner Frau, oder vielleicht schon mit ihr beim Italiener bei ihnen um die Ecke. Dorthin lud er Susanne jedes Jahr ein. Aber im B├╝ro war heute der Teufel los gewesen.

Meyer arbeitete im internen Audit und in der heutigen Tageszeitung standen wieder einmal Insiderinformationen ├╝ber den geplanten Stellenabbau im Unternehmen. Nat├╝rlich war der Stellenabbau nicht sch├Ân, aber es gab nachvollziehbare Gr├╝nde. Alle Arbeitspl├Ątze w├Ąren gef├Ąhrdet, wenn es keine deutlichen Einschnitte geben w├╝rde. Seine Firma musste konkurrenzf├Ąhig bleiben, das war wichtig. Seit Monaten schon sickerten vertrauliche Informationen durch und es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, wer der Maulwurf sein k├Ânnte. Weder Meyer noch seine Kollegen waren dem Nestbeschmutzer bisher auf die Schliche gekommen. Er war nun schon seit 18 Jahren im Unternehmen und hielt es f├╝r eine bodenlose Unversch├Ąmtheit, dass eine einzige Person mit ihrer Indiskretion die Firma in solche Bedr├Ąngnis bringen konnte.

Meyer geht am Gleis auf und ab, gr├╝belt offensichtlich, wirkt verbissen, bleibt pl├Âtzlich stehen. Er sch├╝ttelt den Kopf und flucht erneut. In der Mittagspause hatte er einen Strau├č rote Rosen gekauft, die stehen noch im B├╝ro. Eilig geht er in Richtung Ausgang, die Treppen hoch, ├╝ber die Stra├če, die Glast├╝r schwingt auf und zu und wieder spiegelt sich der abendliche, graue Fr├╝hlingshimmel in der Glast├╝r des B├╝rokomplexes.

In den R├Ąumen der Firma liegt alles bereits im Halbdunkel. Aber Meyer kennt sich gut aus, so dass er den Weg auch mit verbundenen Augen finden w├╝rde. Zielstrebig geht er auf sein B├╝ro zu und sucht in seiner Manteltasche nach dem B├╝roschl├╝ssel. Vom benachbarten B├╝ro, vom B├╝ro seines Chefs Rossmann, dringen Gespr├Ąchsfetzen durch die verschlossene T├╝r.

ÔÇ×ÔÇŽdenke die ├ľffentlichkeit hatte ein Recht, das mit dem Stellenabbau zu erfahrenÔÇŽ halte ich f├╝r eine SchweinereiÔÇŽ unethischÔÇŽÔÇť

Meyer umfasst fest den Schl├╝sselbund und lauscht im Halbdunkel.

ÔÇ×Ich kann das auch mit meinen Werten nicht vereinbarenÔÇŽhabe schon tausend Mal versucht, den Vorstand davon zu ├╝berzeugen, aber denen ist das egal. Zum Gl├╝ck ist es jetzt raus.ÔÇť

Eine l├Ąngere Pause.

ÔÇ×Nein, nein, keine Sorge. Ist keiner mehr hier.ÔÇť

ÔÇ×Ja, nat├╝rlich bin ich vorsichtigÔÇť.

Rossmann sagt das, als ob er diesen Satz schon zum hundertsten Mal von sich gibt.

ÔÇ×Nein, niemand hat auch nur den leisesten Verdacht gesch├Âpft. Ich ruf Dich immer nur an, wenn ganz sicher niemand mehr im B├╝ro ist.ÔÇť

Meyer w├╝rde am liebsten die T├╝r aufrei├čen und Rossmann direkt zur Rede stellen. Aber lieber wartet er bis Rossmann weg ist und durchsucht dann sein B├╝ro nach Beweisen. Als Rossmanns Stellvertreter hat auch er einen Schl├╝ssel zu dessen B├╝ro. Leise steckt Meyer den Schl├╝ssel ins T├╝rschloss und ├Âffnet die T├╝r zu seinem B├╝ro.

ÔÇ×Bisher ist doch alles glatt gelaufen...Bis bald.ÔÇť

Meyer huscht schnell in sein B├╝ro und mit einem kaum h├Ârbaren Klick schlie├čt die T├╝r sich hinter ihm. Die Nachbart├╝r ├Âffnet sich, wird wieder geschlossen und auf dem Flur schreitet Rossmann vorbei.

Meyer kann ihn sich vorstellen: Wie immer mit stolz geschwellter Brust, mit diesem selbstzufriedenen Grinsen, selbstbewusst, ja angeberisch in seinem Ma├čanzug und den teuren Schuhen. So kam er vor einem Jahr ins Unternehmen und wurde ihm, Meyer, direkt vor die Nase gesetzt. Rossmann, ein Blender, ein Clown, der vom Fach und von der Firma keine Ahnung hatte und ohne ihn, den erfahrenen, fachkundigen, gewissenhaften, ja unentbehrlichen Meyer, sicher schon nicht mehr in seiner Position w├Ąre. Meyer war immer loyal gewesen, jetzt l├Ąchelt er im Schatten. Er freut sich fast ein bisschen darauf, Rossmann, den Maulwurf, zu ├╝berf├╝hren. Es diesem aufgeblasenen Gockel endlich zu zeigen. F├╝r Recht und Ordnung zu sorgen.

Meyer wartet sicherheitshalber noch eine Minute, um ganz sicher zu sein, dass sein Chef weg ist. Dann tritt er leise auf den Flur und schleicht sich in Rossmanns B├╝ro. Er ├╝berlegt genau, wo er zu suchen anfangen soll und entscheidet sich f├╝r den Schreibtisch. Er w├╝rde es diesem selbstverliebten Idioten glatt zutrauen, dass er direkt dort Beweisst├╝cke hat liegen lassen. Er schaltet die Schreibtischlampe an und sichtet systematisch die chaotisch verstreuten Unterlagen. Mit einem Mal bildet sich in seinem Gesicht eine Furche, senkrecht, vom Haaransatz bis zur Nasenwurzel. Seine H├Ąnde verkrampfen ein wenig. Sie halten einen Bogen Papier, eine Reservierungsbest├Ątigung im Seehotel, das ÔÇ×Romantik-WochenendeÔÇť, \"der Traum f├╝r Frischverliebte\", f├╝r Daniel Rossmann und Susanne Meyer.

Meyer blickt verwirrt auf. Daniel Rossmann lehnt im T├╝rrahmen, dieses selbstzufriedene L├Ącheln auf den Lippen.

ÔÇ×Was machen Sie noch hier, ist heute nicht Ihr Hochzeitstag?ÔÇť



Version vom 18. 11. 2012 18:05

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