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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hoffnungslos Berlin
Eingestellt am 08. 01. 2003 11:30


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mara
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

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Ich höre das Freizeichen. Der Ton mischt sich mit dem Rauschen des Blutes, dem hĂ€mmernden Puls in meinem Ohr. Endlich das ersehnte Knacken. „Ja, hallo?“ Ich lege wieder auf. Du sollst nicht wissen, dass ich es war, die angerufen hat, ohne Sinn und Anliegen, einfach nur, um deine Stimme zu hören. Immer wieder wĂ€hle ich deine Nummer fĂŒr diese zwei Worte. Manchmal warte ich ein wenig lĂ€nger, bis du ein zweites Mal, schon Ă€rgerlich, „hallo“ sagst und dann auflegst. Ich habe Angst, eines Tages sagst du meinen Namen, weil du es lĂ€ngst geahnt hast oder ich mich durch ein unbewusstes Seufzen verraten habe. Aber das passiert nicht. Es bleibt beim immer gleichen: „Ja, hallo?“

Seit fĂŒnf Jahren kĂ€mpfe ich mich Tag fĂŒr Tag durch das Labyrinth Bahnhof Friedrichstraße. Es ist tĂŒckisch, verĂ€ndert sich stĂŒndlich. GĂ€nge werden zu Sackgassen, Treppen zu Fallgruben. Jeder Weg fĂŒhrt zu ZĂ€unen oder LattengĂ€ngen – eng, klapprig, stinkend – durch die sich eilig Tausende von Menschen schieben und drĂŒcken, bis sie endlich ins Freie platzen wie Mettwurst aus der Pelle. Aufatmen kann man kaum, nirgends in dieser Stadt ist man sicher vor GerĂŒsten und rot-weißen Sperren.

Ich trĂ€ume: Wir gehen die Schönhauser Allee entlang. Die HĂ€user verĂ€ndern sich stĂ€ndig, springen hin und her. Mein Blick versucht, ihnen zu folgen. Du hĂ€ltst mich an der Hand, damit ich nicht davonfliege. Wir mĂŒssen die Straße ĂŒberqueren. An einer Ampel bleiben wir stehen. Autos - ich hatte sie zuvor nicht bemerkt. Sie fahren unablĂ€ssig, der Ampelmann bleibt rot. Ich kann auch nicht mehr fliegen, kann mich gar nicht mehr bewegen, bis zu den Knöcheln eingesunken stehe ich im Asphalt.

Ich gehe die Straße hinunter zu deinem Haus, lĂ€ute, du öffnest. Ich stehe in deinem Zimmer. Du hast mich begrĂŒĂŸt und gelĂ€chelt. Ein LĂ€cheln ohne Bedeutung, da du es jedem schenkst. Ich wage es nicht, dir in die Augen zu sehen, noch, ein Wort mit meiner wahren Stimme zu sagen, nicht mit der plĂ€tschernden, die du immer von mir hörst. Und doch genieße ich die Augenblicke, die ich bei dir sein kann. Vorsichtig, aus Augenwinkeln beobachte ich das Spiel deiner HĂ€nde, deine geschmeidigen, freien Bewegungen. Du erzĂ€hlst von deinem Sohn, der gestern hier war. Er hat Probleme in der Schule, und du machst dir Sorgen. Sein Hund Paula ist bei dir und wird ein paar Tage bleiben. Ich kann immer nur nicken zu allem, was du sagst. Mein LĂ€cheln ist verzerrt, meine Finger kalt und steif, als ich mich umdrehe, um zu beginnen...

Streicheln

Die schwarze HĂŒndin
Streicht von deinem Schoß
Zu meinem

Sie schmiegt sich an
Nimmt meinen Duft wahr
Und vertraut

SchwÀnzelnd stellt sie sich
Zwischen dich und mich
Du bemerkst es nicht



Ich trĂ€ume: Wir gehen in Großmutters Haus. Es steht aber nicht mehr in ihrem Dorf, sondern mitten auf dem Alexanderplatz. Menschen sind da, die durch die Fenster schauen. Manche halten ihre HĂ€nde an beide Seiten des Gesichts und pressen sie an die Scheiben. Es kommen immer mehr. Großmutter steht vor uns. Sie sagt etwas, doch ich kann sie nicht verstehen, es ist zu laut. Jetzt stĂŒrzt auch die Wand zur KĂŒche ein. Zwei Handwerker fangen an, den Bauschutt in Kisten zu laden. Andere bohren und hĂ€mmern im Nebenraum. Ich schaue Großmutter fragend an. „Wir bauen um,“ sagt sie, ich lese es von ihren Lippen ab, „Du weißt doch, es ist nicht gut genug fĂŒr ihn.“

Ich stelle mir vor: Ich wÀhle deine Nummer und bleibe diesmal nicht stumm.

- Ja, hallo?
- Ich bin’s.
- Was kann ich fĂŒr dich tun?
- Ich rufe einfach nur so an.
- Das verstehe ich nicht.
- Ich wollte deine Stimme hören.

Du lachst nicht, wie ich geglaubt hatte, du legst auch nicht auf, du schweigst einfach. Das Brennen im Hals erstickt mich fast.

- Kannst du bitte etwas sagen? Irgend etwas?

Du schweigst. Ich lege auf.

Meine Kehle ist trocken, der Schrei bleibt ohne Laut. Vor meinen Augen dreht sich das Zimmer. BĂŒcher fliegen durch den Raum, landen auf dem Bauch. Der Fernseher hat den Bildschirm zur Wand gedreht, dein Bild klebt unerreichbar an der Decke, ich muss es anstarren; könnte ich es zerreißen, verbrennen...

Ich habe deine Nummer aus meinem Adressbuch gestrichen. Sie ist noch in meinem Kopf, zu oft habe ich sie gewÀhlt. Ich kann nur hoffen, dass ich sie irgendwann vergessen werde.

__________________
Soll doch in einem Kellerfach verwesen, was ich schon viel zu lange bei mir trag. (Ein Abgesang an meine alten Gedichte...)

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itsme
???
Registriert: Mar 2002

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.....

Sehr gut; eine Geschichte nach meinem Geschmack. Du kommst ohne Klischees aus, verwendest lebendige Bilder, bleibst sprachlich sehr dicht und die Botschaft ist unausgesprochen ĂŒberdeutlich. Deine Charaktere sind sparsam beschrieben, kein Wort mehr dazu, wie fĂŒr den Text erforderlich - einfach Klasse, ich habe nichts zum Meckern gefunden.

GrĂŒĂŸlinge
itsme
__________________
Life is too short to paint a single kiss

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mara
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Registriert: Mar 2002

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Puh! *erleichtert-bin*

Hatte ganz schön Angst, hier eine meiner "Geschichten" zu posten, da ich eigentlich denke, dass ich gar nicht erzĂ€hlen kann. Habe etliche angefangene Geschichten hier herumliegen und bin unfĂ€hig, sie zum Abschluss zu bringen. Vielleicht ein Fall fĂŒr die Schreibwerkstatt? Jedenfalls bin ich froh ĂŒber Dein positives Echo und auch die recht gute Bewertung fĂŒr die einzige meiner "Geschichten", mit der ich halbwegs zufrieden bin (hab auch oft genug daran herumgefeilt *lach*)

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Soll doch in einem Kellerfach verwesen, was ich schon viel zu lange bei mir trag. (Ein Abgesang an meine alten Gedichte...)

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Antaris
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Registriert: Sep 2001

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Berliner

Hallo Mara,

gratuliere zu Deiner Geschichte, die mir supergut gefallen hat. Sie ist spannend, sprachlich gut, und ziemlich ungewöhnlich strukturiert! Gerade deswegen sticht sie ziemlich hervor aus dem ĂŒblichen grĂŒnen Geschichtenwald. Was Deine halbfertigen Geschichten angeht, kann es sein, dass Du einen inneren Zensor hast, der Dich bremst, der Dir sagt, dass Geschichte nix taugen wird, oder dass es sich nicht lohnt, sie zu erzĂ€hlen? Ich wĂŒrde auf jeden Fall eine Geschichte erst fertig schreiben, ehe ich sie in die Schreibwerkstatt stelle.

LG

Antaris
__________________
Esel sei der Mensch, störrisch und klug

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mara
Routinierter Autor
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Re: Berliner

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Antaris
Hallo Mara,
gratuliere zu Deiner Geschichte, die mir supergut gefallen hat. Sie ist spannend, sprachlich gut, und ziemlich ungewöhnlich strukturiert! Gerade deswegen sticht sie ziemlich hervor aus dem ĂŒblichen grĂŒnen Geschichtenwald.



Danke! Kann aber daran liegen, dass ich eigentlich keine ErzÀhlerin bin, sondern eher "Lyrikerin".

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Antaris
Was Deine halbfertigen Geschichten angeht, kann es sein, dass Du einen inneren Zensor hast, der Dich bremst, der Dir sagt, dass Geschichte nix taugen wird, oder dass es sich nicht lohnt, sie zu erzÀhlen?

Ja, das ist absolut so! Also, habe schon einige Geschichten "zu Ende" geschrieben, aber mit jedem Mal lesen streiche ich sie mehr und mehr zusammen, bis oft nur noch ein, zwei AbsĂ€tze stehen: eine Personenbeschreibung, eine Situation, ein Gedanke... An diesen AbsĂ€tzen "hĂ€nge" ich dann irgendwie. Also werfe ich die Geschichten nie ganz weg, sondern behalte solche "BruchstĂŒcke" und nehme mir immer vor, daraus noch was zu machen, was aber bisher noch nie gelungen ist.

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Antaris
Ich wĂŒrde auf jeden Fall eine Geschichte erst fertig schreiben, ehe ich sie in die Schreibwerkstatt stelle.

Dann wird das wohl nix *lol* Naja, schreib ich eben weiterhin Gedichte. Und ein paar der "Fragmente" kann ich ja dann als Skizzen ins "Sonstige" stellen.

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annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

liebe mara, mir gefĂ€llt die geschichte auch. diese telefonstories sind mir auch nur ALLZU GUT bekannt. heute wird alles erschwert, dass der andere teilnehmer die nummer digital erkennen kann. das hat schon zu unangenehmen situationen fĂŒr undercover-annabelle gefĂŒhrt ...

ich habe nur ein paar vorschlĂ€ge unten hingeschrieben; da ich keine tools habe, habe ich es groß geschrieben.

schöne grĂŒĂŸe, annabelle


einfach nur, um deine Stimme zu hören, DAS HIER weil ich sĂŒchtig danach bin STREICHEN, so dass ich immer wieder deine Nummer wĂ€hle ...

Ich trĂ€ume: Wir gehen die Schönhauser Allee entlang. DIE HÄUSER VERÄNDERN SICH STÄNDIG, SPRINGEN HIN UND HER.

Ich gehe die Straße hinunter zu deinem Haus, lĂ€ute, du öffnest. Ich stehe in deinem Zimmer. Du BEGRÜSST MICH UND LÄCHELST.

Und doch genieße ich DEN AUGENBLICK, DEN ich bei dir sein kann.

Vorsichtig, aus Augenwinkeln beobachte ich das Spiel deiner HĂ€nde, DAS HIER die leicht gebeugten Schultern STREICHEN, deine geschmeidigen, freien Bewegungen.

Ich NICKE ZU ALLEM, was du sagst. Mein LĂ€cheln ist verzerrt, meine Finger kalt und steif, als ich mich umdrehe, um zu beginnen...

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