Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92277
Momentan online:
397 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Hola de Puebla
Eingestellt am 14. 05. 2004 22:53


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Katjuscha
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2002

Werke: 29
Kommentare: 94
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Katjuscha eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hola de Puebla

Dies ist der Reisebericht von Katja aus Mexiko (19. Februar bis 20. MÀrz 2004). Er enthÀlt alle E-Mails, die wÀhrend der Zeit ins kalte Deutschland geschickt wurden.

Freitag, 19.02.2004

Gestern Abend gegen 23:30 Uhr sind wir endlich in unserem Hotel in Puebla angekommen, nachdem wir noch eine Weile in Mexico City rumgestanden haben, weil zwei andere Deutsche, die auch nach Puebla wollten, ein GepĂ€ckstĂŒck nicht gefunden haben, weil es in Amsterdam hĂ€ngen geblieben ist. Bei uns war zum GlĂŒck alles klar. Auch die Fahrt mit dem Bus von Mexico City nach Puebla war sehr gut, auch wenn im Boardfernsehen ein schrecklicher Film mit viel Gekreische lief. DafĂŒr gabÂŽs Wasser und einen Snack wie im Flugzeug. Das Hotel - eine Jugendherberge - ist sehr nett, aber viel zu weit weg von der Deutschen Schule und auch vom Stadtzentrum. Daher wird unsere erste Aufgabe in der Schule sein, eine bessere Bleibe zu finden, wo wir nicht zwei Mal tĂ€glich 70 Pesos (6 Euro) fĂŒrs Taxi bezahlen mĂŒssen. Wir sitzen gerade im Lehrerzimmer der Schule. Die hat einen riesigen Campus von 11 ha, aber an den meisten GebĂ€uden wird noch gebaut. Wir wollen erst am Montag mit dem Praktikum beginnen und hoffen, dass wir heute eine neue Bleibe finden. Mal sehen, was wir heute Nachmittag noch reißen, den mit dem Bus kennen wir uns noch nicht so gut aus und die Entfernungen sind immer viel grĂ¶ĂŸer als sie im Stadtplan aussehen, von dem wir aber bisher auch noch keinen haben, der ganz Puebla zeigt.

Freitag und Samstag, 20. und 21.02.2004

Hier kommen die nĂ€chsten GrĂŒĂŸe noch mitten im Jetlag, denn es ist erst 19:50 Uhr, aber in Deutschland ist es schon kurz vor 3 Uhr nachts. Deshalb sind wir gestern auch schon um 6:30 Uhr putzmunter gewesen, obwohl wir nur sechs Stunden geschlafen haben.
Am Freitagmorgen sind wir mit einem sauteuren Taxi zur Schule gefahren, weil die Leute aus unserer Herberge meinten, es wÀre viel zu kompliziert dort mit dem Bus hinzufahren. Erst dachten wir, die denken, EuropÀer seien zu doof zum Bus fahren, weil man einmal umsteigen muss, aber heute haben wir am eigenen Leib erfahren, dass man Bus fahren in Puebla wirklich erst lernen muss, aber dazu spÀter.
Das Colegio Humboldt, wo wir unser Praktikum machen wollen, liegt etwas außerhalb der Stadt, auf halbem Wege nach Cholula. Die Schule hat einen 11 ha großen Campus mit vielen kleinen SchulgebĂ€uden, die wie Bungalows wirken. Ein paar kleine RasenflĂ€chen und einen großen Sportplatz gibt es auch schon, aber der Rest ist noch Baustelle. In den nĂ€chsten Jahren sollen hier noch eine Bibliothek, eine Schwimmhalle, eine Aula fĂŒr 4000 Personen und eine GebĂ€ude als Lehrerzimmer entstehen, denn die sitzen jetzt noch in zwei KlassenrĂ€umen. Zwar hat die Schule das GelĂ€nde schon Mitte der 90er Jahre bezogen, aber nun fehlt das Geld zum Weiterbau dieses ehrgeizigen Projektes. Die Schule ist zwar eine von Deutschland anerkannte Privatschule, aber sie finanziert sich hauptsĂ€chlich als Stiftung. Wenn das Ganze mal fertig ist, wird es ein wirklich sehr schöner Campus fĂŒr 1200 SchĂŒler und 300 Kita-Kinder sein. Von den 100 Lehrern sind nur 14 Deutsche (bzw. Schweizer). Die restlichen Lehrer sind Mexikaner, denn das Colegio Humboldt ist keine reine deutsche Schule, sondern eine Begegnungsschule. Alle SchĂŒler werden nach dem mexikanischen Lehrplan unterrichtet. Es gibt rein mexikanische Klassen, die alle FĂ€cher auf Spanisch haben und Deutsch als erste Fremdsprache ab dem Kindergarten lernen. Dann gibt es noch die DFU-Klassen, die einige FĂ€cher (z.B. Mathe, Geschichte, Kunst, Musik) auf Deutsch haben - also so was wie billingualen Unterricht. Das sind mexikanische Kinder, die entweder einen Elternteil haben, der Deutscher ist, bei denen aber zu Hause nur Spanisch gesprochen wird, so dass sie keine Muttersprachler sind. Oder es sind leistungsstarke Mexikaner, die sehr gut Deutsch sprechen. Von diesen SchĂŒlern werden ab der Sekundarstufe II einige in integrierten Klassen neben dem mexikanischen Abschluss zum Deutschen Sprachdiplom gefĂŒhrt. Das heißt, dass sie sich an einer deutschen Uni bewerben können ohne einen Sprachtest machen zu mĂŒssen. Als dritten Zweig gibt es noch die Muttersprachlerklassen. Das sind rein deutsche Kinder oder zweisprachige Kinder. Diese werden nach zwei LehrplĂ€nen unterrichtet - nach dem mexikanischen und nach dem deutschen. Dadurch haben schon die in der sechsten Klasse 34 Wochenstunden und die Abiturienten 39. Das ist echt Wahnsinn! In der Sekundarstufe II werden die Muttersprachler in Integrierten Klassen unterrichtet, mit sehr guten SchĂŒlern aus den DFU-Klassen, die dann auch das deutsche Abitur machen können. Das heißt, dass an dieser Schule nur sehr wenige deutsche Kinder sind. Es gibt pro Jahrgang vom Kindergarten (3 Jahre) ĂŒber die Primaria (bis 6. Klasse - Ende der Schulpflicht fĂŒr Mexikaner) bis zur Sekundaria (7.-9. Klasse) nur eine Muttersprachlerklasse. Daher gibt es nur so wenige deutsche Lehrer, von denen die meisten eben Deutsch als Fremdsprache unterrichten.
Am Freitag haben wir auch Sonja und Lucie, die beiden anderen Praktikanten kennen gelernt. Sonja ist sehr nett. Mit ihr waren wir heute auch unterwegs. Lucie dagegen wirkte etwas abweisend. Auch viele deutsche Lehrer wirken gestresst und frustriert, auch wenn uns Herr Hausmann sehr freundlich begrĂŒĂŸt und uns alles erklĂ€rt hat. Da die 12. und 13. gerade Abitur schreiben (Es ist gerade die letzte 13. Klasse, danach ist das Abi nur noch 12 Jahre lang.) sind vor allem die Lehrer aus der Sekundarstufe II gestresst. Außerdem gibt es bald wieder Zeugnisse, da es in Mexiko 5 Mal im Jahr Zeugnisse gibt. Weiterhin gibt es viele Fortbildungen an der Schule fĂŒr die Lehrer, die aber meistens auf Spanisch sind. Das ist fĂŒr die deutschen Lehrer, die noch nicht so gut Spanisch können natĂŒrlich anstrengend. Hinzu kommt, dass die Lehrer im Schnitt 30 Stunden in der Woche unterrichten mĂŒssen. Da in Mexico kein Unterricht ausfallen darf, mĂŒssen auch alle Stunden vertreten werden. Selbst Herr Hausmann als stellvertretender Direx muss 30 Stunden unterrichten. Da einige Lehrer nach mexikanischem Standard bezahlt werden, mĂŒssen diese auch noch Nachhilfe geben, um ĂŒberhaupt von ihrem Lohn leben zu können. Es gibt an der Schule nĂ€mlich deutsche Lehrer, die vom Bund bezahlt werden (BundesprogrammlehrkrĂ€fte (nicht verbeamtet) und AuslandsdienstlehrkrĂ€fte (verbeamtet) und Leute, die von Mexico bezahlt werden. Das sind natĂŒrlich krasse Gehaltsunterschiede (die ADLK verdienen 5 Mal so viel wie die deutschen OrtslehrkrĂ€fte). Manche Lehrer sind daher nur am Ackern.
Daher haben wir am Freitag auch noch keine konkrete Zusage fĂŒr eine Betreuungslehrerin bekommen. Sonja und Lucie hatten da mehr GlĂŒck.
SchĂŒler haben wir noch keine kennen gelernt - bis auf eine Abiturientin, die gerade ihre SpanischprĂŒfungen geschrieben hatte. Da sie aber Mexikanerin ist und das deutsche Abi macht, gilt Spanisch fĂŒr sie als Fremdsprache. Das ist natĂŒrlich ein Klacks fĂŒr sie.
Auffallend an den SchĂŒlern ist, dass sie eine Schulkleidung haben, die wie in China die Sportkleidung ist. Das Tragen ist aber nur zu festlichen AnlĂ€ssen Pflicht. An anderen mexikanischen Schulen besteht die Schulkleidung aber meist aus Alltagsklamotten und das Tragen ist immer Pflicht. Interessant fanden wir auch, dass die mexikanischen SchĂŒler statt Schulmappen Rollkoffer fĂŒr ihre Schulsachen nehmen. Dadurch sieht man ein bisschen, woher die SchĂŒler kommen. Denn die deutschen Kinder haben meist Ranzen.
An diesem Freitag hat die 5. Mutterspracherklasse gerade Fasching gefeiert, weil ihre Klassenlehrerin Katharina aus Köln kommt. Katharina war ganz schön frustriert, weil keiner mitgefeiert hat und ein oder zwei andere DM-Klassen nur am Rosenmontag feiern. Sie wĂŒrde am liebsten die ganze Woche feiern und findet alle anderen langweilig.
Mittag haben wir am Freitag aus der Cafeteria bekommen. Leider gab es nur noch Wabbelbrötchen mit Bohnenmus und KĂ€se ĂŒberbacken. Die Leute dort in der Cafeteria kaufen wohl immer zu wenig ein, so dass ab einer bestimmten Zeit immer nichts mehr da ist außer Schokoriegeln.
Nach der Schule waren wir mit Hilde (einer Lehrerin vom Colegio Humboldt) in Cholula, um uns dort Appartements anzuschauen, wo wir vielleicht wohnen können. Zwar ist unser Hotel ganz nett und auch das Zimmer (1 Doppelbett, 1 Liege, zwei antike Kommoden und StĂŒhle, ein riesiger begehbarer Schrank, Fliesenboden, Bad mit 4 oder 5 anderen zusammen und KĂŒchennutzung - auf WG-Nivau (keimig bis zum Getno)), aber das Hotel ist zu weit weg von der Schule und auch vom Zentrum (30 min. mit Bus). Cholula dagegen ist eine kleine nette Stadt 10 min. mit dem Bus von der Schule entfernt und 30 min. von der Stadtmitte. Allerdings haben wir kein schönes Appartement gefunden. Das eine, das wir besichtigt haben, war dunkel und kalt und mit kahlem Betonfußboden. Am Nachmittag haben wir uns auch in der Innenstadt von Puebla noch Hotelzimmer angeschaut, aber in unserer Preislage hatten sie nur Mist. Das schlimmste war ein Raum mit einem Doppelbett, der nur durch eine halbhohe Pappwand von anderen Zimmern getrennt war.
Also sind wir abends wieder zurĂŒck in unser Hotel, in dem es nachts aber ganz schön laut ist, da die Mexikaner scheinbar erst gegen 2:30 Uhr zu Bett gehen und bis dahin noch schwĂ€tzen und laut Musik hören, obwohl in ihrer eigenen Hausordnung steht, dass ab 23 Uhr Ruhe zu herrschen hat. Zum GlĂŒck habe ich meine Ohropax mit. Trotzdem sind die Leute sehr nett. Einer hat sogar alle wichtigen Busverbindungen fĂŒr uns recherchiert als er uns beim ersten Nachfragen nicht weiter helfen konnte.
Freitag Nachmittag haben wir uns auch noch ein bisschen in der Innenstadt umgeschaut. Wir waren vor allem am Zocalo, einem schönen Platz unter Palmen. Zocalo heißen ĂŒbrigens alle zentralen PlĂ€tze in den StĂ€dten Mexicos, genauso wie auch die Straßennamen ĂŒberall gleich sind, denn sie werden von der Stadtmitte aus einfach durchnummeriert und nach den Himmelsrichtungen benannt. Wir wohnen zum Beispiel in der 3 A Sur - also der 3. sĂŒdlichen Straße. Das hört sich eigentlich ganz zentrumsnah an. Da die Straßen aber ellenlang sind, wohnen wir an der Ecke zu 59 Poniente (Westen) - also am sĂŒdwestlichen Stadtrand.
Aber wir waren gerade beim Zocalo. Hier gibt es auch einen großen Springbrunnen, eine Kathedrale (wo gerade eine Taufe war), viele StraßencafĂ©s und den Einkaufsboulevard.
In einem StraßencafĂ© haben wir einen Milchkaffee und eine Tonic geschlĂŒrft. Zu Carsten war der Kellner sehr muffelig, aber mich hat er breit angestrahlt (o:
In der Touristeninfo gab es zum GlĂŒck einen, der sehr gut Englisch sprach. Der hat uns dann einige Busverbindungen in die Umgebung gezeigt und uns auf kulinarische SpezialitĂ€ten hingewiesen. Puebla selbst ist zum Beispiel berĂŒhmt fĂŒr eine ganz spezielle scharfe Schokoladensauce.
ZurĂŒck ging es mit dem Bus. Die fahren hier wie die Henker - guter Test fĂŒr die Bandscheiben, vor allem auch durch die kaputten Straßen mit den fetten Schlaglöchern. Richtige Haltestellen gibt es nur wenige. Meistens winkt man einfach wild, wenn man mit einem Bus mit will. Dieser hĂ€lt dann auch meistens an. An uns sind aber schon zwei Busse vorbei gefahren - vielleicht weil sie so voll waren oder vielleicht nehmen einige Busfahrer auch keine dummen Gringos mit, weil die lieber Taxi fahren sollen. Wenn man im Bus sitzt und aussteigen möchte, dann drĂŒckt man auf einen Knopf oder ruft Baja (bacha). Dann wird scharf gebremst und man wird heraus katapultiert. Eine Busfahrt kostet etwa 40 Cent - egal wohin man will.
Das Straßenbild von Puebla ist oft nicht sehr einladend: kaputte HĂ€user, schmutzige Gehsteige, viele Bettler, Schuhputzer und Musiker, die aber nicht aufdringlich sind. Es gibt nur wenige wirklich schöne Ecken mit renovierten spanischen HĂ€usern und auch die Altstadt sieht ganz nett aus. Der Rest ist eher hĂ€sslich.
Noch ein wenig zum Verkehr: An den meisten kleinen Straßenkreuzungen stehen trotz Ampeln meist Politessen, deren Dienstkleidung sogar bis zur weißen HaarrĂŒsche reicht. Ihre Pfeifen klingen wie Vogelstimmen. Auch die Taxihupen klingen eher wie ein Pfeifen. Der Trabbi der Mexikaner ist der VW KĂ€fer, der in Mexico City sogar als Taxi verwendet wird. Das liegt sicherlich daran, dass VW der grĂ¶ĂŸte Arbeitgeber in Puebla ist. Daher sind die meisten Poblaner auch sehr gut auf Deutsche zu sprechen und jeder verbindet VW mit uns, wenn wir gefragt werden, woher wir kommen. Diese KĂ€fer fahren hier auch mit großen Lautsprechern durch die Stadt. Da unsere Spanischkenntnisse eher spĂ€rlich sind, wissen wir aber nicht, was da gesagt wird. Es hört sich aber an wie ein Werbejingle.
Abends hört man in den Palmen die mexikanischen Spatzen kreischen. Die sehen aus wie Elstern mit einem langen schwarzen Schwanz und verbreiten Tropenfeeling.
Zum Abendbrot gab es gestern sĂŒĂŸes Brot, klebrige Limo und Wackelpudding, weil wir nichts Besseres gefunden haben in der NĂ€he unseres Hotels.
Das wird sich aber ab morgen schlagartig Ă€ndern, denn dann ziehen wir zu Herrmann. Das ist der Geschichts- und Deutschlehrer am Colegio Humboldt. Die Lehrerin, bei der Sonja (die andere Praktikantin) wohnt, hat sich heute rĂŒhrend darum gekĂŒmmert, dass wir eine bessere Bleibe und eine Betreuungslehrerin bekommen. Ich werde die nĂ€chsten drei Wochen bei Edith sein. Sie ist 25 und Klassenlehrerin der 4. DM-Klasse. Unsere kĂŒnftige Unterkunft ist 20 min. zu Fuß von der Innenstadt weg und wir können morgens mit Herrmann oder der Tochter von Sonjas Betreuungslehrerin zur Schule fahren, da ihre Familie auf dem gleichen Hof wohnt wie Herrmann. Das ist natĂŒrlich auch super. Zwar ist in unserem neuen Zimmer nur noch eine Matratze und ein Schrank, aber wir mĂŒssen nichts bezahlen und kommen super von dort weg. Außerdem wohnt Sonja gleich um die Ecke.
Auch so war der Samstag ein schöner Tag. Wir waren mit Sonja in der Innenstadt und haben uns die Kathedrale und die Kirche Santo Domingo (wo ein Nagel drin ausgestellt war, mit dem Jesus angeblich ans Kreuz geschlagen wurde) angeschaut, haben uns nach noch mehr Ausflugszielen in der Umgebung erkundigt, haben Tacos und Tortillas (auf eine davon hat die VerkĂ€uferin erst mal krĂ€ftig geniest) gefuttert, waren auf verschiedenen MĂ€rkten (auch auf einem Festmarkt, wo wir traditionelles tlaxcaltekisches Nussbrot gekauft haben und wo viele stolze MĂ€nner in Trachtenklamotten herum rannten) und haben vergeblich nach preiswerter Sonnencreme gesucht. Das Wetter ist hier nĂ€mlich (um mal ein bisschen anzugeben) herrlich - 25 Grad und strahlender Sonnenschein. Aber die Sonne hat es hier in sich, da wir ja ein ganzes StĂŒck nĂ€her am Äquator sind als in Europa (Höhe sĂŒdliche Sahara). Ich sehe mittlerweile aus wie eine kleine Tomate und ziehe trotz der WĂ€rme meinen Pulli nicht aus. Leider kostet Sonnencreme mindestens 10 Euro und ich war so clever und habe unsere zu Hause gelassen. Weil wir gerade beim Wetter sind: Der MĂ€rz wird hier auch der "verrĂŒckte Monat" genannt, denn am Tag kann es schon mal ĂŒber 25 Grad werden, aber in der Nacht gern auch mal um den Gefrierpunkt. Letzte Woche hat es nach langen Jahren mal wieder geschneit und gehagelt. Und einen Tag spĂ€ter verbrennt man sich in der Sonne den Pelz.
Nun sind wir die letzte Nacht in unserem Hotel und freuen uns schon auf morgen, denn da wollen wir nach Tlaxcala raus fahren. Auch fĂŒr die nĂ€chsten Wochenenden haben wir viel geplant und in unserer vierten Woche wollen wir mit Sonja zusammen so eine kleine Rundreise durch das sĂŒdliche Mexico machen. Hoffentlich verfransen wir uns da nicht so schrecklich wie heute auf der RĂŒcktour aus der Stadt mit dem Bus. Wir wussten zwar, dass wir mit dem Bus "Ruta 4" fahren können, aber haben nicht kapiert, dass die Busse auf der Hintour anders fahren als zurĂŒck. So haben wir vergeblich nach einen Kindergarten Ausschau gehalten, an dessen Mauer eine Lassie gemalt war und sind bis zur 105 Poniente rausgejuckelt. Auch bei den Busnummern muss man vorsichtig sein, denn von der 72 gibt es zum Beispiel drei verschiedene, die auch in völlig andere Richtungen fahren. Zum GlĂŒck sind die meisten Leute sehr hilfsbereit und sagen einem, wann man aussteigen muss. Allerdings wusste heute der Fahrer scheinbar auch nicht, wo er gerade war, denn als wir ihn fragten, wann denn die 59. Poniente kommt, meinte er "bald". Dabei waren wir an der schon lange vorbei. Auch die anderen Mexikaner können uns meistens nur eine vage Auskunft darĂŒber geben, welcher Bus wohin fĂ€hrt und man muss meist noch einige Blöcke laufen. Einen Busfahrplan gibt es nicht und auch keine Karte, in der alle Buslinien eingezeichnet sind, denn die Ă€ndern sich scheinbar so oft, dass nicht einmal die Poblaner sich richtig auskennen. Trotzdem ist das Bussystem hier sehr gut, denn es kommt alle naselang einer und irgendwie sind wir bisher ja immer zum Hotel zurĂŒck gekommen und ab morgen haben wir auch einen besseren Start - in der Stadtmitte.
Nun ist diese Mail wieder so lang geworden wie die Monster aus Peking im letzten Jahr - und morgen kommt ja sicherlich noch die ein oder andere Seite dazu (o:

Sonntag, 22.02.04

Heute sind wir zu Herrmann gezogen. Zwar ist unser Zimmer nun nur noch halb so groß und unsere einzigen Möbel zwei Matratzen, zwei StĂŒhle und ein Tisch, auf dem der Rechner steht, aber es ist eindeutig die bessere Lage. Das Haus von Herrmann ist echt toll. Unten ist ein großes Wohnzimmer, Toilette und KĂŒche mit Ausgang zu einem kleinen Hinterhof nur fĂŒr Herrmann allein. Oben sind noch mal vier Zimmer, zwei davon mit einem kleinen Balkon und ein Bad. Da Herrmann allein wohnt (Seine Freundin ist in Deutschland geblieben.), stehen zwei Zimmer leer und im Wohnzimmer liegt auch nur ein Teppich. Also haben wir kurzerhand eines von den leeren Zimmern okkupiert. Vom Hotel zu Herrmann haben wir ein Taxi genommen - der Taxifahrer war zwar nur knapp ĂŒber 1,50 m groß und konnte kaum ĂŒbers Lenkrad gucken, aber er ist mit 90 durch die Stadt geheizt. Diesmal konnte man sogar die Sicherheitsgurte vorne zumachen.
Nach unserem Umzug sind wir einkaufen gewesen und ich habe mir unter anderem Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 gekauft. Es gibt sogar LSF 90. Die Misttube hat 10 Euro gekostet, aber ich will ja nicht aussehen wie ein Hummer.
Nachdem wir eine halbe Papaya gefuttert haben, sind wir zur CAPU gefahren. Das ist der zentrale Omnibusbahnhof von Puebla und etwa so riesig und belebt wie der Bahnhof Zoo. Eisenbahnen gibt es in Mexico nur wenige und die sind in einem sehr schlechten Zustand. Erika hat uns erzĂ€hlt, dass man fĂŒr eine Strecke, die man mit dem Bus in vier Stunden schafft, schon mal zwei Tage braucht, weil die Lok zwischendurch kaputt geht und keiner kommt, um sie zu reparieren. Aber wer viel Zeit hat, sollte trotzdem Zug fahren, da die StreckenfĂŒhrung wohl durch tolle Schluchten geht. Da wir am Ende unseres Aufenthaltes hier aber nur eine Woche haben, fahren wir wie alle Mexikaner lieber Bus.
Von der CAPU sind wir nach Tlaxcala gefahren. Das ist eine kleine nette Stadt von den alten Tlaxcalteken, die sich recht heftig gegen die spanischen Eroberer gewehrt, dann aber mit ihnen verbĂŒndet haben. Heute war dort großer Karneval mit vielen TĂ€nzern und immer der gleichen Musik. Ich habe sie jetzt noch im Ohr. Außerdem haben wir uns noch mehrere Kirchen und Kloster angeschaut - unter anderem die Basilika de Nuestra Senora de Ocotlan, die im ReisefĂŒhrer als spektakulĂ€rste Kirche Mexikos ausgeschrieben war. SpektakulĂ€r war schon einmal der steile Weg dorthin. Aber am spektakulĂ€rsten war wohl ein großer Catchring mit einer pfeifenden und kreischenden Zuschauermenge direkt vor dem Eingang der Kirche.
Auf dem Zocalo (Wer es sich gemerkt hat, weiß, dass das der zentrale Platz in jeder mexikanischen Stadt ist.) haben wir auf einem Markt auch zu Mittag gegessen. Es war ganz lecker: HĂŒhnchenkeulen mit scharfer Soße und Reis auf einer Tortilla und als GemĂŒse Lauch, Salat und ein Kaktusblatt (vermuten wir). Leider haben wir den "Dumme-Gringos-Preis" bezahlt, denn 60 Pesos (6 Euro) erschienen uns doch etwas teuer, auch wenn er fĂŒr deutsche VerhĂ€ltnisse durchaus berechtigt war. Also wissen wir mal wieder: Vor dem Essen fragen, wie viel es kostet und nicht gleich gierig losfuttern. Eigentlich wollten wir in einem Restaurant essen, das im ReisefĂŒhrer empfohlen wurde, aber das existiert scheinbar nicht mehr.
Einen echten Stierkampf haben wir auch kurz gesehen - fĂŒr Frauen und Kinder war sogar freier Eintritt, aber man konnte auch vom Zaun aus gut sehen. Der Stier war etwas lahm und noch sehr jung und auch die Toreros sahen mit ihren rosa TĂŒchern etwas merkwĂŒrdig aus. Als sie dann anfingen dem armen Tier Spieße in den RĂŒcken zu pieken, wurde es uns doch zu blutrĂŒnstig und wir haben schnell das Weite gesucht. Sonja hat in einem ReisefĂŒhrer gelesen, dass Mexikaner es nicht so genau nehmen mit der Zeit und oft zu spĂ€t kommen. Nur bei zwei AnlĂ€ssen sind sie pĂŒnktlich: bei Beerdigungen und bei StierkĂ€mpfen.
Nach etlichen Meilen durch die Stadt, sind wir dann wieder mit dem Bus nach Puebla gefahren und haben dabei einen spektakulĂ€ren Sonnenuntergang ĂŒber dem Popocatepetl beobachten können. Über dem höchsten Vulkan Mexicos (5.452 Meter) sieht man ĂŒbrigens immer ein kleines Rauchwölkchen.
Trotz unserer mĂŒden Beine haben wir kein Taxi von der CAPU genommen, sondern einen Bus gesucht. Langsam werden wir richtig gut - es war sogar der richtige Bus und wir sind an der richtigen Stelle ausgestiegen. Trotz unserer MĂŒdigkeit sind wir im Bus nicht eingeschlafen. DafĂŒr sind die Sitze viel zu eng fĂŒr uns Riesen von 1,70 m. Man stĂ¶ĂŸt sich fies die Knie am Vordersitz, wenn der Busfahrer mal wieder wie ein Irrer bremst oder ein schlafender Polizist auf der Straße liegt. Nein - das sind keine dienstfaulen GesetzeshĂŒter, sondern Betonpfeiler auf der Straße, die die Taxi-, Bus- und Autofahrer daran hindern sollen mit 90 durch die Stadt zu heizen. Viel hilft es aber nicht, denn dann wird einfach von Balken zu Balken geheizt und vor dem Ding scharf gebremst, damit der Blechboden nicht noch mehr Schrammen bekommt.
Morgen frĂŒh um halb sieben fahren wir mit Elke zur Schule. Eigentlich fĂ€ngt der Unterricht erst um 8:25 Uhr in der Grundschule an, aber da ab morgen beide Zufahrtsstraßen zum Colegio Humboldt gesperrt sind, mĂŒssen wir einen neuen Weg finden - vielleicht sogar fliegen (o:

Montag und Dienstag, 23. und 24.02.2004

Hola de Puebla,
wir mussten doch nicht zur Schule fliegen, denn die Straßensperrung war falsch in das Infoblatt eingezeichnet. DafĂŒr ist eine Straße jetzt zweispurige Einbahnstraße, die gestern noch eine normale Straße war. Ist schon ein komisches GefĂŒhl so als Geisterfahrer, aber wir waren nicht die einzigen, denn die Änderung war nirgends ausgeschildert. Saxi (gesprochen Sassi), die Tochter von Erika, ist ganz schön ins Schwitzen gekommen. Ich frage mich, wie die Autos aus der Gegenrichtung von der Änderung erfahren haben. So etwas passiert in Mexiko öfter, sagt Erika. Da braucht man schon einiges an Mut und gute FahrkĂŒnste. Wenn man bedenkt, dass Mexikaner mit 17 Jahren ihren FĂŒhrerschein bekommen, wenn sie 15 Fragen zum grĂ¶ĂŸten Teil richtig beantworten. Nichts mit praktischer PrĂŒfung - nicht einmal Fahrstunden sind Pflicht. Deshalb ist es doch erstaunlich, dass es so wenige VerkehrsunfĂ€lle in Puebla gibt. Aber wenn es mal kracht, dann richtig, sagt Erika - und meistens sind unschuldige Radfahrer oder FußgĂ€nger drin verwickelt, denn die Autofahrer fahren zwar chaotisch, aber nehmen RĂŒcksicht aufeinander.
Heute ist in Mexiko Tag der Fahne. Da wird die mexikanische Flagge gefeiert - und zwar mit einer Zeremonie. Alle SchĂŒler mussten ihre Schulkleidung anziehen und dann versammelten sich alle Klassen der Primaria und einige der Sekundaria zu einem Fahnenappell - so richtig mit Aufmarsch, FahnenĂŒbergabe, feurigen Vaterlandsreden auf Spanisch und Deutsch und Nationalhymne singen. Ich fĂŒhlte mich echt wie zu Ostzeiten. Schon das Marschieren hat uns etwas verwirrt, aber als ein Teil der SchĂŒler plötzlich zum Gruß den rechten gestreckten Armen gerade nach oben reckte, wurde uns doch etwas befremdlich zumute. Die Mexikaner können mit dieser Geste vielleicht nicht viel anfangen, aber es sind ja auch einige deutsche Lehrer an der Schule. Als ich Edith, meine Betreuungslehrerin, darauf ansprach, dachte sie, ich meine das Armaustrecken auf die Schulter des Vordermanns, um einen regelmĂ€ĂŸigen Abstand zwischen den SchĂŒlern bei der Zeremonie herzustellen. Ob die Lehrer dort schon so abgestumpft gegen diese Zeremonien sind oder ob ich da etwas ĂŒberempfindlich sind, weiß ich nicht. So ein starkes Nationalbewusstsein ist doch etwas gewöhnungsbedĂŒrftig.
Meine Klasse (die 4. Muttersprachlerklasse) musste wegen der Zeremonie extra ihren Fasching verschieben. Eigentlich hatte Edith gesagt, dass die Kinder ohne Verkleidung und Schminke in die Schule kommen sollen und sich nach der Zeremonie umziehen können. Es kam trotzdem ein Clown in Schulkleidung zur Zeremonie. Zum GlĂŒck hat es kein Offizieller gesehen, sonst hĂ€tte es wohl Ärger gegeben. Nach der Zeremonie waren die Kinder nicht mehr zu halten. So musste Edith eben mit lauter bunten Clowns, verzauberten Harry Potters, coolen Ninjas, feurigen Spanierinnen, frechen Teufelchen und Karatekids Sachunterricht machen. Erst danach wurde gefeiert, was aber damit endete, dass die SchĂŒler unbedingt auf den Spielplatz wollten, denn der ist nicht groß genug fĂŒr die ganze Primaria (ca. 500 SchĂŒler), so dass die vierten Klassen eigentlich nur freitags in der Hofpause auf diesen Spielplatz dĂŒrfen. Aber die anderen Klassen hatten ja Unterricht, so dass der Spielplatz frei war.
Dann gab es noch einen zweiten Aufmarsch - aber einen viel netteren, denn die 300 Knirpse aus der Kita feierten auch Fasching und marschierten eine Runde durch das SchulgelĂ€nde (Die Kita hat ein eigenes Areal.) und die PrimariaschĂŒler standen johlend und klatschend Spalier. Die Kleinen waren echt stolz. Da waren aber auch tolle KostĂŒme dabei. Jede Gruppe hatte ein bestimmtes Thema. Die erste Gruppe waren alle Clowns, dann kamen eine Menge BurgfrĂ€uleins, tapfere Ritter, Drachen und sogar eine ganze Burg. Es gab flotte Mexikaner im zarten Alter von vier Jahren, aber auch eine ganze Truppe aus Hogwarts war angereist. Dann kamen lauter Meerestiere - und natĂŒrlich Nemo, aber auch eine Horde KrabbelkĂ€fer und andere Insekten marschierten durch das Spalier. Einige KostĂŒme waren echt filmverdĂ€chtig. Wahrscheinlich sind auch KinderkostĂŒme ein Metier der ehrgeizigen MĂŒtter im Wettstreit um das tollste Kind. Die meisten KostĂŒme waren natĂŒrlich gekauft, aber es waren auch sehr schöne Eigenkreationen dabei.
Dann waren Carsten und ich heute noch in der 5. Mutterspracherklasse. Carsten hat WUK (Welt- und Umweltkunde) unterrichtet. Das ist Geschichte, Erdkunde und Politik fĂ€cherĂŒbergreifend mit vier Wochenstunden. Da schlĂ€gt mein Herz natĂŒrlich gleich höher. Carsten hat mit den Kindern Spiele aus vergangenen Zeiten erkundet. Ich habe mir dafĂŒr Mathe angeschaut. Das ist wirklich eine enorme Klasse. So etwas Lerneifriges und Interessiertes in geballter Ladung habe ich noch nicht erlebt. Die waren echt heiß darauf, SchrĂ€gbilder von Buchstaben zeichnen zu dĂŒrfen und wirklich alle hatten die Hausaufgaben erledigt und waren ehrlich an den Lösungen interessiert. Ein MĂ€dchen hat Carsten erst einmal erklĂ€rt, warum Echnaton Echnaton hieß und ihrer Mathelehrerin hielten sie gleich den Atlas unter die Nase, um ihr zu zeigen, dass Mexiko in Nordamerika und nicht in SĂŒdamerika liegt und dass Amerika aus zwei Kontinenten besteht. Christine, die Klassenleiterin, findet das manchmal etwas anstrengend, wenn so viele Kinder auf einmal zeigen wollen, was sie schon wissen, aber das ist immer noch besser als gelangweilte SchĂŒler, die null Bock haben. Ich habe ja schon fast ĂŒberlegt, ob ich die Klasse wechsle, denn die 4. Klasse ist zwar auch ganz nett, aber die sind recht zurĂŒckhaltend und sprachlich auch schwieriger, da nur vier oder fĂŒnf echte Muttersprachler in der Klasse sind. Am Freitag werde ich dafĂŒr eine Mathestunde in der 5. Klasse machen und auf die nĂ€chsten Tage verteilt noch vier weitere Mathestunden und drei Deutschstunden in der 4. Klasse.
Ach ja - vom Gasmann wollte ich noch erzĂ€hlen. In Mexiko wird meist noch mit Gas gekocht. Und jeden Morgen und jeden Nachmittag hört man etwa zehn Minuten immer wieder den gleichen Werbejingle - wie ein Trompetensignal. Erst dachten wir, es wĂ€re der Eismann und wunderten uns schon, dass der so oft kommt. Aber es ist der Gasmann mit seinem Auto, der die Leute mit Gasflaschen beliefert und ĂŒber Lautsprecher laut "Gas Gas Gas" ruft, wenn er durch die Straßen kreuzt. Die großen Wassertanks fĂŒr die Wasserspender kann man sich auch nach Hause liefern lassen. Da das Wasser aus der Leitung nicht so empfehlenswert ist, hat jeder Haushalt einen großen Wassertank, wie man ihn auch von den Wasserspendern aus den KaufhĂ€usern kennt. In Peking war das ja ebenso. Auch im Lehrerzimmer steht so ein Ding. Das ist natĂŒrlich sehr praktisch, denn die GetrĂ€nke hier kann man vergessen. Richtigen Saft gibt es nicht - nur zuckersĂŒĂŸes Bonbonwasser und natĂŒrlich Cola, Fanta, Pepsi, Mirinda und Co.
Langsam lernen wir hier auch die Lehrer besser kennen. Herrmann, bei dem wir wohnen, ist echt nett. Er hat nach seinem Hauptschulabschluss Schriftsetzer gelernt. Durch den Zivildienst ist er an eine Ausbildung als Heilerziehungspfleger gekommen. Nach zehn Jahren in verschiedenen Heimen und Psychiatrien hat er auf dem zweiten Bildungsweg Abi gemacht und dann Berufsschullehrer gelernt. Und nun unterrichtet er Deutsch und Geschichte am Colegio Humboldt. Erika, die uns die Bleibe bei Herrmann organisiert hat, ist Schweizerin und lebt schon seit 26 Jahren in Mexiko. Sie ist gleich nach ihrem Referendariat nach Mexiko City gegangen und arbeitet seit 16 Jahren in Puebla. Ihr Mann ist Mexikaner und meist unterwegs. Ihre Tochter Saxi macht auch gerade ein Praktikum am Colegio Humboldt, aber im Kindergarten. In der Schweiz ist Erzieher ja eine Fachhochschulausbildung. Das Abi haben Saxi und ihr Bruder, der schon in der Schweiz studiert, auch am Colegio Humboldt gemacht. Edith, meine Betreuungslehrerin, ist 25 und seit diesem Schuljahr hier. Sie ist gleich nach dem Referendariat gekommen, wie auch einige andere Lehrerinnen. Das lĂ€sst Carsten und mich natĂŒrlich hoffen. Christine, Klassenleiterin der tollen 5. Klasse, ist auch nicht viel Ă€lter als wir, aber scheinbar schon ziemlich gefrustet. Sie schimpft viel ĂŒber ihre Arbeit und lĂ€sst Carsten und mich vor allem deshalb viel in ihrer Klasse machen, weil sie es dann nicht machen muss. Aber sie freut sich wirklich ĂŒber unsere Hilfe und ist auch echt nett. Dann gibt es noch Hilde, die mit uns nach Cholula gefahren ist, um sich mit uns Wohnungen anzuschauen. Sie ist eigentlich auch Deutsche, weil ihre Eltern Deutsche sind. Aber schon der Vater ist in Mexiko aufgewachsen und hat nach seinem Studium in Deutschland seine Frau einfach mitgenommen. So ist Hilde auch aufs Colegio Humboldt gegangen, das es ja schon seit fast 100 Jahren gibt. Sie hat in Mexiko Lehramt studiert und unterrichtet vor allem Deutsch als Fremdsprache.
Carsten hat heute auch Bekanntschaft mit nicht so netten Lehrkörpern dieser Schule gemacht. Herr Weber nennt sich didaktischer Leiter und ist verantwortlich fĂŒr Lehrerfortbildungen an der Schule. Eigentlich war er mal Leiter der Sekundaria, aber da hat man ihn lieber versetzt, weil er wohl nicht viel taugt. Heute hat er einen SchĂŒler angemacht, weil der gelacht hat. Toller didaktischer Leiter! Auch von Herrn Hausmann, dem stellvertretenden Direktor, mit dem wir den ersten Kontakt an der Schule hatten, scheinen die Lehrer nicht viel zu halten. Er zieht sich immer wieder Praktikanten an die Schule, aber kĂŒmmert sich nicht ausreichend darum, dass diese auch betreut werden. Auch die neuen Lehrer wĂŒrden ganz schön in der Luft hĂ€ngen, wenn es nicht solche wie Erika geben wĂŒrde, die den Leuten bei der Wohnungssuche und dem ganzen Behördenkram helfen. Herrmann ist ja auch erst seit einem halben Jahr hier und hatte einen Betreuungslehrer zugeteilt bekommen, der den Job gar nicht machen wollte. Da hat Erika ihm geholfen und uns ja auch.
Heute ist es wieder echt heiß, aber auch windig und jeder, der ins Lehrerzimmer kam, beschwerte sich ĂŒbers Wetter. Die Mexikaner haben ĂŒbrigens das Vorurteil gegen Deutsche, dass die immer nach Schweiß riechen, kein Deo benutzen und sich nicht waschen. DafĂŒr glaubten ja die Chinesen, dass alle Deutschen dicke BĂ€uche haben. Aber als MitteleuropĂ€er hat man mit der Hitze wirklich ganz schön zu tun. Edith ist heute von einer SchĂŒlerin höflich darauf hingewiesen worden, dass sie Schweißflecken unter den Achseln hat. Ach die lieben Kleinen!
So - ich muss jetzt noch ein wenig meine Stunden vorbereiten und dann wollen wir noch einkaufen gehen.

Mittwoch, 25.02.2004 bis Sonntag, 29.02.2004

Hola de Puebla,
Nun sind wir schon ĂŒber eine Woche hier und fĂŒhlen uns sehr wohl. Unsere ersten Unterrichtsstunden liefen ganz gut, auch wenn ich glaube, dass die vierte DM-Klasse immer noch nicht verstanden hat, was die Ecken, Kanten und FlĂ€chen bei einem geometrischen Körper sind. Deutsch lief dafĂŒr besser und in der 5. DM-Klasse hat Mathe auch sehr viel Spaß gemacht. Die fragten auch gleich, ob ich noch mal wieder komme. Da fĂŒhlte ich mich ja ein bisschen gebauchpinselt. Ich habe mit den Kindern in ein WĂŒrfelschrĂ€gbild einen Oktaeder konstruiert und einige Kinder haben sogar noch weiter experimentiert. Martin, ein Junge aus der 5. DM, hat auf Anhieb gesehen, welche Punkte man verbinden muss, damit man das SchrĂ€gbild eines Quaders erhĂ€lt. Das ist echt eine beachtliche Leistung, mit der sogar manche Mathelehrer Schwierigkeiten haben. Martin ist in seiner Klasse der "Zugvogel", denn er wohnt von September bis Februar immer in Mexiko und von MĂ€rz bis August in Deutschland. Warum das so ist, habe ich ihn nicht gefragt. Entweder seine Eltern mĂŒssen auch immer hin und her reisen oder er ist ein typisches Scheidungskind, das zwischen den Eltern hin und her tingelt. Er ist aber scheinbar ein pfiffiges Kerlchen und die stĂ€ndige Umstellung in der Schule scheint ihm nicht schwer zu fallen.
Aber nun Schluss mit Schule. ErwĂ€hnenswert wĂ€re nur noch, dass morgen schon wieder eine Zeremonie ist, aber die ist wohl jeden Montag - mal sehen, ob wieder mit Hitlergruß und Aufmarsch.
Nun zu den wichtigsten Ereignissen seit Mittwoch: Wir haben endlich das Poblanische Leib- und Magengericht gefuttert: Mole Poblano. Das ist HĂ€hnchen in scharfer Chili-Schokoladensoße und wird mit Reis oder mit Tortillas gereicht. Wir haben sie mit Tortillas bekommen - und zwar als Hauptgericht in einem 5-GĂ€ngemenu: Als Vorspeise eine bretonische Cremesuppe, danach ein kleiner KĂ€sesalat und Nudeln mit grĂŒner Tomatensoße, als Hauptgericht Mole Poblano, als Nachtisch zur Auswahl Vanille- oder Zitroneneis oder eine Art Quittengelee mit KĂ€se. Zum Abschluss gab es Kaffee und als kleines Nebenbei gab es Tacochips mit warmen Bohnenmus (lecker!!). Das war superlecker und hat nur umgerechnet 6 Euro gekostet - also kein Dumme-Gringos-Preis fĂŒr so ein Festmahl. Am nĂ€chsten Tag haben wir ein Ă€hnliches 3-GĂ€nge-Menu noch einmal gegessen, aber da war die Schokosoße nicht so schön dick und auch schon kalt. Außerdem war der Kellner im Stress.
Nach dem tollen 5-GĂ€nge-Menu am Mittwoch im "Colonial" waren wir noch auf der Dachterrasse des Hotels und hatten einen supergenialen Blick auf die Stadt und den Popocatepetl. Leider war es in den Bergen etwas neblig, obwohl das Wetter wieder herrlich war. Hier scheint wirklich jeden Tag die Sonne.
Am Mittwochabend sind wir auf dem Heimweg noch in eine Demo geraten von Campesinos. Das sind mexikanische Bauern, die jetzt kurz vor den Wahlen wohl öfter mal demonstrieren. Sie brĂŒllten zum Beispiel so was wie "Bildung fĂŒr alle". Das war jedenfalls das, was Sonja verstanden hat. So eine Mexikanerdemo sieht schon eigenartig aus, denn die meisten mexikanischen MĂ€nner tragen helle HĂŒte - keine Sombreros, wie es das Vorurteil ist, sondern CowboyhĂŒte, die man wegen der Sonne aber auch wirklich braucht. Ich bin echt froh, dass ich mein Basecap mit habe.
Am Donnerstag waren wir auf dem Parian - dem großen Talaveramarkt. Talavera ist eine Art Keramik, fĂŒr die Puebla sehr bekannt ist. Am Mittwoch waren wir auch schon mal in der Talaverafabrik. Bis auf das Haus war die aber nicht so spektakulĂ€r - bis auf die Preise vielleicht. Ein kleiner Teller kostete da schon mal 30 Euro. Talavera findet man auch an vielen poblanischen GebĂ€uden als kleine farbenfrohe Kacheln. Auf dem Parian waren wir eine ganze Weile, weil Sonja durch jeden Laden stöberte und ganz verzĂŒckt war von dem vielen bunten Keramikzeug. Auch uns hat einiges gefallen, da es oft das Motiv von Sonne und Mond gibt (in Mexiko gibt es einige Sonne-und-Mond-Pyramiden). Allerdings ist die Sonne mĂ€nnlich und der Mond weiblich im Spanischen, so dass der Mond oft Knutschlippen hat und die Sonne böse guckt - einen Bart hat sie zum GlĂŒck nicht. Wir haben auch eine tolle Schale gefunden, die wir gern gekauft hĂ€tten, aber 87 Euro waren uns dann doch ein bisschen zu teuer, so dass es nachher nur eine kleine Kachel geworden ist fĂŒr 4,50 Euro. Sonja hat sich Pfeffer- und Salzstreuer und eine kleine Schale gekauft. Da sie eine Faible fĂŒr nicht ganz perfekte Dinge hat (abgeplatzte RĂ€nder, ein fehlendes Auge bei einer kleinen Porzellanschildkröte), konnte sie auch einen guten Preis aushandeln. Allerdings handeln die meisten HĂ€ndler nur sehr ungern und gehen gerade mal um 5 Pesos von ihrem ursprĂŒnglichen Preis ab, wenn ĂŒberhaupt, denn die Preise sind an den meisten StĂ€nden gleich.
Am Freitag sind wir zusammen mit Sonja mit dem Bus zuerst nach Mexico City und dann nach Morelia gefahren. Eigentlich hat man uns gesagt, dass man da nur vier Stunden von Mexico City (hier D.F. genannt - Distrito Federal, wie Washington D.C.) fĂ€hrt, aber wir waren erst kurz vor Mitternacht dort. Doch wir hatten echt GlĂŒck mit dem Hotel, denn das war noch auf und das Zimmer war preiswert. Und die mexikanischen GĂ€ste haben nur bis halb zwei laut gesungen. Am Samstag sind wir frĂŒh aufgestanden, denn wir wollten nach Angangueo in einen Naturpark (El Rosario), in dem noch bis Ende MĂ€rz 100 Millionen Monarchenfalter herumflattern. Wir hatten aus einem Prospekt erfahren, dass ein Tourismusunternehmen gleich um die Ecke fĂŒr 23 Euro dorthin fĂ€hrt. Also stellten wir uns nach einem leckeren FrĂŒhstĂŒck auf dem Zocalo vor den Laden und warteten, dass ein Bus oder so etwas kommt. Als auch 10 nach 9 noch niemand kam, ist Sonja zum Hotel zurĂŒck gestĂŒrmt, weil sie dort im BĂŒro anrufen wollte - vielleicht hatte derjenige sich ja darin verbarrikadiert. Im Hotel stieß sie durch Zufall auf einen Busfahrer von einer anderen Firma, die auch zu den Schmetterlingen fahren wollten - aber in einen anderen Park. Das sollte aber 40 Euro kosten. Da aber eigentlich nur noch zwei PlĂ€tze im Kleinbus frei waren, mussten wir uns zu viert auf eine Dreierbank quetschen und haben ihn auf 300 Pesos pro Person herunter gehandelt und dachten gutglĂ€ubig, dass da schon der Eintrittspreis mit drin war. Nach einer dreieinhalbstĂŒndigen Fahrt mussten wir aber erfahren, dass es nur die Fahrtkosten sind und der Eintritt noch mal 50 Pesos kostet. Da der Weg recht weit war, sollten wir lieber ein Pferd nehmen, das auch noch 100 Pesos kosten sollte. Da wir keine Lust zum Streiten hatten und den staubigen Weg nicht zu Fuß gehen wollten, haben wir gezahlt und es hat sich wirklich gelohnt, auch wenn der Weg nach oben sehr schuckelig auf dem Pferd war. Als uns schon unten auf dem Parkplatz Hunderte von Schmetterlingen umschwirrten und die ersten mitreisenden Damen schon verzĂŒckte Laute von sich gaben, meinte unser Guide: "ThatÂŽs nothing!" Eigentlich hatten wir erwartet, dass wir am Ende auf einer großen Wiese stehen und sich die Schmetterlinge auf uns nieder lassen. Allerdings waren wir erst zur Mittagszeit da, so dass die Schmetterlinge nicht mehr mĂŒde und kalt von der Nacht herum saßen, sondern wild umher flatterten, um Energie fĂŒr die Nacht zu sammeln. Eine Wiese gab es auch nicht, sondern dichten Wald, in deren GeĂ€st ĂŒberall Schmetterling umher flatterten oder an denen tote Tiere hingen, denn die MĂ€nnchen sterben hier und die Weibchen fliegen nach der Hochzeit weiter in ihre Sommergebiete. Im November kommt dann die neue Generation der Monarchenfalter zurĂŒck und bleibt wieder bis MĂ€rz. Unser Guide hat uns dann noch gezeigt, wie man bei Schmetterlingen MĂ€nnlein und Weiblein unterscheidet und ein GetrĂ€nkeverkĂ€ufer am Wegrand erklĂ€rte uns, dass man keine toten Schmetterlinge mitnehmen darf, weil sich die neue Generation, die im November zurĂŒck kommt an den herum liegenden Schmetterlingsleichen orientiert. Dadurch ist mein Schmetterling, den ich in der Hosentasche versteckt hatte, natĂŒrlich ganz schön ramponiert. Sonja konnte einen ganzen "schmuggeln". Wir hatten aber gedacht, dass die Schmetterlinge farbenfroher und grĂ¶ĂŸer sind. Eigentlich sind sie nur ein bisschen grĂ¶ĂŸer als europĂ€ische Falter.
Nach knapp zwei Stunden bei den Schmetterlingen sind wir vier Stunden zurĂŒck nach Morelia gefahren, wo wir den Abend noch mit Kozue und ihrer Nichte verbrachten. Kozue ist Japanerin und ihre Nichte wohnt mit ihren Eltern in Guadalajara. Kozue hat drei Jahre in Deutschland gelebt und ihr Sohn war auf der Deutschen Schule in Tokio. Dadurch konnte sie sehr gut Deutsch und es war ein netter Abend. Sie hat uns sogar zu sich nach Tokio eingeladen. Vielleicht ĂŒberlegen wir uns es dann doch noch einmal mit einem Praktikum an der Deutschen Schule dort, denn der Direktor der Tokioter Schule hatte uns gemailt, dass ein Tag in Tokio um die 150 Euro kostet. Ein Glas Saft - so Kozue - kostet in einem Tokioter Restaurant 7,50 Euro. Kurz vor Mitternacht sind wir dann zur Busstation gefahren und in den Bus gestiegen, der nach Mexico-City fuhr. Er kam natĂŒrlich zu spĂ€t und der von D.F. nach Puebla auch. Aber trotzdem ist der Bus das pĂŒnktlichste Verkehrsmittel in Mexico - da muss man echt Geduld haben, wenn der Fahrer um 6:11 Uhr noch einmal weg rennt, obwohl er um 6:10 Uhr schon fahren sollte. Die Reisebusse sind aber saubequem und es gibt sogar ein relativ sauberes Klo - nur beim SpĂŒlen stinkts erbĂ€rmlich durch den ganzen Bus, weil die Klappe zum Abflussbecken aufgeht. Ätzend an mexikanischen Reisebussen sind die Fernseher, die ununterbrochen dudeln und nicht nur nette Unterhaltungsfilme bringen, sondern auch amerikanische Kreisch- und Polterkrimis und Antikriegsfilme wie "Der schmale Grat" - am besten nachts, wenn man sich sowieso schon Ă€ngstlich an seinen Rucksack klammert und in jedem lĂ€ngeren Halt einen Überfall wĂ€hnt. Aber eigentlich sorgen die Busunternehmen sich sehr um die Sicherheit ihrer FahrgĂ€ste. Es gibt diese PiepstĂŒren wie beim Flugzeug und alle 10 Meter Taschenkontrollen - mal wird nur ein Blick rein geworfen und mal wird neugierig darin herum gewĂŒhlt und man hofft, dass danach nicht alle belegten Sandwiches fĂŒr unterwegs in die Unterhosen zerdrĂŒckt wurden. Außerdem werden meistens auch ale FahrgĂ€ste mit der Videokamera aufgenommen - wahrscheinlich, damit das Identifizieren der Leichen einfacher ist. Komischerweise gab es all das Sicherheitstohuwabohu fĂŒr unsere Nachtfahrt nicht - dafĂŒr gab es GetrĂ€nke und eine gefĂŒllte Teigtasche mit Schinken - lecker lecker.
Am frĂŒhen Sonntagmorgen sind wir dann also wieder in Puebla angekommen und verbringen nun den restlichen Tag mit Ausruhen in der ersten Sommerhitze. Herrmann wollte uns noch zu einem Wanderung auf den Malinche mitnehmen, aber dort fahren wir wahrscheinlich in der nĂ€chsten Woche mit der 5. DM-Klasse fĂŒr eine Übernachtung hin. Zum Mittag gab es zerstĂŒckelte Tortillas mit Champignons, Tomaten, Schinken, Ei und KĂ€se und als Nachtisch eine Frucht, bei der wir noch nicht ganz genau wissen, wie sie heißt. Sie sieht aus wie ein kleiner Kaktus und ist grĂŒn. Das Fruchtfleisch ist weiß und sehr weich und matschig. Die Kerne sind wie Melonenkerne. Wir vermuten, dass es eine Kaktusfeige war, weil die hier vor allem zu SĂ€ften verarbeitet werden. Aber wir wissen es nicht genau. Die Mexikaner futtern ĂŒbrigens tĂ€glich wahrscheinlich mehrere Kilo Orangen. Bei der Demo sah es aus wie nach der Love Parade in Berlin - MĂŒll ĂŒber MĂŒll, der hauptsĂ€chlich aus Orangenschalen bestand. Diese sehen hier ĂŒbrigens meist klein, grĂŒnbraun und schrumpelig aus, schmecken aber sehr saftig und frisch. Wir essen hier öfter Papayas, auch wenn die nicht so billig sind. Die Kerne der Papaya sehen aus wie Kaninchenkökel und die Frucht riecht wie ParmesankĂ€se, aber das Aussehen tĂ€uscht, denn sie sind nicht so sĂŒĂŸ und schön saftig. Ananas gibt es hier in HĂŒlle und FĂŒlle und sie sind sehr preiswert. Wir haben uns aber noch keine gekauft. Der Mann von Erika - der Lehrerin, bei der Sonja wohnt - ist Mexikaner und hat wohl mehrere Bananen-, Orangen- und Ananasplantagen. Daher ist er meist an der KĂŒste in Veracruz und kommt nur selten nach Hause.
Wir wollen nachher noch einkaufen gehen, denn das Mittag war großes Resteessen, wozu wir auch Herrmann und Sonja eingeladen hatten. Leider gibt es in der Bodega (Ableger der amerikanischen Walmart-Kette) keine anstĂ€ndigen SĂŒĂŸigkeiten - nur amerikanisches sĂŒĂŸes Klebezeug *schnĂŒff* DafĂŒr sind die GebĂ€ckteilchen wirklich super lecker. Leider ist da immer eine ewig lange Schlange, weil alle Teile extra eingepackt werden. Aber hier in Mexiko lernt man ja Geduld.
Jetzt muss ich doch noch mal auf die Schule zurĂŒck kommen. Letzte Woche waren am Nachmittag zwei Mal Notenkonferenzen, so dass die SchĂŒler der Primaria jeweils die letzten beiden Stunden Sport hatten - Ausfall darf die Schule ja nicht geben. Erstens ist das fĂŒr die SchĂŒler QuĂ€lerei, weil der Sportplatz in der prallen Sonne liegt und die Hitze mittags schon echt lĂ€stig ist. Außerdem ist es eine QuĂ€lerei fĂŒr arme Praktikantinnen, die kurzfristig dazu verdonnert werden, auf vier vierte Klassen gleichzeitig aufzupassen, weil die Lehrerin krank ist. Das wĂ€re ja alles nur halb so schlimm, wenn die Kinder einen verstehen wĂŒrden. Aber drei der Klassen sind ja Mexikaner, die gerade mal ein paar Jahre Deutsch als Fremdsprache hatten. Selbst Sonja konnte den Kindern nur fĂŒr fĂŒnf Minuten klar machen, dass sie nicht auf den Matten herum hĂŒpfen dĂŒrfen. Die einzigen Kinder, mit denen wir uns hĂ€tten verstĂ€ndigen können, war die vierte DM-Klasse, die aber brav neben den Matten wartete. Sehr gute Spanischkenntnisse sind an dieser Schule einfach erforderlich, sonst nehmen einen die mexikanischen SchĂŒler nicht ernst. Herrmann zum Beispiel ist ja erst seit einem halben Jahr hier und lernt gerade erst Spanisch. Er hat in den mexikanischen Klassen, in denen er deutschen Fachunterricht gibt, große Disziplinprobleme, denn die SchĂŒler fangen dann einfach an auf Spanisch ĂŒber ihn zu lĂ€stern und er kann sie nicht einmal zur Ordnung rufen, weil er nicht versteht, was sie sagen. Erika dagegen lebt ja schon seit 26 Jahren in Mexico und wenn es ihr zu viel wird mit den undisziplinierten mexikanischen Kindern, fĂ€ngt sie auch schon mal an zu fluchen und mit Schimpfwörtern um sich zu schmeißen. Das hilft dann wohl, um bei der Klasse Respekt zu bekommen. Wenn Erika sich mit ihrer Tochter streitet, sprechen sie auch immer Spanisch - da kann man einfach besser fluchen.
In der nĂ€chsten Woche wollen wir nach der Schule endlich nach Cholula, um uns dort die Pyramide mit dem grĂ¶ĂŸten Volumen der Welt anzuschauen und nach Altlixco, was wohl eine sehr schöne Stadt sein soll, in der auch einige Lehrer vom Colegio Humboldt wohnen. Unsere Rundreise in der letzten Woche muss wohl noch ein bisschen schrumpfen, wenn wir sehen, dass wir fĂŒr zwei Stunden Schmetterlinge anschauen fast 24 Stunden gefahren sind. Nach Palenque - der großen Ruinenstadt der alten Azteken sind es angeblich 10 Stunden mit dem Bus, aber nach mexikanischer Zeitrechnung wahrscheinlich 15. Carstens Plan, in sechs Tagen mindestens drei KĂŒsten von Mexiko zu sehen, war bei einem Land, das acht Mal so groß ist wie Deutschland, wohl doch etwas ehrgeizig (der Meinung bin ich nicht > Carsten).
Mexico gefĂ€llt mir auf eine ganz andere Art als China. Das Klima ist toll - Sommer Sommer Sommer. Die Leute sehr zuvorkommend - sie versuchen einen zu verstehen und wollen gern helfen - geben dann lieber eine falsche Auskunft als einen zu enttĂ€uschen, dass sie nicht helfen können. Und das Essen ist lecker (Tortillas in allen Varianten als Tacos, Quesidillas usw.). Auch die Primaria des Colegio Humboldt gefĂ€llt mir gut, nur mĂŒsste ich eben, um hier zu leben, unbedingt Spanisch lernen. Die Angst, beklaut und ausgeraubt zu werden, schwindet immer mehr und die Pappenheimer, die glauben, dass sie uns ĂŒber Ohr hauen können, muss man halt aushalten. Wenn man ihnen klar machen kann, dass man kein amerikanischer Gringo ist, sondern Deutscher, sind sie meist gleich netter zu einem.
FĂŒr die Sportler unter uns noch ein paar interessante Dinge: Fußball ist hier Sport Nummer 1, denn dafĂŒr braucht man ja nur etwas, was einem Ball Ă€hnlich sieht und ein bisschen Platz - als Tore reichen Jacken oder Taschen. Es gibt aber in der Stadt auch viele BolzplĂ€tze. Auch Basketball wird gern gespielt, aber da ist man ja auf einen Korb und einen harten Platz angewiesen, den man bei dem Staub hier nicht so leicht findet. Am Colegio Humboldt wird aufgrund der eingegrenzten Möglichkeiten auch nur Basketball und Fußball gelehrt als Spielsportarten. HandbĂ€lle gibt es zum Beispiel sehr schwer zu kaufen.
Und zum Schluss noch etwas fĂŒr werdende Muttis: Babys sieht man hier nur wenige, denn die sind meist in helle Winnie-Puh-PlĂŒschdecken eingewickelt, so dass nicht mal die Nase heraus schaut oder höchstens mal eine TiggermĂŒtze. Kinderwagen sieht man nur ganz selten. Die Decke soll wahrscheinlich vor der Sonne schĂŒtzen. Ich habe mir ja auch Babysonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 gekauft. In der Bodega brĂŒllte heute ein Baby ganz schrecklich. Aber nicht der Vater, der den Wagen schob, gab dem armen Kerlchen die Flasche, sondern er winkte Mama ran. Vielleicht stellt sich Papa auch immer so dĂ€mlich an, dass seine Göttergattin sowieso wieder meckert, aber aus dem ReisefĂŒhrer und von Leuten, die hier schon etwas lĂ€nger leben, wissen wir, dass die mexikanischen MĂ€nner schon ganz schöne Machos sind. Es gibt immer noch Bars, in denen Frauen nichts zu suchen haben und die Selbstverwirklichung der Frau geschieht immer noch ĂŒber den Mann und die Familie. Viele Frauen lernen keinen Beruf, sondern machen nur die sechsjĂ€hrige Grundschule. Da sich die meisten aber nicht leisten können, dass nur der Mann Geld verdient, sieht man viele Frauen am Straßenrand Obst, Saft oder selbstgemachte Tortillas verkaufen (auf die dann auch schon mal draufgeniest wird).
Ich werde jetzt noch schnell ein Arbeitsblatt entwerfen fĂŒr meine beiden WUK-Stunden morgen in der 5. Klasse zum Thema "Kindersklaven".

Montag, 01.03. bis Sonntag, 07.03.04

Hola de Puebla,
nun haben wir uns schon seit einer Woche nicht mehr gemeldet, dabei ist doch so viel passiert, dass ich wieder befĂŒrchte, dass diese Mail sehr sehr lang wird.
Am Montag (07.03.) hat sich nicht viel ereignet. Da mussten wir uns erst einmal von unserem anstrengenden Schmetterlingswochenende erholen. Am Dienstag waren wir abends mit Herrmann, Saxi und Sonja in einer mexikanischen Bar. Dort angekommen, wurde der Wagen fĂŒr uns auf den Parkplatz gefahren und am Schluss auch wieder vorgefahren. Ich kam mir vor wie im Adlon in Berlin. Die Bar selbst war sehr voll und es gab laute Livemusik. Da Carsten und ich zum GlĂŒck nicht allein waren, umgarnte die Band andere wehrlose PĂ€rchen. Als erstes brachte uns der Kellner Limetten. Die gibt es ĂŒbrigens oft in Restaurants, denn mit Salz bestreut soll sie gegen sĂ€mtliche Leiden helfen, weil da so viele Vitamine drin sind. Ich glaube allerdings, dass sie die Vergewaltigung der Geschmacksnerven nur perfekt macht, wenn man kurz vorher gerade eine Ladung Chili im Mund hatte. Carsten hat nĂ€mlich mal von so einem Ding abgebissen und war danach sehr froh, dass es Zitronen gab. Neben den Zitronen gab es auch noch in Chili geröstete ErdnĂŒsse, die nicht minder scharf waren. Da waren unsere Cocktails ein wahrer Balsam fĂŒr den wunden Gaumen. Wir hĂ€tten auch noch fĂŒr 90 Pesos an einer Verlosung fĂŒr irgendeinen sauteuren Alkohol teilnehmen können. Die MĂ€nner, die die Flasche nachher gewonnen haben, haben sich auch mĂ€chtig gefreut. Denn immerhin haben sie fĂŒr eine 600 Pesos-Flasche nur 90 bezahlt (Umrechung 1:13).
Am Mittwoch sind wir nach der Schule mit dem Bus nach Cholula gefahren. Dort waren wir essen, wo uns ein Mann durchs Fenster um Essen angebettelt hat. Da er aber so schnell Spanisch sprach, haben wir das erst kapiert, als er schon resigniert wieder abgedackelt war. Danach haben wir uns die Pyramide von Cholula angeschaut, die vom Volumen her die grĂ¶ĂŸte der Welt sein soll. Leider sieht man nicht mehr viel von ihr, da sie total ĂŒberwachsen ist und oben drauf eine Kirche steht. Von oben hat man aber einen schönen Blick auf Cholula und die umliegenden Berge. Vor allem der Popocatepetl zeigte sich von seiner besten Seite und schickte uns sogar ein Rauchwölkchen. Die Kirche auf der Pyramide war insofern spannend, dass hinter dem Altar eine große Leuchtreklame flackerte - Jungfrau macht Werbung fĂŒr BlĂŒtenweiß, damit ihre WĂ€sche wieder jungfrĂ€ulich weiß wird - passte irgendwie zu dem Catchkampf vor der Kirche.
Am Donnerstag waren wir gleich noch einmal in Cholula, weil wir uns noch den Tunnel unter der Pyramide anschauen wollten, den ArchĂ€ologen ausgegraben haben. Der Eingang sah ein bisschen aus wie von einer Tiefgarage und der Herr am Ticketschalter schlief gerade. Um ihn herum stand noch eine Horde gelangweilter Mexikaner. 30 Pesos wollte man von uns und als wir ihm unseren ISIC (Internationaler Stundentenausweis) vor die Nase hielten, weil es fĂŒr Studenten ErmĂ€ĂŸigung geben sollte, winkte er nur wiederwillig ab. Die ErmĂ€ĂŸigung, die es ĂŒbrigens auch fĂŒr Leute ab 60 und fĂŒr Lehrer gab, scheint nur fĂŒr Mexikaner zu gelten, denn auch an vielen anderen Stellen will keiner etwas vom ISIC wissen, obwohl der angeblich weltweit anerkannt sein soll. Nur in unserem ersten Hotel haben wir etwas von ihm gehabt. Aber zurĂŒck nach Cholula: Zwischen den gelangweilten Mexikanern stand einer, der uns eine FĂŒhrung auf Spanisch geben wollte. Als wir ihm erklĂ€rten: "Hablamos un pocotito Espanol" (Wir sprechen ein klitzekleines bisschen Spanisch!") winkte auch er resigniert ab. Da kam ein englischsprachiger "Guide" und bot seine Dienste fĂŒr 70 Pesos an, was wir natĂŒrlich dankend ablehnten. Was er uns da fĂŒr fast 7 Euro hĂ€tte erzĂ€hlen wollen, wissen wir nicht. Denn was wir sahen, war ein langer verwinkelter Tunnel, ab und zu eine Glasvitrine mit den einzelnen Stadien der Pyramide ohne erklĂ€renden Text. Die spannenderen Stellen, wo eine ellenlange, kleinstufige Treppe nach oben oder unten scheinbar ins Nichts fĂŒhrte, waren abgesperrt. Außer uns war noch ein Mexikaner im Tunnel, der sich alles sehr genau ansah und den wir dabei filmen sollten, wie er bewegungslos im kahlen Tunnel vor sich hingrinste. Nach dem Tunnel konnte man sich noch im Ă€ußeren Ausgrabungsfeld anschauen, was man bisher schon von der Pyramide freigelegt hat.
Danach wollten wir zum Paso Cortez, dem Pass zwischen dem Popcatepetl und dem Ixtaciuhatl, auf dem Cortez im 16. Jahrhundert von Cholula nach Mexico City gezogen ist. Wir fanden auch einen Minibus, dessen Fahrer uns sagte, er fahre dorthin. Nach 20 Minuten rucklig schuckliger Fahrt durchs mexikanische Hinterland erklĂ€rte uns der Fahrer, die Linie ende hier und der Bus zum Pazo Cortez fahre gleich nebenan ab. Doch der fuhr, so erfuhren wir von einem Soldaten, der dort herum stand, nur alle Stunde und schien gerade weg gewesen zu sein. Da es schon kurz vor 17 Uhr war, war uns das doch zu knapp, noch auf einen Bus zu warten, der in die Wildnis raus fĂ€hrt und uns vielleicht auch wieder zurĂŒck bringt. Also standen wir nun in einem Nest namens San Nicolas und warteten auf den Bus zurĂŒck nach Cholula. Die Leute guckten uns schon etwas merkwĂŒrdig an. Man sah uns wohl an, dass wir zwei dumme Gringos waren, die sich verfahren hatten. Das einzig schöne an San Nicolas war eine kleine Kirche mit einer toll beschnitzen HolztĂŒr. Außerdem kamen wir auf unserer Fahrt an vielen Kaktusfeldern vorbei, was schon sehr merkwĂŒrdig aussieht. Kakteen futtert man hier wie GemĂŒse - schmeckt nicht schlecht. Die Stacheln werden vorher natĂŒrlich mit einem Nagelknipser abgemacht. Als EntschĂ€digung fĂŒr unseren missglĂŒckten Ausflug gönnten wir uns ein Essen im "Hotel Colonial", wo wir die köstliche Mole Poblano gegessen hatten. Leider gab es das Gericht auf der Abendkarte nicht, so dass ich Spaghetti aß und Carsten sauscharfe mexikanische RĂŒhreier. Vorher genossen wir noch einen schönen Blick von der Dachterrasse auf das abendliche Puebla. Dort schossen wir noch ein Foto, das echt aussieht wie auf einer Postkarte: abendblauer Himmel, der Vollmond strahlt und im Vordergrund steht eine maurisch anmutende und hell erleuchtete Kirche. Eine Amerikanerin sollte ein Foto von uns machen und fragte uns, woher wir denn kĂ€men. Als wir ihr sagten: "We are from Germany!", verzog sie angewidert das Gesicht und fragte nichts mehr.
Am Freitag habe ich vier Stunden unterrichtet: meine letzte Mathestunde in der vierten Klasse, zwei Deutschstunden zum freien Schreiben in der 5. Klasse, wo ich mich erst einmal gegen den Minimacho Niklas durchsetzen musste, der in der ersten Stunde nur herum gedödelt hat und auf meine Ermahnung hin nur schnippisch seine Gusche verzog. Christine, die Klassenlehrerin meint, ihr tun schon die MĂ€dels spĂ€ter leid, denn der wird bestimmt mal ein schicker Bengel – und einer, der sich von Frauen nichts sagen lĂ€sst - allerdings kein bisschen mexikanisch, sondern rein deutsch. In der Mathestunde beschwerte sich Niklas, dass das was wir machen ja gar nichts mit Mathe zu tun hat. Denn jeder SchĂŒler hatte von mir einen Text zu seinem Lieblingstier bekommen, aus dem sie verschiedene GrĂ¶ĂŸenangaben (z.B. Gewicht, LĂ€nge, Körpertemperatur, Nahrungsmenge, Höchstalter etc.) heraussuchen sollten. Am Montag sollen sie das gleiche fĂŒr sich selbst machen und mit ihrem Lieblingstier vergleichen. Diese Stunde war sehr schön, weil die Kinder schon ganz schön herum gewundert haben, was die Tiere alles so können. Zum Beispiel springt eine WĂŒstenspringmaus das 15-fache ihrer KörpergrĂ¶ĂŸe. Ein Mensch mĂŒsste im Vergleich also ĂŒber 25 Meter weit springen.
Abends sind wir mit dem Bus nach Veracruz gefahren. Das liegt am Atlantik und ist nach Rio die grĂ¶ĂŸte Karnevalsstadt in Amerika. Allerdings ist der ja vorbei. Im Bus haben wir uns Camottes gekauft. Da die Mexikaner das auch alle kauften, dachten wir, das wĂ€re etwas ganz Tolles. Doch das war nichts anderes als eklig sĂŒĂŸe, matschige Stangen in allen Farben, die wie nass gewordener Zucker schmeckten. Wir haben die Packung netterweise einer Pennerin in Veracruz geschenkt, die sich die eineinhalb Tage, die wir dort waren, nicht von ihrer TĂŒrschwelle bewegt hat. In Mexiko sind sowieso ganz andere SĂŒĂŸigkeiten beliebt als bei uns: entweder eklig, klebrig sĂŒĂŸ wie die Camottes oder aber scharf und salzig wie die ErdnĂŒsse mit Chili oder Chips in allen Geschmacksrichtungen. Aber man isst als Nascherei auch viel frisches Obst, das es klein geschnitten oder geschĂ€lt am Spieß ĂŒberall zu kaufen gibt - natĂŒrlich mit Chili bestreut. Wir haben außerdem auch den frisch gepressten Orangensaft entdeckt, denn Erikas Mann hat so viele Orangen von der Plantage mitgebracht, dass sie uns welche abgegeben hat. Und da Herrmann eine Apfelsinenpresse hat, haben wir das Ding gleich mal ausprobiert. Die Apfelsinen sind hier so saftig, dass man aus zwei großen FrĂŒchten ein volles Glas bekommt und das schmeckt natĂŒrlich drei Mal köstlicher als Valensina, Dr. Oetker oder Hohes C.
Den Abend verbrachten wir am Hafen von Veracruz und auf dem Zocalo, auf dem neben einer Tanzgruppe auch viele andere Musiker unterwegs waren und ihre SangeskĂŒnste fĂŒr etwas Geld darboten. Allerdings hörte man drei Kapellen gleichzeitig plus die Tanzmusik auf der BĂŒhne und dann sprangen zwischen den Restauranttischen noch singende und tanzende Kinder mit kleinen Ratschen herum. Es war ein lautes und buntes Durcheinander. Leider ebbte der LĂ€rm auch nicht in der Nacht ab. Da haben wir uns gefreut, ein Hotel gleich am Zocalo zu bekommen, doch die einzigen freien Zimmer waren entweder direkt an der Straße oder stickig und ohne Fenster gleich neben der Rezeption. Dummerweise haben wir uns fĂŒr das Straßenzimmer entschieden, weil wir der naiven Ansicht waren, die Mexikaner geben spĂ€testens um 2 Uhr Ruhe. Aber dem war nicht so. Allein der StraßenlĂ€rm mit den hupenden, bremsenden, Keilriemen quietschenden oder den Musikanlage-auf-volle-Mugge-gestellten Autos hĂ€tte schon ausgereicht, um jeden normalen Menschen um den Schlaf zu bringen (nicht so Carsten, der selig schnarchte). Gleich gegenĂŒber dröhnte bis 5 Uhr morgens laute Partymusik auf der Straße. Aber dann fing ja der StraßenlĂ€rm schon wieder an. Dazu kam noch, dass die Nacht die heiße Luft vom Tag nicht abkĂŒhlen konnte, so dass es schwĂŒlwarm war. Das einzig Gute an unserem Zimmer war die Dusche, die wir in den eineinhalb Tagen auch vier oder fĂŒnf Mal nutzten. ErwĂ€hnenswert ist auch noch die Touristeninfo in Veracruz, in der tatsĂ€chlich gleich zwei Leute fließend englisch sprachen und wirklich daran interessiert waren, uns weiter zu helfen. Wir wollten nĂ€mlich am nĂ€chsten Tag nach Cuetzalan. Am Busbahnhof konnte man uns dazu nur eine vage Auskunft geben, dass wahrscheinlich ein Bus um 8 Uhr abends fahre, der dann um 2 Uhr morgens da sei. Was bitteschön soll man nachts um zwei in einem verlassenen Bergdorf, in dem nur sonntags Leute hinkommen, weil dort Markt ist? Selbst die Leute im ReisebĂŒro und im TicketbĂŒro fĂŒr die Busfahrkarten schickten uns nur dahin, wo wir gerade schon gefragt hatten und ebenfalls weiter geschickt wurden. So etwas wie eine zusammenhĂ€ngende Auskunft ĂŒber das Bussystem in Mexico gibt es nicht. Sobald man zwischen zwei Zielen umsteigen muss oder eine andere Busgesellschaft dorthin fĂ€hrt als die, bei der man fragt, kriegt man keine gescheite Auskunft. Ich bin echt gespannt, wie das auf unserer Rundreise wird.
Was uns an Veracruz aufgefallen ist, ist die deutlich sichtbarere Armut. Hier gibt es nicht nur viel mehr StraßenverkĂ€ufer (auch Kinder), die Blumen, Lose, Kaugummis und anderen Schnickschnack verkaufen, den leider niemand braucht, sondern auch viele Bettler und Obdachlose. Nicht nur Besoffene, wie die Frau, der wir die Camottes geschenkt haben, sondern auch ganz Familien mit kleinen Kindern, die nachts unter den SĂ€ulengĂ€ngen in der NĂ€he des Zocalos schlafen, wo sie tagsĂŒber wahrscheinlich Schuhputzer sind oder kleine Dinge verkaufen. In Puebla sieht man Obdachlose und Bettler nur sehr selten. Allerdings sind die NĂ€chte in Veracruz so warm, dass die Menschen ohne Wohnung wenigstens nicht erfrieren.
Gleich nebenan war die Promeniermeile auf der jede Menge los war. Die vielen HĂ€ndler sind das aber anscheinend gewoehnt, denn sie guckten die ganze Zeit in ihre mini Fernseher statt auf die potentiellen Kunden. Am Samstag wollten wir gleich frĂŒh mit dem Bus zur Festung San Juan de Ulua. Allerdings fuhr der nur einmal in der Stunde, so dass wir (da es ja keine BusfahrplĂ€ne gibt) nach einer halben Stunde dummen Herumstehens ein viel zu teures Taxi genommen haben. Die Festung liegt direkt im HafengelĂ€nde. Daher kam nicht viel Castillo- oder SeerĂ€uberidylle auf, da die herumstehenden KrĂ€ne und der Bauschutt eher nach Baustelle aussahen. Die kleine Burg war schon so vergammelt, dass sich in einigen RĂ€umen schon Tropfsteine gebildet haben. Angeblich war das Ding mal GefĂ€ngnis, in dem die Gefangenen bei Flut bis zum Hals im Wasser standen. Da wir dort keine Flut erlebt haben, können wir dazu keine Aussagen treffen. Es wirkte aber unwahrscheinlich. ZurĂŒck konnten wir mit dem Bus fahren, weil uns ein Herr von der Marine, die am Castillo stationiert war, sogar sagen konnte, wann der Bus fĂ€hrt. Das stimmte sogar und der Bus fuhr nur 15 min. zu spĂ€t.
Danach wollten wir im "La Olimpica" den fĂŒr Veracruz so berĂŒhmten Fisch essen. Allerdings war noch nicht Mittagszeit (11:40 Uhr), so dass er pro Person130 Pesos kosten sollte. Also begnĂŒgten wir uns mit leckeren Enchiladas. Ich hatte diesmal vorgesorgt und mir als Feuerlöscher noch "Crema" dazu bestellt, die die scharfe Soße der sensiblen Gringozunge sehr viel ertrĂ€glicher macht.
Nachdem wir im Hotel das X-te Mal geduscht und ausgecheckt hatten, fuhren wir mit dem Bus zum Strand. Dort schauten wir uns zuerst das Aquarium an, das ganz nett, aber nicht so bombastisch war wie in Peking, obwohl es auch ein Becken gab, in dem die Haie direkt ĂŒber einen drĂŒber schwimmen.
Danach waren wir Eis essen und dann ging es zum Strand, von dem ich aber sehr enttĂ€uscht war. Denn es war kein weißer Sandstrand unter Palmen, sondern ein kleines StĂŒckchen matschiger Schlamm mit viel MĂŒll und lauter Tischen, zu denen Man von "netten Herren" regelrecht gedrĂ€ngelt wurde. Wir konnten aber vorbei wutschen und waren nacheinander baden, da wir das GepĂ€ck nicht allein lassen wollten. Das Wasser war herrlich und sehr salzig. Die Wellen waren allerdings nicht viel grĂ¶ĂŸer als in der Ostsee. Die AbkĂŒhlung tat jedoch gut gegen die Mittagshitze. Zum GlĂŒck war es nicht so schwĂŒl wie am Abend zuvor.
Danach ging es zurĂŒck zum Busbahnhof, weil wir einen letzten Versuch starten wollten, doch noch zu einer vernĂŒnftigen Zeit in Cuetzalan zu sein. Allerdings hatten wir kein GlĂŒck und verpassten knapp den nĂ€chsten Bus nach Puebla, so dass wir fast 2 Stunden in einer warmen, mit vielen schnatternden Menschen belegten, blĂ€kenden Fernsehern behĂ€ngten und piepsenden GepĂ€ckkontrollen umgebenden Halle auf den nĂ€chsten Bus warten mussten.
Am nĂ€chsten Morgen sind wir ganz frĂŒh aufgestanden, um um 6:20 Uhr mit dem Bus nach Cuetzalan zu fahren, denn von Puebla aus war das alles gar kein Problem. Dadurch haben wir nun auch erkannt, dass man mit 2.-Klasse-Bussen fahren muss, wenn man nicht vom Fernseher zugedudelt werden möchte. Allerdings muss man sich dann auch vier Stunden das Pinkeln verkneifen, da es keine Toilette gibt. Die Fahrt war wirklich toll, auch wenn wir an jeder Milchkanne hielten und ein Haufen Leute einstiegen, die mĂ€chtig herausgeputzt waren oder mit SĂ€cken, riesigen Bilderrahmen, Pappkartons und sonstewas einstiegen. Die Fahrt ging vorbei an sagenhaften Schluchten, Bergen in Wolken, hinein in den Regenwald und rumpelig pumpelig die Serpentinen hinauf und hinunter. Wir sahen Bauern mit Eselkarren und mit einem alten Pferdepflug den Acker bestellen, Frauen mit einem großen Tragetuch, aus dem nur ein kleines MĂŒtzengesicht heraus schaute, kichernde Kinder, die mĂ€chtig aufgeregt waren, weil sie Bus fahren konnten, Frauen, die schwer beladen an Kopfriemen ihre Waren trugen und vor ihren MĂ€nnern liefen, die höchstens eine kleine Schultertasche dabei hatten und Kinder, die Pferdewagen steuerten, BĂ€ume fĂ€llten und ĂŒberall dort halfen, wo man sonst nur Erwachsene vermutet. Kinder mĂŒssen hier auf dem Land wirklich hart anpacken, auch auf den MĂ€rkten sieht man sie - aber nur auf dem Lande.
Was die voll beladenen Frauen betrifft, merkt man immer wieder, dass Frauen hier eine andere Stellung haben als in Deutschland. Hier gibt es keine Gentlemen, die die schwere Tasche abnehmen oder einen Platz im Bus anbieten. Wir haben im Poblaner Kulturhaus ein Paar gesehen, das sich an einen Tisch setzen wollte, an dem aber nur ein Stuhl stand. Auf den setzte sich der Mann und die Frau holte sich einen neuen. Auch im Bus werden nicht den Frauen die SitzplĂ€tze angeboten, sondern den MĂ€nnern – so auch bei Carsten. Schwere Lasten tragen wie gesagt auch die Frauen und nicht die MĂ€nner. Ein guter Mann zeichnet sich scheinbar dadurch aus, dass er toll aussieht und machmĂ€ĂŸig gut drauf ist und nicht, ob er zuvorkommend und gentlelike ist.
Als wir in Cuetzalan ankamen, waren wir ziemlich enttĂ€uscht. Die Straßen waren matschig, wir hatten gleich einen Schwanz Kinder hinter uns, die bettelten oder uns ihre Dienste anboten und nicht locker ließen. Außerdem gab es auf dem Markt, der uns als ursprĂŒnglicher Indiomarkt beschrieben worden war, hauptsĂ€chlich Nahrungsmittel, Plastikschuhe und CD-Player, die sich von den meisten Einwohnern wohl keiner leisten kann. Touristisch erschlossen ist das Gebiet fĂŒr AuslĂ€nder allerdings noch nicht so sehr, denn von einer Touristeninfo war keine Spur, auch wenn sie im ReisefĂŒhrer beschrieben war und niemand verstand unser gebrochenes Spanisch. Immerhin fanden wir einen knallvollen Minibus, der zur Pyramide fahren sollte, die in der NĂ€he ist. Neben viel zu vielen Menschen fĂŒr die kleine Kimpelkiste, reisten auch ein Huhn mit, das brav auf dem Schoß eines kleinen MĂ€dchens saß und unzĂ€hlige Pamperspackungen. Carsten wurde freundlich ein Sitzplatz auf einer Waschmittelbox angeboten, aber diese Konstruktion sah nicht sehr stabil aus. Gleich drei MĂ€nner sagten uns, wann wir aussteigen mĂŒssen. Das war wirklich sehr nett, denn der Bus war so klein, dass man stehend nicht aus dem Fenster schauen konnte. Als wir ausstiegen, klebten gleich wieder ein paar Kinder an uns, die entweder einfach so einen Peso haben wollten oder uns zur Pyramide fĂŒhren wollten. Warum man fĂŒr den Weg einen FĂŒhrer braucht, war uns allerdings schleierhaft, denn er war gut ausgeschildert und gepflastert. Allerdings waren die angegebenen zwei Kilometer doch sehr optimistisch, denn wir sind bestimmt eine dreiviertel Stunde gelaufen und nicht gerade langsam. Der Weg war aber angenehm und wir liefen durch den Regenwald, vorbei an vereinzelten HĂŒtten, Bananenpflanzen und herumblökenden KĂŒhen. Kurz bevor wir dachten, wir kĂ€men gar nicht mehr zur Pyramide, sahen wir sie. NatĂŒrlich gab es wieder viele kleine VerkaufsstĂ€nde und viele Kinder, die einen Peso haben wollten. Der Eintritt war erschwinglich und der TicketverkĂ€ufer sehr nett. Die Pyramiden waren sehr viel besser erhalten als in Cholula und es waren wenige Touristen da - bis auf eine Schulklasse. Diese stellte sich als eine aus der American School in Puebla heraus und rein zufĂ€llig wollten sie danach nach Las Brisas, einem Wasserfall in der NĂ€he. Da fragten wir, ob denn noch zwei PlĂ€tze im Schulbus fĂŒr uns frei wĂ€ren und das war ĂŒberhaupt kein Problem. Sogar nach Puebla wollten sie uns mit zurĂŒck nehmen. Besser hĂ€tte es uns gar nicht treffen können. Zwar hatten wir das Ticket fĂŒr die RĂŒckfahrt mit dem Linienbus schon gekauft, aber mit öffentlichen Bussen wĂ€ren wir wahrscheinlich nie nach Las Brisas gekommen, da die im ReisefĂŒhrer angegebenen 40 min. Fußweg nicht von Cuetzalan aus galten, sondern von der dem Wasserfall nĂ€chstliegenden Straße aus. Zum Wasserfall musste man erst einmal ĂŒber kleine steile Wege quer durch den Regenwald. Es war ein mĂŒhsame, aber wirklich sehr lohnenswerte Kletterei. Zwischendurch hatte man einen umwerfenden Blick auf die waldbedeckten Berge und der Wasserfall sah aus wie im Film - von ganz weit oben stĂŒrzten die Wassermassen in ein kleines Becken, das von Palmen und dichtem Urwald umgeben war. Eigentlich hĂ€tten wir dort gern gebadet, da wir aber mit der Klasse dort waren, befĂŒrchteten wir, dass die Kinder nachher auch baden wollen. Ein einheimischer Junge hat sich allerdings mutig in die Fluten gestĂŒrzt. Wir haben allerdings noch einmal in Palenque eine Chance auf ein Wasserfallbad.
Auf der RĂŒckfahrt wollten wir eigentlich noch einen Halt in Zaragoza machen, um dort zu essen. Allerdings waren die Straßen so eng, dass der dicke Schulbus nur schnaufend und mit viel Gekurbel um die Ecken kam. Außerdem gab es viel Gegenverkehr, aber statt einmal ein StĂŒck zurĂŒck zu fahren, damit der Bus vorbei kommt, blieben die Kleinbusse staunend stehen, um zu gucken, wie der Bus sich quĂ€lt. Dabei ist unser GefĂ€hrt so fies auf dem Boden aufgekommen, dass es gefĂ€hrlich anfing zu zischen. Nach einer Stunde Gewerkel im Motorraum und einer Rast an einer Tankstelle, sind wir dann gleich nach Puebla durchgefahren und waren zwei Stunden frĂŒher da als mit dem Linienbus. Bei der Rast an der Tankstelle verteilte die Lehrerin vorher an alle, die wollten, Klopapier, denn das muss man sich meistens selbst mitbringen. Das benutzte Papier wird ĂŒbrigens nicht ins Klo geschmissen, sondern in einen deckellosen Eimer daneben, weil die Rohre meist so dĂŒnn sind, dass sie durch das Papier verstopfen wĂŒrden. Aber ansonsten sind die öffentlichen Klos hier oft sogar annehmbarer als Bahnhofsklos in Deutschland, denn sie werden regelmĂ€ĂŸig gereinigt und es gibt zum GlĂŒck richtige SchĂŒsseln und nicht nur diese TrittflĂ€chen wie in China, wo man ja manchmal nicht mal TĂŒren hat.
Weil das Essen ausgefallen war, haben wir uns in Puebla noch in ein Restaurant am Zocalo gesetzt und Tacos gefuttert. Außerdem gab es mal wieder eine Tanzdarbietung - diesmal auf einer großen BĂŒhne vor der Kathedrale. Es waren Unmengen von Leuten da, die jubelten und kreischten als sich zwischen den mexikanischen TĂ€nzen immer wieder ein Mann und eine Frau unterhielten und dabei scheinbar Witze machten - leider verstehen wir ja kaum Spanisch. Schon bei den Clowns, die oft auf der Straße ihre SpĂ€ĂŸe machen, haben wir gemerkt, dass die Mexikaner so etwas mögen und dabei völlig mitgehen. Sie jubeln, klatschen und freuen sich mĂ€chtig dabei und machen bei den Clowns auch jeden Scheiß mit, den der Clown ihnen erzĂ€hlt.
Zu den Busfahrern muss ich unbedingt noch etwas los werden. Es gibt sehr verschiedene hier. Einmal trafen wir einen, der volle Kanne Techno hörte und genauso fuhr. Ich war froh als ich lebend wieder aussteigen konnte. Auf dem Weg nach San Nicolas fuhren wir mit einem, der sich an jeder Straßenecke bekreuzigte. Dabei fuhr der gar nicht so schlimm. Aber die Mexikaner scheinen sehr religiös zu sein, denn das Nest kann noch so klein sein – ein oder zwei Kirchen gibt es immer. In Puebla soll es sogar 80 Kirchen geben. Außerdem stellen viele vor ihrem Haus einen kleinen Altar auf oder mitten in der Pampa stehen plötzlich eine kleine Marienfigur und brennende Kerzen.
So viele verschiedene Busfahrer wie es gibt, rennen hier auch verschiedene Polizeitypen herum. Die einen sind beritten zu Pferde. Dann gibt es die unzÀhligen Verkehrspolizisten mit oder ohne Leuchtstab, andere sitzen bis auf die ZÀhne bewaffnet und mit Sturmhaube auf einem Jeep und andere wieder fahren auf dem Mountainbike und mit kackelbuntem Fahrradhelm durch die Stadt.
Durch die Stadt rennen hier auch Unmengen von Hunden – manche sogar in kleinen Rudeln. Katzen gibt es daher logischerweise weniger. Bei uns ist es ja umgekehrt: Es gibt viele herrenlose Katzen und die meisten Hunde haben ein festes Zuhause. Hier streunen die Hunde und Katzen haben ein Zuhause. Ansonsten scheinen die Mexikaner nur noch Vögel und Fische als Haustiere zu halten. Man sieht in den TierlĂ€den nur selten NagerkĂ€fige, ab und zu mal ein paar Hamster oder ein Meerschweinchen.

Montag, 08.03. bis Samstag, 20.03.04

Nun sind wir zwar schon wieder ĂŒber eine Woche zu Hause und haben unser Jetlag langsam ĂŒberwunden, das ja durch die Zeitumstellung nun acht Stunden Zeitunterschied schaffen musste.
Aber fangen wir am besten am 8. MĂ€rz an. Das war ein Montag. An diesem Tag haben wir Tonantzintla zusammen mit Hilfe besucht. Dort ist eine alte Kirche, die von außen zwar ganz hĂŒbsch aussieht, aber sonst recht unscheinbar ist. Innen ist sie aber ein pompöses Holzschnittkunstwerk. Überall sieht man Indianerköpfe an den WĂ€nden, an der Decke, im Fenster. Denn diese Kirche haben die Indianer gebaut und ihre Religion mit der christlichen der Spanier vermischt. Danach sind wir mit Hilde nach Atlixco, wo sie sich ein Haus gebaut hat. Da sie als Ortslehrkraft nur 7000 Pesos verdient (nicht mal 700 Euro – frĂŒher waren sogar nur 2000 Pesos, Herrmann als Auslandsdienstlehrkraft verdient mindestens das siebenfache von 7000 Pesos), musste sie dafĂŒr lange sparen und konnte immer dann weiter bauen, wenn sie mal Geld hatte. Den Grundstein des Hauses konnte sie von dem Geld zahlen, was ihr Mann fĂŒr ihre beiden Kinder an Unterhalt zahlen muss. Auch sonst dauert Bauen in Mexiko oft Jahre und man sieht fast nur unfertige HĂ€user. Das Haus von Hilde ist sehr hĂŒbsch, wenn auch in einer pompösen Gegend – gleich neben dem Golfplatz und mit vielen ClubhĂ€usern (Schwimmbad, Golfplatz etc.).
Zum Mittag haben wir eine Comida Corrida (ein mehrgĂ€ngiges mexikanisches Menu, fĂŒr, die es vergessen haben) gefuttert. Doch danach hatten wir irgendwie alle Verdauungsprobleme. Ob es die Spinatsoße vom HĂ€hnchen war?
Danach waren wir auf dem alten Bahnhof in Atlixco. Wie schon beschrieben, fahren in Mexico nur noch wenige ZĂŒge, weil das Schienennetz sehr vernachlĂ€ssigt wird. So sah dieser Bahnhof auch aus – Gras auf den Schienen, ein verrosteter GĂŒterzug stand noch herum und die HĂŒhner liefen ĂŒber die Schienen. Aber sonst sah der Bahnhof noch sehr gut erhalten aus – nichts zerstört, keine Schmierereien. Das wĂ€re in Deutschland ganz anders.
Den Dienstag haben wir zum Ausruhen genutzt und am Mittwoch waren wir noch einmal in der Stadt – schon fast zum Verabschieden. Abends haben wir dann unsere Klamotten zusammen gepackt und die Zelte bei Herrmann abgebrochen. Unsere TrekkingrucksĂ€cke und den Laptop konnten wir fĂŒr unsere Reisewoche beim Direktor abstellen, auch wenn der ganz merkwĂŒrdig war und meinte, die SicherheitskrĂ€fte hĂ€tten ja einen SchlĂŒssel fĂŒr den Raum und er könnte uns nicht garantieren, dass am Ende der Woche noch alles da ist. Er scheint ja nicht so viel von seinen SicherheitskrĂ€ften zu halten.
Am Donnerstag habe ich noch meine letzten Stunden hospitiert. Es wurden mal wieder alle Stunden so verschoben, das mein ganzer Stundenplan nicht hinhaute und ich immer von einer Minute auf die andere entscheiden musste, in welche Klasse ich jetzt gehe. Aber im Endeffekt habe ich alle meine Stunden zusammen bekommen. Ich habe viel mehr unterrichtet als ich musste, aber es hat ja auch spaß gemacht. Carsten hatte auch seine letzten Stunden und die SchĂŒler haben sogar gerufen und geklopft als er sich verabschiedet hat.
Am frĂŒhen Nachmittag sind wir dann zusammen mit Sonja zur CAPU gefahren, um den nĂ€chsten Bus nach Oaxaca zu nehmen. Auf den vier Stunden Fahrt kamen wir mal wieder an einer atemberaubenden Landschaft vorbei. Auf einem Teil der Strecke waren zum Beispiel Berge, die ĂŒber und ĂŒber mit Kakteen bewachsen waren – wo man hinschaute, waren Kakteen. Neben Sonja saß ein Knirps, der die ganze Zeit ein spanisches Kinderlied von „dos elefantes“ (zwei Elefanten) sang und eine Orange futtert, in dem der Vater einfach die obere HĂ€lfte abschĂ€lte, so dass der Kleine sie wie ein gepelltes Ei futtern kann.
In Oaxaca angekommen, hatten wir erst einmal einige Schwierigkeiten eine Herberge zu finden. Nicht dass es keine gab, aber in der ersten, in der wir waren war nichts mehr frei außer drei HĂ€ngematten auf dem Innenhof. In der nĂ€chsten wĂ€ren wir auf drei verschiedene SchlafsĂ€le verteilt worden und in der dritten hatten sie noch eine kleine dunkle Muckelbuchte direkt neben der Rezeption fĂŒr uns, in der es nicht einmal frische BettwĂ€sche gab. DafĂŒr hatte die Herberge aber eine gute Lage. Deshalb nahmen wir den Hamsterkarton und zockelten zum Zocalo.
Dort setzten wir uns in ein StraßencafĂ© und wurden gleich von drei Seiten mit Musik beschallt. Alle fĂŒnf Minuten kam ein Mitglied einer Musikgruppe und bot uns seine Dienste an. Uns reichte aber, dass sie an den Nachbartischen schon laut musizierten und die jungen hĂŒbschen Damen umgarnten. Immer wieder kamen auch StraßenverkĂ€ufer, die uns Kaugummis, ArmbĂ€nder, Teppiche, Holzschlangen, Lesezeichen, Zigaretten oder SĂŒĂŸigkeiten andrehen wollten. An einem Stand gleich neben dem CafĂ© gab es diese TĂŒftelspiele, wo man zwei MetallstĂ€be auseinander pfriemeln muss. Da standen ziemliche viele junge MĂ€nner herum – vom Ehrgeiz gepackt die RĂ€tsel zu knacken – und laut johlend, wenn sie es geschafft haben. Das war besser als Fernsehen – fĂŒr uns.
Am Freitag fuhren wir mit einem Bus nach Monte Alban. Das ist eine riesige Pyramidenanlage der Zapoteken. Da kam man sich plötzlich wieder ganz klein vor, wĂ€hrend wir uns schon daran gewöhnt hatten, dass wir den meisten Mexikanern auf die kopfe spucken könnten. Hier sahen wir zum ersten Mal in Mexiko fotografierende Japaner, die eine kleine Steinfigur ĂŒberall hinschleppten und vor den Pyramiden fotografierten. Da kam uns die Idee, dass wir das auch mit unseren Teddys machen könnten, die an unseren RucksĂ€cken baumeln. Da stehen nĂ€mlich unsere Namen drauf. Und warum sollen immer unsere Gesichter aufs Foto?
Danach waren wir in einem Markt essen. Das muss man sich vorstellen wie ein Markthalle, nur dass es keine StĂ€nde mit Obst und anderen Lebensmitteln sind, sondern lauter kleine StĂ€nde, wo man essen kann. Wir wurden natĂŒrlich sofort von allen Seiten umworben, so dass man aufpassen musste, dass sie einen nicht mit sich zotteln – alle drei von einer anderen Tante, aber wir haben dann ein ruhiges PlĂ€tzchen gefunden.
Dann kam der Höhepunkt (fĂŒr mich) in Oaxaca: die Schokoladenfabrik. Hier konnte man richtig zuschauen, wie aus den Kakaobohnen, die ein bisschen aussehen wie ErdnĂŒsse, die flĂŒssige Schokolade gewonnen wird. Wir durften sogar kosten, aber ohne Zucker schmeckt die natĂŒrlich eklig bitter. Und Fabrik ist vielleicht auch ĂŒbertrieben, wenn man an dem Haus vorbei ging, dachte man, es wĂ€re ein grĂ¶ĂŸerer Laden mit vier oder fĂŒnf komischen Maschinchen. Aber das war schon die ganze Fabrik. Zu der Fabrik gehörte noch ein Laden, in dem wir uns erst einmal mit Schokolade eingedeckt haben. Die Mexikaner kennen Schokolade ja leider nur zum Trinken. Selbst die Tafeln lösen sie in heißer Milch auf. Es gab auch noch ein kleines CafĂ© und ein Hotel, in dem man hĂ€tte viel preiswerter und sicher gemĂŒtlicher ĂŒbernachten können. Aber das haben wir erst am nĂ€chsten Tag
gesehen. Nach der Schokoladenfabrik sind wir ĂŒber verschiedene MĂ€rkte geschlendert und haben einiges eingekauft. Diese MĂ€rkte waren insoweit anders als wir sie bisher kannten, dass die Leute hier teilweise ihre Waren an Ort und Stelle herstellten. Einigen Frauen konnte man sogar beim Weben ihrer Teppiche zuschauen. Fotografieren durfte man sie aber nur, wenn man etwas bei ihnen kaufte. Da Carstens Schuhe die letzten drei Wochen ganz schön gelitten hatten, ließ er sie sich von einem Schuhputzer sĂ€ubern. Danach glĂ€nzten sie wie Lackschuhe.
In einem Spirituosenladen hat Carsten Mezcal probiert. Das ist eine mexikanische SpezialitĂ€t – der Schnaps mit dem Wurm drin. Carsten hat aber einen ohne Wurm probiert. Mit Wurm haben wir aber fĂŒr diverse Personen ein FlĂ€schchen mitgebracht (o: Sonja hat dann noch Chalupines gekauft. Das sind gegrillte, mit Chilli und Zitrone gewĂŒrzte Heuschrecken. Sie schmeckten eigentlich hauptsĂ€chlich nach Zitrone. Da man sie frisch essen soll, hatten wir leider nicht das VergnĂŒgen einige fĂŒr die Lieben daheim mitzubringen. Den Abend verbrachten wir wieder am Zocalo zwischen den singenden und klingenden Mariachies.
Am Samstag haben wir zum abschied von Oaxaca in der Schokoladenfabrik einen superleckereren Kakao getrunken und dann den Bus nach Pochutla genommen. Diesmal war es eine Zweite-Klasse-Bus, aber es ließ sich aushalten, denn man konnte die Fenster aufmachen. Da wir sechs Stunden fuhren, gab es eine Pullerpause mitten in der Pampa. Das Klo funktionierte mit WassertonnenspĂŒlung – wer fertig war, goss mit einem Eimer Wasser nach und hoffte, dass der Wasserschwall nicht zu heftig ist und alles hochplatschen lĂ€sst.
In Pochutla angekommen, sagte man uns, dass der Bus nach Puerto Angel in 20 min. fahre. Als er auch nach 40 min. nicht kam, fragten wir noch einmal nach. „Der fĂ€hrt in 20 min.!“ war die Antwort. Als wir dann nach 50 min. entnervt zum Taxi stĂŒrmen wollten, kam plötzlich der Busfahrer angerannt und fuhr mit dem Bus vor. Na also! Die wollten wahrscheinlich nicht fahren, weil nur sechs dumme Gringos mit dem Bus fahren wollten, von denen aber nur wir drei in Puerto Angel aussteigen wollten. Die anderen drei wollten nach Zipolite, dem Hippiebadestrand von Mexiko.
Puerto Angel ist ein kleiner Ort direkt am Pazifik. Wir hatten ihn gewĂ€hlt, weil er nicht so ĂŒberlaufen ist wie Puerto Escondido und Zipolite, wo von Pochutla aus immerhin acht dumme Gringos hinwollten. In Puerto Angel fehlte nur noch die Festung und das Bild eines SeerĂ€ubernestes wĂ€re perfekt gewesen: eine kleine versteckte Buch mit Sandstrand mit Palmen zwischen hohen Klippen, einem kleinen Hafen, alles etwas schmuddelig, rĂ€udige, sich stĂ€ndig kratzen mĂŒssende Hunde auf den Straßen und kaum ein Mensch zu sehen. Erst waren wir etwas enttĂ€uscht, aber dann waren wir froh, dass wir so unsere Ruhe hatten, denn wir waren scheinbar fast die einzigen Touristen an dem Abend im Ort. Denn als Sonja und ich abends noch am Strand baden waren und abends im Restaurant, waren wir so ziemlich alleine. Carsten war etwas groggy und blieb im Hotel.
Aber Hotel war wohl etwas ĂŒbertrieben. Es war eher ein grĂ¶ĂŸeres Einfamilienhaus mit ein paar GĂ€stezimmern. Es gab eine Terasse, auf der auch die KĂŒche war, in der man selbst kochen konnte und es gab ein paar Tische und StĂŒhle. Das Schönste war eine riesige HĂ€ngematte, von der aus man direkt aufs Meer gucken konnte. Außerdem tobten hier noch zwei verflohte Hundebabys herum, bei denen man aufpassen musste, dass man sie nicht im Zimmer einschließt, und eine Katze, die den hĂ€sslichsten Schwanz hatte, den ich je bei einer Katze gesehen habe. Aus Ă€sthetischen GrĂŒnden werde ich diesen nicht nĂ€her beschreiben. Sicherlich ist einleuchtend, dass ich diese Katze nicht streicheln wollte.
Wir hatten zwei Zimmer angemietet und leider direkt neben einem Baum. Was ein Baum einem antun kann? Gar nichts! Aber dafĂŒr seine Bewohner, denn in ihm saßen Tausende von diesen mexikanischen Elstern die bis spĂ€t in die Nacht und morgens ab vier Uhr ein Heidenspektakel veranstalteten – tausend Mal schlimmer als Möwen. Ich hĂ€tte am liebsten einen großen, hĂ€sslichen Sprengsatz gezĂŒndet.
Doch wir hatten nicht nur wegen der miesen, fiesen Vogelbrut schlecht geschlafen, sondern es war auch schrecklich schwĂŒl. Zum GlĂŒck funktionierten die Duschen einwandfrei. Als erstes gingen wir wieder baden und wollten dann den Mann suchen, der laut ReisefĂŒhrer (fĂŒr die Insider: Lonely Planet) Schnorcheltouren anbietet. Doch nicht wir fanden ihn, sondern er fand uns. Man merkte, dass die Touristensaison wirklich noch nicht angefangen hatte. Also sind wir mit einem kleinen Bötchen (das zum GlĂŒck ĂŒberdacht war, sonst wĂ€re ich an diesem heißen und sonnigen Tag wahrscheinlich einen Heldentod gestorben) und einem spanischen PĂ€rchen, dem Briten John und drei Einheimischen aufs Wasser gefahren. Eigentlich wollte er uns Schildkröten und Delfine zeigen, aber obwohl er sie mit einer Hundepfeife reif, kamen sie nicht.
DafĂŒr waren wir dann Schnorcheln und konnten dabei Fische in allen Farben und Formen sehen, sogar Korallenfische und Seeigel. Danach machten wir eine lange Pause an einem kleinen Strand mit einer Bar wie in den SeerĂ€uberfilmen von Pippi Langsrumpf: mit Palmendach und felsigen Klippen links und rechts. Dabei kamen wir mit John ins GesprĂ€ch, der schon seit vier Monaten in Mexiko unterwegs ist und das nĂ€chste halbe Jahr noch SĂŒdmexiko und Guatemala bereisen will. Eigentlich ist er Systeminformatiker. Dabei scheint man ja ganz gut zu verdienen.
Auf dem RĂŒckweg machten wir noch Klippenspringen, zwar nicht von solchen Höhen wie in Acapulco, aber 4 Meter reichen ja auch fĂŒr den Anfang.
Als wir nach vier Stunden wieder anlegten, ist Sonja mit John noch nach Zipolite gefahren und wir haben uns auf der Terrasse mit der tollen HĂ€ngematte ausgeruht. Am frĂŒhen Abend hat Sonja dann Tickets fĂŒr den Bus reserviert, der uns nach San Christobal bringen sollte und wir haben uns noch mit John zusammen in ein kleines Restaurant gesetzt, das direkt auf einer Klippe lag. Dort gab es Cocktails mit ziemlich viel Alkohol. Zum GlĂŒck hatte ich gleich einen ohne Alkohol bestellt.
Nach Pochutla fuhren wir mit dem Taxi und mussten dort erfahren, dass irgendwas mit unserer Reservierung nicht hingehauen hatte. Denn eigentlich hĂ€tte Sonja eine Nummer bekommen mĂŒssen und angeblich waren wir zu spĂ€t da, obwohl der Herr am Telefon gesagt hatte, dass eine viertel Stunde vor der Abfahrt reicht. Das Ende vom Lied war, dass der Bus schon voll war und wir drei Stunden auf den Nachtbus warten mussten. Das hat uns natĂŒrlich geĂ€rgert, denn die drei Stunden hĂ€tten wir lieber noch in Puerto Angel verbracht. So zogen wir durch das muffige Pochutla und futterten vor Wut ne Runde Eis, sahen einem Frauenfußballspiel zu und gingen in ein InternetcafĂ©, die es hier selbst im kleinsten Kuhkaff gibt.
Nach San Christobal fuhren wir auch mal wieder zwei Stunden lĂ€nger als man uns gesagt hatte, weil der Bus mitten in der Nacht kaputt ging und mitten im Urwald stehen blieb um repariert zu werden. So kamen wir erst mittags in San Christobal an und wurden gleich von einem Werbeheini der Jugendherberge zugeschnackt. Wir haben aber eine andere preiswerte Herberge gefunden. Das war auch wieder eine kleine Muckerbuchte ohne Fenster – aber mit Schaukelstuhl (o: Außerdem waren wir froh ĂŒber die Duschen, die zwar nicht die saubersten waren, aber schön kalt.
In San Christobal haben wir uns vor allem die MĂ€rkte angeschaut und sind ne Menge Geld los geworden – haben dafĂŒr aber tolle Sachen bekommen. Als wir gerade im grĂ¶ĂŸten Kaufrausch waren, erlebten wir unseren ersten Regen in Mexiko. Alle StĂ€nde wurde in Windeseile wasserdicht gemacht und wer keinen Stand hatte, flĂŒchtete unter den Pavillon in der Mitte, wo wir dann auch warteten. Da wurde Sonja gleich von einem mexikanischen Hippie angeschnackt, der ihr Shit verkaufen wollte. Nach 10 Minuten war der Spuk vorbei und die Sonne kam wieder heraus. Wir schlenderten noch eine Weile ĂŒber den Markt. Sonja kauft bei einer Minimexikanerin (die war höchstens 1,30 m groß) ein Tierchen aus Keramik. Nach zehn Minuten stand sie wieder vor uns und bot uns ihre Tierchen an. Als Sonja ihr erklĂ€rte, sie habe doch schon ein Tier von ihr gekauft, guckte sie uns an, grinste verlegen und trippelte aufgeregt davon, was sie aber nicht abhielt an diesem und am nĂ€chsten Tag noch insgesamt drei Mal zu uns zu kommen. Irgendwie erinnerte sie uns an die vergessliche Dori aus dem Film „Findet Nemo“. Sie schien sich unsere Gesichter einfach nicht merken zu können. Wahrscheinlich hielt sie unsere Ausreden schon fĂŒr typische TourisprĂŒche, weil sie die anderen Touris auch immer wieder anschwĂ€tzt (o:
Danach waren wir noch in einem Kaffeemuseum. Das war aber nicht so spanndend, weil das meiste auf Spanisch war. Carsten wollte dann noch ins Jadehaus. Da war uns dann aber der Eintritt zu teuer und der Laden dort kannte auch etwas abgehobendere Preise. Zur StĂ€rkung gab es Mango am Stiel mit Chilli. Dann suchten wir noch einen Buchladen, denn wir wollten fĂŒr Herrmann als Abschiedsgeschenk einen ReisefĂŒhrer fĂŒr Chiapas schenken (das Bundesland um San Christobal und Palenque – unsere nĂ€chste Station). Im TouristenbĂŒro zeigte man uns auf dem Plan eine „Buchladenstraße“. In dieser fanden wir dann sage und schreibe eineinhalb BuchlĂ€den. Der EnglĂ€nder (John aus Puerto Angel) schien also doch Recht gehabt zu haben als er sagte, dass die Mexikaner kein besonders literarisches Volk sind und höchstens Schundheftchen und Arztromane lesen.
Abends waren wir in einem im „Cato gordo“, was so viel heißt wie „Dicke Katze“. Dort saßen aber nur Touristen herum, was natĂŒrlich hieß, das jede Menge StraßenverkĂ€ufer herein kamen. An die Nieren gegangen ist mir dann ein Junge, der uns Kaugummis verkaufen wollte und dann fragte, ob er unsere Reste essen dĂŒrfe.
In dem Restaurant saß auch noch eine depressive europĂ€isch aussehende Alleinreisende, so Mitte 20, die wahrscheinlich an diesem Abend fĂŒr jedes Lebensjahr eine Zigarette rauchen wollte. Zum GlĂŒck war sie noch nicht 80. Außerdem kam nachher noch ein Ă€lterer Herr herein, der zwar Spanisch sprach, aber mit einem sehr amerikanischen Akzent. Er flötete ein wenig schief herum, hielt eine Rede, von der er sehr gerĂŒhrt war und beklatschte sich nach seiner Musik immer selbst.
In der Jugendherberge haben wir ganz gut geschlafen, so dass es nicht ganz so schlimm war, dass es nachts kein Wasser gab – wie den ganzen Sonntag lang in Puerto Angel ĂŒbrigens auch – und es deshalb am nĂ€chsten morgen entsetzlich aus den Klos stank.
Am Dienstag waren wir vormittags noch einmal auf dem Markt, mussten aber vorher noch Geld von der Bank abheben, was gar nicht so einfach war, den vor den Banken standen die Menschen an als gÀbe es Bananen in der DDR. Dabei war lediglich Monatsmitte und Zahltag.
Mittags haben wir den Bus nach Palenque genommen, aber wir sind schon vorher in Agua Azul ausgestiegen – besser gesagt an der Straße nach Agua Azul. Denn dort an der Kreuzung standen zwei Minibusse und warteten auf Kundschaft. Einer fuhr uns dann nach Agua Azul – einem recht berĂŒhmten Wasserfall in Mexiko. Auf dem Weg dahin, den wir mit einem Affenzahn – auch in den Kurven – fuhren, kamen wir uns das Gebiet der Zapatisten. Die Zapatisten sind ein Eingeborenenvolk, das schon Jahren fĂŒr seine Rechte – vor allem gegenĂŒber den Großgrundbesitzern kĂ€mpft. Dabei kam es wohl auch schon öfter zu blutigen Auseinandersetzungen mit ParamilitĂ€rs. Da wir in Zapatistengebiet hinein fuhren, mussten wir so etwas wie Wegezoll bezahlen, um weiter fahren zu dĂŒrfen – der Fahrer natĂŒrlich nicht. Dreihundert Meter weiter hielten wir wieder – diesmal wollten sie den Eintritt fĂŒr Agua Azul. Da die geforderten Summen immer nicht so hoch waren, wollten wir mit denen keine Diskussion anfangen. Zum GlĂŒck mussten wir keinen Austritt bezahlen.
Mit unserem ganzem GepĂ€ck stiefelten wir dann zum Wasserfall. Auf dem Weg dahin kamen wir an unzĂ€hligen Fressbuden und SouvenirstĂ€nden vorbei. Da es schon recht spĂ€t war und die Touristensaison noch nicht angefangen hatte, sahen diese etwas verloren aus. Wir sind dann noch ein StĂŒck den Berg hinauf gestiefelt und haben ein romantisches PlĂ€tzchen zum Baden gefunden. Es war wie in Tarzanfilmen: ein kleiner Wasser mitten im Urwald, davor ein versteinerter Baumstamm wie eine BrĂŒcke, kleinere Kaskaden flussabwĂ€rts, Lianen baumelten ins Wasser und unbekannte Vögel zwitscherten und tirilierten. Da wir Angst um unser GepĂ€ck hatten, dauerte es erst einmal eine Weile bis wir das aus der Toilettenecke in eine sicherere Ecke gebracht hatten. Dann tobten wir ein StĂŒndchen am Bach herum und fĂŒhlten uns wie im Paradies – und kein Mensch weit und breit.
Als es langsam dĂ€mmerte sind wir zurĂŒck zu den TouristĂ€nden und haben noch einmal an der Hauptbadestelle gebadet. Da war nun aber auch fast niemand mehr. ZurĂŒck ging es wieder mit einem Colectivo und ab der Kreuzung mit einem Pickup. Auch zurĂŒck wurde wieder ganz schön geheizt.
In Palenque haben wir gleich ein Hotel gefunden. Eigentlich war es nur ein Doppelzimmer, aber er hat uns das trotzdem fĂŒr drei berechnet. Abends sind wir dann noch durch den Ort geschlendert, haben gegessen und mussten auf den Zocalo verzichten, weil der eine einzige Baustelle war.
Am Mittwoch wollte uns der Typ vom Hotel eine gefĂŒhrte Tour an die Backe nageln, als wir dankend ablehnten, wollte er fĂŒr die Aufbewahrung unseres GepĂ€cks plötzlich doch Geld haben. Wir wollten lieber auf eigene Faust mit einem preiswerten Colectivo nach Palenque fahren. Palenque ist eine Ruinenstadt der alten Mayas und so etwa die bekannteste SehenswĂŒrdigkeit in Mexiko. Wahrscheinlich waren deshalb schon morgens um 8 so viele Rentergruppen da, wass wir entsetzt auf die Ruinen flĂŒchteten, wo die Rentner zum GlĂŒck nicht hinkamen. Ein wenig enttĂ€uscht hat uns Palenque schon, denn wir hatten erwartet, dass wir in einem geheimnisvollen Dschungel kommen, in dem ganz versteckt ein paar halb ausgegrabene Ruinen zu sehen sind. Stattdessen gab es englischen Rasen und gekieste Wege wie in Sanssouci. Am merkwĂŒrdigsten waren die GerĂ€usche, die aus dem umliegenden Urwald kamen. Da sie sehr laut waren und sich wie immer gleiches JaguargebrĂŒll anhörtern, vermuten wir fast, dass da ein Lautsprecher irgendwo in den BĂ€umen hing. Sonja und ich haben gesucht, aber nichts gefunden. Und da wir nicht nachher noch noch als FrĂŒhstĂŒck eines Jaguars enden wollten, haben wir nach ein paar Kraxeleien durch die BĂŒsche unsere Suche aufgegeben.
Trotzdem war Palenque beeindruckend, denn man hatte von den Pyramiden einen tollen Blick auf den Urwald und einige Wege fĂŒhrten auch ein wenig in den Urwald hinein. Danach waren wir aber ganz schön groggy von der Hitze.
ZurĂŒck in Palenque selbst waren wir essen. Carsten wollte Frittierte Bananen (plantanos fritos) essen, aber weil es keinen KĂ€se gab, konnte die Köchin das Gericht nicht machen, was wir ziemlich schrĂ€g fanden. Auf dem Klo dort gab es keine SpĂŒlung und auch keinen Eimer, was mich dazu veranlasste, das Restaurant danach fluchtartig zu verlassen.
Danach schnappten wir uns wieder ein Colectivo und ließen uns bis zur Straße nach Mizol-Ha fahren – wieder ein Wasserfall. Colectivos sind wie gesagt, umgebaute Pick Ups, die nicht immer sehr einladend aussehen und oft auch ganz schön ĂŒberfĂŒllt sind, so dass einige Mexikaner schon mit einem Bein aus dem Auto oder ĂŒber die Laderampe hĂ€ngen. Aber sie fahren nach Bedarf und wir hatten GlĂŒck und mussten uns nicht aus dem Auto hĂ€ngen, sondern konnten immer sitzen. Auf dem Weg nach Mizol-Ha sind wir knapp 2 km auf einer Straße mitten durch Urwald gelaufen. Man hörte keine Menschenseele, kein Verkehr, keine lauten Mexikaner, nur Vögel in den wildesten Farben, Bananenstauden, tolle BlĂŒten – und KĂŒhe.
Mizol-Ha ist die Badeanstalt der alten Mayas: ein atemberaubender Wasserfall (35 m) und viele kleine Rinnsale. Es gibt eine Wassertreppe zu einer Höhle mitten im Felsen, in dem noch einmal ein kleiner Wasserfall war, den man mit Hilfe eines Mexikaners mit Riesenlampe sehen konnte. Das hĂ€tte uns aber 20 Pesos gekostet und wir hatten uns Geld bei den Klamotten. Wir sind aber im Dunkeln reingeschlĂŒpft und haben in einer finstren Ecke auf die nĂ€chsten Touristen gewartet, die das zahlen wollten. Außerdem habe es noch einen kleineren, sehr krĂ€ftigen Wasserfall direkt aus der Felswand, der wie eine Dusche war und einem fast die Badeklamotten auzog. Bis auf eine mexikanische Familie mit einem wirklich dicken Töchterchen und ein paar vereinzelten Touris waren nur wenige Leute da, so dass wir den Wasserfall in aller Ruhe genießen konnten. FĂŒr uns war das wirklich das schönste Erlebnis im ganzen Urlaub: noch paradiesischer als Agua Azul. Als dann eine französische Reisegruppe vor dem Wasserfall ausgeschĂŒttet wurde, sind wir in ein Restaurant geflĂŒchtet und haben endlich unseres platanos fritos bekommen. Außerdem bestellten wir mal wieder Pina Colade, was irgendwie zu unserem LieblingsgetrĂ€nk geworden war und was wir wie bei den drei BĂ€ren tranken: Carsten mit viel Alkohol, Sonja mit wenig Alkohol und Katja ohne Alkohol. Es war auch schon ein Schauspiel wie die Coctails zubereitet wurden. Es sah aus wie ein AbfĂŒllspiel im Kindergarten. Aber die Jungs hatten viel Spaß dabei. Jungs ist das richtige Wort fĂŒr die höchstens 16- oder 17-jĂ€hrigen Kellner. Der RĂŒckweg fĂŒhrte wieder zurĂŒck durch den Urwald. Wieder begegneten wir keiner Menschenseele. Auf der großen Straße warteten wir nur 10 min., bis uns ein Colectivo zurĂŒck nach Palenque nahm. Es ist schon erstaunlich, wie mobil man dort mitten in der Pampa ist.
Eigentlich wollte ich mit noch einen Regenstab kaufen, der am Morgen noch 35 Pesos kosten sollte, doch am Abend kostete er plötzlich 50 Pesos und die VerkÀuferin wollte auch nicht handeln. Sie behauptete sogar, ich meinte ein anderes GeschÀft, was aber Unsinn war.
Von Palenque nahmen wir den Nachtbus nach Puebla und fanden es entwas merkwĂŒrdig, in einem 1.-klasse-Bus von einem Jungen um einen Peso angebettelt zu werden. NatĂŒrlich ging auch dieser Bus kaputt und wir mussten mitten in der Nacht an einer Haltstelle aussteigen. Der Bus fuhr dann mit unseren Sachen weg und wir standen völlig ĂŒbermĂŒdet da und wussten nicht einmal, wo wir ĂŒberhaupt waren. Da aber die anderen Mexikaner auch ganz friedlich und ĂŒbermĂŒdet warteten, warteten wir auch friedlich, denn Warten hatten wir gelernt in Mexiko. Unser Bus kam aber wieder zurĂŒck mit unserern Sachen und wir kamen mit eineinhalb Stunden VerspĂ€tung am Donnerstag Morgen in Puebla an der CAPU an.
Von dort fuhren wir mit unseren Klamotten mit einem Taxi zur Schule. NatĂŒrlich hat uns die Dame am Taxiticketschalter ein falsches Ticket verkauft, weil sie wahrscheinlich dachte, die dummen Gringos können nicht „Colonie Humboldt“ sagen, dabei meinten wir das Colegio Humboldt und haben sie auch zwei Mal berichtigt. Deshalb mussten wir noch im Taxi nachzahlen.
In der Schule haben wir uns dann offiziell verabschiedet und ein bisschen gewaschen. Zum Abschied gab es noch ein paar Schulterklopfer und gute RatschlĂ€ge vom Direktor, der ĂŒbrigens ein Gebiss wie Frankenstein hat – der Arme. Irgend etwas schien in der vergangenen Woche vorgefallen zu sein, denn alle Lehrer wirkten noch gestresster als sonst und schienen unserern Abschied gar nicht so recht zu registrieren. Um 13 Uhr ging es mit Sack und Pack zurĂŒck zur CAPU und mit dem Bus nach Mexico City. Auf der Fahrt fing es an zu regnen und wir bildeten uns ein, das Puebla um uns weint. Als es in Mexico City auch noch regnete, waren wir doch etwas beleidigt (o: Wir fuhren direkt bis zum Flughafen, weil wir dort unser GepĂ€ck einschließen wollten. Nach einer halbstĂŒndigen Odyssee durch den Flughafen fanden wir auch endlich die SchließfĂ€cher, die dann 55 Pesos pro Tag kosten sollten und 55 weitere, wenn wir auch nur ein Minute nach 24 Stunden zurĂŒck kamen. Da wollten wir doch lieber mit unserem GepĂ€ck mit zur Jugendherberge nehmen und Taxi fahren. Als Carsten sich dann aber erkundigt hatte und ein Taxi dann 205 Pesos kosten sollte, entschieden wir uns, die zwei SchließfĂ€cher zu nehmen, die wir brauchten, denn es waren solche Muckebuchten wie es sie auch in Berlin gibt. Wir hĂ€tten nĂ€mlich wahrscheinlich auch zwei Taxen gebraucht, weil es in D.F. (Federal District) hauptsĂ€chlich VW KĂ€fer als Taxis gibt.
FĂŒr 2 Pesos sind wir dann mit der Metro durch die halbe Stadt gefahren und haben ein Sechserzimmer in einer tollen Jugendherberge am Zocalo bezogen. Endlich hat uns unser ISIC (internationaler Stundentenausweis) auch mal etwas gebracht, nicht nur Rabatt, sondern auch als Magnetkarten-SchlĂŒssel. Das Zimmer teilten wir uns mit einem PĂ€rchen aus Marseille.

Der Zocalo von D.F. ist ziemlich hĂ€sslich und ĂŒberhaupt nicht sehendwert. Also waren wir im „Popular“ essen, was wie der Name schon sagt sehr gut besucht war – hauptsĂ€chlich von Mexikanern. Ich habe Tostada Oaxacaquenia gefuttert. Das ist eine GebĂ€cktasche mit FleischfĂŒllung, die in ein Bananenblatt eingewickelt ist. Mit unseren vollgeschlagenen BĂ€uchen sind wir dann noch eine Weile durch die Straßen um Zocalo getapert, wo aber ziemlich tote Hose war, was uns ziemlich verwundert hat. Aber das Partyviertel von D.F. war scheinbar woanders. DafĂŒr haben wir einen tollen BĂ€cker gefunden, in dem wir noch kurz vor Ladenschluss leckerern Kuchen gekauft haben. Zum Abschluss des Abends setzten wir uns in TerrassencafĂ© mit Blick auf den hĂ€sslichen Zocalo. Obwohl wir die einzigen GĂ€ste waren, wurden wir nach einer halben Stunde heraus komplimentiert, indem uns der Kellner einfach die Rechnung brachte, ohne dass wir sie bestellt haben. Teuer waren die Coctails auch noch und der Kellner hat mich einmal tierisch erschreckt, als er plötzlich hinter einem Palmenblatt hervorkam. Vom CafĂ© aus haben wir Kinder gesehen, die Pelota Mixteka spielten. Das ist ein indianisches Ballspiel, bei dem der Ball nur mit Faust, HĂŒfte und Ellenbogen gespielt wird. Dieses Spiel wurde frĂŒher auch auf den traditionellen BallspielplĂ€tzen der heutigen RuinenstĂ€dten als Rituale gespielt, allerdings damals mit schweren KautschukbĂ€llen, gegen die man sich gut schĂŒtzen musste, um sich nicht die Knochen zu brechen. Es gibt ja ein Historikergemunkel darĂŒber, dass bei diesem religiösen Ritual die Gewinner geopfert wurden, es also eine Belohnung war, geopfert zu werden. Andere behaupten, dass die Verlierer dran glauben mussten und wieder andere sagen, es wurde gar keiner geopfert. So wirklich einig ist man sich da nicht.
Am Freitag wollten Carsten und ich auf einen großen Markt und Sonja wollte sich mit Lorena treffen, einer mexikanischen Anthropologiestudentin, die in D.F. wohnt. Die MĂ€rkte sollten um 9 Uhr aufmachen, aber um kurz vor 10 war auf dem einen Markt noch nicht mal ein Stand auf. Auch der andere Markt öffnete seine StĂ€nde erst nach und nach. Carsten und Katja waren an diesem Morgen wahrscheinlich die besten Kunden an dem Morgen. Unter anderem haben wir uns einen schönen Talaveraspiegel mit kleinen Sonnenkacheln gekauft, der in Puebla das Doppelte kosten sollte. Unser nettestes Markterlebnis hatten wir an einem Schmuckstand. Als wir uns seine AnhĂ€nger und Ohrringe anschauten, schaute interessiert unsere Armbanduhren an, tippte darauf und fragte woher wir kĂ€men. „Deutschland,“ sagten wir und erfragte, ob die Uhren auch deutsche Uhren wĂ€ren. Wir nickten. Daraufhin fragte er, wie viel wir fĂŒr die Uhren haben wollten. Als wir ihn etwas verwundert anschauten, kramte er nach seinem Rechner und wir sollten eine Zahl eintippen. Doch wir wollten wir unsere Uhren, die zwar von Kienzle sind, aber die wir mal als Werbegeschenk fĂŒr ein Zeitungsabo bekommen hatte, gar kein Geld haben. Als wir ihm vorschlugen, zwei Paar silberne Ohrringe, zwei silberne KettenanhĂ€nger und einen Perlmuttfingerhut gegen eine Uhr zu tauschen, stimmte er freudestrahlend zu und legte sich seine neue Uhr glĂŒcklich um sein Handgelenk. Dann flĂŒsterte er uns zu, dass wir das bloß niemandem erzĂ€hlen dĂŒrfen, denn er ist nur angestellt. Er hat uns den Schmuck also eigentlich geschenkt und die Uhr war ja fĂŒr ihn privat. Als wir nachher noch einmal vorbei kamen, winkte er uns fröhlich zu und bewunderte wieder seine neue Uhr. Ich habe ĂŒbrigens fast die gleiche heute wieder als Werbegeschenk mit der Post bekommen.
SpĂ€ter sind wir mit der Metro zum Zoo und zum Anthropologischen Museum gefahren. Im Park vor dem Zoo haben wir jeder eine torta giganta (Riesensandwich) gefuttert und sind vorbei gelaufen an lauter Fressbuden und KinderlitzchenstĂ€nde, wo es unter anderem Leinen gab, aber nicht fĂŒr Hunde, sondern fĂŒr Kinder. Obwohl der Eintritt in den Zoo frei ist, wollten wir doch nicht rein, weil man sein GepĂ€ck abgeben musste und dort lange Schlangen waren. Außerdem hatten wir eine Verabredung mit Sonja und Lorena vor dem Museum. Unser ISIC bescherte und freien Eintritt, aber wir waren schon so mĂŒde, dass wir sowieso nicht mehr viel mitbekamen von dem, was Lorena erzĂ€hlte. Eigentlich waren wir nur in dem Raum der Mayas und der heutigen Indianer. Es ist schon interessant, wie viele Völker mit eigener Kultur und Sprache noch heute in Mexico leben. Einige davon hatten wir auf unserer Reise auch erlebt. In einem Schaukasten war ein Hochzeitspaar mit einem BlĂ€ttertor udargestellt, an dem verschiedene Geschenke hingen, unter anderem auch eine Coca-Cola-Flasche. Lorena erzĂ€hlte uns, dass die Mexikaner sehr viel RĂŒlpsen, weil man glaubt, dass man dadurch böse Geister aus dem Körper vertreibt. Um besser rĂŒlpsen zu können, gab es frĂŒher verschiedene GebrĂ€ue – heute nimmt man Coca Cola.
Danach fuhren wir gleich zum Flughafen, um rechtzeitig beim GepĂ€ck zu sein und weil wir schon sehr mĂŒde waren. Die fĂŒnf Stunden Wartzeit vertrieben wir und mit Warten am Check-In bei KLM, wo uns erst einmal ein KoffertrĂ€ger unser GepĂ€ck hinrollte und am Ende vor uns ausspuckte, weil ihm 150 Euro scheinbar zu wenig waren. Dabei kosten die eigentlich gar nichts, sondern gehören zum Service dazu. Sonja wollte mit Air France fliegen und hatte da gar keine Probleme beim Check-In. Am Check-In erfuhren wir erst einmal, dass ich einen Wisch, den wir bei der Einreise bekommen hatten, brauchte, um ihn wieder abzugeben. Carsten hatte seinen zum GlĂŒck im Reisepass gelassen. Mein schwirrte irgendwo im GepĂ€ck herum, aber wo wusste ich nicht genau. Also mussten wir zum ImmigrationsbĂŒro am anderen Ende des Flughafens laufen – uns durch die Mengen von Flugreisenden, KoffertrĂ€gern und Wachleuten drĂ€ngeln, die engen GĂ€nge entlang, Treppen hoch, BĂŒrotĂŒren abklappern. Im ImmigrationsbĂŒro erklĂ€rte man uns, dass wir 428 Pesos bezahlen mĂŒssten. Schön, dass wir das jetzt schon erfuhren, als wir unser GepĂ€ck schon aufgegeben hatten und nun nicht doch noch einmal nach dem Zettel schauen konnten. Wir kamen nicht drum herum. Doch die Bezahlung ging natĂŒrlich nicht vor Ort, sondern man musste mit einem neuen Zettel zu einer Bank – natĂŒrlich wieder am anderen Ende vom Flughafen, ganz versteckt in einem Nebengang. Da wir nur noch 400 Pesos hatten, mussten wir Sonja anpumpen, die in diesem Moment natĂŒrlich verschwunden war, weil sie telefonieren wollte. Unsere restlichen Euros und die Geldkarten hatten wir natĂŒrlich mit dem GepĂ€ck aufgegeben. Ich dachte schon, dass wir nun unseren Lebensabend in Mexiko verbringen mĂŒssten, aber dann trafen wir Sonja doch noch und bezahlten die umgerechnet 42 Dollar. DafĂŒr bekamen wir einen mickrigen Stempel, mit dem wir wieder zum ImmigrationsbĂŒro toben mussten. Dort bekamen wir einen zweiten Stempel. Mit dem zwei Mal gestempelten Zettel durften wir dann endlich zurĂŒck zum Ceck-In, um meinen Boarding-Pass abzuholen. Den 42 Dollar teuren Wisch, schmiss die Dame dann achtlos zu den anderen, die 10 min. spĂ€ter wahrscheinlich im Papierkorb landen, denn bei Air France haben sie ĂŒberhaupt nicht nach dem Zettel gefragt und wir waren ja auch ziemlich verwundert, weil auf dem Zettel mit keiner Silbe steht, dass man den bei der Ausreise wieder brauche. Gesagt hat uns bei KLM auch keiner was.
Als endlich Boardingtime stĂŒrzten alle los, weil keiner die Tante vestand, die auf Spanisch irgendeine Ansage herunter quasselte. Ihr Englisch war das reinste Genuschel. Zuerst sollten die FluggĂ€ste von der Buisnessclass und Eltern mit kleinen Kindern rein, was ja auch noch sinnvoll ist. Aber wollten sie reihenweise vorgehen, doch das funktionierte ĂŒberhaupt nicht, weil niemand ihre Ansagen verstanden hatte und sie mehr Leute weg schickten als rein ließen. Außerdem kontrollierten sie anfangs wirklich bei jedem noch einmal das GepĂ€ck, obwohl das schon durch zwei Kontrollen gegangen war. Die MĂ€nner mussten ausnahmslos alle ihre Schuhe ausziehen. Als wir nur noch zehn Minuten bis zum Abflug hatten, ließen sie plötzlich doch alle herein wie sie kamen und keiner wurde mehr kontrolliert. Wozu also der ganze Wind am Anfang? Und das war nicht das Flughafenpersonal, sondern Leute in KLM-Uniform.
Endlich an Board merken wir, dass wir unsere Pullover vergessen hatten, denn die lagen friedlich bei unseren Geldkarten und den restlichen Euros. Der Flug verging schnell und wir schröpften KLM mit GetrĂ€nken und Schokoriegeln. Außerdem klauten 2 Decken, damit wir die vier Stunden Wartezeit in Amsterdam nicht als Eiszapfen endeten – also nicht nur aus Rache wegen der 42 Dollar.
Am Samstag Mittag kamen wir in Amsterdam und verbringen einen Teil der Zeit damit, ein R-GesprĂ€ch (Wir haben ja cleverer Weise kein Geld.) zu meinen Großeltern zu organisieren, dass wir nicht schon 19:15 Uhr in Berlin sind, sondern dann erst abfliegen. Die restliche Zeit stromerten wir durch das Van-Gogh-Museum, benutzen das Rembrandtklo, auf dem ein großes Bild von Rembrandt an der Wand hĂ€ngt und an InnentĂŒr vom Klo eine ausfĂŒhrliche Bildbeschreibung zu einzelnen Ausschnitten zu finden ist. Außerdem sind auf den Spiegel Bilderrahmen aufgeklebt, damit man sich ein besseres Bild von sich selbst machen konnte – was fĂŒr uns nicht sehr vorteilhaft: war, da wir ziemlich mĂŒde und verschwitzt von der Reise waren.
Von Amsterdam nach Berlin flogen wir nur 50 min. Dort angekommen erfuhren wir erst einmal, dass mein einer Rucksack scheinbar noch irgendwo in Amsterdam herum schwirrt, aber ganz genau wusste man das auch nicht – vielleicht war er auch noch in D.F. So mussten wir meine Großeltern noch zum FundbĂŒro schleppen und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Eine Herr, der mit uns aus D.F. kam, war ganz schön aufgebracht, denn in seiner fehlenden Tasche war eine 2000-Euro-Kamera. Bei uns waren nur ein paar schmutzige Unterhosen und ein paar kleine Souvenirs drin – und Carstens Geldkarte. Zum GlĂŒck kam der Rucksack aber am nĂ€chsten Tag zu uns nach Hause. Puh!
Zusammenfassend lĂ€sst sich zu Mexiko sagen: tolles Wetter, denn es ist warm und die Sonne scheint fast immer. Außerdem ist es recht preiswert zum Leben, aber nicht so preiswert wie in Peking. Die Deutsche Schule war ganz anders als in Peking, da es keine Expertenschule (in der nur deutsche Kinder lernen), sondern eine Begegnungsschule (mehr mexikanische Kinder mit Deutsch als Fremdsprache), dadurch war es vor allem fĂŒr Carsten ein ganz anderes Unterrichten. In den DM-Klassen der Grundschule sind etwa noch zur HĂ€lfte Muttersprachler, aber in den I-Klassen ab der 7. sind nur noch zwei oder drei SchĂŒler wirklich Deutsche. Die anderen Kinder sind Mexikaner mit Deutsch als Zweit- oder sogar nur Fremdsprache. Die Lehrer kamen uns gestresster vor als in Peking. Das war etwas deprimierend.
Mir hat das Praktikum in Mexiko allerdings besser gefallen als in Peking. Die 5 DM hĂ€tte ich am liebsten mitgenommen. Die waren echt so lieb. Christine, ihre Lehrerin meinte, die Klasse ist so brav, die machen alles. Wenn sie an einem Tag sagen wĂŒrde, wir schreiben heute die ersten 10 Seiten der Bibel ab, wĂŒrden die das tun ohne zu Murren. Was sie damit meinte, sah ich als die Kinder FrĂŒhlingsgedichte lesen sollten. Die waren 10 min. lang wirklich vertieft in die Gedichte, schwatzten nicht, sondern lasen andĂ€chtig und hören dabei Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Bei mir waren sie zwar nicht ganz so artig, aber man merkte, dass diese Kinder wirklich lernen wollen und auch schon etwas können. Die 4. DM war auch lieb, wenn auch nicht so leistungsstark und ich mit ihnen etwas verzweifelt bin als sie beim dritten Mal immer noch nicht kapiert haben, was bei einem WĂŒrfel die Ecken, Kanten und FlĂ€chen sind.
Carsten hat es nicht so gut wie in China, vor allem wegen der Sprachprobleme. Die SchĂŒler leisten dadurch weniger, denn viele BefĂ€higungen bleiben auf der Strecke oder können nur schwer gefördert werden. Dadurch ist natĂŒrlich automatisch das Niveau niedriger und die SchĂŒler sind auch nicht motiviert.
Zum Schluss sind uns Mexikaner doch etwas auf den Docht gegangen: ihre vagen Aussagen auch an offiziellen Stellen, keiner wusste so recht Bescheid. Viele sind unpĂŒnktlich und zwar nicht, weil sie noch andere Dinge zu tun haben, sondern weil sie rumtriefen. Außerdem sind viele Mexikaner laut (Musik, lautes Sprechen bis in die Nacht etc.), kennen so etwas wie Aufstehen im Bus fĂŒr alte Damen nicht (eher noch fĂŒr MĂ€nner), gehen keinen Schritt zur Seite, wenn sie im weg stehen und FußgĂ€nger werden von den Autofahrern erbarmungslos umgenietet. So etwas wie Sicherheitsabstand kennen die nicht. Die Kontrollen am Flughafen haben uns dann den Rest gegeben. Wir haben aber auch mehr Armut gesehen als in China. Es hab viele Bettler, was uns nachher schon sehr genervt hat. Sonja hat einem bettelnden MĂ€dchen erklĂ€rt, dass sie ja nicht jedem etwas geben kann. Das wird einem dort sehr bewusst und man fĂŒhlt sich schlecht, weil es einem so gut geht und diese Leute betteln mĂŒssen. Und schĂ€mt sich, weil man argwöhnisch nachschaut, ob einem auch nichts geklaut wurde.
Wir haben in Mexiko viel mehr vom Land gesehen als in China, da das Reisen hier sehr viel einfacher ist mit den mit Bussen (wenn sie auch selten pĂŒnktlich waren) und Colectivos (die fahren ja immer, wenn man sie braucht). Wir haben keine schlechten Erfahrungen mit BetrĂŒgern oder Dieben, wie alle vorher gemunkelt, so dass wir kurz davor waren, unsere Mexikoreise abzusagen.
Wir haben sagenhafte Landschaften gesehen und nette Leute kennen gelernt. Trotz der vielen Hindernisse war Mexiko doch eine eindeutig positive Erfahrung fĂŒr uns und wir können uns gut vorstellen, vielleicht einmal zurĂŒckzukehren, um den Norden zu sehen oder auch fĂŒr ein paar Jahre als Lehrer dort zu arbeiten.

__________________
Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist wirklich ein Mensch. (Erich KĂ€stner)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!