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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hornapfel
Eingestellt am 12. 09. 2014 14:31


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SiraB
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Registriert: May 2014

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Hornapfel

Horst Hornapfel war Buchhalter. Seit fast zwanzig Jahren spielte sich sein Leben in einem B├╝ro der stadtbekannten Weinholdwerke und einer nicht mehr nagelneuen Wohnung am Stadtrand ab. Hornapfel war anspruchslos und zufrieden.
Dann, an einem lauen Sp├Ątsommerabend, gab ein unscheinbarer Zufall, Hornapfels Leben eine merkw├╝rdige Wendung:
Ahnungslos hockte Hornapfel auf der harten Kante seines Bettes und fixierte den gl├Ąnzenden Jogginganzug, der ihm gegen├╝ber am Kleiderschrank hing. Aus dem linken ├ärmel baumelte ein Schildchen: 50%. Ein Schn├Ąppchen.
Hornapfel war kein sportlicher Typ, doch hasste er es, zu Hause in den unbequemen B├╝roklamotten herumzusitzen. Dummerweise war sein alter Trainingsanzug vorgestern in einem zu hei├čen Waschgang vollkommen aus der Form geraten. Also war Hornapfel nichts anderes ├╝brig geblieben, als sich mal etwas Neues zu leisten.
Er erhob sich von der Bettkante, l├Âste den G├╝rtel seiner Anzughose, streifte sie von seinen hageren Beinen und stieg in die neue Jogginghose. Dann befreite er sich von Krawatte und Hemd und zog die Sportjacke ├╝ber. Vor dem gro├čen Schrankspiegel drehte und wiegte er sich nun hin und her. Er war mit seinem Kauf zufrieden.
Gerade wollte er r├╝ber ins Wohnzimmer, da sp├╝rte Hornapfel in der linken Jackentasche etwas Hartes. Er tastete ins Tascheninnere und zog ein Zellophant├╝tchen hervor, in dem ein rundes Plastikteil und ein kleines Heftchen eingeschwei├čt waren. Neugierig riss er das T├╝tchen auf, nahm das Heftchen, bl├Ątterte und las:
ÔÇ×Werden Sie fit, tun sie etwas f├╝r ihre Gesundheit. 10.000 Schritte t├Ąglich, das sollte Ihr Minimum sein.ÔÇť
Hornapfel stutzte. 10.000 Schritte pro Tag? Wer bittesch├Ân soll denn Zeit und Lust haben seine Schritte zu z├Ąhlen. Eine absurde Vorstellung. Man k├Ânnte ja auch seine Atemz├╝ge, Kaubewegungen oder sonst was z├Ąhlen und k├Ąme am Ende vor lauter Z├Ąhlen zu gar nichts mehr. Die gesamte Weinholdsche Buchhaltung bliebe wom├Âglich liegen. Nicht auszudenken.
Hornapfel las weiter: ÔÇ×Wenn sie weniger als 3000 Schritte am Tag tun geh├Âren sie zu den Risikomenschen. Herz, Kreislauf, KrebsÔÇŽ Mit mangelnder Bewegung w├Ąchst das Risiko in jeder Hinsicht. Der Schrittz├Ąhler motiviert Menschen dazu, sich mehr zu bewegen und dadurch das Risiko f├╝r Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Pro zus├Ątzlichen 2.000 Schritten t├Ąglich kann das Risiko f├╝r kardiovaskul├Ąre Ereignisse um 8 Prozent gesenkt werden.ÔÇť
Hornapfel wurde von Unbehagen erfasst, denn ihm kam die letzte Routineuntersuchung bei Dr. Kurt, seinem Hausarzt, in den Sinn. ÔÇ×Bewegung, mein Lieber, Bewegung, die erspart Ihnen vielesÔÇť. Mit diesen Worten und einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter hatte Dr. Kurt ihn vor zwei Wochen aus dem Behandlungszimmer verabschiedet. Muss der gerade sagen, hatte Hornapfel sich noch ge├Ąrgert, denn Dr. Kurt, der ein recht dicker Mensch war, begann bei seinen Untersuchungen, wenn er das k├╝hle Stethoskop auf Brust und R├╝cken seiner Patienten presste, selbst kurzatmig vor sich hin zu schnauben.
Vielleicht aber, dachte Hornapfel nun, vielleicht hatte der betagte Doktor, auch wenn er in Lebensf├╝hrung l├Ąngst kein Vorbild mehr war, trotzdem Recht.
In der Tat hatte Hornapfel seit einiger Zeit ein wenig zugelegt. Die Anzughosen dr├╝ckten, st├Ąrker als sonst in die fleischigen H├╝ften. Und als er heute Nachmittag im Kaufhaus die defekten Rolltreppen hinauf zur Sportabteilung steigen musste, war er ganz und gar au├čer Puste geraten und in ein unangenehm heftiges Keuchen verfallen.
Hornapfel ├╝berflog die Anleitung, nahm das runde Plastikteil zwischen Daumen und Zeigefinger und dr├╝ckte den rechten blauen Knopf. Sogleich blinkte auf dem Display eine ÔÇ×0ÔÇť. Er steckte das Teil am Bund seiner Jogginghose fest und ging zwischen Haust├╝r und Wohnzimmer mehrmals auf und ab. Zweiundvierzig Schritte z├Ąhlte er. ÔÇ×42ÔÇť blinkte es nun auch auf dem Display. Das Ding funktionierte tats├Ąchlich.
Hornapfel rechnete: Angenommen er w├╝rde diesen kurzen Weg an einem normalen Wochentag zehn Mal zur├╝cklegen, so kam er auf 420 Schritte. Rundet man gro├čz├╝gig auf legte er in seiner Wohnung am Tag wohl so um die 600 Schritte zur├╝ck. Der Weg zur Bushalltestelle betrug sch├Ątzungsweise 400 bis 500 Schritte. Im B├╝ro sa├č er dann, abgesehen von dem mitt├Ąglichen Gang zur Kantine, fast den ganzen Tag auf seinem Drehstuhl fest. Machte gut gemeint knapp 2000 Schritte.
ÔÇ×Wenn sie weniger als 3000 Schritte zur├╝cklegen geh├Âren sie zu den RisikomenschenÔÇť hallte es in Hornapfels Kopf nach und sein Unbehagen wandelte sich in heftiges Unwohlsein, ein Ziehen oder eher starkes Dr├╝cken direkt unter der Brust.
Hornapfel stand am Fenster und starrte verunsichert und besorgt in die D├Ąmmerung. Dann schl├╝pfte er in seine Schuhe, stellte den Schrittz├Ąhler wieder auf null und verlie├č die Wohnung. Anstatt wie ├╝blich den Aufzug zu benutzen, stieg er das Treppenhaus hinab und ging dann strammen Schrittes zur Bushaltestelle am anderen Ende der Stra├če. Dort kontrollierte er: ÔÇ×406ÔÇť blinkte es auf dem Display. Hornapfel machte sich auf den R├╝ckweg.
Abermals verkniff er sich den Fahrstuhl, doch schon auf dem ersten Treppenabsatz musste er schnaufend und mit h├Ąmmerndem Herzen innehalten. Nach kurzer Pause stieg Hornapfel, immer noch laut keuchend, weiter in den dritten Stock hinauf. ÔÇ×812ÔÇť meldete der Schrittz├Ąhler auf seiner T├╝rschwelle. Er rechnete kurz nach und war beeindruckt, von der Pr├Ązision seiner Schritte. Hin und zur├╝ck exakt die gleiche Anzahl. Nur, es waren eindeutig zu wenige.
Als Hornapfel sich an diesem Abend im Bett hin und her w├Ąlzte und keine Ruhe fand, kreisten seine Gedanken unentwegt um die Sache mit den Schritten und der Gesundheit. Es war kurz nach Mitternacht als er entschied die Sache in Angriff zu nehmen: 10.000 Schritte sollten machbar sein.

Schlie├člich war es einfacher als gedacht: Auf dem Weg zu seiner Arbeit stieg er eine Haltestelle sp├Ąter in den Bus ein und eine fr├╝her aus, womit er auf einen Schlag auf fast 5000 Schritte kam. Plus die 600 in seiner Wohnung, fehlten noch 4400. Im B├╝ro nahm er nun jede Gelegenheit wahr, um kleinere G├Ąnge zu ├╝bernehmen oder einfach nur auf und ab zu schreiten, wodurch bei seinem m├╝rrischen B├╝rogenossen Schulz, mit dem er jeden Tag das B├╝ro teilte und nur wenige Worte wechselte, ein griesgr├Ąmisches Zucken um die Mundwinkel entstand. Den Gang zur Kantine begann Hornapfel zu meiden. Stattdessen kaute er bei einem mitt├Ąglichen Alleingang ums Weinholdsche B├╝rogeb├Ąude an einem selbst geschmierten Butterbrot. Das trug ihm ein Plus von immerhin 1556 Schritten und ein Sympathieminus bei seinen Kollegen ein. Die Schritte noch fehlenden Schritte erlief er nach getaner Arbeit auf ausgedehnten Abendspazierg├Ąngen.
Noch nicht Mal eine Woche sp├Ąter hatte Hornapfel sein angestrebtes Pensum, 10.000 Schritte t├Ąglich, geschafft und Feuer gefangen.
Tats├Ąchlich, er f├╝hlte sich besser. Das unangenehme Schnaufen und das besorgniserregende, dr├╝ckende Gef├╝hl im Herz-Brust Bereich wurde allm├Ąhlich schw├Ącher.
Hornapfel war entschlossen mehr herauszuholen.

Mittlerweile, fast zwei Monate waren seit besagtem Sp├Ątsommerabend verstrichen, stand Hornapfel jeden Morgen um f├╝nf Uhr auf. Bevor er losmarschierte befestigte er stets den Schrittz├Ąhler gewissenhaft am G├╝rtel seiner Anzughose. Drau├čen war es meist noch dunkel. Er verzichtete inzwischen ganz auf den Bus, was ihm einen Gewinn von mehr als 7000 Schritten einbrachte. 3000 brauchte er noch um die 20.000 vollzukriegen. Das Laub wehte durch die Stra├čen und die Tage wurden k├╝rzer.
Hornapfel legte seine Wege stets strammen Schrittes zur├╝ck. F├╝r Schlendereien oder Flaneurall├╝ren hatte er weder Sinn noch Zeit. Schlie├člich musste er p├╝nktlich sein, die Buchhaltung bei Weinhold war eine nicht zu untersch├Ątzende Angelegenheit.
Doch trotz zielstrebigen Schritten und buchhalterischem Pflichtbewusstsein lie├č Hornapfel sich, getrieben von einem ausufernden Schritt-Ehrgeiz, mehr und mehr zu Umwegen verleiten. Irgendwann begann er zu sp├Ąt zur Arbeit zu kommen.
Die ersten Male k├╝mmerte das niemanden, doch nach einiger Zeit zog Scholz, der m├╝rrische Kollege, seine buschigen Augenbrauen immer bedrohlicher zusammen.
Eine Woche sp├Ąter wurde Hornapfel in das B├╝ro seines Vorgesetzten zitiert.
Der Vorgesetzte, ein f├╝lliger, gro├čer Mann, thronte hinter einem blanken Schreibtisch. W├Ąhrend er Hornapfel aufforderte sich zu setzten, kullerte ein schwarzer F├╝ller zwischen seinen dicken H├Ąnden hin und her. Er r├Ąusperte sich und begann:
├ä├ĄhhÔÇŽ man sch├Ątze ihn, Hornapfel, als langen, ├Ąu├čerst zuverl├Ąssigen Mitarbeiter. Aber leider sei er, ├Ą├Ąh seit einiger Zeit durch mehrmalige Unp├╝nktlichkeit aufgefallen, wobei es sich, ├Ą├Ąh, wohlgemerkt nicht nur um wenige Minuten, sondern manchmal auch um mehr als eine Stunde gehandelt habe. ├ä├Ąh dies sei, auch von daher inakzeptabel, da Hornapfel weiterhin p├╝nktlich um 16.00 Uhr das B├╝ro verlasse.
Hornapfel fixierte die Tischkante. Es strengte ihn an, den Worten seines Gegen├╝bers zu folgen. Er hatte nie zuvor bemerkt wie zerhackt und unbeholfen sein Vorgesetzter sprach. Auf dem aufgedunsenen Gesicht glitzerten winzige Schwei├čperlen. In Hornapfel regte sich ein Anflug von Mitleid.
Des Weiteren, ├Ą├Ąh, habe Kollege Scholz sich ├╝ber zunehmende Unruhe, das hei├čt ein st├Ąndiges Auf- und Abgehen Hornapfels im B├╝ro beklagt. Sollte er Probleme, ├Ą├Ąh, irgendwelcher Art haben, lie├če sich dar├╝ber reden, ├Ą├Ąh, und sicher eine L├Âsung finden.
Wie viele Schritte, dachte Hornapfel, wie viele Schritte mag dieser fette Mensch pro Tag zur├╝cklegen? Gewiss z├Ąhlte auch er zu den Risikomenschen. Der Vorgesetzte klammerte seine kurzen, wurstigen Finger ineinander und lie├č sie auf und ab wippen. Hornapfel h├Ątte gerne etwas zu seiner Verteidigung gesagt. Ihm fiel nichts ein. Sein Mund war trocken und verklebt. Da erhob sich der Vorgesetzte unerwartet, wischte mit einem verkn├╝llten Stofftaschentuch ├╝ber sein rotes Gesicht und reichte Hornapfel vers├Âhnlich die Hand. Sie war feucht, schlaff und kalt.

Nach diesem Stelldichein kehrte Hornapfel nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zur├╝ck. Er hatte das Gef├╝hl zu viele Jahre auf dem Drehstuhl ├╝ber Zahlenkolonnen und B├╝chern gesessen zu haben. In dem langen, stickigen Flur f├╝hlte er sich auf einmal seltsam und fremd. Suchend fingerte er an seinem G├╝rtel, der Z├Ąhler sa├č korrekt. Als er das Geb├Ąude durch die gl├Ąserne Dreht├╝r verlie├č, schlug ihm die bei├čende K├Ąlte des Winters entgegen. Ein Martinshorn n├Ąherte sich. Es roch nach Schnee. Hornapfel dachte nur an eines: 30.000 Schritte am Tag, das w├╝rde sein n├Ąchstes Ziel sein. Sp├Ąter vielleicht sogar 40.000 oder mehr. Hornapfel ahnte, dass sich das mit der Buchhaltung nur schwer vereinbaren lassen w├╝rde.
Die Krankenwagensirene verstummte. Hornapfel schaute noch einmal zur├╝ck. Vor dem Haupteingang rotierten die Blaulichter. Er atmete tief durch. Seine Schritte wurden schneller.

Am n├Ąchsten Morgen, als Hornapfel sein Tagesprogramm mit einem Spaziergang begann, sprangen ihm in den K├Ąsten der Boulevardpresse fette Schlagzeilen ins Auge:
ÔÇ×Tod am Schreibtisch. Abteilungsleiter der Weinholdwerke im B├╝ro zusammengebrochen.ÔÇť
Hornapfel zuckte zusammen und seine Beine legten einen Gang zu.


Version vom 12. 09. 2014 14:31

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