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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Hotel Nirgendwo - Ein überzeugendes literarisches Debüt
Eingestellt am 20. 02. 2012 11:47


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Ivana Bodrozic, Hotel Nirgendwo, Zsolnay 2012, ISBN 978-3-552-05561-2

Angelina Jolie ist gerade in Berlin für ihren mutigen Film über den Balkankrieg 1991 ff. ausgezeichnet worden. Nicht nur diese Auszeichnung für ein ganz besonderes Regiedebüt, sondern auch viele in der letzten Zeit erschienene Bücher zeigen, dass die Zeit für eine Auseinandersetzung mit einem europäischen Bürgerkrieg reif geworden ist, der damals von zwei Jahrzehnten die Vorstellungen sprengte darüber, was nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa an Gräueltaten noch möglich war. Da gingen plötzlich, so als hätte sich ein uralter, längst überwundener Graben zwischen den einzelnen Ethnien im ehemaligen Jugoslawien wieder aufgetan, sogar Mitglieder ein und derselben Familie aufeinander los, begingen ehemalige Freunde, die im gleichen Dorf wohnten, früher gemeinsam in die Schule gingen und spielten oder gemeinsam Sport trieben, aneinander und an ihren Familie die entsetzlichsten Taten, die man sich vorstellen kann und die man im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts für unmöglich hielt.

Das vorliegende Romandebüt der 1982 in Vukovar geborenen und nun in Zagreb lebenden Ivana Bodrozic ist ein literarischer Versuch, sich an der persönlichen Aufarbeitung diese Zeit zu beteiligen. Vermutlich mit vielen autobiographischen Bezügen, lässt sie ihre zu Beginn des Romans neunjährige Ich-Erzählerin ihre erschütternde Geschichte erzählen.

Sie beginnt im Sommer 1991, als das mit ihrer Familie in Vukovar, einer Stadt in Ost-Kroatien an der Grenze zu Serbien liegende Stadt mit etwa 30.000 Einwohnern lebende Mädchen überraschend ans Meer geschickt wird. Die Serben begannen wenig später die Stadt zu belagern. Zwischen 1991 und 1995 war Vukovar das am stärksten umkämpfte Gebiet. Bei der serbischen Belagerung und der Schlacht um Vukovar wurde Vukovar weitgehend zerstört. Zum historischen Hintergrund:

Nachdem sich am 19. Mai 1991 in einem Referendum über die Unabhängigkeit Kroatiens 93,2 % der Wahlbeteiligten für die Souveränität ausgesprochen hatten, erklärte Kroatien im Juni 1991 unter Franjo Tuđman seine Unabhängigkeit. Die erste Anerkennung erfolgte am 26. Juni 1991 durch das sich ebenfalls gerade für unabhängig erklärte Slowenien. Die de facto von Serbien dominierte Jugoslawische Volksarmee versuchte die Unabhängigkeitsbestrebungen militärisch niederzuwerfen. Der militärische Versuch, kroatische Gebiete sowohl mit großem als auch geringem Anteil an serbischer Bevölkerung von Kroatien abzuspalten und mittelfristig an Serbien anzugliedern, mündete in den fast vier Jahre andauernden Kroatienkrieg, der erst nach militärischen Erfolgen der Kroaten 1995 in der Militäroperation „Sturm“ mit dem Abkommen von Erdut vom 12. November 1995 endete.(aus wikipedia)

Der Vater des Mädchens weigert sich, zusammen mit seiner Familie die Stadt zu verlassen. Er will um seine Heimat kämpfen und gilt später als verschollen. Während sich nach über sieben Jahren in einer Notunterkunft die Hoffnung auf eine neue eigene Wohnung für das Mädchen mit seiner Mutter und ihrem Bruder erfüllt, bleibt die Hoffnung, den Vater irgendwann einmal wieder zu sehen, unerfüllt bis zum Ende.

Ohne Schwere und durch die frühe Flucht nicht wirklich traumatisiert von den schrecklichen Gräueltaten der Tschetniks, erzählt das Mädchen von seinem langsamen und schwierigen Erwachsenwerden nach dieser Flucht. In einer zu einem Flüchtlingslager umgewandelten ehemaligen Kaderschule kommen sie in einem Zimmer unter, eine Unterkunft, die sie bald nun noch das Hotel nennen, und die dem Buch seinen Namen gab.
Denn im „Hotel Nirgendwo“ in Karlovac ziehen sich die Jahre dahin. Das Mädchen und auch der Bruder gehen zur Schule, erzielen gute Leistungen.

Als sie nach etlichen Jahren im Unterschied zu anderen Familien, die wohl bessere Beziehungen hatten, immer noch keine eigenen Wohnung zugeteilt bekommen haben, schreibt der Bruder des Mädchens eindrucksvolle und bewegende Briefe an die zuständigen Minister und einmal auch an den Staatspräsidenten.

Die Protagonistin erzählt über die Jahre zwischen 1991 und 1997, den Jahren ihrer Jugend. Es geht um Freundschaften, um die schwierige Zeit der Pubertät, um die ersten Diskobesuche und Erfahrungen mit Jungen und auch mit Alkohol. Und immer wieder, all die Jahre ohne nachlassende Intensität, hofft sie nicht nur auf eine eigene Wohnung für die Familie, sondern auch darauf, dass ihr Vater am Leben ist und sie ihn wiedersehen kann.

Ivana Bodrozic schreibt mit leichter Feder und einem ungebrochenen Optimismus von der Zuversicht eines Mädchens in seine Zukunft. Es ist Coming-of-Age Roman auf dem Hintergrund von Krieg und Flucht, die aus den Augen des Mädchens in einem anderen Licht erscheinen.

Der Roman hat mich bis zu seinem Ende nicht losgelassen und mich neu mit einem Thema konfrontiert, das wir damals 1991 ff. in Deutschland meist nur unter dem Fokus bundesdeutschen Militärengagements diskutiert haben. Dieser Roman trägt in hervorragender Weise dazu bei, dieser Epoche ein anderes, menschliches Gesicht zu geben. Er rückt die einzelnen Menschen in den Vordergrund, ihren Kampf ums Überleben und ihre Identität.

Ich bin sicher, von dieser Schriftstellerin werden wir noch weitere wertvolle Bücher sehen.

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